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Der Künstler Jürgen Krause arbeitet täglich parallel an fünf Werkgruppen. Er legt Prozesse hinter Zeichnung, Malerei und Bildhauerei frei. Dabei vertraut er auf einen klaren Rhythmus. Eugen El hatte die seltene Gelegenheit, Krause in seinem Frankfurter Atelier zu besuchen.

Kunst

Rhythmus und Struktur

Ein Atelierbesuch bei Jürgen Krause

Von Eugen El

Früher wurden hier Schleifmaschinen hergestellt. Wir befinden uns auf dem Gelände der ehemaligen Diskuswerke im Frankfurter Stadtteil Fechenheim, in einem aufgeräumten, ruhigen, angenehm großzügigen Atelier. Hier arbeitet der 1971 in Tettnang geborene Künstler Jürgen Krause. Hier wohnt er auch, um den Übergang zum Schaffensprozess möglichst fließend zu gestalten und um Ablenkungen zu vermeiden. Krause, der von 1994 bis 2000 an der Kunstakademie in Mainz und von 2000 bis 2001 bei Thomas Bayrle an der Frankfurter Städelschule studiert hat, bearbeitet parallel fünf Werkgruppen. Die dafür notwendigen, täglichen Abläufe gleichen sich, berichtet der Künstler bei einer Tasse Tee.

Auf einem Tisch sehen wir ein stärkeres Blatt weißes Papier, mit Nassklebeband auf einem Holzbrett aufgespannt. Krause grundiert es mit einer Mischung aus Leim und weißem Pigment. Er schneidet es aus und grundiert die andere Seite. Immer und immer wieder grundiert Krause das Blatt, pro Tag schafft er wegen der Trocknungszeit etwa fünf bis sechs Schichten. Nach etwa sechs Monaten und mehreren hundert Schichten entsteht ein skulpturales Objekt. Es kann bis zu zwanzig Kilo wiegen. An den Rändern des weißen, poliert wirkenden Objekts bilden sich Ablagerungen und Unregelmäßigkeiten. Krause geht es hier darum, den an sich zweitrangigen Vorgang des Grundierens in den Vordergrund zu rücken. Was wir oft unter Malerei verstehen, Bildaufbau und Erzählung und Farbe, findet hier nicht statt.

Während das grundierte Blatt trocknet, stellt sich Krause an ein Pult. Mit einem scharfen Messer spitzt er einen Bleistift, so dass die Mine lang wird. Auf einem weißen, DIN A4 großen Blatt Papier zieht er dann langsam, freihand eine Linie nach der anderen, längs und quer, in regelmäßigen Abständen. Nach jeder Linie wird der Bleistift neu gespitzt. Auf dem Blatt entsteht so ein Karomuster. Das erste Karoblatt zeichnete Krause noch zu Studienzeiten in Mainz. Lange hat er gebraucht, um an dieser Werkgruppe im Stehen arbeiten zu können. So ließen sich die Linien besser durchziehen, erklärt Krause. Seit 2010 entsteht fast täglich ein Blatt.

Jürgen Krause Bleistifte 1981-2016. Grafit, Zedernholz, je 17,5 × 0,7 × 0,7 cm. Courtesy of the artist and Bischoff Projects. Foto: Wolfgang Günzel

Um den Bleistift dreht sich eine weitere Werkgruppe. Krause spitzt dafür Bleistifte so zu, dass nur die Mine und lediglich ein kurzes Stück Holz übrigbleiben. Es gehe ihm dabei um das Potenzial des Zeichengeräts, erzählt der Künstler. Die freigespitzten Bleistiftminen präsentiert Krause in einer speziell für jeweils sechsunddreißig Stifte hergestellten Box. Nicht nur hier muss sich Krause auf möglichst scharfe Messer verlassen. Ein in Frankfurt ansässiger, japanischer Messerschärfmeister hat Krause sein Handwerk vermittelt. Bei dessen seit mehreren Jahrhunderten praktizierten Methode spielen Atmung und Geisteshaltung eine wichtige Rolle. Überhaupt sei Messerschärfen in Japan gleichzeitig funktionaler Vorgang und Philosophie.

Für Krause hat sich daraus im Laufe der Zeit eine eigene Werkgruppe entwickelt. Der Vorgang des Schärfens steht hier im Vordergrund. Krause wählt ein Werkzeug aus, schärft es auf einem Schleifstein, um dann wieder die Schärfe rauszunehmen. Er bearbeitet es so lange, bis die Klinge fast komplett abgeschliffen ist. Einen Beitel habe er vier Jahre lang auf diese Weise behandelt. Dann zeigt Krause ein Messer, an dem er seit 2011 arbeitet. An einem weiterem Tisch schneidet Krause in regelmäßigen, kurzen Abständen gleich große, runde Löcher in ein etwa 32 × 24 cm großes Blatt Papier. Auch hier spielt Regelmäßigkeit eine Rolle. So entstehen zwanzig bis dreißig Blätter im Jahr.

Mit den fünf Werkgruppen, die sich allmählich herausgebildet haben und den Tagesablauf regeln, bearbeitet Jürgen Krause grundlegende künstlerische Parameter: Kreis, Linie, Fläche und Raum. Gewissermaßen destilliert er das Wesentliche aus den jeweiligen künstlerischen Medien. Die Prozesse hinter Zeichnung, Malerei und Bildhauerei werden sichtbar. Vor allem aber legt Krause Zeitabläufe frei. Seine künstlerische Arbeit ist von einem klaren, für jede Werkgruppe eigenständigen Rhythmus geprägt. Sie erfordert einen hohen Grad an Konzentration.

Mit der entwickelten Struktur ist Krause erst einmal zufrieden. Für ihn sei die Arbeit bereichernd. Gleichwohl bringe jeder Tag neue Herausforderungen mit sich, erzählt der Künstler. Bei aller Aufgeräumtheit und Strukturiertheit: als einen Eremiten sollte man sich Jürgen Krause nicht vorstellen. Er wolle sich zwar nicht ablenken lassen, aber auch nicht abschotten. Balance sei hier wichtig. Schon klopft ein Nachbar an die Tür, ein junger Bildhauer. Unser Gespräch wird unterbrochen und erst jetzt wird klar, zu welch einem dichten Erlebnis der Atelierbesuch bei Jürgen Krause geworden ist.

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erstellt am 14.9.2014

Jürgen Krause Grundierung, 2013. Kreidegrund auf Papier, 55,5 × 43 × 3,5 cm. Courtesy of the artist and Bischoff Projects. Foto: Wolfgang Günzel

Jürgen Krause Handzeichnung, 24.08.2013. Bleistift auf Papier, 29,7 × 21 cm. Courtesy of the artist and Bischoff Projects. Foto: Wolfgang Günzel

Zur Person

Jürgen Krause

Geboren 1971 in Tettnang, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Einzelausstellungen (Auswahl)
2013   Jürgen Krause, Museum Wiesbaden
2012   Grundierungen, Bischoff Projects, Frankfurt
2010   Blattschneidearbeit 2009-2010, Bischoff Projects, Frankfurt
2005   Arbeiten, Kunstverein Nürnberg

Gruppenausstellungen (Auswahl):
2011   Arbeiten aus dem Bleistiftgebiet, Van Horn, Düsseldorf
2010   Florian Jenett & Jürgen Krause: Wo es beginnt da hört es auch auf, 1822-Forum, Frankfurt
2008   Alle Zeit der Welt, Kunsthalle Mainz

juergenkrause.info

Jürgen Krause Stechbeitel, 2008-2010. Stahlklinge, Griff aus Weißbuchenholz. Gesamtlänge 18,2 cm (ursprünglich 27 cm). Courtesy of the artist and Bischoff Projects. Foto: Wolfgang Günzel

Jürgen Krause Blattschneidearbeit, Jahreszyklus 2012/13. 26 Papiere, je 31 × 23,5 cm. Courtesy of the artist and Bischoff Projects. Foto: Wolfgang Günzel