Ob der französische Philosoph Jean-Luc Nancy das tagespolitische Geschehen oder Themen anderer großer Philosophen aufgreift, er lässt stets an seinem Denken, das mehr ein Spurensuchen ist, teilhaben. Wie im folgenden Auszug aus dem „Philosophie der Mit-ologie. Über die Mythologie einer Silbe“ betitelten Gespräch, das am 30. Mai 2013 drei Redakteure der Zeitschrift Otium mit ihm führten. Darin erweist er sich einmal mehr als ein Denker, der sich verstärkt auch im Politischen lokalisiert.

gespräch

Philosophie der Mit-ologie. Über die Mythologie einer Silbe

OTIUM-Gespräch mit Jean-Luc Nancy

Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel
Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel

OTIUM: Wir befinden uns gerade in einem Gespräch [entretien], wir sprechen miteinander. Wo sind die Grenzen in diesem entre-?

Jean-Luc Nancy: Aber es gibt keine Grenzen darin … [Nachdenklich.] Es gibt zwei Arten von Grenze in einem Gespräch. Sie kennen ja den berühmten Vers: „Seit ein Gespräch wir [Nancy emphatisch.] sind.“

Hölderlin.

Was hier wirklich sehr bedeutend ist, ist das Zeitwort „sein“: „wir sind“. Es gibt in einem Gespräch zwei Grenzen, Grenzen, die genaugenommen die Grenzen der Sprache [parole] sind: Eine Grenze der Sprache ist das Schweigen. Das ist der Fall, wenn man nicht mehr sprechen kann, was mehrere Gründe haben kann: wenn wir überhaupt nicht einverstanden sind, wenn eine unüberwindliche Meinungsverschiedenheit zwischen uns herrscht oder im Gegenteil, wenn wir einverstanden sind und uns in die Arme nehmen.

Weil wir durch Schweigen kommunizieren können.

Absolut! Die andere Grenze des Gesprächs ist die Grenze der Sprache als Sprache. Die Rede ist hier nicht von der Grenze im Schweigen, sondern von der Grenze in der Sprache selbst. Gemäß dem Titel einer Essaysammlung von Blanchot ist das Gespräch ein unendliches Gespräch, und alles Gespräch ist unendlich. Dass das Gespräch unendlich ist, meint mindestens zwei Dinge: Einerseits erreicht die Sprache [langage] niemals etwas, sondern erschließt immer nur unendlich viele Möglichkeiten der Sprache und des Schweigens. Andererseits wird jemandes Sprache nie gänzlich dem Anderen übermittelt, ohne nicht schon dabei interpretiert worden zu sein. Aber mit „interpretieren“ ist schon zu viel gesagt: ohne nicht schon dabei in einer gewissen Weise gehört/ verstanden [entendu] worden zu sein.

Etwas gehört zu haben, etwas angehört oder sogar erhört zu haben, was beinahe sakral ist…

Ich sage ja, ich sage nur: Sogar unter der Interpretation … Man weiß nie, ich weiß nie und Sie wissen nicht… wie Sie das verstehen, was ich sage. Aber Sie selbst wissen es nicht, weil die Sprache [langage] Sie nicht quert, weil ich auf Französisch mit Ihnen rede. Sogar für einen Franzosen haben die Wörter nicht denselben Sinn, und das liegt nicht nur an den Worten. Die Stimme, der Ton, die Weise, in der ich spreche: Dies alles trägt dazu bei. Meine Charakteristik hat an dem teil, was die Linguisten als Pragmatik der Sprache [langage] bezeichnen. Darunter fällt alles, was nicht Sprache ist, sondern Geste, Akzent, Aussprache, alles, was zu diesen kleinen Phänomenen gehört. Grade eben hat meine Frau etwas im Fernsehen gesehen: Wieder so ein Finanzskandal, so eine Justizgeschichte, und es gab jemanden, ich glaube, einen Anwalt, der erstaunlicherweise fast jedes Wort dreimal wiederholte. Für einen Anwalt ist es bizarr: „Wie gesagt … Wie gesagt … Wie gesagt …“ [Nancy spricht absichtlich unverständlich und lacht anschließend.] Es war etwas anderes als Stottern, es war keineswegs Stottern, sondern eine seltsame Art und Weise, zu sprechen, zumal wir hier von jemandem reden, der sich mit einem Finanzskandal beschäftigt und also ein ziemlich wichtiger Anwalt sein muss. Anschließend sagte ich mir: Das ist aber merkwürdig, denn dieser Mensch mit dieser wirklich ein wenig bizarren Sprachpartikularität muss auch zu Richtern, Angeklagten, Zeugen sprechen … Es entsteht dabei offensichtlich ein gewisser Effekt: Das heißt, das Gespräch bringt immer die Alterität des Anderen ins Spiel. Wir können uns überhaupt nicht dessen bemächtigen, wir können es nicht zusammenfügen, wir können nur sagen, dass das Gespräch unendlich ist, und genau das ist, was erstaunt: dass Heidegger nämlich es nie analysiert hat.

Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel
Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel

Meine Frage greift die Frage nach dem Mit wieder auf: Es ist ein starker Vorwurf, zu behaupten, Heidegger habe das Mit nicht weiter oder bis zum Schluss gedacht. Vielleicht kennen Sie den Austausch zwischen Martin Buber und Emmanuel Lévinas dazu … Wie Sie Heideggers Begriff des Mit kritisch aufnehmen, wenn ich das so sagen darf, so kritisiert auch Martin Buber Heideggers Begriff der Fürsorge. Das tut er, weil sie sich der Gegenseitigkeit sperre: Zwar helfe ich Bedürftigen, aber ich möchte nicht, dass ich von ihnen beeinflusst werde. Dennoch würde ich sagen, dass die Fürsorge ein Modus desjenigen Mit ist, das Sie bis zum Schluss zu denken bestrebt sind; dass das Mit in der Fürsorge impliziert ist.

Sicher doch, aber die Fürsorge … Die Fürsorge hat ihre Spitze, sie hat ihre Wahrheit, nämlich dort, wo Heidegger sagt, man müsse den Anderen pflegen oder für ihn Sorge tragen, und zwar in der Weise, in der dem Anderen dessen eigene Entschlossenheit/ Existenzentscheidung [décision d’existence] wieder ermöglicht wird. Das heißt, man nimmt ihm damit nicht seine eigene Entscheidung ab, sondern man ermöglicht sie. Diese Sorge darf sich also nicht über einen psychologischen oder sozialen Beistand definieren, und ich glaube, dass Heideggers Ausführungen darüber eine Kritik der Fürsorge als eines sozialen Beistands darstellen. Darüber hinaus zeigt es, dass Heidegger offensichtlich der politischen Rechten zuzurechnen ist, aber schließlich nicht dem Nazismus, da der Nazismus ein Sozialismus war und im Nazismus viel Fürsorge getragen wurde … Zweitens finde ich die Feststellung richtig, dass das Mit, das in der Fürsorge impliziert ist, eine Adressierung des Anderen als solchen ermöglichen muss. Ich sage dem Anderen: „Du bist es, es liegt an dir es zu machen, du hast es zu machen.“ Es kommt dem ziemlich nahe, was heute ein Psychoanalytiker sagen würde oder was zumindest ein Lacanianer sagen würde. Ein amerikanischer Psychoanalytiker würde sagen: Das ist nicht in Ordnung. Sie täten gut daran, diese Frau zu verlassen oder homosexuell zu werden. Ein Lacanianer würde sagen … Im Prinzip würde er nichts sagen. [Nancy lacht.] Aber das Schweigen der Psychoanalyse, das Schweigen, das die Psychoanalyse zu hören sucht, ist eine Weise, in der der Andere auf sich selbst verwiesen werden kann, auf ein Selbst aber, das sich selbst aus den Augen verloren hat. Ich selber habe die Psychoanalyse nie praktiziert, aber ich glaube, dass ich mich auf dem Feld von Lacans Prototheorie gut auskenne. Die Psychoanalyse ist keine Komfortierung des Ich, zumindest nicht in Lacans älteren Schriften. So heißt für den Anderen Fürsorge tragen, mit ihm in derselben Weise umzugehen, als ob man selbst etwas machte, den Anderen so zu adressieren, dass ihm dadurch die Erkenntnis seiner Alterität ermöglicht wird.

Wenn ich jetzt anfange, mich tatsächlich einzumischen, dann werde ich weder mit Heidegger noch mit der Auseinandersetzung von Levinas und Buber sprechen können: Aber was ist diese Fürsorge, was ist dieses Sich-sorgen-um-jemanden? Will man da sich selbst sicherstellen als denjenigen, der helfen kann, will man im Anderen eine Art Zum-Dank-verpflichtet-sein erwecken? Denn das ist ja eine alltägliche Erfahrung.

Nein, ich glaube keinesfalls, dass diese Hypothesen nicht haltbar seien, im Gegenteil: Ich würde sagen, die Fürsorge bei Heidegger ist die Sorge, die … Wodurch zeichnet sich diese Sorge aus? Sich sorgen heißt, das Faktum des In-der-Welt-seins zu bejahen, das Faktum der Existenz, was Heidegger auch als „Entschlossenheit“ [décision d’existence] bezeichnet. Die Entschlossenheit ist ganz einfach die Entscheidung, im Sinn zu sein, in der Sinnbewegung, die das ist, was ich bin, und das läuft auf das Mit hinaus. Das Ich weiß überhaupt nichts, das Ich, das ist irgendetwas vielleicht, vielleicht ein Eigenschaftenkomplex im Sinne seiner Beschaffenheit, aber die Eigentümlichkeiten des Ich machen überhaupt nicht das Eigene, jemandes Eigenschaften oder die des Ich aus. Allein wenn das Ich „Ich“ sagt, ist es da, aber das sagt es nicht nur dann, wenn es spricht. Wenn ich bin, ist das Sein nichts. Nicht zufällig sagt Heidegger, das Sein sei nichts. Sein heißt handeln. So verhält es sich mit der Fürsorge wie mit dem Mit angesichts des einsamen Ich, insofern ich nicht allein bin. Dann ist die Fürsorge nichts anderes als die Liebe, die Freundschaft und das, was durch politisches wie künstlerisches Handeln geschieht. Gemeint ist das politische Handeln im Sinne der höchsten und edelsten Ziele der Politik: das Handeln in der Stadt, in der Gemeinschaft, im Volk etc. Heutzutage ist es sehr schwierig, auf ein von Machtpolitik [politique politicienne] losgelöstes politisches Handeln zu stoßen. Es ist wahr, dass es selten vorkommt. So ist in Frankreich der Kampf für die schwule Ehe [mariage gai] wie auch der Kampf gegen sie etwas … Offensichtlich bin auch ich dafür, obwohl ich denke, dass dies die Gesellschaft vor enorme Probleme stellen wird. Denn worum geht es in der schwulen Ehe oder allgemeiner: in der gleichgeschlechtlichen Ehe [mariage homosexuel]? Die Ehe interessiert mich überhaupt nicht. Ich denke sogar, dass die Ehe womöglich ein Fehler ist … Ich kenne auch Homosexuelle, die gegen die Ehe sind … Interessant ist, dass man es mit einem Sozialgefüge zu tun hat, das durch und durch im Wandel begriffen ist. Gestern konnte man im Fernsehen die erste offizielle, das heißt: legale Schließung einer schwulen Ehe in Frankreich verfolgen. Stattgefunden hat sie in Montpellier, und es war ein wirklich bemerkenswerter Anlass: Einerseits sehr rührend, andererseits ein wenig lächerlich, denn die Bürgermeisterin von Montpellier weigerte sich, den beiden Jungs, die geheiratet haben, die Artikel aus dem Code civil zu verlesen, Artikel, die in Frankreich im Rahmen einer jeden Eheschließung verlesen werden, wie zum Beispiel folgende Pflicht: „Die Ehegatten sind einander Treue, Hülfe und Beystand schuldig.“ [Nancy lacht.] In dem Moment sagte ich mir: Es ist ein wenig schrecklich, denn diese zwei Jungs wollten ja deshalb heiraten, um die im höchsten Maße juristische Rede zu hören, wie sie von dem französischen auf Napoleon zurückgehenden Code civil aufgewiesen wird, auf den Napoleon seine Narrheit [sot] aufgestempelt hat. Es gibt auch Homosexuelle, die gewiss nicht so etwas mitmachen würden, aber andererseits war es diesen Grundachsen entsprechend, wie es war: Napoleon und der gesamten Französischen Republik geht eine wirklich sehr erhebliche Verschiebung [déplacement], die Französische Revolution, voraus, die als solche Risiken birgt, die später vielleicht viele Probleme bereitet. Gut, auch ich schweife viel ab. [Allgemeine Erheiterung.] So kann man zu einer anderen Extremität übergehen: der Liebe. Denn wollen die Leute heiraten, dann prinzipiell aus Liebe. Aber die Liebe zwischen zweien wie auch die Liebe kindlichen Begehrens und die patrilineare [de la transmission du patrimoine] Liebe etc. … Was kann die Liebe sonst sein? Die Liebe wird durch das Begehren … Das Begehren des Anderen als Objekt, das zum Begehren des Anderen als Subjekt umschlagen kann … Wenn ich den Anderen als Subjekt begehre, begehre ich, dass der Andere in Wahrheit er selbst/ sie selbst ist. Nichts anderes will Heidegger durch den Begriff der Fürsorge ausdrücken.

Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel
Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel

Aber sagen sie dann, dass die Anerkennung des Begehrens des Anderen ein Zugang zu ihm ist?

Selbstverständlich ist das Begehren ein Zugang zum Anderen.

Und wieso ist derjenige, der das Begehren empfängt, nicht verletzt davon? Wieso ist das Empfangen des Begehrens eines Anderen keine Verletzung, die man sich selbst antut, wenn man sich dieser öffnet?

Ob das Empfinden/ das Empfangen des Begehrens des Anderen mich nicht verletzt? Nun, es kommt drauf an. Es gibt Begehren und Begehren: So gibt es sogar eine Liebe, die einzig und allein sexuell ist. Wenn Sie sich diese Frage stellen, habe ich den Eindruck, dass Sie Begehren und sexuelles Begehren gleichsetzen. Einverstanden! Allein, von welchem sexuellen Begehren sprechen wir dann? Wenn ich begehre, begehre ich eine Prostituierte? Das glaube ich nicht. Wohl kann ich Lust haben auf eine Prostituierte oder eine Prostituierte brauchen, aber das macht noch nicht das Begehren aus. Das sexuelle Begehren ist zwangsläufig nicht einfach das Begehren, den Anderen zu genießen [jouir de], sondern das Begehren, durch den Anderen zu genießen und vom Anderen genossen zu werden [le désir de jouir par l'autre et le désir que l'autre jouisse de moi]. Denn auch das gehört zum Geheimnis des Geschlechtsverkehrs [sexe]. Für gewöhnlich verbindet man mit Geschlechtsverkehr immer den Genuss an jemandem, aber man vergisst, dass man beim Geschlechtsverkehr genießt, dass der Andere meinen Genuss, an ihm oder an ihr, genießt und weil ich genossen werde/ weil er mich genießt. Also auch der Geschlechtsverkehr, auch er ist unendlich.

Es gibt eine schöne Unterscheidung im Deutschen, die mit dem spricht, was Sie soeben sagten, und zwar: Man kann sich etwas oder jemandem hergeben, man kann sich aber auch etwas oder jemandem hingeben. Die Hingabe unterscheidet sich radikal von der Hergabe. Sich hergeben: Da schmeißt man sich selbst vor jemandes Füße, der einen für das eigene Begehren missbrauchen, gebrauchen, nehmen, nutzen kann. Aber sich jemandem hingeben funktioniert eigentlich nur nach einem Gespräch, einer Begegnung, einer gewissen Zeit. Manche Menschen tun das mit dem Papst. Meine Oma würde zum Papst gehen und sich ihm hingeben. Ich glaube, das ist diese Unterscheidung: Sich hergeben funktioniert plötzlich [Jakub schnipst.], was nicht nur Missbrauch und Gebrauch impliziert, sondern auch Begehren. Aber sich hingeben bedarf eines Zeitraums, der miteinander überstanden, ausgehalten, bewältigt wird. Es bedarf einer gewissen Zeit, die durch zwei Personen passiert sein muss, dafür, dass Hingabe in der Liebe, im Begehren möglich ist: für ein Begehren, ohne zu verletzen oder verletzt zu werden.

[Nancy kennt den Unterschied nicht, steht auf und greift zum Wörterbuch.] Es ist nicht so einfach. Unter bestimmten Bedingungen kann sich jemand einem anderen hergeben. Das geschieht sehr oft in homosexuellen Beziehungen – vor allem unter Männern –, in denen eine Art Vertrag geschlossen wird: Ich treffe mich mit dir, man trifft sich, man genießt einander, und Schluss ist‘s. Nicht Liebe und Verbindlichkeit sind hier der Anlass der Beziehung, und auch eine Vertragsverletzung ist dabei ausgeschlossen, denn beide haben eindeutig in diese Situation eingewilligt. Ich schlage jetzt im Wörterbuch nach: Hingabe, dévouement. – Ja, einverstanden! Ich würde alles hingeben. Je donnerais, sacrifierais tout. Sein Leben für etwas hingeben. Hergeben … Hingeben verstehe ich sehr gut, hergeben kannte ich noch nicht.

Aber ich habe das noch nicht gedacht vorher. Vielleicht war das zu schnell gedacht, und ich habe dem Begriff zu viel unterstellt.

Ah, se rendre! Wenngleich das in erster Linie mit donner übersetzt wird und dasselbe bezeichnen kann wie hingeben. Aber danach: redonner, rendre, Sein Letztes hingeben. Donner le maximum. Und dann: sich zu etwas hingeben, se prêter, consentir. Einverstanden, einverstanden! Aber consentir meint … Ich sehe, was Sie meinen! Ein interessantes Wort! Der Geschlechtsverkehr [rapport sexuel] ist genaugenommen eine Frage von Einverständnis [consentement]. So besteht die Vergewaltigung grade in der Abwesenheit von Einverständnis. Zwischen Geschlechtspartnern kann es auch erst später zum Einverständnis kommen. Es gibt zwei Einverständnisformate: Man kann von einem masochistischen und von einem sadistischen Gesichtspunkt her einverstanden sein. Doch beim Sadismus bist auch du mit dem Masochismus des Anderen einverstanden, und zwar bis der Andere in diesem Einverständnis wiedererkannt wird oder nicht. Bei de Sade hat man es selbstverständlich mit Sadeschen Figuren zu tun, die als solche das Einverständnis des Anderen grade nicht erfragen, aber komödiantisch so tun, als hätten sie es. Sonst herrscht dort überhaupt kein Einverständnis, denn sie genießen … Ein Sadismus also, der ohne jegliche Berücksichtigung des Anderen vonstattengeht. Wie aber Bataille richtig bemerkt, besteht die letzte Wahrheit der Sadeschen Figur darin, selber zum Opfer zu werden: zum Opfer der eigenen … Es gibt bei de Sade eine Figur, die erwischt wird, wie sie sich bis zur Ejakulation aufhängt und stranguliert. Aber es bedarf eines Helfers, der in der Nähe ist, um nach der Ejakulation schnell den Strang durchzuschneiden und das Aufhängen aufzuhalten, denn ansonsten würde sie sterben. Im Grunde genommen ist das die Frage, denn daran zeigt es sich sehr gut, dass man den Anderen nicht gänzlich zum Objekt machen kann, ohne sich selbst zum Objekt zu machen. Nun, man hat alles zerstört. Letzten Endes kann man den Anderen zerstören, aber man zerstört dadurch auch sich selbst, und zwar deshalb, weil der Andere, der im Anderen unendlich entfernt ist, das Selbe ist wie der Andere, der in mir unendlich entfernt ist. Wir könnten also sagen, dass die Fürsorge das Verhältnis des Anderen zum Anderen ist. Nicht das Verhältnis des Einen zum Anderen, sondern das Verhältnis des Anderen, der weit hinter mir ist, zum Anderen, der weit hinter dir ist.

Aus: Bildungsnähe(n). Gespräche der Zeitschrift OTIUM. Mit freundlicher Genehmigung © Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2014

Das Gespräch mit Jean-Luc Nancy führten Corinna Hackel, Jakub Gawlik und Alexandru Bulucz

Aus dem Französischen von Alexandru Bulucz

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erstellt am 12.9.2014

Jean-Luc Nancy. Foto: Corinna Hackel

»Das Gespräch bringt immer die Alterität des Anderen ins Spiel. Wir können uns überhaupt nicht dessen bemächtigen, wir können es nicht zusammenfügen, wir können nur sagen, dass das Gespräch unendlich ist, und genau das ist, was erstaunt: dass Heidegger nämlich es nie analysiert hat.«

Bildungsnähe(n)
Gespräche der Zeitschrift OTIUM
Mit Adam Zagajewski, Valery Tscheplanowa, Janina Audick, Sascha Nathan, Thomas Pletzinger, Jean-Luc Nancy, Norbert Abels und Rolf Riehm
Hardcover in schwarzer Fadenheftung, 224 Seiten
ISBN 978-3-86638-178-0
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2014

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»Ein amerikanischer Psychoanalytiker würde sagen: Das ist nicht in Ordnung. Sie täten gut daran, diese Frau zu verlassen oder homosexuell zu werden. Ein Lacanianer würde sagen … Im Prinzip würde er nichts sagen. [Nancy lacht.]«

»Für den Anderen Fürsorge tragen heißt, mit ihm in derselben Weise umzugehen, als ob man selbst etwas machte, den Anderen so zu adressieren, dass ihm dadurch die Erkenntnis seiner Alterität ermöglicht wird.«

»Die Fürsorge ist nichts anderes als die Liebe, die Freundschaft und das, was durch politisches wie künstlerisches Handeln geschieht. Gemeint ist das politische Handeln im Sinne der höchsten und edelsten Ziele der Politik: das Handeln in der Stadt, in der Gemeinschaft, im Volk etc.«

»Wenn ich den Anderen als Subjekt begehre, begehre ich, dass der Andere in Wahrheit er selbst/ sie selbst ist. Nichts anderes will Heidegger durch den Begriff der Fürsorge ausdrücken.«

»Das sexuelle Begehren ist zwangsläufig nicht einfach das Begehren, den Anderen zu genießen, sondern das Begehren, durch den Anderen zu genießen und vom Anderen genossen zu werden.«

»Man kann den Anderen nicht gänzlich zum Objekt machen, ohne sich selbst zum Objekt zu machen.«

»Wir könnten also sagen, dass die Fürsorge das Verhältnis des Anderen zum Anderen ist. Nicht das Verhältnis des Einen zum Anderen, sondern das Verhältnis des Anderen, der weit hinter mir ist, zum Anderen, der weit hinter dir ist.«