Nic Pizzolatto, Drehbuchautor der aufsehenerregenden, kontrovers diskutierten TV-Serie „True Detective“, legte 2011 sein Romandebüt vor: „Galveston“. Nun ist es auf Deutsch erschienen und Kirsten Reimers hat es gelesen.

Buchkritik

»Manche Erfahrungen überlebt man nicht«

Nic Pizzolattos Roman „Galveston“

Von Kirsten Reimers

„Manche Erfahrungen überlebt man nicht; selbst wenn man es schafft, nicht dabei draufzugehen, stirbt etwas, und man hört auf, ein intaktes Wesen zu sein.“ Roy Cady hat schon vor langer Zeit aufgehört, ein intaktes Wesen zu sein. Er ist in New Orleans der Mann fürs Grobe für einen der örtlichen Gangsterbosse: Eintreiber, Schläger, Mörder. Am gleichen Tag, an dem er erfährt, dass er Lungenkrebs hat, gerät er abends bei einem Auftrag in eine Falle. Der todgeweihte Mann überlebt, indem er die auf ihn angesetzten Killer umbringt, und rettet zudem einer Augenzeugin, der jungen Prostituierten Rocky, das Leben.

Gemeinsam fliehen sie vor den Hintermännern nach Galveston, Texas. Unterwegs sammeln sie Tiffany, Rockys dreijährige Tochter, ein. Zunächst widerstrebend, dann mit wachsender Verbundenheit kümmert sich Cady um die beiden Mädchen und versucht, in einem letzten Coup Geld zu beschaffen, um ihnen den Start in ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch als es so scheint, als könnte sich alles zum Guten wenden, holt die Vergangenheit sie mit großer Brutalität ein.

Zerstörte Menschen in einer zerstörten Umwelt

„Galveston“ (der Autor über seinen Roman: hier) ist Nic Pizzolattos Romandebüt von 2011, geschrieben noch vor seinem Drehbuch zur aufsehenerregenden TV-Serie „True Detective“. Pizzolatto zeigt zerstörte Menschen in einer zerstörten Umwelt. Weder Cady noch Rocky hatten je die Chance auf ein gutes Leben. Opfer der Umstände, des Schicksals, Opfer der eigenen Entscheidungen, die sie gar nicht anders hätten fällen können. Eine allumfassende Unentrinnbarkeit prägt ihr Leben. In großer Erbarmungslosigkeit und großer Sensibilität schildert Pizzolatto innere wie äußere Verwüstungen mit ebenso schrecklichen wie faszinierenden Bildern. Da steckt eine Menge Schönheit in Schmerz und Untergang.

Abgesang auf ein überkommenes Männerbild

„Galveston“ zeigt ebenso das Scheitern eines romantisierten Männerbildes: des lonesome cowboy, des einsamen Wolfes, der außerhalb der bürgerlichen Normen ein Leben am Limit führt – schmerzhaft, isoliert, aber glorreich. Cadys Selbstinszenierung bröckelt, als er seine Exfreundin Loraine aufsucht, um Abschied zu nehmen und gefühlvolle Zeiten zu beschwören: „Wir hatten auch gute … ich glaube, wir hatten auch gute Zeiten.“ Sie hält ihm entgegen:

„Du erinnerst dich bloß an das, was du willst. Ich erinnere mich, wie du mit blutigen Klamotten nach Hause gekommen bist. Mich gebeten hast, eine Pistole zu verstecken. (…) Dann warst du wieder drei Wochen lang besoffen. Am Stück. (…) Du hast mich auch herumgeschubst. (…) Erinnerst du dich, wie wir gestritten haben? Du warst auf alles und jeden eifersüchtig, Roy. Nachtragend. Du hast anderen Leuten sogar ihr Glück geneidet.“

Da bleibt nichts Romantisches, nichts Glorreiches. Nur Lüge, Erbärmlichkeit. Scham. Offene Wunden. Ein Abgesang auf ein überkommenes Männerbild, das auf Selbstbetrug und Verdrängung basiert.

Beunruhigend, sentimental, schmerzhaft gut

Loraine ist eine der wenigen starken und eigenständigen Frauenfiguren in diesem Roman. Überhaupt eine der wenigen Figuren, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen konnten. Die zweite, der das gelingt, ist Tiffany, Rockys Tochter. Sie ist Lichtblick und Hoffnungsschimmer. Das ist fast schon etwas kitschig. Besonders, wenn Cady sich am Ende so etwas wie Erlösung dank ihrer erhofft. Trotz dieser und weiterer sentimentalen Anklänge – oder vielleicht auch gerade deshalb – ist „Galveston“ ein Roman von großer Wucht. Beunruhigend, beeindruckend, nicht schön, aber schmerzhaft gut.

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erstellt am 12.9.2014

Nic Pizzolatto
Nic Pizzolatto

Nic Pizzolatto
Galveston
Aus dem Amerikanischen von Gunter Blank
Gebunden mit Schutzumschlag, 253 Seiten
ISBN: 978-3-8493-0097-5
Metrolit Verlag, Berlin 2014

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