Indem er sich von den Glaubensartikeln und psychologischen Deutungen abwandte und die Philosophie wieder zu einer wissenschaftlichen Disziplin machte, wurde Edmund Husserl zu einem phänomenalen Phänomenologen. Otto A. Böhmer hat indessen einen besonderen Wahrheitsaspekt bei ihm entdeckt.

Holzwege

Vom Brennen und Stechen

Der Philosoph Edmund Husserl

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Edmund Husserl, der sich auf dem Weg zur Universität befand, hatte Zahnschmerzen, die ihm nicht nur gleichmäßig stechende Pein bereiteten, sondern ihn auch über Gebühr ärgerten, denn er, der Philosoph, hatte sich tags zuvor noch in die Praxis des stadtbekannten Zahnarztes Dr. Julius Hanfstaengl begeben, den man seiner Kompetenz wegen schätzte, aber mehr noch aufgrund der enormen Behändigkeit bewunderte, mit der er Rechnungen auszustellen und zu verschicken wusste. Hanfstaengl war dem Philosophen in grober Manier mit einem Bohrer zu Leibe gerückt und hatte ihm vorübergehende Linderung verschafft. Nun aber, am nächsten Tag, da er als pflichtbewusster Mensch wieder einmal im Dienst war und sein Seminar über „Intentionalität und Dingkonstitution“ zu halten gedachte, verspürte er die elenden Schmerzen wieder, die sich in heimtückischer Weise zur Rückkehr entschlossen hatten. Husserl hielt sich die Backe; wenn man auf andere vertraut, dachte er, ist man verloren.

In einem kleinen Kolonialwarengeschäft erstand der Philosoph ein Fläschchen mit Branntwein, das bequem in seine Jackentasche passte. „Wissen Sie, ich habe starke Zahnschmerzen“, sagte er zu dem Ladeninhaber, der ihn ansah wie einen verdienten Alkoholiker, dem es gelungen war, zur Respektsperson zu werden. Husserl verließ das Geschäft. Fast schämte er sich ein wenig; weit ist es mit mir gekommen, dachte er, aber noch fällt die Philosophie nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Er trat in einen Hauseingang und nahm dort einen Schluck aus der Flasche. Während er gurgelte und den mittelfeinen Branntwein rund um den kranken Zahn fließen ließ, überlegte er, ob er die durchaus wohltuende Flüssigkeit wieder ausspucken sollte; in Anbetracht der finanziellen Vorleistung, die er für das Fläschchen schon erbracht hatte, entschied er sich dafür, den Fusel, der zur Arznei geworden ist, hinunterzuschlucken. Eine wohlige Wärme breitete sich im Bauch des Philosophen aus. Er eilte zur Universität, wo er die Prozedur, kurz bevor er den Seminarraum betrat, noch einmal energisch wiederholte. Freundlich begrüßte er seine Studenten, von denen er mit einem Mal die allerbeste Meinung hatte. Vorn am Katheder stand Ludger Frielinghaus, sein eigentliches Sorgenkind, dem die Aufgabe oblag, das bei allen sehr gefürchtete Großreferat zu halten, mit dem Husserl seine Studenten zur genauen Beobachtung und Beschreibung der Gegenstandswelt anleiten wollte. Im letzten Semester war es darum gegangen, einen der kleinen Göttinger Hausberge, auf dem sich im Winter die Kinder zum Schlittenfahren einfanden, in umfassender und idealtypischer Deskription vorzuführen, die sich bei seinen Studenten zu einer zähen Unternehmung ausgewachsen hatte. In diesem Semester hieß das Thema „Eine Phänomenologie des Briefkastens“, was sich einfacher anhörte, als es war. Zumindest Ludger Frielinghaus, ein trinkfester, zur Behäbigkeit neigender Westfale, hatte mit diesem Thema seine Schwierigkeiten, und von Stunde zu Stunde hoffte er, dass der Philosoph ihn von seinen Referatspflichten entbinden würde. Husserl aber schien die Unbeholfenheit seines Studenten direkt Freude zu bereiten, und er sparte bei Frielinghaus’ Ausführungen in der Regel nicht mit dezent-boshafter Kritik. So war der junge Mann, sehr zum Vergnügen seiner Kommilitonen, schließlich auf die Idee verfallen, sich mit einigen Textstellen aus den Schriften des Meisters zu verproviantieren und diese, durch einfachen Austausch des Schlüsselbegriffs, für die Vergegenwärtigung des Briefkastens zu nutzen. Die Premiere für sein Vorhaben stand nunmehr bevor, und die Studenten warteten gespannt, dass Frielinghaus mit seinem Vortrag beginnen würde. Husserl, der ein wenig schläfrig dreinblickte, gab ihm ein Zeichen. „Fangen Sie an“, sagte er, „und unterziehen Sie sich endlich der schon vom Kollegen Hegel geforderten Anstrengung des Begriffs.“ Frielinghaus räusperte sich. „Jeder Briefkasten“, begann er dann, „jeder Briefkasten enthält zumeist einen Inhalt. Unter Inhalt verstehen wir hier nicht die in einem übergreifenden Ganzen enthaltenen Teile, die im Denken aus diesem Ganzen ausgesondert werden können…“ Der Student schielte zu seinem Lehrer hinüber. Husserl lächelte. „Ausgezeichnet“, sagte er. „Endlich sind Sie in der Diktion, die der unvoreingenommenen Wahrheit entspricht. Weiter so…“ Frielinghaus strahlte. „Der Inhalt also, so gefasst“, fuhr er fort, „wäre der Inbegriff des Unterscheidbaren, das im Erlebnis enthalten und wie in einem einschließenden Gefäße umfasst wäre. Von dem am Erlebnis Unterscheidbaren wird demnach nur ein Teil als Inhalt des Briefkastens bezeichnet. – Es gibt allerdings auch Erlebnisse, in denen nichts bemerkbar ist als ein psychischer Zustand. In den physischen Schmerzgefühlen hingegen kann das lokalisierte Brennen oder Stechen unterschieden werden von dem Gefühl…“ Bei diesem Stichwort zuckte Husserl zusammen. Er griff in seine Jackentasche und sprach sich, sehr zur Verwunderung seiner Studenten, aus dem Fläschchen neuen Mut und Linderung zu.

Das Ende des Referats erlebte der Philosoph dösend; danach sprach er Frielinghaus seine Anerkennung aus und entließ seine Studenten mit der Empfehlung, sich am wundersam geweckten Reflexionsvermögen ihres Kommilitonen alsbald ein Beispiel zu nehmen. Auf dem Nachhauseweg griff Husserl noch einige Male zum Fläschchen; als er es endlich geleert hatte, fühlte er sich wie ein zu Höherem berufener Schlafwandler. An seiner Wohnungstür angekommen, öffnete er den Briefkasten und fand dort ein an ihn gerichtetes Schreiben vor, das Herr Dr. Hanfstaengl in Windeseile auf den Weg gebracht hatte. „Sehr geehrter Herr Professor Husserl“, stand in dem Brief, „für meine Bemühungen erlaube ich mir zu liquidieren…“, und dem Philosophen sprang eine drohende Zahl ins Gesicht, die ihn seine Schmerzen so innig spüren ließ wie nie zuvor.

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erstellt am 08.9.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Edmund Husserl
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