Emil M. Cioran
Emil M. Cioran

In der zweiten Hälfte seines Beitrags geht Alexandru Bulucz der Frage nach, ob die Entschleunigung im Werk E. M. Ciorans als das Pendant der Beschleunigung und daher als dialektisch begriffen werden kann oder ob sie sich nicht vielmehr jeglicher Dialektik entzieht.

Essay

Cioran reloaded: Entschleunigung und Transparenz

Teil II: Ciorans Philosophie der Erschöpfung. Die erschöpfte Erschöpfung

Von Alexandru Bulucz

Cioran ist ein gottlos gewordener Mensch, einer der sich die Gottlosigkeit erarbeitet hat und dadurch für immer in Arbeitslosigkeit und Handlungsunfähigkeit abgestürzt ist: „Meine Kräfte? Ich habe sie verschwendet, ich habe sie samt und sonders darauf verschwendet, die Spuren Gottes in mir auszulöschen … Und jetzt werde ich für immer beschäftigungslos sein.“ (SB, S. 48) Dieses Für-immer-beschäftigungslos-Sein geht hier aus dem Bewusstsein des Todes hervor, das Cioran beinahe mit einer fatalen Krankheit – sei sie körperlich oder psychisch – gleichsetzt. Dieses Bewusstsein ist der Grund, weshalb man hier sich selbst als beschäftigungslos und arbeitsunfähig erklärt. Weiß man, dass man stirbt, kann man nicht umhin, nicht zu hoffen: „Hoffen heißt: die Zukunft dementieren.“ (SB, S. 51) Aber dem Bewusstsein des Todes, dessen pessimistische Seite offensichtlich ist, wird auch Optimismus abgewonnen: „Es widerstrebt uns, einen deprimierenden Gedanken bis ans Ende zu durchdenken, und sei er auch unangreifbar; wir wehren uns gegen ihn, sobald er uns unsere Eingeweide in Mitleidenschaft zieht, sobald er sich als Übelkeit, Wahrheit und Unheil im Physiologischen auswirkt. – Ich habe niemals eine Rede von Buddha oder eine Seite von Schopenhauer gelesen, ohne danach alles in Rosa zu sehen.“ (SB, S. 25) Ohne hier auf Schopenhauer eingehen zu können, stellt dieses Bekenntnis die religiöse Gelassenheit der Buddhisten angesichts des Todes heraus, deren Sicht auf das Leben dadurch zum Pendant des Todes wird. Natürlich ist Cioran kein Buddhist gewesen, aber angesichts des Todes war er durchaus gelassen, eine Gelassenheit, die in seinem Fall eine ‚nervöse‘ genannt zu werden verdiente, denn was heißt „im Unhaltbaren sichs bequem machen“ (SB, S. 89), „sich im Abgrund wohnlich ein[richten]“ (SB, S. 90)? Ciorans Syllogismen bezeugen, wie die traurige Gewissheit des Todes zum Verlust aller anderen vermeintlichen Gewissheiten im Leben führt. Sein Zweifeln schließt jeglichen methodischen Zweifel aus: „Im ganzen Aufbau des Denkens habe ich keine einzige Kategorie ausfindig machen können, auf die ich mein Haupt hätte legen können. Ganz im Gegenteil, welch ein Ruhekissen ist das Chaos!“ (SB, S. 18) Was ein Ausruf: welch ein Ruhekissen ist das Chaos! Dieses Ruhekissen schließt hier all das aus, was wir im Prinzip sind: sozialisierte Wesen, die nicht anders können, als gewisse vorgegebene Strukturen zu reproduzieren. Aber als eine beinahe utopische Forderung von etwas, was ursprünglicher ist als die menschliche Sozialisierung, ist dieses Ruhekissen ein Indiz für das Nicht-Funktionieren der Welt und ihrer Sozialsysteme. Als das Bequeme im Unbequemen, was das Chaos prinzipiell ist, strahlt das Ruhekissen einen gewissen Optimismus aus, der jedem (utopischen) Versuch inhärent ist.

Es ist dieses Kissen, auf dem Ciorans Denken beruht: „Parade-Stoizismus: ein passionierter Anhänger des ‚Nil admirari‘ sein, ein Hysteriker der Seelenruhe.“ (SB, S. 22) Demonstrativ ein Hysteriker der Seelenruhe und also das sein, was als Stoiker und Selbstsorger Michel Foucault vielleicht nie hat sein können. Auch hier erweist sich Cioran als Optimist, denn auf seine Analysen der Auflösung bestehender Systeme folgen nicht selten Lösungsvorschläge: „Wollt ihr die Zahl der Gleichgewichtsgestörten vermehren, die Geistesverwirrungen verschlimmern, in allen Ecken der Stadt Irrenhäuser bauen? Dann verbietet das Fluchen. / Gleich werdet ihr seine befreienden Kräfte verstehen, seine therapeutische Funktion, die Überlegenheit seiner Methode über die der Psychoanalyse, der orientalischen Leibesübungen oder der Kirche, und vor allem werdet ihr begreifen, daß die meisten von uns nur dank seinen Wunderwirkungen, dank seinem jeden Moment verfügbaren Beistand, weder Verbrechen noch Irre sind.“ (SB, S. 44) Dem Fluchen, dieser wunderwirkenden Spracheruption, freien Lauf lassen! Denn als Erleichterung und Mittel der Erschöpfung befreit es einen; es ermöglicht einen Neuanfang. Freilich ist dieser Aphorismus eine Überspitzung, die der Psychoanalyse nicht gerecht werden kann, aber er stellt den Unterschied zwischen ihr und dem Fluchen heraus. Stark raffend könnte man von der Psychanalyse sagen, dass sie das Malum, wogegen das Fluchen auf seine Weise angeht, isoliert, damit der Psychoanalytiker und sein Analysant über es sprechen können: Mittelbarkeit und Mitteilbarkeit des Malums werden so zum Problem der Psychoanalyse. Wohingegen das Fluchen sich erst gar nicht die Frage nach diesem Problem stellt, da es in erster Linie ein Affektausdruck ist, der unmittelbar das Malum adressiert. Somit wird im geschlossenen Raum der Psychoanalyse genau diese Unmittelbarkeit des Verhältnisses zwischen Fluchendem und Verfluchtem umgangen und vermieden. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Cioran die Psychoanalyse kritisiert, denn sie macht auch das Fluchen zu ihrem Thema, d. h. auch das Fluchen wird auf diese Weise interniert und institutionalisiert. Cioran zufolge ist das Fluchen ein Beistand; zweifelsohne ist auch die Psychoanalyse ein Beistand. Allein, man hat es hier mit verschiedenen Beistandsarten zu tun: In der Psychoanalyse wird dem Analysanten ein Spiegel entgegengehalten; der Psychoanalytiker ist gar nicht da und wenn er da ist, dann als Spiegel- und Reflexionsfläche, die den Analysanten auf sich selbst als auf ein defektes Selbst verweist. Und weil dies alles im geschlossenen Raum der Psychoanalyse passiert, wird das, was er ausschließt, die ganze Welt, geschont. Insofern ist die Psychoanalyse die Schonung der Ursache des Malums, nicht aber die des Analysanten, dem der Psychoanalytiker nicht die Entscheidung abnimmt, sondern ihm die Selbsterkenntnis und eine gewisse Entscheidungsfreiheit (wieder) ermöglicht. Umgekehrt handelt es sich beim Fluchen nicht um die Schonung der Welt, da sie unmittelbar adresseiert und verflucht wird, aber auch nicht um eine Schonung des Fluchenden, da die Unmittelbarkeit des Fluchen[s] nicht mit dem Begriff der Schonung zu denken ist. Aber in einem Punkt treffen sich diese Beistandsarten: Sie beide intendieren ein Gleichgewicht und einen Augenblick der Ruhe in und durch die Sprache: „Die Natur hat die Individuen nur geschaffen, um dem Schmerz ein Ventil zu öffnen, ihm dazu zu verhelfen, sich auf ihre Kosten zu versprühen.“ (SB, S. 49) Das Druckablassventil ist der Mund; die Sprache ist der Ausdruck des Schmerzes, der sich als Speichel versprüht. Aber der Schmerz ist der Schmerz der Natur selbst. Wenn das Individuum leidet, leidet es für die Natur. Es selbst ist beinahe unwichtig.

„„Ich bin eine zerbrochene Puppe, mit Augen, die ins Innere gefallen sind.““ Dieses Wort eines Geisteskranken wiegt schwerer als die Gesamtheit aller Bücher über Introspektion.“ (SB, S. 30) Über den Begriff der Introspektion stößt der Psychoanalyse eine weitere Kritik zu. Allerdings kann man diesen Ausspruch des Geisteskranken auch als den Erfahrungsbericht eines Schlaflosen und unendlich Müden lesen: Augen, die ins Innere gefallen sind durch die von der Müdigkeit lilagefärbten Augenringe. Cioran selbst litt zeitlebens an Schlaflosigkeit. Dass die Syllogismen der Bitterkeit auch ein autobiographisches Zeugnis darstellen, ist unstrittig. Nur der Schlaflosigkeit können Sätze wie dieser entlockt werden: „Die Schlaflosigkeit ist die einzige Form von Heldentum, die mit dem Bett vereinbar ist.“ (SB, S. 85) Das Bequeme im Unbequemen oder das Unbequeme im Bequemen findet sich auch hier wieder: Die Schlaflosigkeit ist das Begehren des Schlafs im bequemen Bett; im Trockenen ist sie der Kampf um den Schlaf; sie ist das Ruhekissen des Schlafs. „Ich habe lange an die metaphysischen Wirkungskräfte der Müdigkeit geglaubt; allerdings taucht sie uns unter bis zu den Wurzeln der Zeit; aber was bringen wir von dort nach oben? Ein paar Gemeinplätze über die Ewigkeit.“ (SB, S.30) „Früher oder später muß jeder Wunsch seiner Ermüdung begegnen: das heißt seiner Wahrheit –.“ (SB, S, 32) In der Gegenüberstellung dieser zwei Aphorismen wird wieder die Unangemessenheit des Ausdrucks gegenüber dem Auszudrückenden manifest: Die sprachlichen Gemeinplätze vermögen nicht, der Begegnung mit der Ewigkeit und der Wahrheit bei den durch die Müdigkeit erreichten Wurzeln der Zeit zu entsprechen. Versucht man zudem die Schlaflosigkeit als das Begehren des Schlafs zusammenzudenken mit der Feststellung, dass rüher oder später [..] jeder Wunsch seiner Ermüdung begegnen [wird]: das heißt seiner Wahrheit, ergibt sich etwas Sonderbares: Was heißt, dass die Schlaflosigkeit als das Begehren des Schlafs ihrer Ermüdung begegnet? Heißt das, dass sie dann in Schlaf übergeht? Was passiert, wenn die Erschöpfung ermüdet und sie ihrer Wahrheit begegnet? Was ist die Wahrheit der erschöpften Erschöpfung? „Neugier für die Unheilbaren. An ihr Bett gefesselt und an das Absolute, wie müssen sie über alle Dinge Bescheid wissen!“ (SB, S. 35) „Wie überaus gern wäre ich eine Pflanze, selbst wenn ich bei einem Exkrement Wache halten müsste!“ (SB, S, 87) Vielleicht ist die erschöpfte Erschöpfung der an den funktionierenden Körper gebundene demente Geist, das Vor-sich-hinvegetieren oder der Wunsch nach etwas, was ursprünglicher ist als die Sprache und die Sozialisierung. Gewiss ist die erschöpfte Erschöpfung das Meistern des Eingeständnisses, dass die erreichten Bewusstseinsstufen nicht rückgängig zu machen sind. Aber dieses Meistern, auch das lässt einen gewissen Optimismus durchscheinen: dass nämlich die anhaltende Suche nach Archetypen (deren einer der Traum ist) nicht unbegründet ist: „Dank der Melancholie – Alpinismus der Trägen – erklettern wir von unserem Bett aus alle Gipfel und schweben träumend über allen Abgründen.“ (SB, S. 32).

Sich dem eigenen Widerstand widersetzen: „die Lage des Leichnams nachahmen“

„Das LEERE, die Prämisse der Nichtstuer, dieser geborenen Metaphysiker, ist die Gewißheit, welche die braven Leute und die Berufsphilosophen am Ende ihrer Laufbahn und gleichsam als Entschädigung für ihre Enttäuschungen entdecken.“ (SB, S. 33) „[D]enken kann man jeden Tag nur zwei oder drei Minuten lang; – wenn man sich nicht aus Neigung oder Beruf Stunden hindurch darin übt, die Worte zu brutalisieren, um Ideen aus ihnen herauszuholen.“ (SB, S. 52) Mit diesen Aphorismen rücken wieder die Berufsphilosophen in den Fokus, deren Beruf in einer (sprachlichen) Verzögerung und Verhinderung der Ankunft des Leeren besteht: Das LEERE, die Prämisse der Nichtstuer, macht deutlich, dass Ciorans Denken eines ist, das seinen Anfang vom Ende her nimmt. Im Richtigerwerden des Blickens auf den Tod und im angemessenen Verhältnis zu ihm, dem LEEREN, ist alles Sonstige nichtig und gleichgültig: „ohne Feind führst du einen erschöpfenden Kampf“ (SB, S. 83). Was bleibt einem übrig, als vor sich hinzuvegetieren: „Fragt mich nicht nach meinem Programm: Atmen, ist das keines?“ (SB, S. 48)

Die Gleichgültigkeit ist vielleicht das größte Problem in Ciorans Werk, denn man kann sie zwar radikal denken, aber verständlicherweise nur schwer durchhalten. Dieses Problems war sich Cioran im höchsten Maße bewusst: „Wenn man den höchsten Grad der Gleichgültigkeit erreicht hat, denkt man an einen guten Epilepsie-Anfall wie an das gelobte Land.“ (SB, S. 29) Dieser Aphorismus verdeutlicht, dass die Gleichgültigkeit eine Krise ist, denn ihr widersetzen sich die Leidenschaften des Menschen: „Wenn ich mich bei einem Anflug von Revolte ertappe, schlucke ich ein Schlafmittel oder konsultiere einen Psychiater. Alle Mittel sind recht für einen, der die Gleichgültigkeit erstrebt, ohne dafür veranlagt zu sein.“ (SB, S. 33) Die Gleichgültigkeit ist nur gegen Betäubung der Leidenschaften zu haben, denn der Mensch (und nicht nur Cioran) ist nicht dazu veranlagt, gleichgültig und apathisch zu sein. Diese Apathie, so muss man aber ergänzen, ist dem vollkommen vereinnahmenden und überwältigenden Verhältnis zum Tod – der Obsession des Todes – wesenseigen, weil dieses Verhältnis selbst zum vollkommenen Ausschluss der Umwelt, sozusagen zum Tunnelblick, (ver)führt. Und dennoch: „Stände es doch in unserer Macht, das Nichts der Apathie einzutauschen gegen die Dynamik der Gewissensbisse.“ (SB, S. 31) „Wenn die Anlässe zur Revolte erledigt sind und man nicht mehr weiß, wogegen man sich auflehnen soll, dann wird man von einem solchen Schwindelgefühl erfaßt, daß man sein Leben hingäbe für ein Vorurteil.“ (SB, S. 87)

„Die Schöpfung war der erste Sabotageakt.“ (SB, S. 60) „Jeder, der etwas unternimmt, frischt auf seine Weise die Erbsünde auf.“ (SB, S. 89) Cioran denkt, um den erste[n] Sabotageakt, um die Schöpfung zu erschöpfen. Alles, was Handlung wäre, würde sie wieder auffrischen. Alles, was sich ihr widersetzte, wäre von ihr bestimmt. „Nur aus unserer Hartnäckigkeit, die aufrechte Haltung zu bewahren, entsteht die Handlung; darum sollten wir, um gegen ihre unheilvollen Auswirkungen zu protestieren, die Lage des Leichnams nachahmen.“ (SB, S. 35) So tun, als sei man bereits tot. Ciorans Denken (des Als-ob) ist ein Denken als Protest gegen eigene Handlungstendenzen. Selbst noch der Selbstmord (des Denkens) ist davon betroffen. Er wäre immerhin eine Erlösung, wenngleich eine denkbar unbefriedigende. Doch auch dagegen richtet sich Cioran, und wieder tut er das durch eine seiner listigen Genitivbildungen: „Wer in fortgesetzter Verblendung verabsäumt hat, sich zu töten, der macht auf sich selbst den Eindruck eines Veteranen des Schmerzes, eines Ruheständlers des Selbstmords.“ (SB, S. 88)

Stillstand. Schluss

Einer der schmerzhaftesten Gedanken in Ciorans Aphorismenreihe lautet: „Wer auch immer, aus Zerstreutheit oder aus Inkompetenz, die Menschheit auch nur ein klein wenig in ihrem Vormarsch aufhält, ist ihr Wohltäter.“ (SB, S. 41) Um darüber sprechen zu können, sei noch einmal an einen bereits zitierten Aphorismus erinnert: „Es widerstrebt uns, einen deprimierenden Gedanken bis ans Ende zu durchdenken, und sei er auch unangreifbar; wir wehren uns gegen ihn, sobald er uns unsere Eingeweide in Mitleidenschaft zieht, sobald er sich als Übelkeit, Wahrheit und Unheil im Physiologischen auswirkt.“ (SB, S. 25) Wer die Welt stillstellt, ist ihr Wohltäter. Vor allem auf die großen politisch-geschichtlichen Ereignisse ließe sich diese Aussage applizieren. Das aber hieße, auch Adolf Hitler in Betracht zu ziehen. (1) Kann man das tun? Kann man wirklich sagen, dass er, sofern er die Menschheit nur ein klein wenig in ihrem Vormarsch aufzuhalten vermochte, ihr Wohltäter gewesen ist? Nein, das kann man eindeutig nicht sagen. Was der Aphorismus zum Ausdruck bringt – und da sind sich Benjamin und Cioran sehr nahe –, ist ein Modus des Verstehens von Geschichte an einem Geschichtsereignis, das als solches seine Geschichte, seine Ursachen, seine Nachvollziehbarkeit in sich verdichtet und kondensiert, um sie herauszustellen. (2) Gewiss stehen auch Ciorans Syllogismen im Dienste dieses Geschichtsverständnisses.

Die Entschleunigung bildet in Ciorans Denken eine Form der Welterschließung. Dort, wo dieses Denken die Lage des Leichnams nachahm[t] und artikuliert, agiert es am radikalsten, denn damit erreicht es einen Stillstand höchster Verbitterung, als ob man in eine Zitrone beißt, auf dass einem – schon beim Denken daran – sich alles zusammenziehe. Aber wo alles sich zusammenzieht (die Zunge, der Magen), da ereignet sich etwas, was eine Vorgeschichte hat (das Vorhaben, in die Zitrone zu beißen, und das tatsächliche Hineinbeißen) und sein Ende in sich trägt. Am Ende hat man es mit einer Entspannung der Spannung (der Zunge, des Magens) zu tun, mit einem Entzug.

Mit der Schöpfung, dem erste[n] Sabotageakt – so könnte man Ciorans Aphorismus umschreiben – wurde das Schicksal des Abendlandes, das in einem Nicht-nicht-handeln-können besteht, besiegelt. Als solches ist die Schöpfung strenggenommen das erste und wohl letzte Geschichtsereignis des Abendlandes überhaupt: der erste und letzte Stillstand, in dem die abendländische Geschichte verdichtet, vorweggenommen und gegenwärtig ist.

Im Blick auf Ciorans Denken lässt sich schließlich Folgendes sagen: Entweder ist die Entschleunigung eine Methode bzw. die Bedingung der Transparenz dessen, was Schöpfung als der erste Sabotageakt heißt. Dichter gesagt: Der methodologische Stillstand (die bis zum Ende ausgeführte methodologische Entschleunigung) ist die Bedingung der Transparenz des Stillstands (Schöpfung als Geschichtsereignis). Dann aber ist die Entschleunigung nichts anderes als das Verstehen von Geschichte, was heißt, Entschleunigung ist nur dialektisch zu verstehen: im Bezug auf Geschichtsereignisse als Beschleunigungen, d. i. als Kontraktionen oder Verdichtungen von Zeit. Geschichte verstehen – das hieße dann, das sie begründende Geschichtsereignis zum Begriff zu entschleunigen.

Oder: Die Entschleunigung ist nicht dialektisch fassbar, ihr Pendant ist nicht die Beschleunigung. Dann aber weist die Entschleunigung weit über die Entschleunigung hinaus, was heißt, sie ist die definitive und ultimative Entspannung, d. i. das Ende der Spannung: der Schöpfung, des abendländischen Schicksals, der Geschichte… Dann ist die dem Sog der schicksalhaften Schöpfung sich entziehende Entschleunigung die Verunmöglichung weiterer Geschichte.

1 Vgl. dazu: „Hitler hat versucht, durch die Barbarei eine ganze Zivilisation zu retten. Seine Unternehmung war ein Mißerfolg; – nichtsdestoweniger ist sie die letzte Initiative des Okzidents gewesen. / Zweifellos hätte dieser Kontinent Besseres verdient. Was kann er dafür, wenn er nicht fähig gewesen ist, ein Ungeheuer von anderer Qualität zu erzeugen?“ (SB, S. 39)

2 Vgl. dazu: Burkhard Lindner: „Benjamins Optik. Anthropologischer Materialismus und die Zeit der Geschichtserkenntnis“ (http://faustkultur.de/1612-0-Lindner-Benjamins-Optik.html, aufgerufen am 2. August 2014). Und: Lutz Koepnick: „Langsamkeit: Benjamin und die Politik der Entschleunigung“, in: Trajekte 7 (2006), Heftnr. 13, S. 23-28.

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erstellt am 08.9.2014

»Die Schöpfung war der erste Sabotageakt.«

Cioran (Syllogismen der Bitterkeit)

Jedem (utopischen) Versuch ist ein gewisser Optimismus inhärent.

Der Mund ist das Druckablassventil; die Sprache ist der Ausdruck des Schmerzes, der sich als Speichel versprüht. Aber der Schmerz ist der Schmerz der Natur selbst. Wenn das Individuum leidet, leidet es für die Natur. Es selbst ist beinahe unwichtig.

Was passiert, wenn die Erschöpfung ermüdet und sie ihrer Wahrheit begegnet? Was ist die Wahrheit der erschöpften Erschöpfung? Cioran: „Neugier für die Unheilbaren. An ihr Bett gefesselt und an das Absolute, wie müssen sie über alle Dinge Bescheid wissen!“

Die Apathie ist dem vollkommen vereinnahmenden und überwältigenden Verhältnis zum Tod – der Obsession des Todes – wesenseigen, weil dieses Verhältnis selbst zum vollkommenen Ausschluss der Umwelt, sozusagen zum Tunnelblick, (ver)führt.

Ciorans Denken (des Als-ob) ist ein Denken als Protest gegen eigene Handlungstendenzen.

Die Entschleunigung bildet in Ciorans Denken eine Form der Welterschließung.

Entweder ist die Entschleunigung eine Methode bzw. die Bedingung der Transparenz dessen, was Schöpfung als der erste Sabotageakt heißt. Dichter gesagt: Der methodologische Stillstand (die bis zum Ende ausgeführte methodologische Entschleunigung) ist die Bedingung der Transparenz des Stillstands (Schöpfung als Geschichtsereignis).

Geschichte verstehen – das hieße dann, das sie begründende Geschichtsereignis zum Begriff zu entschleunigen.

Die dem Sog der schicksalhaften Schöpfung sich entziehende Entschleunigung wäre dann die Verunmöglichung weiterer Geschichte.