Vierteljährich erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Juan Gabriel Vásquez' neuer Roman „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ handelt von den gesellschaftlichen Verhältnissen in Kolumbien und davon, wie diese das Leben einer ganzen Generation nachhaltig prägen. Das Buch ist ein regelrechter „pageturner“, meint Anita Djafari.

Anita Djafaris Buchtipp

Liebe in den Zeiten der Drogenkriege

Juan Gabriel Vásquez »Das Geräusch der Dinge beim Fallen«

Weltempfänger 24 – Platz 1

Ich freue mich, dass mein persönlicher Favorit in diesem Quartal auf Platz 1 der Litprom-Bestenliste gekommen ist. Den Autor Juan Gabriel Vásquez und seine Werke „begleiten“ wir schon länger bei Litprom. Sein Roman „Die Informanten“ war auf dem Weltempfänger Nr. 7/2010 platziert, und „Die geheime Geschichte Costaguanas“ war ein Titel im Programm des Anderen Literaturklubs 2011.

Sein neuester Roman „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“, kürzlich mit einem der bedeutendsten Preise der spanischsprachigen Literatur ausgezeichnet, bietet vielerlei Lesarten. Er könnte, ich betone könnte sogar als Kriminalroman durchgehen – momentan offenbar das beliebteste Genre für Lektüreerlebnisse überhaupt und fast ein Garant für Erfolg, weshalb einige Romane vorsichtshalber gleich so eingestuft werden. Das tue ich hiermit ausdrücklich nicht, auch wenn in der Geschichte ein Mord geschieht. Denn es geht in diesem Buch nicht darum, Verbrechen aufzuklären, sondern um gesellschaftliche Verhältnisse und wie diese das Leben einer ganzen Generation nachhaltig prägen.

Wer also ist Laverde, der Mann, der getötet wurde? Wieso hat er fast 20 Jahre im Gefängnis verbracht und warum wird er so bald nach seiner Entlassung ermordet? Was haben diese Umstände mit dem Ich-Erzähler Antonio zu tun, der Laverde zufällig als älteren zerbrechlichen Mann kennen gelernt hat, mit dem er nach der Arbeit zur Entspannung Billard spielt? Und den es mit erwischt, weil er zufällig neben ihm steht, als auf Laverde geschossen wird. Antonio wird verwundet und ist so traumatisiert, dass sein geordnetes Leben – junger Juraprofessor, frisch verheiratet, ein kleines Kind – aus den Fugen gerät. Auch seine verständnisvolle liebende Ehefrau kann ihm nicht helfen, und spätestens als Maya, die Tochter des Ermordeten, Kontakt mit ihm aufnimmt, geraten die Dinge ins „Fallen“.

Der Roman findet in Kolumbien statt, der Heimat des Autors. Kolumbien wird bis heute einerseits mit Gabriel García Márquez und dem magischen Realismus verbunden, andererseits mit Drogenkriegen und Gewalt. Von ersterem distanziert sich Juan Gabriel Vásquez – nicht von Márquez, aber vom Etikett des magischen Realismus, es war nie eine Kategorie für ihn. Von letzterem allerdings handelt dieser Roman.

Antonio folgt einer Einladung Mayas, sie im Elternhaus auf dem Land zu besuchen. Er erfährt, dass Laverde in den 1980er Jahren tief in die damals alles beherrschenden Drogengeschäfte des Landes verwickelt war. Ein Hippie, der als Pilot regelmäßig Ladungen von Marihuana und Kokain in die USA flog und damit seiner kleinen Familie ein gutes Auskommen bescherte, diese wusste freilich nicht so genau (oder wollte es nicht wissen), woher ihr Reichtum stammte. Die Mutter, Elaine, war mit naiven Vorstellungen als Freiwillige für das Peace Corps aus den USA nach Kolumbien gekommen und kehrte, als die Tochter volljährig wurde, alleine dorthin zurück.

Laverde hatte sie kurz vor seinem Tod nervös erwartet, sie hatte ihren Besuch angekündigt, die Familie sollte wieder zusammenkommen. Doch das Flugzeug stürzt ab, Elaine kommt ums Leben. Maya besorgt sich die Black Box und hört die letzten Aufzeichnungen vor dem „Fallen“ des Flugzeugs immer wieder an.

In der Begegnung von Antonio und Maya entfaltet Vásquez die Geschichte von Ricardo Laverde und Elaine und damit die einer ganzen Generation. Liebe in Zeiten des Drogenkriegs, dem keiner entkam. Und bei der nachfolgenden Generation hinterließ das Heranwachsen in einem von brutaler Gewalt geprägten Alltag Spuren. Antonio und Maya erkennen sich gegenseitig in der Erinnerung daran.

Allein darin, wie Vásquez deren Geschichten miteinander verflechtet, zeigt sich die hohe Erzählkunst dieses Autors. Die Figuren kommen uns nahe, aber nie zu sehr, und dennoch berühren sie uns allesamt; sie sind ohne Ausnahme differenziert ausgeleuchtet. Der Roman ist klug und sorgfältig durchkomponiert, mit bewundernswerter Ökonomie; er verliert nie zu viele Worte und ist in einer Sprache geschrieben, die vom ersten bis zum letzten Satz gefangen nimmt. Und damit ist der Roman sogar auch noch das, was man einen „pageturner“ nennt. Besser geht es nicht!

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erstellt am 03.9.2014

Weltempfänger 24

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Juan Gabriel Vásquez
Juan Gabriel Vásquez. Foto: © Nina Subin

Juan Gabriel Vásquez
Das Geräusch der Dinge beim Fallen
Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Gebunden, 296 Seiten
ISBN: 978-3-89561-008-0
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2014

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