Ein Kunstprojekt anlässlich des 70. Jahrestages des als „Brandnacht“ bezeichneten alliierten Luftangriffs auf Darmstadt provoziert und polarisiert, formal wie inhaltlich. Es sollte gerade deswegen nicht unbeachtet bleiben, findet Bruno Laberthier.

Erinnerungskultur

Luftkrieg und Leid

Von Bruno Laberthier

Etwa fünfzehn Jahre ist es her, als die Debatte um die Thematisierbarkeit der Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im von den Nazis vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg erstmals den Schwellenwert einer medienöffentlich breiten Diskussion überschritt. Die brisante Frage nach der Opferschaft einer Tätergesellschaft in den Diskurs eingespeist hatten damals Künstler und Public Intellectuals, von W.G. Sebald mit seinen Züricher Vorlesungen zu „Luftkrieg und Literatur“ über Jörg Friedrich mit seinem historiografischen Stilexperiment Der Brand bis zu Günter Grass‘ Im Krebsgang über den Untergang der mit deutschen Ostflüchtlingen vollgepackten Wilhelm Gustloff in den letzten Wochen des Krieges.

Zu einem Abschlusskommuniqué der Debatten hat es damals nicht gereicht. Konsens war aber (zumindest gefühlt), dass sich das Leiden und Leid der Deutschen selbstverständlich artikulieren können darf und muss. Dies zumindest, solange sichergestellt bleibt, dass der Städtekrieg aus der Luft klar und deutlich kontextualisiert wird durch den Verweis auf sein historisches Zustandekommen. Nur auf die Tausenden von Toten beim alliierten Luftangriff auf Darmstadt am 11. September 1944 zu verweisen, ohne auf die Hintergründe des ersten brandbombenbedingten innenstädtischen Infernos zu sprechen zu kommen, reichte und reicht nicht aus: jedenfalls nicht in den sensiblen und deswegen eine didaktische Aufbereitung erfordernden Bereichen der politischen Bildung, der Erinnerungs(kultur)arbeit oder der hoch-schulischen Annäherung.

„Durmstädter Brandnamen“

Zum 70. Jahrestag der „Brandnacht“ von Darmstadt schnürt ein Kunstprojekt dieses Paket wieder auf – provokant, könnte man meinen, und auf den ersten Blick revisionistisch. Davon sei das Vorhaben jedoch weit entfernt, beteuert der in Darmstadt ansässige Künstler Louise Bostanian. „Durmstädter Brandnamen“, so der auf die fehlerhafte Beschriftung eines alliierten Aufklärungsfotos zurückgehende Titel, versteht sich vielmehr durchaus pathetisch als „radikal-humanistisches Kunstprojekt“. Vordergründig soll es darum gehen, die Namen der Getöteten und der überlebenden Augenzeugen des Luftangriffs auf Darmstadt handschriftlich auf einen überdimensionalen Papierbogen zusammenzuführen.

Das Leitparadigma: Leid und Luftkrieg

Interessanter ist der Hintergrund – oder besser, das Hintergründige. Denn wie gesagt: auf den ersten Blick gerät das Projekt in gefährliche Nähe zu apologetischen oder gar revisionistischen Fahrwassern. Als „sozial-ästhetischer NS-Aufklärungsansatz“ richte es sich „gegen die geschichtsverfangene Leugnung beziehungsweise Tabuisierung“ faktischen Leids, das in diesem Fall notwendigerweise ausschließlich das der Zivilisten eines verbrecherischen Täterstaates ist.

Mit großem Nachdruck und vielen bisweilen schwurbelig formulierten Ausführungen macht Künstler Bostanian allerdings deutlich, dass es ihm um die Wiederaufnahme dieser Debatte eben nicht geht. Sondern – ebenfalls etwas hochgestochen ausgedrückt – um das in Brandnächten wie der Darmstädter exemplarisch zutage getretene Leid qua Leid. Durmstädter Brandnamen bemühe sich mit dem etwas doppelt gemoppelten Verweis auf „die Faktizität faktischen Leids“ um dessen „reine Anschauung und implikationsfreie Geltung“. Dass es dabei „die semantische Kopplung von Opfer mit Leid beziehungsweise Täter/in mit Nicht-Leid“ sprenge, scheint angesichts der Fokussierung auf die universelle Leit- bzw. Leid-Kategorie unausweichlich.

Spätestens an dieser Stelle ließen sich drei Einwände anbringen. Erstens: nichts Neues. Sondern nur alter Wein – der von den Debatten vor fünfzehn Jahren – in neuen Schläuchen und angeflanschtem aktuellen Mahn- und Gedenkanlass am kommenden 11. September. Zweitens: ohne gesellschaftliche Reizpunkte, sondern eine selbstverliebt-künstlerische und letzten Endes um sich selbst kreisende Annäherung an ein heikles Thema. Drittens: kein gelungener ästhetischer Ansatz, sondern eine wenig innovative Totenlistung in mühsamer kalligrafischer Handarbeit.

Altes Leid, erneute Debatte

Zwei dieser Einwände lassen sich mit etwas gutem Willen entkräften. Erstens hat die Fixierung auf den Aspekt des Leids und die vermeintlich in ihm angelegte Nivellierung der Täter-Opfer-Dichotomie bereits jetzt, in den allerersten Reaktionen durch Blogger, Social Media-Diskutanten und kunstaktive Darmstädter Bürger eine erstaunliche Wucht und Dynamik entwickelt. Kontrovers erörtert wird dort vor allem die (Un-)Möglichkeit, das Brandnacht-Leid in reiner Anschauung und implikationsfrei thematisieren zu können: also das, worum es Bostanian eigentlich geht.

Ohne Kontextualisierung, diesmal nicht historisch sondern durch ethische Bewertung, gehe auch hier nichts, lautet ein Kritikpunkt: etwa indem der vermeintliche Universalbegriff des Leids nur in Anschlag gebracht werden könne, solange er dem der Reue verbunden ist. Einen Anspruch auf das eigene Leid erlange man in diesem Fall nur über Reue, lautet genauer die sich daraus ergebende Position. Andere Perspektiven auf die Priorisierung des Leids (in) der Brandnacht setzen es in Beziehung zu Großbegriffen wie Vergeltung und Rache, Gerechtigkeit oder Strafe (oft in direkter Kombination als „gerechte Strafe“) sowie dem für Reue kategorisch vorgängigen einer Einsicht in begangene Schuld.

Interessant sind an diesen Einwürfen die Linien des derzeit vorherrschenden, „politisch (und ethisch) korrekten“ Diskurses, die durch Bostanians Fixierung auf „das Leid“ provoziert, irritiert und zur kritischen Überprüfung angeregt werden. Unweigerlich reflektiert man auf ihre spezielle Stimmigkeit für das historische Ereignis Brandnacht und seine wertende Betrachtung in der Gegenwart. Und das ist vielleicht kein Novum, aber doch ein willkommener Effekt im Rahmen einer permanenten Überprüfung dessen, was zeitgemäße Wertmaßstäbe sind oder sein sollten.

Voraussetzungsreich heißt nicht immer innovativ

Gleichzeitig entkräftet es in Teilen bereit den zweiten Einwand, den des fehlenden gesellschaftlichen Impacts von Durmstädter Brandnamen. Im Gegenteil, das Projekt fordert das Beziehen von Positionen und die Reflexion auf wiederum deren Voraussetzungen förmlich heraus. Zudem ist es Kunst, oder will es sein und flaggt sich als solche aus. Damit entzieht es sich der Nutzbarkeitsorientierung und besitzt auch keine Didaktik, mit der sich bei kunstaffinen Bildungseliten ohnehin nicht punkten lässt.

Bliebe der dritte Einwand, die wenig innovative Wahl der ästhetischen Form. Eine handschriftliche Listung der Toten und Davongekommenen oder gar, wie beim der online einsehbaren Ergänzung des Vorhabens, deren damaliger Wohn- oder gar Ablebe-Ort auf einer Google Earth-Visualisierung von Darmstadt sind nicht unbedingt das, was Leid in reine Anschauung bringt. Hier haben etablierte und auch im Darmstädter Fall längst durchexerzierte Formate Längen an Vorsprung, von Klaus Schmidts Augenzeugenberichtssammlung „Die Brandnacht“ von 1964 bis zu Christian Groppers „Brandmale“-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004.

Fazit

Durmstädter Brandnamen ist nichts für die Falschen. Es will voraussetzungsreich sein, es will mit viel kunstrezeptivem Wohlwollen und einer Bereitschaft zur Reflexion auf die eigenen Schlüsse aus der lokalen Darmstädter Luftkriegsvergangenheit aufgenommen werden – und das, ohne missverstanden zu werden als Kunstprojekt im Zeichen von NS-Revisionismus. Keine einfachen Begleitumstände also: vor allem, weil es selbst eine wenig überzeugende Ausdrucksform wählt. Trotzdem kann und sollte sich darauf einlassen, wer den Gedanken zulassen kann, dass Leid ähnlich individuell ist wie Schuld. Und ähnlich unantastbar sein könnte, auch durch vorherrschende Meinungsformationen nicht, wie die Würde des Menschen.

Kommentare


a2290184 - ( 05-09-2014 09:03:05 )
Geschichtsrevisionismus fetzt auch in schönen und intellektuellen Worten nicht.

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erstellt am 02.9.2014

Die zerstörte Innenstadt von Darmstadt in einer Luftaufnahme von 1944
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