John Locke wurde 1632, im gleichen Jahr wie der Rationalist Baruch Spinoza, geboren und vertraute vor allem seinen fünf Sinnen, der Idee und der Vernunft. 1690 veröffentlichte er seinen „Versuch über den menschlichen Verstand“, in dessen 2. Buch er „von der Kraft“ schreibt. Darin taucht plötzlich ein Tennisball auf. Otto A. Böhmer hat die Fährte aufgenommen.

Holzwege

Die Idee des Notwendigen

Der Philosoph John Locke

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph John Locke stand wie so oft gut zum Ball, und so war die Rückhand, die sein Freund Cooper ins Halbfeld geschlagen hatte, kein Problem für ihn. „Einstand“, verkündete Anthony, Coopers Diener, der an diesem herrlichen Spätsommertag auf einem verschlissenen Sessel am Spielfeldrand saß und als Schiedsrichter fungierte. „Du bist nervös, Cooper“, rief der Philosoph. „Ich bin bereit zu wetten, dass du wieder deinen Aufschlag verlieren wirst.“ „Ich wette nicht“, brummte Cooper, „schon gar nicht gegen Philosophen, die sich auf dem Tennisplatz herumtreiben.“ Kurz darauf machte er einen Doppelfehler, und Anthony, der sich zu freuen schien, gab den Vorteil von Mr. Locke bekannt. Als Cooper wenig später einen leichten Volley ganz unbedrängt ins Netz schlug, hatte der Philosoph ihm das Aufschlagspiel abgenommen und servierte zum Satz- und Matchgewinn, den er sich nicht mehr nehmen ließ. „An sich bin ich der bessere Spieler“, sagte Cooper und gratulierte dem Freund mit säuerlicher Miene. „Aber du hast etwas an dir, was mich unkonzentriert werden lässt. Ich verschlage dann Bälle, die ich sonst nie verschlage …“ „Die du immer verschlägst“, sagte Locke, „ich kenne dich, mein Freund.“ Anthony brachte einen Krug Apfelwein und zwei Gläser. Er schenkte ein. „Zum Wohl“, sagte John Locke. „Auf meine Gesundheit“, erwiderte Cooper. Sie tranken. „Als einem unserer angeblich größten Philosophen sagt man dir doch die Gabe des Schnelldenkens nach“, meinte Cooper nach einem zweiten Schluck. „Nun ja“, murmelte Locke. „Könnte ein Schnelldenker wie du auch Erhellendes über das Tennisspiel zu Papier bringen?“ fragte Cooper. „Oder noch besser: über die Freiheit des Tennisballs, dem es nichts ausmachen darf, geschlagen zu werden.“ „Lass mir den Apfelwein da und gib mir eine halbe Stunde“, sagte Locke, „danach will ich dich wohl belehren.“ „Das schaffst du nicht“, rief Cooper. „Nie und nimmer. Aber sei’s drum. Wenn es dir gelingt, will ich dich zum Essen einladen und dabei nicht geizen.“ „Das wiederum kann ich kaum glauben“, sagte Locke.

Cooper zog sich zurück. Nach genau einer halben Stunde kam er wieder. „Nun?“ fragte er. Locke deutete auf sein Notizbuch, in dem er geschrieben hatte. „Setz dich“, befahl er. „Und schweig. Du willst doch etwas lernen.“ „Aber ob ich dir auch vertrauen kann“, sagte Cooper. „Schließlich schleppst du dieses Notizbuch doch fast immer mit dir herum. Wer sagt mir also, dass du nicht ältere Aufzeichnungen zu Gehör bringst, die schon sehr viel länger in deinem Büchlein stehen.“ „Ich sage es dir“, erwiderte der Philosoph. „Und du hast mir gefälligst zu glauben. Also höre: Ein Tennisball, mag er sich nun vom Schläger getroffen bewegen oder still liegen, wird von niemandem für ein frei handelndes Wesen angesehen werden. Wenn wir nach dem Grunde dafür fragen, so finden wir diesen darin, dass wir von dem Tennisball annehmen, er denke nicht und kenne folglich auch kein Wollen, gebe weder der Bewegung den Vorzug vor der Ruhe noch umgekehrt; deshalb hat er keine Freiheit, ist kein frei handelndes Wesen, vielmehr fallen seine Bewegungen ebenso wie seine Ruhe unter unsere Idee des Notwendigen. Ebenso hat ein Mann, der ins Wasser fällt, weil eine Brücke unter ihm bricht, hierbei keine Freiheit. Denn, obgleich er wollen kann und das Nichtfallen dem Fallen vorzieht, so folgt doch, weil das Unterlassen dieser Bewegung nicht in seiner Macht steht, das Anhalten oder Aufhören derselben nicht auf sein Wollen, und er ist deshalb hierin nicht frei. So denkt auch, wenn jemand infolge einer krampfhaften Bewegung seines Armes, die er durch Anweisung seines Geistes nicht aufzuhalten oder zu unterlassen vermag, sich selbst oder seinen Freund schlägt, niemand, dass er sich dabei in Freiheit befunden habe; jeder bemitleidet ihn, weil er aus Notwendigkeit und Zwang so gehandelt hat.“

Cooper kratzte sich am Kopf. „Das ist eine Notwendigkeit“, sagte er. „Der Zwang zum Kratzen. Nicht etwa, dass ich dich, meinen Freund, infolge einer krampfhaften Bewegung meines Armes zu schlagen gedächte.“ „Ich kann dich nicht bemitleiden“, antwortete Locke. „Aber ich darf an deine Einladung zum Essen erinnern.“ „Welche Einladung?“ meinte Cooper. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Also gut: Wir gehen zu Hurt’s.“ „O Schreck, lass nach“, sagte der Philosoph. „Dann sollte ich vielleicht vorher noch einen Imbiss zu mir nehmen. Dieses Etablissement ist bekannt für seine sparsamen Portionen.“ „Bei Hurt’s, mein Freund, stimmt das Preis-Leistungsverhältnis“, sagte Cooper. „Kleine Portionen, dezente Preise. Das passt zusammen. Und überhaupt ist es gut, nicht so viel zu essen. Man schläft dann besser, träumt schön und nimmt den neuen Tag an wie ein zweifelhaftes Geschenk.“ „Wer von uns beiden ist denn nun der Philosoph“, sagte Locke. „Du überraschst mich, mein Bester. Zumindest gelegentlich.“ „Weise zu sein ist keine Kunst“, sagte Cooper würdevoll. „Unterhalb der Philosophie, die du bedienst, Locke, gibt es noch die Weltweisheit. Zu ihr haben alle Zutritt, sogar die Dummköpfe, die guten Willens sind. Eine kluge Sentenz gelingt jedem im Leben.“ „Meinst du“, sagte Locke. „Wenn dem so wäre, müssten wir Philosophen uns noch beträchtlich steigern.“

Am Abend gingen sie dann zu Hurt’s. In der Gaststätte, die in einem ehemaligen Pferdestall untergebracht war, roch es wie immer. „Nicht gut“, sagte Locke und rümpfte die Nase. „Es riecht nach Pferd, zweifelsohne.“ „Sei nicht so empfindlich“, sagte Cooper. „Deine Sinne sind hypernervös geworden, besonders deine Nase, die ja ohnehin nicht die allerkleinste ist.“ „Ich rieche, was ich rieche“, erwiderte Locke. „Und was ich rieche mit meiner kleinen formschönen Nase, ist nicht gut.“ Ein Kellner erschien und brachte die Speisekarte. „Nicht nötig“, sagte Locke. „Wie meinen?“ Der Kellner war verblüfft. „Ich meine, es ist nicht nötig, dass Sie mir die Speisekarte bringen“, sagte Locke. „Ich weiß ohnehin, was es gibt, nämlich, wie so oft, nur noch ein Menü, und deswegen nehme ich, in Ermangelung jeglicher Alternativen, zunächst die Graupensuppe, danach den Braten à la Mistingale und als Dessert den Himbeerpudding mit Krokantstäbchen.“ „Aber woher wissen Sie, mein Herr?“ fragte der Kellner, und Cooper rief: „Ja, woher weißt du? Sind Philosophen neuerdings auch prophetiebegabt?“ „Aber nein“, sagte Locke. „Ganz und gar nicht. Philosophie, wie ich sie betreibe, ist eine reine Erfahrungswissenschaft. Und als Mann der Erfahrung, meine Herren, braucht man sich nur dieses überdeutlich befleckte Tischtuch anzuschauen, um zu wissen, welche Speisefolge dem unschuldigen Gast hier zugemutet wird.“

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erstellt am 02.9.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

John Locke
John Locke