Zwei Meilensteine der Filmgeschichte sind kürzlich neu auf DVD und Blu-ray herausgekommen: Jean-Luc Godards „Außer Atem“ und Jim Jarmuschs „Down by Law“. Thomas Rothschild stellt die beiden Kultfilme, die einen jugendlichen, zur guten bürgerlichen Gesellschaft quer stehenden Helden prägten, vor.

Jean Seberg in „Außer Atem"
Jean Seberg in „Außer Atem"
Kultfilme auf DVD

Meilensteine der Filmgeschichte

Von Thomas Rothschild

Studiocanal hat auf seinem Label Arthaus, dessen Verdienste um die Filmkunst nicht genug gewürdigt werden können, zwei Filme auf DVD und Blu-ray neu herausgebracht, zwischen deren Entstehung 27 Jahre liegen, die aber beide als Meilensteine der Filmgeschichte gelten dürfen, der eine für die französische Nouvelle Vague, der andere für das amerikanische Independent Cinema: Jean-Luc Godards „Außer Atem“ und Jim Jarmuschs „Down by Law“. Beide genossen zu ihrer Zeit Kultstatus, beide haben sie einen jugendlichen Helden geprägt, der quer steht zur guten bürgerlichen Gesellschaft – mit Jean-Paul Belmondo der eine, mit John Lurie der andere.

Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“
Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“

Belmondo mit seinem zerknautschten Gesicht, der Boxernase und der Zigarette im Mund war damals, 1959, der absolute Gegentyp zum gestylten Filmstar à la Gary Cooper oder auch zum zwei Jahre jüngeren Alain Delon, der zur gleichen Zeit wie Belmondo die Filmszene betrat. Die Geste des über die Lippen streichenden Daumens, die ihrerseits Humphrey Bogart abgeguckt ist, wurde von jungen Fans kopiert, Belmondo wurde zum ersten Popstar des Films und zum Idol der Neuen Welle, zusammen mit seinem Regisseur Jean-Luc Godard, der, zuvor Kritiker bei den legendären Cahiers du cinéma, mit „Außer Atem“ ein Debüt geliefert hat, das wie ein Blitz einschlug.

Über die Innovationen, die dieser Film enthielt, sind Bücher geschrieben worden. Vieles, was damals unerhört schien, gehört heute zum filmischen Alltag. Die Jump Cuts irritierten das Publikum seinerzeit so sehr, dass man sie für einen Defekt hielt. Godard spottete über alle Regeln, die der Film angeblich zu befolgen habe, und diese Haltung hat er sich bis heute bewahrt. Deshalb wird er von den einen bewundert, von anderen aber nach wie vor vehement abgelehnt. Man wirft ihm Kopflastigkeit vor – ein Wort, das ebenso idiotisch ist wie das, was es meint. Godards frühe Filme sind weniger intellektuell als anarchisch. „Außer Atem“ hat durchaus eine nachvollziehbare Story, die nur so von Zitaten strotzt und somit bei allem Neuerertum an die damals sechzigjährige Geschichte der Filmkunst anknüpft. Sie nimmt Elemente des Kriminalfilms auf, bezaubert mit einer unorthodoxen und unsentimentalen Liebesgeschichte zwischen Belmondo und der so wohltuend unamerikanisch amerikanischen Jean Seberg. Aber die Sequenzen und Dialoge passen nicht fugenlos zu einander wie im Mainstream-Film, sie bleiben offen, elliptisch, spontan.

„Außer Atem“ hat einen der schönsten und verzweifeltsten Schlüsse der Filmgeschichte. Er erinnert zugleich an die amerikanischen Stars James Cagney oder Humphrey Bogart und an den französischen Existentialismus. Und er ist, in seinem Zusammenspiel von Bild und Ton, ein Musterbeispiel dafür, was der Tonfilm und nur der Tonfilm kann.

So pariserisch wie „Außer Atem“ war, so amerikanisch ist „Down by Law“. Es war bereits Jarmuschs dritter Film nach „Permanent Vacation“ und dem sensationellen „Stranger Than Paradise“. Jarmusch hatte seinen Personalstil gefunden, und er ist der Popkultur noch stärker verpflichtet als Godard. Sie war schließlich zwischen 1959 und 1986 zur Jugendkultur schlechthin geworden, befand sich schon in ihrer Endphase. In „Down by Law“ gibt es keine Jean Seberg, dafür aber, neben John Lurie, Tom Waits und den italienischen Import Roberto Begnini. Diese Besetzung fügt einen Humor hinzu, den man bei Godard eher selten antrifft.

Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni in „Down by Law“
Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni in „Down by Law“

„Down by Law“ verhält sich zum Genre des Sträflingsfilms à la „Flucht in Ketten“ wie „Außer Atem“ zum Gangsterfilm. Begninis Roberto behauptet, einen Mord, wenn auch fast versehentlich, mit einer Billardkugel, begangen zu haben, von Belmondos Michel wissen wir, dass er einen Polizisten getötet hat, und doch wirken Godards und Jarmuschs Helden wie liebenswerte kleine Gauner. Das ist die Magie des Kinos: dass es unsere für die Realität gültigen moralischen Maßstäbe außer Kraft setzt. Und das ist gut so. Würden die Künste die Wirklichkeit nur bestätigen, wären sie überflüssig. Nur katholische Filmbewertungsstellen und moralinsaure Gouvernanten können glauben, dass jemand einen Mord begeht, weil er ihn im Film mit Vergnügen beobachtet. Der normale Mensch ist in der Lage, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, und das schon seit der Antike, als er sich an der Tragödie der Atriden erfreute. Wenn Roberto sein Glück in einer gottverlassenen Cafeteria nahe der texanischen Grenze gefunden hat und Zack und Jack sich an einer Wegkreuzung trennen und auf den Horizont zugehen wie einst Charlie Chaplin in „The Kid“, dann ich das zumindest so ergreifend wie Belmondos Grimasse vor seinem Tod auf der Straße.

Der Gegensatz von „Eurotrash“ und Hollywood ist bei Jim Jarmusch aufgehoben. Nicht umsonst war er Assistent vom Wim Wenders. Mit den europäischen Autorenfilmern teilt er den Kunstanspruch, auch wenn er es nicht so benennt, mit dem amerikanischen Film einen spezifischen Schauspielstil. So sehr John Lurie ein Typus der Counterculture ist, dessen, was man seinerzeit „Underground“ nannte, so sehr erinnert er zugleich an Marlon Brando oder an Paul Newman. Ihnen ist er in mancher Hinsicht verwandter als den jüngeren Robert De Niro oder Al Pacino.

Während der Mainstream-Film in den vergangenen Jahrzehnten zu immer kürzeren Einstellungen, zu immer rascheren Schnitten tendierte, kehrten Jarmusch und sein Kameramann Robby Müller zur Tradition der langen Einstellung mit unbewegter Kamera oder zur ungeschnittenen langsamen Fahrt, zum Stilmittel der Plansequenz zurück. Er ist solchen Regisseuren wie Bresson oder Tarkowski näher als der Ästhetik der Videoclips, die dem Zuschauer keine Ruhe zum Betrachten von Bildern gönnt.

Unbedingt erwähnt werden muss das vorbildliche Bonusmaterial auf der „Down by Law“-DVD: Weggelassene Szenen, von denen man nur bedauern kann, dass sie nicht im Film sind; ein langes Interview mit Robby Müller, das als Kurzlehrgang für Kameraleute gelten darf; eine Version des Films nur mit der Musikspur; drei Telefonate von Jim Jarmusch mit Roberto Begnini, Tom Waits und John Lurie, in denen diese ihre Erinnerungen austauschen; und ein skurriles Musikvideo mit Tom Waits.

Übrigens haben Godard und Jarmusch schwarz-weiß gedreht, und man möchte sich ihre Filme nicht in Farbe vorstellen. Eine Ahnung vermittelt das Remake von „Außer Atem“ mit Richard Gere in der Belmondo-Rolle.

Trailer zu „Außer Atem“ („A Bout De Souffle“) in französischer Sprache

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erstellt am 02.9.2014

Außer Atem
Frankreich, 1959
Regie Jean-Luc Godard
Darsteller Jean Paul Belmondo, Jean Seberg, Henri Huet, Liliane David
Arthaus

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Down by Law
USA, 1986
Regie Jim Jarmusch
Darsteller Tom Waits, John Lurie, Roberto Benigni
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