In ihren Büchern thematisiert die 1981 in Leningrad (St. Petersburg) geborene, in München lebende Schriftstellerin Lena Gorelik den Alltag der Migration, jüdische Identität und das Fortleben sowjetischer Geschichte. Im Faust-Gespräch mit Eugen El erzählt Gorelik am Beispiel ihres Romans „Die Listensammlerin“ von den Fallstricken des Schreibens und von ihren Erinnerungen an Russland.

Gespräch

Die Menschen, nicht der Staat

Lena Gorelik im Faust-Gespräch

Eugen El: Dein erstes Buch „Meine weißen Nächte“ handelte von jungen Einwanderern aus Russland und ihrer nicht immer einfachen, allmählichen Ankunft in Deutschland. In „Lieber Mischa“ hast Du augenzwinkernd Fragen jüdischer Identität in Deutschland thematisiert, was vorher schon in „Hochzeit in Jerusalem“ anklang. In Deinem jüngsten Roman „Die Listensammlerin“ scheinst Du zumindest die jüdische Thematik zu vermeiden. War das Buch für Dich ein Bruch? Welche Motivation stand dahinter?

Lena Gorelik: Ja, dieses Buch war tatsächlich ein Bruch für mich. Ich wollte mich von mir selbst damit entfernen – und dennoch ist es vielleicht das persönlichste Buch, das ich bislang geschrieben habe, weil ich mich damit auf ein Terrain gewagt habe, das unsicher und wackelig war. Es war ein wenig ein Selbsttest: Wie weit traue ich mich zu gehen, was kann ich, wo sind meine Grenzen, sind diese imaginiert oder tatsächlich vorhanden?

Aus der ehemaligen UdSSR stammende, in Deutschland lebende Autorinnen wie Nino Haratischwili oder Katja Petrowskaja lassen die Erfahrungen der sowjetisch sozialisierten Eltern- und Großelterngeneration in ihre Romane einfließen. Auch „Die Listensammlerin“ handelt zum Teil von der spezifischen, sowjetischen Nachkriegserfahrung. Gibt es in unserer Generation ein spezielles Bedürfnis nach einem solchem Blick in die Vergangenheit? Wird dieses Interesse durch die räumliche Distanz begünstigt?

Ich habe mich ursprünglich nicht dafür entschieden, über diese Zeit zu schreiben oder mich damit auseinander zu setzen. Für mich war als Erstes – und schon sehr lange, bevor ich mich überhaupt an den Schreibtisch setzte – die Figur des Onkel Grischa da. Einer, der gegen Regeln verstößt, der an Ideen und Ideale glaubt, der nicht verstanden wird und daran verzweifelt, einer, der kämpft, eine charmante, liebenswerte, obwohl rücksichtslose Figur – und dann war ziemlich schnell klar, dass ich so jemanden nur in einem geschlossenen politischen System porträtieren kann. Da war dann die Sowjetzeit tatsächlich naheliegend – erstens, weil ich einen Bezug zum Land habe, zweitens, weil ich Lust und Interesse hatte, mich mit dieser Zeit auseinander zu setzen.

Wie umfangreich waren Deine Recherchen für „Die Listensammlerin“?

Ich habe viel über das Dissidententum in der Sowjetunion in den Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahren gelesen. Und ich habe versucht, Nachfragen zu stellen – und war überrascht, wie wenig die meisten Menschen über diese Parallelwelt wussten.

In „Die Listensammlerin“ sprichst Du auch die Ächtung der Homosexualität im (sowjetischen) Russland an. Wie politisch war die Entscheidung für gerade dieses Thema? Lassen sich daran die Auswirkungen einer totalitär verfassten Gesellschaft auf den Menschen deutlicher sehen?

Beim Beantworten der Fragen merke ich, wie vage, unscharf und langsam sich Figuren oder deren Eigenschaften im Schreibprozess entwickeln. Ich kann mich nämlich nicht an eine Entscheidung geschweige denn an eine politisch motivierte entwickeln: Irgendwann einmal war Grischa homosexuell. Es hat sich im Schreiben entwickelt, die Figur seiner Liebe – die in dem Moment keine Liebe war – Sergej entstand, und plötzlich merkte ich, das ist jetzt mehr als eine Nebenfigur und auch mehr als nur ein Freund für Grischa. In dem Moment nutzte ich natürlich auch diese Tatsache, um eben die Grenzen und die Unmenschlichkeit eines solchen politischen Systems an diesem Thema aufzuzeigen – die Entscheidung fiel aber nicht bewusst beziehungsweise erst im Nachhinein.

Du hast an der Deutschen Journalistenschule in München studiert. Welche Rolle spielt die journalistische Ausbildung in Deinem Schreiben? Befruchtet es Deine literarische Arbeit oder sind das für Dich zwei getrennte Bereiche?

Es ist eine ganz andere Art von Schreiben. Wenn ich als Journalistin schreibe, bewege ich mich innerhalb von Fakten und auch einem Regelhandwerk, das ich so erlernt habe. Das heißt, ich weiß genau, was ich zu tun habe. So gesehen ist es das einfachere, aber auch das begrenztere Schreiben. Wenn ich an einem Roman schreibe, habe ich häufig das Gefühl zu schwimmen. Ich kann auch bei einem journalistischen Text viel besser einschätzen, ob ich das gut gemacht habe oder nicht. Bei literarischen Texten habe ich meistens kein Gefühl für deren Qualität. Es gibt Tage, da bin ich begeistert von dem, was ich geschrieben habe – und am nächsten Tag lese ich denselben Text noch einmal und denke: Ach, hätte ich doch nur Mathematik studiert anstatt mich an Romanen zu versuchen.

Im Jahr 1992 kamst Du im Alter von elf mit Deiner Familie aus St. Petersburg nach Deutschland. Oft distanziert sich die „zweite Generation“ der Einwanderer relativ schnell vom Herkunftsland. Wie intensiv verfolgst Du die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Russland? Oder, anders gefragt, wie zugehörig fühlst Du Dich noch zu Russland?

Ich glaube, dass ich die Entwicklungen in Russland nicht mehr oder weniger verfolge als jeder andere politisch interessierte Mensch. Ich verfolge sie aber wahrscheinlich anders: Mit mehr Gefühl und natürlich auch mehr Einblick. Wie zugehörig? Dem Land als solchen, dem politischen gar, überhaupt nicht. Den Menschen dort aber, der Stadt Petersburg, Dingen, die für mich wichtig sind, die für mich und in meiner Erinnerung als Kind Russland ausmachen – bestimmten Gerüchen, bestimmten Orten, auch Gerichten, Bräuchen, Klängen, Worten, Gedichten, sogar Transportmitteln – sehr. Die lösen immer noch ein kindliches, vertrautes Gefühl von Zuhause aus.

Deine nächste Lesung in Frankfurt ist zugleich Auftakt einer Reihe von Lesungen „mit jungen Schriftstellerinnen jüdischer Herkunft“. Ist der offene, öffentliche Umgang mit der eigenen Herkunft ein Weg, mit Hass und Vorurteilen umzugehen? Eine Art Selbstbehauptung?

Ich mag es nicht, wenn Kunst oder Kunstveranstaltungen einer Selbstbehauptung dienen sollen oder als solche gebraucht werden. Ich schreibe über Themen, die mich im jeweiligen Moment – und vielleicht ein Jahr später kaum noch – beschäftigen. Ich tue es nicht, um mich selbst zu behaupten oder jemanden zu belehren, außer in einem tatsächlich als so gekennzeichneten Sach- bzw. politischen Buch. Literatur, Kunst im Allgemeinen kann einem solchen Zweck dienen, muss aber nicht.

An welchen literarischen Projekten arbeitest Du gerade?

Ich schreibe gerade am nächsten Roman, der sich drei sehr eigenen Personen widmet. Und wie immer ist es ein Auf und Ab zwischen einer Begeisterung und Liebe zu den dreien und dem Schreiben an sich und Tagen, an denen nur Fragezeichen sind.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 31.8.2014

Lena Gorelik
Lena Gorelik. Foto: Charlotte Troll

Lena Gorelik
Die Listensammlerin
Roman
Gebunden, 352 Seiten
ISBN 978-3-87134-606-4
Rowohlt Berlin, 2013

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