In Amerika hat er bereits zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Jetzt liegt mit „Vier neue Nachrichten“ im Schöffling Verlag das erste Mal ein Band von Joshua Cohen in deutscher Übersetzung vor. Cohen zeigt sich als ein moderner Erzähler, der die Fragen nach Identität und Wirklichkeit im digitalen Zeitalter literarisch gekonnt reflektiert, meint Michael Helwig.

Buchkritik

Nachrichten aus Neuland

Die moderne Welt ist voller Tücken, und erst recht, seit es das Internet gibt: Jenes alles durchdringende, alles offenbarende und nie vergessende Medium, das wie kein anderes in der Lage ist, ganze Identitäten aus dem Nichts zu erschaffen und zu zerstören. Joshua Cohen, der bereits wahlweise als James Joyce von New Jersey oder Nachfolger von David Foster Wallace gefeiert wurde, schickt uns aus dieser modernen Welt vier Nachrichten: Keine klassisch-kargen amerikanischen Short Stories im Stile von Hemingway oder Carver, sondern raumgreifende Erzählungen, die in ihrer Frische und Skurrilität an David Foster Wallace, Jonathan Safran Foer oder Dave Eggers erinnern. So wundert es nicht, dass Ulrich Blumenbach, der schon für die Übersetzung David Foster Wallaces zuständig war, auch bei Joshua Cohen die richtigen Worte findet.

Cohens Geschichten drehen sich hauptsächlich um zwei Dinge, die moderne Kommunikation im Zeitalter des Internets und das Schreiben selbst. Seine Sichtweise ist dabei nicht von Optimismus geprägt: Die Schriftsteller, die er schildert, sind gescheiterte Existenzen, und das Internet entfaltet vor allem destruktive Kräfte. So wird in der ersten Erzählung „Emission“ (zu deutsch: Sendung) der junge Drogendealer Richard Monomian in einem Blog bloßgestellt und muss sich gegen den daraus erwachsenden Shitstorm wehren – was ihm mehr schlecht als recht gelingt, denn weder er selbst noch diejenigen, die er um Hilfe bittet, verstehen, mit der Situation umzugehen. Dabei hat Monomian nur auf einer Party eine Anekdote zum Besten gegeben, in der er ein Mädchen sexuell belästigt haben will. Doch im Netz wird die Banalität zum Ereignis, die Anekdote zum Geständnis. Für Monomian erweist sich das Internet als erbarmungsloses Gedächtnis, das sich nicht zum Vergessen zwingen lässt und dem gleichgültig ist, ob es sich an Wahrheiten und Unwahrheiten erinnert. Hat Monomian überhaupt getan, wozu er beschuldigt wird? Am Ende scheint er es nicht einmal selbst zu wissen. Aber sind die Ereignisse erst einmal in Gang gekommen, spielt die Wahrheit bald schon keine Rolle mehr.

Auf diese erste, sorgsam komponierte Geschichte, die noch am ehesten in der Tradition der amerikanischen Short Story gelesen werden kann, folgt mit „McDonald's“ unmittelbar der kryptischste Text des Bandes. Den Schrecken der digitalen Welt folgen die Schrecken des Arbeitsalltags. „McDonald's“ handelt von der Situation eines Lohnschreibers, der zwischen Auftragsarbeiten für ein Fast-Food-Restaurant und dem Korrekturlesen von Beipackzetteln versucht, eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Jene Geschichte, die ihm eigentlich am Herzen liegt, die er aber Angesichts der Trivialität seiner Arbeit kaum erzählen kann. Nicht einmal den Namen seines Arbeitgebers, der titelgebenden omnipräsenten Fast-Food-Kette, wagt er niederzuschreiben, aus Angst, sich damit vor seinem Vater zu demütigen und sein literarisches Schaffen abzuwerten. Erst am Ende wird er von seinen selbst auferlegten Ansprüchen an Bedeutungsschwere erlöst: „Ungenauigkeit macht nichts wertvoller oder universeller“ stellt er fest. Was in diesem Fall auch für den eigenen Text gelten mag: Cohen lässt uns ausführlich am Entstehungsprozess der Geschichte-in-der-Geschichte teilhaben und taucht stark in die inneren Konflikte seiner Hauptfigur ein. Das Gesamtbild bleibt dabei aber etwas wirr und die Konstruktion wirkt bemüht postmodern. Dennoch lassen die eindringlichen Satzkaskaden, mit denen Cohen die Verzweiflung seines Protagonisten schildert, darüber hinwegsehen.

Der „Uni-Bezirk“, Cohens dritte Geschichte, widmet sich ebenfalls dem Schriftstellerdasein: Ein Schreibseminar errichtet unter Anleitung eines gescheiterten College-Dozenten ein Gebäude – kein geringeres als den Neubau des berühmten New Yorker Flatiron-Buildings, das sich in jenem Stadtteil befindet, in dem Cohen selbst an der Manhattan School of Music studiert hat. Der Text ist zugleich eine Satire auf amerikanische Creative-Writing-Seminare, die in ähnlicher Form schon seit längerem auch an deutschen Universitäten Einzug gehalten haben. Zudem finden sich hier erste Anklänge an ein Thema, das Cohen an anderer Stelle seines bisher noch nicht in Deutsche übersetzten Werkes ausführlicher behandelt, das Judentum und den Antisemitismus.

Im Laufe der ungewöhnlichen Bautätigkeiten lernen die Seminarteilnehmer sowohl etwas über sich selbst als auch über das Schreiben. Wie schon in „McDonald's“ bricht Cohen die Stringenz der Ereignisse, arbeitet mit Rückblenden und unangekündigten Szenenwechseln. Er lässt keine Zweifel daran, dass seine Protagonisten im digitalen Zeitalter angekommen sind, wenn sie Excel-Listen über die Restaurants führen, die sie besuchen, und ermäßigte Eintrittskarten aus dem Internet herunterladen. Wie in „McDonald's“ wiederholt sich auch das zentrale Motiv des Scheiterns: Die Seminarteilnehmer bemühen sich, etwas Bedeutungsvolles zum Ausdruck zu bringen, müssen aber erkennen, dass sie sich dabei selbst im Weg stehen. Im „Uni-Bezirk“ gelingt es ihnen zwar, ihre eigenen Schwächen zu überwinden – aber um einen hohen Preis.

Der letzte Text des Bandes ist die Geschichte „Gesendet“, die fast die Hälfte der etwas mehr als zweihundertfünfzig Seiten einnimmt. Ein abgehalfterter Journalist begibt sich auf die Suche nach der Darstellerin eines Pornovideoclips und begegnet am Ende allen Darstellerinnen, die er jemals in ähnlichen Clips betrachtet hat. Ausführlich schildert Cohen die Hintergründe des Drehs und der Beteiligten, bedient sich unterschiedlicher Stile und Perspektiven. Das sorgt wie auch zuvor für reichlich Abwechslung, lässt aber dieses Mal die Grenze zum Klischee nahe rücken – etwa dann, wenn der volksmärchenhaft anmutende Beginn in die Konstruktion eines Bettes mündet, das später im Rausch eines pathetisch geschilderten Pornoaktes zerbricht. Sprachexperimente wie „Pornonym“ und „vaginabundieren“, die Cohen in dieser Erzählung stärker als in anderen bemüht, liefern oftmals prägnante Beschreibungen, missraten jedoch gelegentlich zu Kalauern. Dazu verfällt Cohen hier allzu naheliegenden quasi-religiösen Moralisierungen, wenn er etwa von jenem Mädchen spricht, das alle Darstellerinnen „in sich vereine“ und „die Last ihrer Schande“ trage. Am Ende gelingt Cohen dennoch das Kunststück, das diffizile Thema Pornographie zu einer philosophischen Betrachtung zu wenden: Wie, muss sich der Journalist schließlich fragen, kann es überhaupt noch gelingen, die übersteigerte Pornoästhetik, Auslöser millionenfacher Klicks und ebenso vieler Phantasien, wieder mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen? Die Antwortet lautet: Wahrscheinlich gar nicht. Jedenfalls nicht in dieser Welt.

Wenn Cohens „Vier neuen Nachrichten“ in ihrer Detailfülle und Experimentierfreude dann stellenweise auch Längen haben, wenn ihre Übertragung gelegentlich ins Rauschen gerät, scheinen diese Schwächen immerhin nicht zufällig. Jede „Nachricht“ wird von Cohen bewusst an den Rand der Unübertragbarkeit getrieben, wird mit Informationen angereichert, bis sie zeitweise in bedeutungslose Fragmente zersplittert – nicht anders als die Inhalte jenes Mediums, um das sich Cohens Geschichten drehen. Aber am Ende werden die Fragmente wieder zu einer sinnvollen Botschaft vereint. Für Cohens Protagonisten gilt das unglücklicherweise nicht, in keinem Fall fügt sich ihre Welt wieder reibungslos zusammen. Sie stehen am Rande des Scheiterns, drohen, in der modernen Unübersichtlichkeit verloren zu gehen. Während für Monomian das Internet „nur“ die Größenverhältnisse der Ereignisse durcheinander bringt, endet für den Journalisten auf der Suche nach einer Pornodarstellerin die Reise in der Zwischenwelt des Surrealen, in der die Darstellerinnen weder „reine Menschen“ noch „reine Datensendungen“ sind. Auch dem Leser bleibt das Lachen, das Cohens amüsante Sprachkunst auslöst, nur allzu oft im Halse stecken: Die Tücken der modernen Lebens- und Arbeitswelt, mit denen seine Figuren zu kämpfen haben, erscheinen in ihren Grundzügen beängstigend vertraut.

Bis 2019 sind weitere Übersetzungen von Cohens Werken geplant. Dann kann er sich vielleicht ebenso wie seine Kollegen Eggers, Foer und Wallace in die deutschen Bücherregale einreihen. Verdient hätte er es.

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erstellt am 31.8.2014

Joshua Cohen
Joshua Cohen. Foto: © Adam Gong

Joshua Cohen
Vier neue Nachrichten
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
Gebunden, 272 Seiten
ISBN 978-3-89561-625-9
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2014

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