Zu dem Wenigen, was wir der Geschichte abgewinnen können, gehört die Einsicht, dass Menschenverachtung ein Kennzeichen totalitärer Gesellschaften ist. Sie reicht von der legalen Demütigung, Erpressung, Entführung, Freiheitsberaubung und Folter bis zur Tötung derer, die sich willentlich oder versehentlich der Gleichschaltung entziehen. Jamal Tuschick war im Gefängnis Hohenschönhausen, einem der jüngeren Tatorte auf deutschem Boden.

Deutsche Geschichte

Gulag-Absolventen

Von Jamal Tuschick

Hohenschönhausen. Das Gefängnis war ursprünglich eine Großküche. Man fand es auf keinem Stadtplan. In seiner Umgebung residierte Markus Wolfs Computer-Abteilung, die realsozialistische Version von Q‘s Labor, in dem James Bond seine Spielsachen kriegt, war auch da. Im kriminaltechnischen Institut des Ministeriums für Staatssicherheit in der Genslerstraße 13 baute man für Entführungsaktionen schalldichte Zellen in Autos (Westfabrikate) ein.

Quartiermacher für die Staatssicherheit der DDR war das NKWD. Dieses Institut der engagierten Rechtspflege nahm Maß am ersten sowjetischen Geheimdienst. Die deutschen Verbündeten wurden mit dem „Tscheka“-Terrorstil vertraut gemacht. „Tscheka“ steht für „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Gegründet wurde der Staatssicherheitsdienst 1917. Es ging den Tschekisten in der Unmittelbarkeit der Nachkriegszeit nicht nur darum, Geständnisse zu erpressen, die Geständnisse mussten in jedem Fall unterschrieben werden. Sie produzierten Gulag-Absolventen. Die Signatur unter einer druckvoll zustande gekommenen Zugabe blieb eine Manie bis Neunundachtzig, ob es sich nun um Mondraub handelte oder um das Versenden einer Flaschenpost.

Foto: Jamal Tuschick
Im grauen Kern das Gefängnis.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) betrieb das NKWD bis 1950 zehn Speziallager und drei „Innere“ Gefängnisse. Zum Standort Hohenschönhausen gehörte das Speziallager 3 in der Genslerstraße und ein Haftarbeitslager, das später vom MfS als Lager X deklariert und 1974 aufgelöst wurde. Bis 1948 kamen vor Ort in sowjetischer Regie tausend Häftlinge ums Leben.

Die Eingekerkerten landeten im sogenannten U-Boot in ewiger Kellernacht. Tageszeiten wurden zur Desorientierung ausgeblendet. Die „Deutsche Lubjanka“ war so feucht, dass die Haare schimmelten. Die Gefangenen verbrachten ihren Arrest in den Sachen vom Tag der Verhaftung. Es gab keine Anstaltskleidung, keine medizinische Versorgung und unter verschärften Umständen nicht einmal den Fäkalienkübel. Man folterte legal nach dem Recht der Sieger. Zellen wurden unter Wasser gesetzt. Man quälte die Eingesperrten außerdem mit Überbelegung, Stehzwang, Schlafentzug, Hunger, Hitze, Kälte, Helligkeit und Dunkelheit. Mit Stalins Tod endete die Ära physischer Folter in der offiziellen Lesart.

Ab 1959 errichteten X-Häftlinge einen Trakt für 300 Häftlinge gleich neben der Küchenkatakombe. Der Neubau entstand unter dem Titel „Objekterweiterung“. Er stellte über 100 Zellen und 120 Vernehmungszimmer bereit. 1962 war er bezugsfertig.

1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit Hohenschönhausen hauptsächlich als Untersuchungsgefängnis. Abtrünnige Stasi-Mitarbeiter büßten auch nach den Urteilsverkündungen in dieser Anstalt. Weibliche Häftlinge arbeiteten in der Küche.

Die Vernehmer waren Psychologen im Offiziersrang. Im Grunde dienten sie dem Außenhandel, sie sorgten für Devisen, indem sie Geständnisse produzierten, die zu langen Haftstrafen führten und von der Bundesrepublik im Freikaufmodus abgekürzt wurden. Das blieb ihr Business, bis beinah zu dem Tag, als Erich Mielke sich über die Bedingungen in seinem eigenen Gefängnis beschwerte, obwohl er als erster und einziger Insasse auf den Rosenhof durfte. Der Mensch braucht Natur und sei es in einer Schrumpfform – diese Erholung für das Auge erhielt der Häftling nur als Gratifikation für besonderes Entgegenkommen. Dann zupfte der Vernehmer an der Gardine und der Bearbeitete erntete einen Blick auf Grünzeug.

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erstellt am 30.8.2014

Nach einem Dekret von Feliks E. Dzierzynski (Gründer des sowjetischen Geheimdienstes) kann auch in der SBZ niemand ohne Geständnis verurteilt werden. In solchen Zellen wird die Bereitschaft der Häftlinge, den Erwartungen ihrer Vernehmer entgegenzukommen, mit zersetzenden Maßnahmen erhöht. Das ist noch keine Folter. Wer in kurzen Hosen eingeliefert wird, friert darin im Winter. Foto: Jamal Tuschick

Die Pritschen sind für die meisten Häftlinge zu kurz. Sie sollen noch nicht mal im Schlaf Ruhe finden. Es gibt in der Steinzeit von Hohenschönhausen kaum Wasser, keine Haftkleidung, keine Zahnbürste, kein Toilettenpapier. Das Essen reicht nicht aus. Doch ist dies bloß der Alptraum Alltag. Foto: Jamal Tuschick

Von 1947 bis 1951 gehen ca. 26.000 Gefangene durch den „U-Boot“-Hauptgang. Sie sind auf direktem Weg in ein Arbeitslager. Foto: Jamal Tuschick

Zellentrakt im Stasi-Neubau. 1951 übergibt der sowjetische Geheimdienst den Sperrbezirk Hohenschönhausen der DDR-Regierung, die ihn der Staatssicherheit zur Verfügung stellt. Nun „arbeitet” man nur noch mit Schlafentzug und Gummiknüppel. Nach der Fertigstellung des Baus im Jahr der Mauer wird das U-Boot allmählich geräumt.