Seinen Satz über das rechtwinklige Dreieck durften wir in der Schule lernen, aber die thrakische Magd soll sich über den Himmels- und Wasserphilosophen Thales von Milet auch lustig gemacht haben. Immerhin beginnt mit ihm die abendländische Philosophiegeschichte. Otto A. Böhmer kennt ihn darüberhinaus als Kenner der Pünktlichkeit.

Holzwege

Nie zur rechten Zeit

Der Philosoph Thales

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Thales, wohnhaft zumeist in der altgriechischen Stadt Milet an der Mündung des Mäander in die Latmos-Bucht (so gab er es seinem ersten und einzigen und seither leichtverschollenen Biographen zu Protokoll), saß eines Tages, nachdem es ihm gelungen war, eine Sonnenfinsternis exakt zu berechnen, selbstzufrieden in ebender Sonne und fühlte sich wie ein verwaistes und haarsträubend glückliches Katzentier. Die Augen hatte er geschlossen, so sah er viel besser, und er fühlte die Wärme, spürte den leisen Wind, dem alle Wasser der Welt aufzuliegen schienen.

Ich lebe noch, dachte der Philosoph Thales, und eigentlich bin ich schon tot. Beides ist richtig, sehr einsichtig zudem, aber auch bestens zu bestreiten. Er lächelte, sah sich aus himmlischer Ferne herab zu, wie er lächelte, einfältig vielleicht, aber das ist ja erlaubt und verbreitet – und da zupfte ihn jemand am Gewande, erst sanft noch, fast schüchtern, aber dann immer fordernder und dreist werdend. Das Zauberlicht, in dem er war, zerplatzte, flog auf und davon, und der Philosoph Thales öffnete die Augen, notgedrungen; vor ihm stand ein kleiner Junge, eines jener wissbegierigen Geschöpfe, die auf alles und jedes eine Frage wissen und Antworten nicht unbedingt abwarten müssen.

„Warum hockst du in der Sonne, alter Mann?“ wollte das Kind wissen, und es starrte den Philosophen Thales, der sich so alt noch gar nicht fühlte, unverwandt an.

„Weil ich hier hocke und noch nicht alt bin“, sagte er und war guter Hoffnung, dass der Junge nach dieser Antwort von ihm ablassen würde. Der aber, ein unange­nehmes Kind, das dazu bestimmt war, ein Quälgeist zu werden, kauerte sich schweigend neben ihn, und aus den Augenwinkeln beobachtete es, was der Philosoph denn so trieb; der aber machte gar nichts, denn ihm war die Sonnenlaune vergangen, und nachdem er noch einmal in sich hineingehört hatte, auf seine innere Stimme, die missmutig verstummt war, erhob er sich mit knackenden Knochen und ging seiner Wege, wohl wissend, dass ein aufdringliches Kind hinter ihm her schlich und von Stund an mehr sah, als ihm lieb sein konnte. – Später, als der Philosoph Thales vor den Toren von Milet einmal gefragt wurde, warum er es ablehne, Kinder in diese sonnige Welt zu setzen, ant­wortete er: „Aus Liebe zu den Kindern.“

Auch der nächste Tag meinte es mit Thales nicht sonderlich gut, und in der darauffolgenden Nacht musste er, so wird berichtet, kräftigen Spott über sich ergehen lassen, als er, wie so oft, zum Sternenhimmel aufschaute, wo ihm manches bekannt vorkam und einiges, in Folge dazu, unerhört erschien, so dass er, Thales, auf den Weg, den er ging, tunlichst nicht mehr achten konnte und in einen Brunnen fiel, den vielleicht gerade jene angelegt hatten, die nun aus ihren Löchern kamen, um ihn mutig und schnell zu verhöhnen. – „Zum Himmel äugt er hinauf“, riefen sie, „aber was auf der Erde ist, bleibt ihm verborgen. Ein Sehender, der blind ist. Was dürfen wir von seiner Weisheit wohl noch alles erwarten?“ – Thales stahl sich, vollkommen durchnässt, davon. Er fror, aber den Menschen, die nun mal so sind, wie sie sind, war er noch immer nicht sonderlich böse. Es schien ihm, als habe man das eine, der Welt zugedachte Gedankenbild nachgezeichnet, aus dem die Bestimmung und die alltägliche Wahrheit des Lebens abzulesen waren; seine Theorie allerdings, dass die Erde auf dem Wasser schwimme und auch deswegen wohl nicht untergehen könne, weil letztlich alles aus dem geheimnisvollen Stoff des Wassers bestehe, kam Thales erst später in den Kopf: Noch immer war er unterwegs und weitab von zu Hause; die Kleider am Leibe hatten zu trocknen begonnen, und der Philosoph fing an, sich wohl zu fühlen wie ein Nachtwanderer auf dem Wege zur Sonne. Auf einmal aber, völlig unvermutet, fiel heftiger Regen vom Himmel, und es gab keinen Baum und kein Dach, wo Thales sich hätte unterstellen kön­nen. So wurde er, der gerade warm werden wollte, abermals nass gemacht bis auf die Haut, und dieses Mal ärgerte es ihn gewaltig – und gab ihm zu denken.

Am nächsten Tag lief dem noch immer missmutigen Philosophen seine Mutter über den Weg, deren Sorge es war, ihren Sohn zu verheiraten, der sich bislang immer mit der Bemerkung „Noch ist es nicht Zeit dazu!“ um Aufschub bemüht hatte. „Ich habe eine Frau für dich“, sagte sie. „Ihr werdet es nicht glauben, meine Mutter“, rief Thales, „aber noch – ist es nicht Zeit dazu“; und er rannte davon. Er grüßte und wurde gegrüßt, er stolperte und fiel nicht, er hörte Lachen und Weibergeschrei – und doch war etwas anders als sonst. Die Menschen, so er sie denn sah, schienen gealtert; das Licht, in dem sie sich bewegten, gutes altes Sonnenlicht zweifellos, war schwächer als sonst, wie von Staubfahnen beschwert und um seine Wirkung gebracht. Der Philosoph spürte einen seltsamen Schmerz im Rücken, der nicht nachlassen wollte, und als er weiterging, mühsamer als zuvor, war es ihm, als habe man ihm einen Stock in die Hand gedrückt, mit dem er sich, ratlos am Boden stochernd, auf das winzige Tor zubewegte, das ihm Eintritt gewahrte in das Herzland der Zeit.

Nun beeilte er sich umzukehren; er ging am Fluss entlang, dessen trübe Wasser an ihm vorbeigeschwemmt wurden mit unbekanntem Ziel. Alles hat sich verschworen, dachte er und rief sich, noch im Leben stehend, zur von ihm selbst gesetzten Ordnung. Aber da war auf einmal seine Mutter wieder da, obwohl es auf einen deutlich veränderten Abend zuging, und er schaute sie an wie schon lange nicht mehr. Eine alte, eine steinalte Frau redete da auf ihn ein, beschwor ihn zu heiraten, endlich jene Frau zu nehmen, die sie ihm erwählt habe aus gutem Grund. Ganz nah rückte sie an ihn heran, seine Mutter, die ihm wie eine Zumutung vorkam, wie ein die Auflösung herbeitreibender Sturzbach, den nichts, aber auch gar nichts mehr aufhalten konnte – und Thales sagte, was er sagen musste am Ende dieses denkwürdigen Tages: „Nun ist die Zeit dazu – vorüber!“

HOLZWEGE

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erstellt am 26.8.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Thales
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