Mediale Hofberichterstattung, ein selbstgefälliger Intendant und, trotz allem, zahlreiche musikalische Höhepunkte: Thomas Rothschild berichtet von der Schlussphase der diesjährigen Salzburger Festspiele.

Salzburger Festspiele

Merkel bevorzugt Buchbinder

Von den Salzburger Festspielen 2014, Teil 2

Von Thomas Rothschild

Bei den Salzburger Festspielen gibt es traditionell auch die Solistenkonzerte. Zum Beispiel mit Grigorij Sokolov. Da kommen die Leute, die an Musik interessiert sind und nicht daran, sich zu zeigen. Da sitzen knapp 2200 Menschen einem einzigen Konzertflügel gegenüber, und man könnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Sokolov geht geradewegs auf das Klavier zu, setzt sich, spielt – und erweist sich als der vielleicht aufregendste lebende Chopin-Interpret. Sein Anschlag lässt vergessen, dass es zwischen Tasten und Saiten eine Mechanik gibt. Sokolov bringt das Instrument zum Singen. Er setzt die Rubati mit einer Treffsicherheit, die den Gedanken an Alternativen gar nicht erst aufkommen lassen. Das Publikum weiß es zu schätzen. Es erzwingt sich sechs Zugaben, eine Verlängerung des Konzerts um 45 Minuten, bis kurz vor Mitternacht.

Der Opernhöhepunkt der heurigen Salzburger Festspiele kam gegen Ende und zugleich allen anderen Produktionen voraus. Es handelt sich nämlich um eine Übernahme von den Pfingstfestspielen. La Cenerentola, Rossinis Aschenputtel, ist die Rolle, mit der Cecilia Bartoli 1995 in Houston ihren internationalen Durchbruch schaffte. Sie singt und spielt sie immer noch mit überwältigender Präsenz und unnachahmlicher Koloraturkunst. Die eigentliche Entdeckung der charmanten und witzigen Inszenierung aber ist der mexikanische Tenor Javier Camarena in der Rolle des Prinzen. Zu Recht wurde er vom Publikum nicht weniger bejubelt als die Bartoli. Das Ensemble Matheus jedoch, das auf Originalinstrumenten der Epoche musiziert, wurde ein Opfer der miserablen Akustik im Haus für Mozart, dem erst vor wenigen Jahren mit viel Geld umgebauten Kleinen Festspielhaus. In den hinteren Reihen, in denen man übrigens auch eine schlechte Sicht hat, weil das Parterre nur minimal ansteigt, konnte man die Sänger auf der Bühne hören, aus dem Orchestergraben aber kam fast nichts herüber. „La Cenerentola“ a cappella.

Was Bartoli und Camarena für die „Cenerentola“, das waren Elīna Garanča und Juan Diego Flórez für Donizettis „La Favorite“. Dass sie konzertant aufgeführt wurde, war kein großer Verlust. Aber die Hierarchie journalistischer Wertschätzung bevorzugt szenische Aufbereitungen, und so blieb diese nur zwei Mal, davon einmal nachmittags, auf dem Programm stehende Oper ein wenig marginalisiert. Schad drum. Bei der Premiere wurde der Beginn um eine Viertelstunde verschoben, weil sich ein Bus mit Besuchern aus den ersten Reihen verspätet hatte. Intendant Pereira persönlich rügte das ungehaltene Publikum. Ob man auch auf verspätete Gäste gewartet hätte, die 26 statt 315 Euro pro Karte bezahlen?

Sven-Eric Bechtolf wurde für seinen „Don Giovanni“ von der Kritik heftig gebeutelt, nachdem schon seine „Così fan tutte“ im Vorjahr auf wenig Gegenliebe stieß. Auch der „Troubadour“ in der Regie von Alvis Hermanis fand wenig Gnade vor den Augen der meisten Rezensenten, die sich lieber Anna Netrebko zuwandten. Vor ihr lagen sie, zu Recht, auf den Knien. Immerhin muss man Bechtolf zugestehen, dass er seine Regieeinfälle aus dem Libretto heraus entwickelt hat, im Gegensatz zu Hermanis, der seine Konzeption, wie schon 2013 bei „Gawain“, dem Stoff überstülpt. Wieder ist er in eine Idee verliebt, die dem Libretto äußerlich bleibt, und gerät dann in einen Systemzwang, der ihn mehr und mehr von der Geschichte entfernt, von der die Oper handelt.

Alvis Hermanis hat sich in einem Interview zum Bluff bekannt. Dieses Geständnis unterscheidet ihn jedenfalls wohltuend von vielen Kritikern und Wissenschaftlern. Wenn jeder, der so tut, als hätte er (oder sie) „Finnegans Wake“ auf dem Nachttisch liegen, als höre er schon zum Frühstück John Cage, als reise er zu jeder Premiere von Frank Castorf, und in Wahrheit in seiner Freizeit Comic Strips „liest“, die dämlichsten Filme besucht und die abgeschmacktesten Schlager in den CD-Player steckt, Schreibverbot bekäme, stürbe die Profession der Kritik aus. Sie fragen reflexartig nach der tieferen Bedeutung und sehnen sich nach nichts so sehr wie nach seichter Unterhaltung.

Die dpa, auf die sich immer mehr Medien verlassen, die sich keine eigenen Kritiker mehr leisten, beginnt ihren Bericht über den Salzburger „Troubadour“ so:

„Die Kanzlerin war zwar nicht gekommen – sie hatte sich schon ein paar Tage zuvor den 'Rosenkavalier' gegönnt und ein Beethoven-Konzert mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder. Doch auch ohne Angela Merkel war die Neuinszenierung von Verdis 'Il Trovatore' am Samstagabend der unumstrittene gesellschaftliche Höhepunkt der diesjährigen Salzburger Festspiele. Schließlich standen mit Anna Netrebko und Plácido Domingo zwei Stars auf der Bühne, die zumindest in punkto Bekanntheit Merkel mühelos das Wasser reichen können.“

Das vermittelt einen Eindruck von der Hofberichterstattung, die uns alternativlos erwartet, wenn die Kulturkritik vollends abgeschafft ist.

Gleich drei Projekte schmücken die Salzburger Festspiele mit dem schönen deutschen Wort „young“. Das ist offenbar ein dehnbarer Begriff. Das „Young Singers Project“ wird als „hochkarätige Plattform zur Förderung des sängerischen Nachwuchses“ angekündigt. Eine ganze Reihe der 21 Stipendiaten hat seit längerem an großen Häusern gesungen oder gehört sogar deren Ensembles an. Ihr Niveau lässt nichts zu wünschen übrig. Nachwuchs stellt man sich anders vor. Wenn allerdings als eins der Ziele des Salzburger Unterrichts auch „die Erweiterung des Repertoires“ genannt wird, legt das Abschlusskonzert mit der Camerata Salzburg unter Theodor Guschlbauer kein Zeugnis dafür ab. Der modernste Komponist dieses Liederreigens war Franz Lehár. Warum traut man dem angeblichen Nachwuchs und seinem Publikum nicht mehr zu als Mozart, Rossini, Donizetti und Puccini? Das Image der Salzburger Festspiele als eine traditionalistische Institution wird durch solch eine Programmgestaltung nur bestärkt. Was hätte dagegen gesprochen, die jungen Sänger in den Schwerpunkt Wolfgang Rihm einzubinden?

Dass der nun vorzeitig nach Mailand scheidende Intendant Alexander Pereira bei vielen auf unverhohlene Antipathie stößt, hat mit seinem Auftreten zumindest ebenso viel zu tun wie mit seinem Programm. Warum bloß muss er alle paar Minuten von der Ouverture spirituelle, der vorgeschalteten Woche mit geistlicher Musik, die auch nach seinem Weggang beibehalten werden soll, als seiner „Erfindung“ sprechen? Täte es nicht auch ein Wort wie „Idee“?

Es ist diese großsprecherische Rhetorik, die Selbstgefälligkeit und die Uneinsichtigkeit gegenüber Kritik, was Pereira mehr schadet als die eher faden Dispute über Geld. Auch Jürgen Flimm war nicht gerade zimperlich, wenn es um Ankündigungen und Selbstlob ging, aber er hatte, im Gegensatz zu Pereira, wenigstens Witz und Ironie. Verräterisch, wie Pereira, der Sänger werden wollte und stattdessen für Olivetti Rechenmaschinen verkauft hat und der in erster Linie als Geldbeschaffer gerühmt wird, bei einer Pressekonferenz seinerseits den Schubert-Librettisten Kupelwieser rühmte, zu dessen Nachfahren, wie er mit hochgezogenen Augenbrauen bewunderte, die Brauer- und Senfhersteller-Familie Mautner Markhof gehört: Künstlerfamilien hätten oft auch bedeutende Unternehmer hervorgebracht. Pereira selbst darf Fanny von Arnstein als Ahnin ins Treffen führen. Man kennt sich.

Wenn ich einen Wunsch an die Salzburger Festspiele frei hätte, dann wäre er, dass die Zeitangaben auf der Website regelmäßig überprüft werden. Für „Fierrabras“ steht da: „Dauer der Oper ca. 2 Stunden und 30 Minuten“. Das stimmt, trotz starken Kürzungen, noch nicht einmal für die reine Spielzeit. Mit Pause dauert die Vorstellung 3 Stunden und 20 Minuten. Für den „Rosenkavalier“ stand lange „3 Stunden und 30 Minuten“ im Netz. In Wahrheit dauert er 4 Stunden und 40 Minuten. Und so weiter, und so fort. Spätestens nach der Generalprobe müsste es doch möglich sein, die korrekten Zeiten anzugeben. Es erleichtert die Planungen erheblich. Auch die im übrigen inhaltsreichen Programmbücher könnten eine Durchsicht vertragen. So muss es ja nicht sein, dass in der Biographie von Anett Fritsch angegeben wird, Michael Hanekes „Così fan tutte“ werde bei den Wiener Festwochen 2014 gastieren – zwei Monate, nachdem dieses Gastspiel stattgefunden hat.

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erstellt am 25.8.2014

La Cenerentola 2014. Cecilia Bartoli (Angelina) © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Salzburger Festspiele

18. Juli – 31. August 2014

Zum Programm

Solistenkonzert: Grigory Sokolov © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

La Cenerentola 2014. Cecilia Bartoli (Angelina), Javier Camarena (Don Ramiro) © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Il trovatore 2014. Anna Netrebko (Leonora), Plácido Domingo (Il Conte di Luna) © Salzburger Festspiele / Forster

Young Singers Project. Abschlusskonzert 2014 © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli / Lelli