Mit ihrem neuen Roman „Wunderlich fährt nach Norden“ vollzieht Marion Brasch einen Genrewechsel. Sie erzählt eine melancholische Geschichte, die die Grenzen der Realität und Logik überschreitet und der Phantasie Raum gibt. Literatur darf das, meint Stefan Geyer.

Buchkritik

Mit Hut und Blauharz

Marion Braschs Roman „Wunderlich fährt nach Norden“

Von Stefan Geyer

Mit ihrem neuen Roman Wunderlich fährt nach Norden vollzieht Marion Brasch – nach ihrem realitätsgesättigten Debüt Ab jetzt ist Ruhe (2012) – einen mutigen und radikalen Genrewechsel. Sie nimmt uns mit auf eine phantastische Reise und erzählt ein märchenhaftes Roadmovie, in dem die Grenzen der Realität und Logik des Öfteren überschritten werden.

Es fängt banal an. Wunderlich – der Name hätte nicht besser gewählt sein können – sitzt mit Marie, seiner Freundin, auf dem Dach eines großstädtischen Altbaus, als sie ihm eröffnet, sie werde ihn verlassen. Alles Bitten und Flehen nützt nichts, sie geht und lässt unseren Helden allein und verzweifelt zurück. Es passiert, was in einer solchen Situation passieren muss. Das Leben muss sich ändern, und man tut etwas, was man sonst nicht tut, um dem Alltag und Schmerz zu entfliehen.

Wunderlich kommt der Film „Zugvögel – Reise nach Inari“ in den Sinn. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der allein eine Zugreise nach Finnland unternimmt. Am nächsten Tag setzt Wunderlich, im besten Midlifekrisenalter und eher antriebsarm und phlegmatisch, den Hut auf, fährt zum Bahnhof, kauft sich eine Monatsnetzkarte und besteigt den nächsten Zug nach Norden. So ganz von allein ist er nicht auf diese Idee gekommen. Da gibt es noch „Anonym“, eine unbekannte Stimme, die sich per SMS meldet. Guck nach vorn hat sie ihm gesagt. Anonym ist eine Art innere Stimme, allerdings eine mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie ist keine gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat, und gelegentlich ist sie auch eigensinnig und verweigert Antworten. Anonym wird Wunderlich auf seiner wundersamen Reise in eine Parallelwelt begleiten. Wunderlich lässt sich von Anonym treiben.

Die Reise beginnt mit einer Schaffnerin mit Blockwartcharakter und ist bereits nach einer Stunde wieder beendet. An einem Geisterbahnhof irgendwo in der Pampa verlässt Wunderlich den Zug wieder – Anonym hatte ihm dazu geraten. Es war doch im Grunde völlig egal wo er gerade war, und hier war es genauso gut wie anderswo. Dort lernt er Finke kennen, eine eigenwillige, undurchschaubare, aber nicht unsympathische Figur. Sie trinken Bier zusammen, fassen Vertrauen zueinander. Schließlich nimmt Finke ihn mit zu der heruntergekommenen, ehemaligen Gaststätte, in der er haust. Irgendwann ist das Bier alle. Finke fährt zur Tankstelle, um neues zu holen – und kommt nicht zurück.

Es folgt eine Odyssee durch eine gottverlassene Gegend, in deren Verlauf Wunderlich weitere skurrile, aber meist liebenswerte Menschen begegnen. An erster Stelle sei hier Toni genannt, eine androgyne Göre – und, laut Anonym, eine notorische Lügnerin – mit der er sich schnell anfreundet. Für Toni ist Wunderlich nur der Hutmann. Die Ereignisse überschlagen sich und Wunderlich trägt die eine oder andere Blessur davon. Zum Glück gibt es aber das Blauharz, das er mit Toni zusammen entdeckt. Ein magischer Stoff, der Wunden heilen kann, aber auch die Erinnerung daran. Wir sind in einem Märchen.

Als Finke nach vier Tagen immer noch nicht wieder zurückgekommen ist, verlässt ein veränderter Wunderlich diesen Ort, der ihm Heimat geworden ist, auf abenteuerliche Weise in Richtung Norden. Zuvor nimmt ihm Toni das Versprechen ab zurückzukommen.

Er schafft es bis zum Meer, mietet sich im besten Haus am Platze ein und kehrt nach wenigen Tagen wieder zurück. Oder doch nicht?

Die Autorin betont immer wieder, dass diese Geschichte an jedem Ort der Welt spielen könne, Hauptsache, die Landschaft sei platt wie ein Brett. Jedoch darf man sich das Haus, auf dessen Dach alles beginnt, als einen Altbau in Prenzlauer Berg vorstellen und bei den verlassenen Landschaften fühlt man sich in Bilder Mecklenburgs aus Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ (1993) versetzt.

In Wunderlich fährt nach Norden erzählt Marion Brasch mit leichter Hand eine melancholische Geschichte, die Grenzen überschreitet und der Phantasie Raum gibt. Literatur darf das. Um Wunderlich nicht zu vergessen, sollten wir die Finger vom Blauharz lassen.

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erstellt am 23.8.2014

Marion Brasch
Marion Brasch

Marion Brasch
Wunderlich fährt nach Norden
Roman
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-001368-2
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014

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