Der Berliner Schriftsteller Peter Wawerzinek hat ein Talent, menschliche Katastrophen in Literatur zu verwandeln. Und er schöpft seinen literarischen Stoff aus der eigenen Biografie. In seinem jüngsten Roman „Schluckspecht“ zeichnet Wawerzinek ein klares Bild vom Trinken und von Trinkern, meint Alexandra Hartmann.

buchkritik

Vom Trinken und von Trinkern

„Schluckspecht“ von Peter Wawerzinek

Von Alexandra Hartmann

Zwei besondere Eigenschaften zeichnen das literarische Werk des in Berlin lebenden Schriftstellers Peter Wawerzinek aus: Er hat ein Talent, menschliche Katastrophen in Literatur zu verwandeln. Und er schöpft seinen literarischen Stoff aus der eigenen Biografie. Das ist mutig, denn er legt in seiner Literatur offen, dass es das Leben nicht immer gut mit ihm gemeint hat.

Bloß kein Selbstmitleid!

Nach dem Überraschungserfolg von „Rabenliebe“ im Jahr 2010 begibt sich Wawerzinek in seinem jüngsten Roman „Schluckspecht“ wiederholt auf schwieriges Terrain: In „Rabenliebe“ beschreibt er, angelehnt an sein eigenes Schicksal, die Suche nach der Mutter, die ihr zweijähriges Kind verlassen hat, um in den Westen Deutschlands zu gehen.
„Schluckspecht“ kann als literarische Fortsetzung seines Lebenslaufs betrachtet werden. Eine Erzählung mit tragisch-komischen Zügen, die ohne Selbstmitleid und Verbitterung auskommt.
Der scherzhaft klingende Titel deutet bereits die vielschichtige Tonlage des Romans an: Sie vereint Komik, Lebensfreude, Heiterkeit, Schmerz und Verzweiflung.

„Ein Schluckspecht zu werden, bereitet mir keine Angst. Er trägt einen roten Hut. Er hat einen langen Hals aus Glas, eine Kugel zum hinteren Ende ist der Bauch. Er senkt sich zu einem Becher vor sich, nippt von der Flüssigkeit. Braucht keine helfende Hand dafür. Er taucht sein Schnabeldings in die Flüssigkeit, labt sich an ihr, lässt ab vom Glas. Schwappt unerwartet empor, juhu.“

Wawerzinek gelingt es, auf eine Weise über sein früheres Trinkerdasein zu erzählen, wie sie Ihresgleichen sucht. Sein Faible für Wortspiele und sein Sinn für Humor sind dabei wie das Salz in der Suppe: Ohne Zynismus streut er immer wieder doppeldeutige und heiter-ironische Anspielungen und Lebensweisheiten in seine Sätze und macht so das Schwerverdauliche leichtbekömmlich, ohne ins Lächerliche abzurutschen.

Mit welchem Schluck fing alles an?

Wawerzinek lässt seinen Romanhelden noch einmal den Weg gehen, der ihn selbst in den Alkoholismus geführt hat. Alles begann mit einem Schnüffeln am Rumtopf von Tante Luci:

„Hätte ich besser auf Tante Luci gehört, es wäre nicht so schlimm mit mir gekommen. Hätte ich die Augen fest verschlossen und meine Nase gut abgedichtet, wie es die Delphine tun, wenn sie abtauchen, und nicht an Tante Lucis Likörglas gerochen, als Tante Luci es mir unter die Nase hielt, ich wäre vielleicht davongekommen.“

Aber er kommt nicht davon, trotz Tante Lucis Warnungen: „Werd mir bloß kein Schluckspecht!“ Doch war das nicht das lustige Ding mit rotem Hut auf dem Kopf? Ein Spaßvogel, der eher zum Trinken animiert und die Gefahren des Alkohols verharmlost.

Wawerzineks Protagonist wächst im Hause der Tante auf, eine kleine, feucht-fröhliche Gemeinschaft, in der alle mehr oder weniger Schluckspechte sind oder werden. Onkelonkel, Tante Lucis Gatte, kippt sich schon am Mittag gern mal einen hinter die Binde und verlangt nach seiner Fischmahlzeit: „Her mit dem Schnaps, Fisch muss schwimmen!“ Die Tante wirft zwar ein: „Steter Tropfen höhlt jedes Hirn“, aber Onkelonkel besinnt sich lieber auf die lindernde Wirkung, die er dem Alkohol zuschreibt: „Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör.“

Und Tante Luci hat sowohl Sorgen als auch Likör im Haus, obwohl sie betont: „Ich trinke, wie du weißt, Junge, nur ganz, ganz selten Alkohol. Und wenn, dann trinke ich Heiligabend diesen einen Likör.“

Von Tante Lucis Zurückhaltung ist jedoch nichts mehr zu spüren, wenn sie ihren traditionellen Rumtopf zubereitet – eine Schlüsselszene im Roman: Wie eine „Furie aus der Unterwelt“ wirbelt sie durch die Küche, zerkleinert Früchte, mischt Alkohol mit Fruchtsäften und zelebriert die Herstellung der „Obstsuppe“, als handele es sich dabei um einen Initiationsritus.

Tante Lucis Gefahrenabwehr ist löchrig. Wenn sie hingebungsvoll ihr Likörchen zwitschert, begleitet von ihrem knallenden „Egészségedre Palinka!“ – dient das gewiss nicht zur Abschreckung, um das Kind von Alkohol fernzuhalten. Und immer wieder fällt die Tante morgens auf unerklärliche Weise plötzlich nochmal in den Tiefschlaf. Wenig später muss der Held gestehen: „Egészségedre Palinka hat mich verführt und fallen gelassen.“

Von Schluckspechten und Schnapsdrosseln

Ein Schnüffeln am Rumtopf, ein Gläschen Eierlikör. Als Jugendlicher danach das erste, offizielle Glas Wein mit Onkelonkel. Später die zahlreichen Saufwettbewerbe mit Freunden. Der Heranwachsende entwickelt sich im Laufe der Jahre zum größten „Schluckspecht“ von allen. Er trinkt alle unter den Tisch und ist am nächsten Morgen der Erste, der sich gleich wieder einen genehmigt. Als die selbstgebraute „schwarze Johanna“ in sein Leben tritt, sorgt sie dafür, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Sie steigt ihm zu Kopf, vernebelt ihm die Sinne wie eine große, zerstörerische Liebe.

Die Zeit der wilden Jugend ist passé, doch das Trinken hört nicht auf. Während seine Freunde dem Saufgelage abschwören, trinkt er heiter weiter mit Zechkumpanen, Schnapsdrosseln, Co-Trinkern und schrägen Vögeln. Allabendlich begießen sie das Leben mit Bier, Wein und Schnaps in rauen Mengen. So spülen sie ihre Nöte und Sorgen und quälenden Lebensfragen jeden Abend hinunter. Die Abstürze und Exzesse jenseits der Promillegrenze häufen sich, bis es nicht mehr weitergeht. Die Stunde null wird zum Wendepunkt – zur Überlebensfrage.

Autor und Romanheld als Wahlverwandte

Der unaufhaltsame Fall des Protagonisten ins Bodenlose lässt sich von Wawerzineks eigenen Erlebnissen mit Alkohol kaum unterscheiden. Dennoch hat der Autor sich nicht zum eigenen Romanhelden gemacht. „Schluckspecht“ ist keine Autobiografie, bleibt aber eine wahre Geschichte.

Held und Autor eint der Schmerz: Als Kind von den Eltern verstoßen, bei Pflegeeltern untergebracht, wachsen sie entwurzelt auf. Sie wissen nicht, wer sie sind, wohin sie wirklich gehören. Ihre innere Zerrissenheit entspringt dem Gefühl einer Identitätslosigkeit, die sich mit Ersatzeltern und Ersatzmitteln wie Alkohol nicht auffangen lässt. Beide durchleben die gleichen Stationen und Stadien: Alkohol, Abhängigkeit, Absturz, Absprung.

Indem Wawerzinek das Trinkerdasein seines Protagonisten beschreibt, kehrt der Autor zurück zum Ausgangspunkt seiner eigenen Alkoholsucht. Aus der Position eines „Geretteten“ schildert er mit scharfer Beobachtungsgabe die abgrundtiefen, düsteren Seiten der Abhängigkeit.

Und genau darin besteht Wawerzineks Kunst: Es gelingt ihm, die Alkohol-Problematik, ein gesellschaftliches Tabu, zum Gegenstand seiner Literatur zu machen, ohne zu beschönigen oder auszuweichen. Er lässt die unzumutbaren, hässlichen Nebenwirkungen der Alkoholsucht nicht weg und schont damit weder sich noch seine Leser. Das Unvermeidliche kommt – ungeschönt und unaufhaltsam – und plötzlich ist es da.

Wawerzinek leistet in „Schluckspecht“ keine Abbitte, um früheres Fehlverhalten wiedergutzumachen. Er ist auch nicht auf Applaus aus, dafür, dass ihm der Absprung aus der Alkoholsucht gelungen ist, obwohl dies allein für sich genommen, eine enorme Leistung ist.
Dem 59-Jährigen ist das Kunststück gelungen, aus dem diffusen Bild von „Alkis“ und „Schluckspechten“ ein klares Bild vom Trinken und von Trinkern zu zeichnen.

Peter Wawerzinek liest aus „Schluckspecht“

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erstellt am 22.8.2014

Peter Wawerzinek. Foto (Ausschnitt): Alexander Paul Englert
Peter Wawerzinek. Foto (Ausschnitt): Alexander Paul Englert

Peter Wawerzinek
Schluckspecht
Roman
Gebunden, 460 Seiten
ISBN 978-3-86971-084-6
Verlag Galiani Berlin, 2014

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Vita

Peter Wawerzinek

Am 28.09.1954 kommt Peter Wawerzinek in Rostock unter dem Namen Peter Runkel zur Welt. Er ist zwei Jahre alt, als seine Mutter ihn und seine jüngere Schwester zurücklässt, um in den Westen zu gehen. Nachbarn finden die Kinder in der völlig verwahrlosten Wohnung.
Die kommenden Jahre verbringt er, getrennt von seiner Schwester, in verschiedenen DDR-Kinderheimen und bei verschiedenen Pflegeeltern. Schließlich adoptiert ihn ein Lehrerehepaar, dessen Nachname er seitdem trägt.
Nach seiner Schulzeit macht Wawerzinek eine Lehre als Textilzeichner und zieht 1978 nach Ost-Berlin. Dort beginnt er ein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, das er nach zwei Jahren abbricht.
Er jobbt unter anderem als Briefträger und arbeitet als Kellner bei dem Bahn-Serviceunternehmen „Mitropa.“ Gleichzeitig ist er als Performance-Künstler und Stegreif-Poet in der Ost-Berliner Literaturszene in Prenzlauer Berg aktiv. Dort wird er in den 80er Jahren unter dem Namen „Schappi“ bekannt. Seit 1988 arbeitet er als freier Schriftsteller, Hörspielautor und Regisseur.

Werke und Auszeichnungen

Nach der Wende veröffentlicht er zahlreiche Prosatexte sowie eine Sammlung von Parodien zur DDR-Literatur.
1991 erhält er den Deutschen Kritikerpreis für Literatur; 1993 den Hörspielpreis der Akademie der Künste in Berlin für die Hörspielfassung seines Romans „Nix.“
2010 gelingt ihm nach längerem Rückzug aus dem Literaturbetrieb mit seinem Roman „Rabenliebe“ sein bisher größter Erfolg. Für einen Auszug daraus erhält er den Publikums- und Ingeborg-Bachmann-Preis. Sein Buch gelangt außerdem auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
2014 erscheint sein Roman „Schluckspecht.“ Darin bearbeitet der 59jährige seine Zeit als Alkoholiker. Nach jahrelanger Therapie trinkt er heute kontrolliert. Spätestens nach dem dritten Glas ist Schluss.