Nino Haratischwili blickt aus georgischer Sicht auf hundert Jahre Zeitgeschichte. In Ihrem opulenten Roman „Das achte Leben“ analysiert sie die gesellschaftlichen Folgen der Diktaturen Stalins und Berias. Das Buch ist vor dem Hintergrund der Konflikte in der Ukraine hochaktuell und zudem ein sorgfältig recherchiertes, bedeutsames Werk der Gegenwartsliteratur. Dass es auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 fehlt, ist unverzeihlich. Andrea Pollmeier führt ein Faust-Gespräch mit der Autorin.

Das achte Leben

Den Fluch brechen

Nino Haratischwili im Faust-Gespräch

Andrea Pollmeier: Sie haben sich tief in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts eingearbeitet. Aus georgischer Sicht öffnen Sie rückblickend den Eisernen Vorhang und geben Einblick in das dramatische Leben sowjetischer und postsowjetischer Staaten. Ihr Roman ist vor dem Hintergrund der Konflikte in der Ukraine hochaktuell und zudem ein sorgfältig recherchiertes, bedeutsames Werk der Zeitgeschichte. Seit wann haben Sie daran gearbeitet?

Nino Haratischwili: Vier Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet, in den letzten zwei Jahren sogar ausschließlich. Alle Theaterprojekte und Inszenierungen wurden auf Eis gelegt, ich reiste nach Russland und Georgien, um vor Ort in Archiven zu recherchieren und mit Augenzeugen zu sprechen.

Sie beschreiben vor realem historischem Hintergrund die fiktive Familiengeschichte des Schokoladenfabrikanten Jaschi. Fünf Generationen bewegen sich zwischen Hoffnung und Tragik, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Stalingrad und Perestroika. Die Einbettung in diesen soziohistorischen Kontext ist außerordentlich gut gelungen und gerade auch für westliche Leser spannend. Auf der Basis fundierter Fakten wird die emotionale Verfasstheit einer Gesellschaft, über die wir noch immer wenig wissen, spürbar. Was hat sie motiviert, dieses Thema zu bearbeiten und in einen so komplexen historischen Kontext zu stellen?

In Georgien und in vielen postsowjetischen Ländern hat die Aufarbeitung der eigenen Historie noch nicht wirklich stattgefunden. Es gibt viele Wissenslücken. Dieses Defizit hat mich irritiert, und so habe ich mich, obgleich ich keine Historikerin bin, in das Thema „reingefuchst“.

In Ihrem Roman verbinden Sie historische Tatsachen mit einer fiktiven Familiengeschichte, deren Schicksal Sie über fünf Generationen detailliert nachzeichnen. Gibt es für diese Familie und die nuanciert entwickelten Charaktere ein reales Vorbild?

Jede Familie war damals von der schwierigen gesellschaftlichen Gesamtlage betroffen, die 90er Jahre habe ich selbst bewusst miterlebt. Man war Teil des Systems, wer darin lebte, hatte nur die Wahl, sich zu arrangieren oder querzustellen. Die beschriebene Geschichte ist nicht meine eigene oder die von meiner Familie. Doch entsprechen die Verbindungen, die die Erzählerin zur Sowjetunion hat, auch meinen eigenen Erfahrungen.

Hatten Sie von Anfang an im Sinn, ein solch komplexes, hundert Jahre umfassendes Werk zu schreiben?

Seit meiner Jugend bin ich immer wieder auf Dinge gestoßen, für die ich keine Antworten hatte. Ich begann also nachzuforschen und mich mit der Geschichte der Sowjetunion auseinanderzusetzen. Beim Schreiben wollte ich zeigen, dass historische Ereignisse nicht losgelöst sind, sie sind immer eine Konsequenz von etwas, was sich davor ereignet hat. Diese Struktur spiegelt sich in meinem Roman wider. Alle Figuren sind in die Geschichte eingebettet und bleiben miteinander verbunden. Dieser Urgedanke hat den Roman bestimmt und zeigt sich auch im Titel: „Das achte Leben“ – Die Zahl „Acht“ weist darauf hin, dass alle Ereignisse miteinander verbunden sind.

Dieser Zusammenhang wird von der Erzählerin von Zeit zu Zeit reflektiert. Diese Erzählweise hilft dem Leser sehr, sich über die gut 1200 Seiten hinweg zu orientieren und die groben Linien im Blick zu behalten. Auch Bewertungen politischer Abläufe fließen in Ihren Text mit ein. Die Politik von Gorbatschow und Schewardnadse wird von Akteuren in Ihrem Buch beispielsweise sehr unterschiedlich gesehen. Wollten Sie mit dem Roman zur Bewertung der sowjetischen Politik einen Beitrag leisten?

Ich schreibe keinen historischen Roman und auch kein Sachbuch. Es handelt sich vielmehr um eine subjektive Sicht auf die Ereignisse. Um diese subjektive Haltung deutlich zu machen, ist der Roman wie ein Brief an eine Person adressiert. Niza, die Erzählerin, schildert ihrer Nichte Brilka die Abgründe ihrer durch zeithistorische Turbulenzen geprägten Familiengeschichte. Dieser subjektive Blick entspricht nicht immer meiner Meinung, es ist Nizas Meinung. So konnte ich in dem Roman zu vielen Ereignissen eine Haltung entwickeln, ohne objektiv oder historisch wahr sein zu müssen. Bei den historischen Figuren ist das anders, die hat es wirklich gegeben, hier kann ich nichts komplett erfinden. Ich kann jedoch über sie aus der Perspektive einer Figur erzählen, die ich erfunden habe. Egal, ob es um Stalin, den georgischen Diktator Beria, Schewardnadse oder um Gorbatschow geht, nie hatte ich den Anspruch, diese Figuren in ihrer historischen Relevanz zu bewerten. Dann hätte ich ganz anders recherchieren und ein Sachbuch über diese Figuren schreiben müssen. Dass ich alles aus der Perspektive meiner erfundenen Figuren schildere, die in der jeweiligen Zeitphase leben, macht es für mich als Autorin leichter. Über ihre Haltungen kann ich eventuell auch meine Haltung einfließen lassen, manchmal findet das statt, manchmal aber auch nicht, manchmal mündet es auch in Kontroversen oder paradoxe Positionen der Figuren, die dann einfach im Raum stehen bleiben.

Die Erzählung wird auch von der Trennlinie zwischen Ost und West geprägt. Sie schildern Ereignisse wie die Russische Revolution, den Zweiten Weltkrieg, den Kalten Krieg oder die Kuba-Krise, die weltumspannende Relevanz hatten, aus der Sicht der Menschen, die in der Sowjetunion bzw. später hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben. Viele Details konnten und sollten im Westen nicht bekannt werden. Wollten Sie beim Schreiben gerade auch westlichen Lesern Zusammenhänge erkennbar machen?

Gewiss werden Menschen aus dem Osten das Buch anders lesen als Menschen aus dem Westen. Geschrieben habe ich das Buch jedoch aus einem ganz egoistischen Motiv: Ich wollte verstehen, was hinter mir liegt und warum die Dinge in Georgien und Russland heute so und nicht anders sind? In welche Zusammenhänge wurde ich hineingeboren, wie könnte es dort weitergehen, diese Fragen gingen dem Schreiben voraus. Ich wollte das Riesenkonstrukt Sowjetunion verstehen, denn das Land, in das ich 1983 geboren wurde, existierte heute nicht mehr. Ich habe eine Geburtsurkunde auf der immer noch ein Leninkopf ist, dies ist so surreal. Von heute aus gesehen, scheint es sich um eine andere Ära oder um ein komplett erfundenes Land zu handeln. Diese Zusammenhänge wollte ich verstehen und dem Leser, egal ob er aus dem Westen oder Osten kommt, so gut wie möglich vermitteln. Ich wollte ihn auf meine subjektive Zeitreise mitnehmen.

Entstanden ist ein komplexes, sorgfältig recherchiertes und literarisch klug gestaltetes Werk. Sie geben dem Lesenden die Chance, seinen Blick bis an den Kaukasus hin auszuweiten.

Mein Anspruch ist jedoch nicht, fortzubilden, ich habe keine endgültigen Antworten. Um meine Fragen beantworten zu können, habe ich mich auf eine Odyssee begeben, habe recherchiert und parallel weiter geschrieben, das war für mich eine außergewöhnliche Arbeitsweise. Es galt, so viele Dokumente, Pressebeiträge und Materialien auszuwerten. Es war eine Versuchung, alles einzuarbeiten. Später wurde nach dem Motto „kill your darlings“ wieder sehr viel gestrichen. Georgien ist eine Schatztruhe an Material, das in den Archiven und in den Köpfen der Zeitzeugen existiert. Mich wundert, dass sich bisher keiner an diese Themen in Georgien herangewagt hat. Vielleicht ist es einfach ein Vorteil, dass ich dort jetzt nicht mehr lebe und somit genügend Distanz habe.

Die vielfältigen Schicksale, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, nehmen fast immer eine tragische Wendung, ist die soziale Wirklichkeit, die sie beobachtet haben, dafür primär verantwortlich?

Es ist meine feste Überzeugung, dass man nie frei ist von seiner Zeit und seinem Milieu und seinen sozialen Umständen. Dies gilt insbesondere für totalitäre Systeme, es gibt darin keine Entscheidungsfreiheit. Eine Wahl haben nur Auserwählte, jede Art von Revolte endet in Gefängnissen oder wird mit dem Leben bezahlt. Da ist es verständlich, dass viele Leute gelernt haben, sich mit den Umständen zu arrangieren. Im Buch habe ich versucht, mich in die Figuren hineinzuversetzen und zu verstehen, wie viele Möglichkeiten es für sie gibt? Kostja zum Beispiel wird zum Teil des Systems, er unterstützt es und glaubt daran. Seine Schwester hingegen wird wegen eines grausamen Irrtums ein Opfer des Systems und ist gezwungen, dieses System zu hassen und sich dagegen aufzulehnen. Ihr wurde jede Art von Zukunft genommen. Diese Wege sind sehr charakteristisch. Außerdem gibt es Stasia, mit dieser Figur habe ich lange gerungen. Ihre Art des Opportunismus ist mir persönlich fremd, dennoch wollte ich diese Haltung unbedingt einfangen, da sie für die Mehrheit in Georgien typisch ist. Sie finden das System nicht wirklich gut, sehen aber dessen Vorteile und nutzen sie. Stasia ist in dieser Weise hin- und hergerissen zwischen ihrem Mann und ihren Kindern, bleibt aber passiv.

Stasia entwickelt jedoch eine eigene Art Weisheit, sie hat im Alter die Gabe, die ihr nahestehenden Toten zu sehen.

Der weit verbreitete Opportunismus Stasias und ihre merkwürdige Passivität waren für mich anfangs schwer zu greifen. Sie verändert sich jedoch durch die Geschichten, die sie erlebt. Nachdem sie an ihrer Realität gnadenlos scheitert, entwickelt sie ihre magische Ader und erzeugt eine Art Parallelrealität. Diese Reaktion hat sie mir im Verlauf des Buches näher gebracht.

Dass sie Opportunismus und Passivität an ihren Figuren ablehnen, spürt man auch bei anderen Charakteren. Anpassung bringt ihnen allerdings kein Glück. Doch auch Widerstand ist in dieser Welt offenbar keine Lösung. Die Personen, die sich wehren, scheitern ebenfalls.

Ich bin nicht der Meinung, dass sich jede Art von Auflehnung lohnt. In jener Zeit gab es eine unglaubliche Ambivalenz, das traf auch auf viele Menschen zu, die ich selbst gekannt habe. Glühende Stalinisten haben trotzdem heimlich Bulgakow gelesen, einige sangen morgens Pionierlieder und hörten abends Led Zeppelin. Ambivalenz war fast immer und überall zu spüren.

Im Laufe der Recherchen habe ich festgestellt, dass Stalin, der selbst Georgier war, bei seinen Säuberungsaktionen Georgien keineswegs verschont hat. Ganz im Gegenteil, die Opferzahlen zählten vergleichsweise zu den höchsten. Trotzdem gab es, als er starb und Chruschtschow seine berühmte Rede hielt, in der er erstmals den „Gott“ öffentlich in Frage stellte, viele Georgier, die auf die Straße gingen und protestierten. Selbst junge Georgier fühlten sich paradoxerweise gekränkt, dabei hatten die meisten durch Stalins Repressionen Opfer in der eigenen Familie zu beklagen. Dieses bedingungslose Festhalten an Stalin hat mich geschockt.

Warum haben Sie Stalin nicht wie andere Politiker auch bei seinem Klarnamen genannt, sondern umschrieben?

Das war bei Stalin und auch bei Beria, dem kleinen großen Mann und dem Generalissimus, eine lange Überlegung. Meiner Meinung nach sind in dieser Region 80 Prozent der Geschichte durch diese zwei Männer bestimmt worden. Vor allem für die Jaschi-Familie waren sie – wie die heiße Schokolade – ein Fluch, von dem man sich nicht befreien konnte. Beide Diktatoren sind auch nach ihrem Tod noch omnipräsent, sie haben sich in diese Länder und in die Biografien der Menschen eingeschrieben, blutig und schrecklich, bis heute können sich die Menschen nicht wirklich davon befreien. Auch Georgien steht immer noch im Schatten dieser beiden Personen.

Für mich war es darum ähnlich wie für Niza: Niza schreibt sich frei, sie versucht, sich dieser schicksalhaften Vorbestimmung zu entziehen, damit die Zukunft ihrer Nichte Brilka eine andere werden kann. Erst am Ende gelingt es, den Fluch zu brechen. Ich breche ihn im Roman mit einem Witz – denn erst, wenn Menschen sich mit der Diktatur auseinandergesetzt haben, sie analysiert und ihre Freiheit zurück erlangt haben, verlieren diese Männer ihren fluchartigen, omnipräsenten Status. Dies war der Leitfaden, den ich die ganze Zeit im Sinn hatte. Der Fluch musste irgendwann zerschlagen werden.

+In zahlreichen Episoden zeigen Sie, wie sich Geschichte zwar im Detail wandelt, in ihren Grundzügen jedoch auf nahezu fatale Weise wiederholt. Spürbar wird das an den einzelnen Charakteren, die wir lesend von der Geburt bis zum Tod begleiten. Man sieht, welchen Härten sie ausgeliefert sind, beobachtet ihre (Fehl-)Entscheidungen und spürt ihr Altwerden. Zugleich gibt es historische Ereignisse, die real stattgefunden haben und in die ihre Figuren eingeflochten werden. So entsteht ein lebendiger Erzählfluss, den sie mit gekonnter Dramaturgie und subtiler Symbolik lenken.

Der Witz, den sie ansprechen, markiert zwei zentrale Momente dieses Erzählflusses. Beschrieben werden beide Male eine revolutionäre Demonstration, bei der an einen Stalin verunglimpfenden Witz erinnert wird. Bei der ersten Demonstration ist die Zeit noch nicht reif, den Witz auszusprechen. Erst später, als in einer parallelen Situation die Protesthaltung tiefgreifender ist und der Fluch des Diktators nicht mehr wirkt, ist es möglich, den Witz zu erzählen.+

So, wie man in heidnischen Religionen das Wort „Teufel“ nicht in den Mund nehmen darf, verhielt sich das über Generationen hinweg mit den Namen der beiden Diktatoren Stalin und Beria. Nicht, dass sie gar nicht genannt wurden, aber man nannte die Namen nicht einfach so, sie waren immer omnipräsent und bestimmend über das Leben von Millionen von Menschen. Es ist für mich wichtig, dass am Ende des Romans die Diktatoren banalisiert und ihre Namen entmystifiziert werden. In der Geschichte handelt es sich um einen echten Witz, den man in den 30er Jahren erzählt hat und der die Grausamkeit dieser Zeit widerspiegelt. Die Menschen haben sich das damals ausgedacht und gegenseitig heimlich erzählt.

Dieser Witz charakterisiert auch die Art, wie sie einzelne Elemente dieser Zeit recherchiert und in ihren Roman einbezogen haben. Anhand solch realer Details nähert sich die Erzählung der Stimmung dieser Zeit an. Beim Lesen wird man zum Teil dieser Demonstration auf dem Schulhof, zerschlägt das Fensterglas und klettert schutzsuchend in das verhasste Schulgebäude. Sie führen tief in die Szene hinein, leuchten sie genau aus und machen Stimmungen der Angst in unterschiedlichsten Sprachbildern spürbar. Ihr Variantenreichtum ist beeindruckend, denn es sind zahlreiche Angstmomente, die sie im Kontext der politischen Konflikte beschreiben.

Oft habe ich erlebt, dass Texte über grausame Taten wie eine Statistik daherkommen. Sie bleiben abstrakt grausam, vielleicht wollte man das Geschehen unbewusst von sich fern halten. Für mich war es darum wichtig, dass ich die Ereignisse beim Schreiben nah an mich heran gelassen habe. Ich wollte auch harte Themen, selbst wenn es enervierend ist, lebensnah beschreiben. Eine der zentralen Figuren im Roman, Kostjas Schwester Kitty, wird bei einem Verhör grausam gefoltert. Solch ein Ereignis ist für das ganze Leben prägend, bei Kitty führt es beispielsweise dazu, dass sie sich trotz ihres Erfolgs als Sängerin am Ende das Leben nimmt. Ich wollte mich unbedingt so gut wie möglich in solche Momente hineinversetzen und schauen, was sie mit dem Menschen machen.

Man spürt, dass sie sich in jede Figur ihrer Erzählung eingefühlt haben und auch schwere Schicksale angemessen nuanciert beschreiben. So gibt es eine Vergewaltigungsszene, die aus der Perspektive der Ich-Erzählerin geschildert wird und sehr nah geht.

Bei solch einem Thema darf man sich nicht schonen, meine ich. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles eins zu eins nachfühlen kann, manche Situationen sind fremder, und dann muss man sich mehr anstrengen, aber bei diesem Thema wollte ich weit hinausschwimmen …

Auf solch prägende Erlebnisse wird in Rückblicken wiederholt Bezug genommen. Beim Weben Ihres „Teppichs“ – Sie führen diese Metapher für das Geschichtenerzählen in Ihrem Roman selbst ein – laufen die Fäden auf der Zeitachse also nicht nur nach rechts und links, sondern immer wieder auch vor und zurück. Regelmäßig gibt es zusammenfassende Reflexionen, die Grundmuster verdeutlichen. So verdichtet sich das gesamte Erzählwerk systematisch. Die Erzählerin, die zunächst rückblickend ihre Ahnen beschreibt, erreicht in ihrer Erzählung irgendwann sich selbst und beginnt, von einem neu geborenen Kind in der Ich-Perspektive zu sprechen. Dieser Kunstgriff verstärkt das Empfinden, dass die im Roman beschriebene Zeit immer mehr an die Gegenwart heranrückt und letztlich in Bilder der Zeitgeschichte einmündet.

Ich habe lange überlegt, welche Form ich für die Erzählung wähle. Es sollte wie ein Brief wirken, der an eine andere Person adressiert ist. Darum habe ich dies schon im Titel erkennbar gemacht: „Für Brilka“ heißt es dort in der Unterzeile. Diese Form hat mir als Autorin sehr viele Freiheiten ermöglicht, ich konnte sagen: Ich stelle mir vor … das machte mich freier, ich muss keinen angestrengten Realismus behaupten, es gibt zwar auch die dokumentarischen Einblendungen, der Hintergrund ist faktisch, doch dann gibt es Szenen, wo erkennbar wird, dass die Fakten mit Hilfe der eigene Vorstellungskraft ausgemalt werden. So sagt die Erzählerin, als Brilka geboren wird, zu der Nichte im Roman: Brilka, sorry, ich muss dich zu meiner Figur machen, muss dich für meine Geschichte ausleihen.

Durch diese Eingriffe entsteht eine Art Brecht´scher Entfremdungseffekt. Immer wieder wird man aus der selbstvergessenen Lesehaltung herausgezogen und dazu aufgefordert, Wirklichkeit und Fiktion voneinander zu unterscheiden. In diesem raffinierten Wechselspiel geht man als Lesender nicht verloren, mein Kompliment.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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erstellt am 21.8.2014

Nino Haratischwili.  © Danny Merz/Sollsuchstelle*
Nino Haratischwili. © Danny Merz/Sollsuchstelle*

Nino Haratischwili
Das achte Leben (Für Brilka)
Roman
Gebunden, 1280 Seiten
ISBN 978-3-627-00208-4
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2014

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