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Die postmoderne Architektur ist nah und gleichzeitig fern. Das Deutsche Architekturmuseum zeigt anlässlich seines 30. Geburtstages eine Ausstellung, die die Revision der Moderne als erstes Thema des Hauses ernst nimmt und gleichfalls das Wirken des Gründungsdirektors Heinrich Klotz anhand seiner Aufzeichnungen und Ankäufe beleuchtet. Isa Bickmann hat die Frankfurter Ausstellung besucht.

Architektur

Das Schwimmen auf einer herrlichen Welle (trotz Gegenwind)

Heinrich Klotz, die Postmoderne und das Deutsche Architekturmuseum

Von Isa Bickmann

Wer die Treppen nicht steigen wollte, fuhr damals in Marburg mit den alten, wackeligen Aufzügen der Buchhandlung Elwert in die Oberstadt, auch wenn auf den beiden Teilstrecken das Risiko eines unfreiwilligen längeren Zwischenaufenthaltes mitfuhr. Dann, 1989, war am Pilgrimstein das Gebäude mit den beiden neuen Oberstadtaufzügen (Entwurf: Schultze + Schulze) entstanden, die den Zugang zum hochgelegenen Stadtteil vereinfachen sollten. In seiner Mischung aus trutzigem Sandsteinsockel, der die historische Architektur der Stadt zitiert, und dem Metalldach über der Mittelsäule, das gar nicht vor Regen oder Sonne schützt und nur aus türkisfarbenen Streben besteht, die wehrhaft in den Raum ragen, bildet es einen schmalen und nicht sehr aufdringlichen Eingang zur Oberstadt. Es wurde in die bestehende Architektur eingepasst, ist dabei völlig symmetrisch, was den Höheneffekt verstärkt, wenn man davor steht. Wie ein Cour d'honneur nimmt die Anlage den Besucher auf. Man könnte auch, griffe man hoch, an die historische Form der Zweiturmvilla des Veneto denken, die eine Loggia einschließt. Das Marburger Gebäude ist nicht unbedingt ein brillantes Beispiel für postmoderne Architektur, aber es deutet wesentliche Elemente an und steht für das, was Heinrich Klotz in seiner Marburger Zeit in Gang setzte: Als Vorsitzender des Denkmalbeirates engagierte er sich dafür, das Projekt „Neues Bauen in der alten Stadt“ voranzutreiben. Schon damals gab es erste Ideen zu einem Architekturmuseum, das dann, Ende der siebziger Jahre beschlossen, nach fünfjähriger Planungszeit 1984 in Frankfurt eröffnet worden ist. Die Architekten der postmodernen Welle fanden jedenfalls über Klotz zu ihren Spielfeldern.

Der amerikanische Architekturtheoretiker Charles Jencks hat den Begriff Postmoderne für die Architektur nutzbar gemacht. Bekannte Beispiele postmoderner Architektur in Deutschland sind die Staatsgalerie Stuttgart (James Stirling), das Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach, in Frankfurt das Museum für Moderne Kunst (beide Hans Hollein), der Messeturm (Helmut Jahn) und die Bauten in der Saalgasse (mehrere Architekten).
1984 schrieb Umberto Eco mit Blick auf die Literatur: „Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, daß die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld.“ (aus U. Eco. Nachschrift zu „Der Name der Rose“, München/Wien 1984, S. 78). Die postmoderne Architektur zitiert Altes, beraubt traditionelle Architekturelemente ihrer ursprünglichen Funktion, lässt Ironie zu, setzt farbige Akzente und passt sich dennoch in den ihr zugestandenen Stadtraum ein. Oft sehen wir postmoderne Häuser inmitten alter Architekturstruktur. Wie stehen wir heute dazu, wo gerade der Neue Realismus in der Architektur ausgerufen wird? Was hätte Heinrich Klotz, der aus Marburg heraus begann, das Bild eines neuen Kunsthistorikers zu beschwören, der “engagiert, kritisch und politisch Einfluss nimmt” (zit. nach Klotz-Tapes, S. 13, aus: Klotz/Cook, Architektur im Widerspruch. Bauen in den USA von Mies van der Rohe bis Andy Warhol, Zürich, 1974, S. 7) und “freiwillig Blessuren davontrug”, heute zu sagen? Und dann offenbart sich, dass solche Personen, die Standpunkte einnehmen, sich gegen alle Widerstände engagieren, ihre Kritik mit Vehemenz anbringen und Debatten auslösen wollen, selten geworden sind.

In Marburg war Heinrich Klotz (1935-1999), der über die frühgotische Stiftskirche in Wimpfen promoviert und seine Habilitationsschrift dem Frühwerk Brunelleschis gewidmet hatte, nach Gastprofessuren in Yale und Washington von 1972 bis 1989 Professor für Kunstgeschichte. Er hat sich in Marburg stark gemacht für die Erhaltung der historischen Bebauung, nachdem dort zu Beginn der siebziger Jahre vieles abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden war, was man heute unbedingt erhalten würde. Darüber hinaus initiierte er Neubebauung, die sich mit zeitgenössischen Mitteln in das alte Stadtbild einfügte. Gerade die Erhaltung des Alten erwies sich schon in den Achtzigern als wichtiger Faktor für einen florierenden Tourismus. Klotz‘ Marburger Vorlesungen in der Kunstgeschichte sind auch der Verfasserin dieses Textes unvergessen. Sie zeichneten sich durch eine exakte, klare Sprache und mitreißende Lebendigkeit in der Darlegung aus. Von 1979 wurde Klotz Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums, das als erstes seiner Art in Deutschland 1984 eröffnete. Und noch einmal engagierte sich Klotz für ein Projekt: Er wurde 1989 Gründungsdirektor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und Gründer der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) feiert den 30. Geburtstag des Hauses, den Umbau der von dem Architekten Fritz Geldmacher (1880-1963) entworfenen neoklassizistischen Villa (1912) durch Oswald Mathias Ungers als „Haus im Haus“, präsentiert die Sammlung, die Klotz für das Museum anlegte, und widmet sich besonders der Postmoderne als Baustil der achtziger Jahre, lange von Klotz „Zweite Moderne“ genannt. Die Ausstellung überzeugt, weil sie die Geschichte des Hauses ausbreitet, was auch seine heutige Positionierung, die sich freilich von Klotz' Weg entfernt hat, anschaulich macht. Es ist zudem die Geschichte des Frankfurter Museumsufers, jener goldenen Zeiten, als jemand wie Klotz über einen Ankaufsetat verfügte (1 Mio. DM, aufgeteilt auf vier Jahre), von dem der heutige Direktor des DAM, Peter Cachola Schmal, nur träumen kann. Sage und schreibe 50 Ausstellungen wurden unter Klotz‘ Ägide zwischen 1984 und 1989 umgesetzt. Sie sind in der Schau anhand ihrer Plakate dokumentiert. Ein Teil der Ankäufe ist ausgestellt, wie das Portal der Architekturbiennale von Venedig 1980, die wie Charles Jencks meint, neben Klotz‘ Eröffnungsausstellung „Die Revision der Moderne“ 1984 die relevante Ausstellung zur postmodernen Architektur war. Wie in einer Wunderkammer sind die Ankäufe im ersten Stock versammelt, und dabei werden auch ihre Preise offengelegt, die rasch, als der Handel merkte, dass er mit Zeichnungen von Architekten Geld machen konnte, anzogen, bis das Ganze „absurde Züge“, so Klotz, annahm (24.9.1981, Klotz-Tapes, S. 161). Martin Kippenbergers Gemälde „The Modern House of Believing or Not“, das Klotz als Beispiel für die Beschäftigung von bildenden Künstlern mit Architektur ankaufte, kostete 15.000 DM – und ist heute ein Vielfaches wert. Klotz dachte strategisch und ließ sich auch zu kleinen Tricksereien hinreißen, wenn er Werke, wie das sechs Meter lange und 120.000 DM teure Abendmahl von Ben Willikens unbedingt haben wollte, er sich allerdings nicht in der Lage sah, die „nüchternen und geizigen Politiker von der Qualität eines solchen Bildes zu überzeugen“. (Aktennotiz vom 14. August 1984, Klotz-Tapes, S. 201). Er kaufte es (hier mit Zustimmung des Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann) in drei Jahren zu Teilen à 38.000 DM, weil er sich einen Betrag über 40.000 DM vom Magistrat und Kulturausschuss hätte genehmigen lassen müssen.

Inzwischen ist Klotz‘ Wirken selbst Gegenstand der Forschung. Sein Nachlass wird in Karlsruhe bearbeitet. Die über 10.000 Dias (vor der Power-Point-Präsentation das Hilfsmittel des vortragenden Kunsthistorikers) beleuchten den subjektiven, auch den Standort einbindenden Blick auf Architektur. Seine Tonaufzeichnungen, die er wie ein Tagebuch führte, sind so etwas wie ein Zeitzeugnis jener Jahre, in denen vieles möglich war. Sie dokumentieren von 1979 bis 1987 die vielen Gespräche, die Klotz führte, mit Architekten von Richard Meier bis Rem Kohlhaas und Robert Venturi, Politikern, den Beginn der Planungen, die Raumsuche für das Museum, am Anfang noch gemeinsam für das Museum für Moderne Kunst (dem Peter Iden vorstand), bis hin zur Wahl des – wie er zugibt – unbequemen Mobiliars des Oswald-Mathias-Ungers-Baus. Sie dokumentieren aber auch die Angriffe durch „lokale Verfinsterungen“ (Klotz). Die heftigen Angriffe vonseiten der Presse, der Diebstahl am Eröffnungstag des 2. Juni 1984 kommen zur Sprache, wie auch das Drama um die Aufstellung der „Nike“ vor dem DAM, zu der es nie kam. Sprachlich sind die Texte wie seine Vorlesungen als Hochschullehrer: präzise, klar formuliert und fesselnd.
Die Klotz-Tapes hat die Zeitschrift Arch+ anlässlich der Ausstellung in einem Sonderheft veröffentlicht, das hiermit empfohlen sei. Es ist reich illustriert, mit einem ausführlichen, gediegenen Fußnotenapparat versehen und bietet auch einige grundlegende Ausführungen zum Ausstellungsthema an. Der Kunsthistoriker bewegte sich, wie Julia Voss in ihrem glänzenden Beitrag über die Ankäufe Klotz‘ und die Folgen für eine starke Preistreiberei auf dem Kunstmarkt in dem Sonderheft bemerkt, in einem „fast rein männliche[n] Kosmos“, dessen sich Klotz durchaus bewusst war, wenn er im März 1980 auf Denise Scott Browns Anteil am Werk Robert Venturis bezogen formuliert: „Der ganzen Situation haftet die traurige Erfahrung an, daß nach wie vor die Leistung der Frau neben der des Mannes verblaßt, daß die Gesellschaft nach wie vor sehr viel lieber Heldenverehrung betreibt als sich durchzuringen, den genialen Menschen wie es Venturi sicherlich ist, in seiner Abhängigkeit und in seinem Verhältnis zu seiner Umgebung, seinen Mitmenschen wahrzunehmen.“ (3.10.1980, Klotz-Tapes, S. 75) Auch diese Äußerung ist eine Facette von Klotz‘ Persönlichkeit. Gleichfalls kann beim Lesen nachvollzogen werden, was Klotz antrieb. Am 18.8.1982 formuliert er – da war das Architekturmuseum noch im Bau: „Ich habe manchmal das blitzlebendige Gefühl, in Frankfurt mitten in einer Strömung des Verwirklichens und des phantasievollen Experimentierens ganz oben auf einer herrlich hohen Welle zu schwimmen.“ (Klotz-Tapes, S. 175)

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erstellt am 20.8.2014

Heinrich Klotz, 1988. © Freek van Arkel

Ausstellung in Frankfurt

MISSION: POSTMODERN – Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM

Bis 19. Oktober 2014

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Die Ausstellung im DAM. © Foto: Uwe Dettmar

ARCH+ Nr. 216
Sonderheft “Klotz Tapes”

Mit einer Einleitung von Nikolaus Kunert und Anh-Linh Ngo, Essays von Jasper Cepl (Durchs Labyrinth zum Haus im Haus/Through the Labyrinth to the “House Within The House”), Oliver Elser (Heinrich Klotz und die Postmoderne/Heinrich Klotz and Postmodernism), Franziska Stein (Bilder im Widerspruch/Images in Contradiction), Anke te Heesen (I felt like Vasari), Julia Voss (Heinrich Klotz, die Preisexplosion und das Starsystem/Heinrich Klotz, the Price Explosion, and the Star System) sowie Interviews mit Charles Jencks und Paolo Portoghesi

240 Seiten + 24 S. Feature + 16 S. Appendix
ARCH+ Berlin, deutsch/englisch

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Die Ausstellung im DAM. © Foto: Uwe Dettmar

Eröffnung der Ausstellung. © Foto: Fritz Philipp

Bertrand Goldberg: Marina City, Chicago 1964. © Foto: Heinrich Klotz-Bildarchiv der HfG Karlsruhe

Martin Kippenberger: The Modern House of Believing or Not, 1985 (Öl auf Leinwand, 255 × 180 cm, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, als Dauerleihgabe im Museum für Moderne Kunst Frankfurt) ©Deutsches Architekturmuseum

Oberstadtaufzug, Marburg/Lahn, Foto: Matthias Günther

Oberstadtaufzug, Marburg/Lahn, Foto: Matthias Günther

Oberstadtaufzug, Marburg/Lahn (Detail), Foto: Matthias Günther