Die römische Kirche ließ ihn selig sprechen und seine Werke verbieten. Der mallorquinische Philosoph, Logiker und Theologe Ramon Llull (lat. Raimundus Lullus), der im Mittelalter eine logische Maschine mit sieben drehbaren Scheiben konstruierte, begründete auch die europäische Orientalistik. In seiner Heimat sah ihn Otto A. Böhmer leicht missverstanden.

Holzwege

Wunder wider Willen

Der Philosoph Raimundus Lullus

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Raimundus Lullus saß auf einem vom Wind abgeschliffenen Felsblock und blickte ins Tal hinunter. Die Sonne stand hoch am Himmel, und es war warm. Die Luft flimmerte; in der Ferne sah man das Meer; ein schmaler blauer Streifen, der sich umstandslos in den Horizont fügte. Ja, es war schon ein schönes Fleckchen Erde, die Insel Mallorca; seine Heimat, die er verlassen hatte, um das Wort Gottes in die Welt hinauszutragen. Wann immer es ging, kam er zurück; Inzwischen war er ein bekannter Mann geworden, dem der Ruf vorauseilte, sogar Wunder vollbringen zu können. Eines Tages nämlich hatte er einem lahmen Bettler, der von seinem Gewerbe ganz gut zu leben verstand, eher versehentlich die Hand geschüttelt, worauf dieser einen weithin-hallenden Ruf der Verwunderung ausstieß, seine Krücken in die Ecke warf und in die nächstbeste Taverne stürmte. Kurz darauf hatte der Philosoph, ebenfalls in Palma, einen blinden Schauspieler, der ihm unter Tränen von seiner entbehrungsreichen Jugend berichtete, die sich vermutlich bis ins hohe Alter hinein fortsetzen würde, zu trösten versucht: Raimundus Lullus strich diesem unglücklichen Menschen übers Gesicht, und er öffnete die Augen und spähte um sich wie ein Ertrinkender, den man zurück ins Leben gebracht hatte. Er konnte wieder sehen; ein Umstand, der dem Philosophen fast peinlich war, denn er sah sich ungestümen Dankbezeugungen ausgesetzt, die kaum zu beschwichtigen waren. Da sich beide Vorfälle, welche ja in der Tat echten Wundern gleichkamen, in Windeseile herumsprachen, galt Raimundus Lullus inzwischen als eine Art Heiliger, der nicht nur über Gebühr klug war, sondern auch den Arzt im Hause ersetzte.

Ach ja. Es war schon nicht leicht. Seufzend erhob sich der Philosoph und ging weiter. Oben am Hang sah er schon das Haus seines Freundes Ramón; ein weißes Refugium auf bräunlichem Fels, von dem aus man einen wahrhaft beeindruckenden Blick hatte über den allerschönsten Teil dieser sehr schönen Insel. Ramón war ein reicher Mann, der es zu etwas gebracht hatte; ihm gehörten Weinberge und Mühlen, Schiffe und Schatzkammern.

Auf Raimundus Lullus’ wiederholte Empfehlung, seine Güter an die Armen zu verteilen, war er bislang nicht eingegangen; er sei noch nicht reif für einen solchen Schritt, pflegte er zu sagen; er benötige erst das geistige Rüstzeug, um sich zu einem so weitreichenden Entschluss, der ja auch so etwas wie einen Akt übertriebener Nächstenliebe darstelle, veranlassen zu können. Und so bat Ramón seinen Freund, wann immer dieser auf der Insel war, zu sich, um an dessen Gedanken teilhaben zu dürfen, was stets in einem nicht ungemütlichen Rahmen vor sich ging: Raimundus Lullus sprach, Ramón hörte zu und schenkte Wein ein; „denken macht durstig“, pflegte er zu sagen, „und wer Durst hat, kann nicht denken“. Am Abend dann gab es für gewöhnlich ein ansehnliches Festmahl; Felipe, Ramóns stummer Diener, trug alle Köstlichkeiten auf, die das Haus zu bieten hatte. Für das Tischgespräch sorgte in erster Linie Doña Marina, Ramóns Schwiegermutter, die, im Gegensatz zu ihrer eher schweigsamen Tochter Laura, der Kunst, Zurückhaltung zu üben, ganz und gar nichts abgewinnen konnte.

,,Mein lieber Freund“, begrüßte Ramón den Philosophen. „Es ist schön, dass du kommst. Du wirst mir, wie immer, Belehrung zuteil werden lassen und, so Gott will, mit einem kleinen Wunder deinem alten Freund Ramón anhaltende Erleichterung verschaffen.“ „Wie das?“ fragte Raimundus Lullus. „Soll ich, der ich bekanntlich kein Wundertäter bin, etwa deinem stummen Diener Felipe wieder zur Sprache verhelfen? Das wäre immerhin von Vorteil, denn wie man hört, soll Felipe, bevor er stumm wurde, ein überaus gelehrter Mann gewesen sein. Er könnte dich unterrichten, wenn ich nicht da bin.“ „Ach was“, sagte Ramón. „Ein stummer Diener ist nützlich. Du solltest lieber versuchen, sie da“ – er deutete auf Doña Marina, die man auf der Terrasse des Hauses laut und geschäftig hin- und hereilen sah – „auf immer zur Ruhe zu bringen. In letzter Zeit steht ihr Plappermaul gar nicht mehr still. Es ist, glaub einem schwergeprüften reichen Mann, kaum noch auszuhalten mit ihr.“ „Mein Freund“, sagte der Philosoph mit strenger Miene. „Das will ich nicht gehört haben! Du versündigst dich sehr.“

Den Nachmittag brachten sie dann wie gewohnt zu; Raimundus Lullus sprach über „das philosophisch Erkennbare und Vernunftgemäße“, und Ramón bemühte sich zuzuhören. Am Abend bestritt, wie immer, Doña Marina die Konversation. Felipe bediente; er sah finster aus, und um seine Mundwinkel zuckte es. Nanu, dachte der Philosoph, es wird doch nicht schon wieder ein Wunder fällig sein? Als Felipe ein wenig Wein verschüttete und Doña Marina ihn deswegen zu schelten begann, stand Raimundus Lullus auf, um ihn zu trösten. Felipe schüttelte sich; er warf den Kopf hin und her, und dann brach es auf einmal aus ihm heraus: Er redete, wollte gar nicht mehr aufhören zu reden. Er erzählte sein ganzes Leben; er sprach von der Zukunft, die gerade neuentdeckt worden war. „Mein Gott!“ sagte Doña Marina. „Mein Gott! Er hat seine Sprache wiedergefunden!“ Dann sagte sie nichts mehr. Sie schwieg bis weit nach Mitternacht und begab sich dann kopfschüttelnd in ihr Schlafgemach. „Geliebter Freund!“ sagte Ramón und sah Raimundus Lullus so ehrfürchtig an wie nie zuvor. „Wie soll ich dir danken.“ „Gar nicht!“ sagte der Philosoph. „Ich bin müde und möchte schlafen.“ Als er im Bett lag und die Dunkelheit um ihn herum sich schon aufzuhellen begann, dachte er: O mein Herr und Gott! Du gibst die Wunder zur Welt, aber manchmal tust du des Guten entschieden zu viel. Ich bitte dich: Wenn wieder einmal Wunderbares geschehen soll auf dieser Insel, dann lass mich durch Abwesenheit glänzen. Für die Wundertaten solltest du andere berufen – tüchtige Fachleute etwa; ich fühle mich nur noch für den Auswärtigen Dienst tauglich.

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erstellt am 19.8.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Raimundus Lullus
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