Ein Kunstprojekt von Jonas Englert

sound_revolution

Vorgestellt von Christian Kaufmann

Am 24. Oktober 2010 mischten sich neue Töne in die gewohnte Geräuschkulisse der Großstadt. Angesagt war die „sound_revolution“ von Jonas Englert. An fünf Punkten in unterschiedlichen Himmelsrichtungen der Stadt Frankfurt am Main gelegen, am Zoo, dem Südbahnhof, dem Polizeipräsidium, der Universitätsbibliothek und dem Hauptbahnhof, startete je eine Gruppe von Menschen in Richtung Zentrum, um dann nach einem rund halbstündigen Sternmarsch vor der Katharinenkirche an der Hauptwache aufeinander zu stoßen. Jede Gruppe führte mittels Aktivlautsprecher je einen Permanentton mit sich. Vorbei an den Türmen der Großstadt und verdutzten Passanten marschierten die Gruppen auf den Turm der Katharinenkirche zu und waren dabei durch den schwingend gleichbleibenden Ton bereits von weitem zu hören. An der Hauptwache schließlich vereinigten sich die fünf Töne zu einem Schlussakkord. – Ein Akt der Erlösung, wie der junge Performer betonte.

Was die Passanten nicht wissen konnten und vielleicht auch nicht alle der mitlaufenden Beteiligten wussten: Jeder der Töne entstammte einer Musik, die mit dem Thema des Marsches verbunden ist, der Kaiserhymne „Die Wacht am Rhein“ des Deutschlandlieds, der DDR-Hymne, der Europahymne bis hin zum martialischen „Horst-Wessel-Lied“. Doch anders als im ursprünglichen Sinn von Marsch- oder Festzugsmusik hatte der Ton hier keine dienende, keine begleitende Funktion auf einen Anlass hin, sondern geriet selbst zum Anlass. Im Geist der Minimal Music etwa eines John Cage lotete der Dauerton Fragen von Permanenz und Statik aus und setzte sich damit in Spannung zur Bewegung der Marschierenden durch die Stadt. Gegen die zum Teil unselige und geschichtlich belastete Vergangenheit der ursprünglichen Musikstücke setzte Jonas Englert eine neue Form, einen revolutionierten Sound.

Die Aktion von Jonas Englert war Teil eines Projektes, das die Evangelische Stadtakademie Römer9 unter dem Titel „twen_city“ durchführte und dessen daraus entstandenen Arbeiten dann in einer Ausstellung im November 2010 in Römer9 gezeigt wurden.
Jonas Englert lieferte, wie andere Teilnehmende auch, für das Projekt gleich mehrere Beiträge. Der Erste bestand in der beschriebenen Aktion der „sound_revolution“, der bewusst auch Implikationen einer politischen Demonstration anhaftete: interpretierbar beispielsweise als eine neue Jugendbewegung, die sich die Stadt mittels Sound aneignet. Die während des ungewöhnlichen Prozessionszuges gemachten Film- und Tonaufnahmen wurden dann zu einer Videoarbeit zusammengeschnitten, die im Ausstellungsraum gezeigt wurde. Durch einen raschen Schnitt von Bildern und den verschiedenen Tönen haftete dieser Arbeit ein ganz eigener künstlerischer Charakter an. Im dritten Beitrag, einer Audioarbeit, die der junge HfG-Student mit Dennis Ahrendt, einem befreundeten Architekturstudenten, realisierte, ging es ebenfalls um den „Sound“ der Großstadt. Unterschiedliche, in der Stadt „gesammelte“ Alltagsgeräusche wurden miteinander verschnitten und ertönten im Raum. Die Konzentration auf die teilweise zu identifizierenden, teilweise nicht zu identifizierenden Geräusche entwickelte in den Köpfen der Zuhörenden ganz eigene Bilder, eine ganz andere Art von „sound_revolution“.

Christian Kaufmann

Christian Kaufmann ist Studienleiter in der Evangelische Stadtakademie Römer9
Römer9

erstellt am 21.12.2010