Wir kennen Medienbilder von zerstörten Städten, weit weniger allerdings solche, die das Wohnen nach einem Konflikt zeigen. Eine Münchener Ausstellung zeigt nun Fallstudien zum Wiederaufbau von Städten und Szenarien zur Überwindung geteilter Metropolen in Afghanistan, Europa, Afrika und dem Nahen Osten, berichtet Christian J. Grothaus.

Architektur

»The Good Cause«: Über Städte nach dem Krieg

Von Christian J. Grothaus

Medienbilder, die von Kriegen und Zerstörungen zeugen, sind schon zur Gewohnheit geworden – weit weniger gibt es allerdings solche, die das Wohnen nach einem Konflikt zeigen. Mancher ältere Nachrichtenkonsument mag Erinnerungen an das Leben in den zerbombten Städten Deutschlands nach 1945 haben. Schwierig bleibt es allemal, sich in unserem hochentwickelten und bestens funktionierenden Land tatsächlich vorzustellen, ohne Verwaltung, ohne Elektrizität, ohne Wasser, ohne Müllabfuhr, ohne Verkehrsinfrastruktur oder Grünflächenversorgung – und womöglich noch Tür an Tür mit dem ehemaligen Feind – den Alltag zu organisieren.

Die Münchener Ausstellung „The Good Cause: Architecture of Peace – Divided Cities“ läuft noch bis zum 19. Oktober und hilft, sich den Problemen eines Nachkriegsurbanismus zu nähern. Im Fokus stehen dabei Fallstudien zum Wiederaufbau von Städten und Szenarien zur Überwindung geteilter Metropolen in Afghanistan, Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Das Besondere der Schau liegt darin, die baulichen Probleme zu fokussieren. Es ist nämlich nicht damit getan, den Schutt wegzuräumen, sondern mangelt oft an einer Administration, die willkürliche Grundstückserweiterungen, den Verbau von Fluchtwegen, die Missachtung von Abstandsflächen, eine desaströse Statik oder das komplette Fehlen von Brandschutzmaßnahmen verhindert.

Die Cupar Way Friedensmauer trennt ein unionistisch/protestantisches Wohngebiet von einem nationalistisch/katholischen in West-Belfast, Nordirland © Rosaleen Hickey

Architekten sind, so der Tenor der Ausstellung, dazu berufen, nicht nur einen baulichen, administrativen Beitrag zur nachhaltigen Friedenssicherung zu leisten. Vielmehr soll ihr räumliches Verständnis auch aktiv dazu verwandt werden, politische Planungen einzuleiten und in Stadträumen regelrecht zu manifestieren. In der Ausstellung wird das u.a. an Beispielen vom Balkan, Irland und Zypern deutlich, denn dort gilt die direkte Losung, Teilung zu überwinden und verschiedenen Gemeinschaften Begegnungsräume zu kreieren.

Das Bauen in Konfliktregionen ist also zumeist geprägt von handwerklich-planerischen Problemen und einem eher politisch-soziologischen Agieren. Der Architekt gerät zum Moderator von Bauprozessen. Gleichzeitig wird er oft genug auch Teil der Partei des Westens mit ihren Bündnissen und Institutionen der Vereinten Nationen und/oder NATO bzw. Nichtregierungsorganisationen. Dem Militär kommt naturgemäß in Konfliktregionen große Bedeutung zu, so ist auch die deutsche Bundeswehr mittlerweile im Rahmen ihrer Bündnisse in vielen Konfliktherden präsent.

Blick auf den Spanischen Platz und die frühere Frontlinie in Mostar, Bosnien-Herzegowina © Sune Fredskild

Die Münchner Ausstellungsmacher werden allerdings nicht müde zu betonen, dass die Bewohner der jeweiligen Krisengebiete selber die Taktgeber der planerischen Prozesse sein sollen und stellen diesbezüglich den langen Atem, die zahlreichen wie schweren Interessenabgleiche und latenten Bemühungen zur Mitbestimmung in den Vordergrund. Der Architekt wird hier tatsächlich zum Soziologen und ist bemüht, verschiedenste Meinungen zu baulichen Fragen mit teils internationalen Regelungen und politischen Vorgaben in Einklang zu bringen – das alles wohlgemerkt vor dem Hintergrund von Konflikten, die Tausende das Leben gekostet haben und dementsprechend tiefe Wunden schlugen.

Nach der „Architecture of Peace“-Lesart ist die Zeit vorbei, da Bauen etwas mit Kunst und Ästhetik zu tun hat. Ethik heißt das neue Pflichtprogramm und macht anscheinend auch so etwas wie einen internationalen Architekturkodex nötig. Das zugehörige Forschungsprojekt versucht u.a. einen solchen Entwurf und stellt holländische und britische Vorschläge vor. Begriffe wie Integrität und Kompetenz lassen sich problemlos auf Architektenarbeit übertragen. Religionsfreiheit und die Akzeptanz sozialer Diversität klingen allerdings westlich, allzu westlich.

Das ‚Home for Cooperation’ (Haus für Zusammenarbeit) H4C in der Pufferzone in Nikosia, Zypern, ist ein Ort für beide Gemeinschaften © Kai Vöckler

Dass es auch andere Humankonstrukte als das der französischen Revolution gibt und Menschenrechte ein abendländisches Thema sind, das sich keineswegs zum Export in alle Länder und Kulturräume des Globus eignet, ist den Architekturethikern offenbar noch nicht in den Sinn gekommen. Ebenfalls erscheint die Einreihung der Architektenarbeit in die internationalen Allianzen von UN, NATO und NGOs kritisch, denn die Wahrnehmungen von Befreiung, Befriedung und Besatzung verlaufen in den jeweiligen Ländern naturgemäß fließend.

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erstellt am 17.8.2014

Ausstellung in München

The Good Cause: Architecture of Peace – Divided Cities

Bis 19. Oktober 2014

Architekturmuseum der TU München (Pinakothek der Moderne)