Es gibt zunächst Erfreuliches zu berichten. Der große Käfig, der bei der Premiere am 25. Juli erst einmal knirschend in Stücke zerbrach und damit gleich nach Beginn der Aufführung für eine unfreiwillige, zusätzliche Pause von einer knappen Stunde sorgte, der hielt ein weiteres Mal. Wagner-Opern, zumal der „Tannhäuser“, sind nicht so leicht totzukriegen, schon gar nicht von technischen Pannen, Regie und Dramaturgie. Sänger, Chor und Orchester hielten, was sie versprachen – eine solide Exekution der dramaturgischen Totgeburt, die dennoch mit langem, kräftigem Beifall bedacht wurde, diese dritte Tannhäuser-Aufführung bei den Bayreuther Festspielen dieses Jahres. Am 28. August 2014 ist sie zum letzten Mal zu sehen.

bayreuther festspiele 2014

Zwischen Trieb und Treibstoff

Wagners Tannhäuser in der Bio-Gas-Anlage. Ein Besuch auf dem Bayreuther Hügel

Von Martin Lüdke

Szenenfoto Tannhäuser, Bayreuther Festspiele 2014

Die Anregung zu dieser Oper geht auf ein Gedicht von Heinrich Heine zurück. „Der edle Tannhäuser, ein Ritter gut, / Wollt Lieb und Lust gewinnen, / Da zog er in den Venusberg, / Blieb sieben Jahre drinnen.“ Wagner arbeitete zwischen 1842 und 1845 an diesem Stoff, verleugnete später allerdings die Initialzündung seines ehemaligen Freundes. 1845 erfolgte in Dresden die (sozusagen erste) Premiere. Bis an sein Lebensende schuf er immer wieder neue, veränderte Fassungen und noch kurz vor seinem Tod, 1883, wollte er wieder einmal sein großes Thema angehen. Er sei, so bekannte er Cosima, „der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“. Zwei Mythen sind hier ineinander verschränkt: die Legende vom Sängerkrieg auf der Wartburg bei Eisenach und die Geschichte vom Venusberg. Zwei Mythen, die sich zu einem Grundmotiv des Wagnerischen Werkes ausformen.

Über seine erste zu seinen Lebzeiten aufgeführte Oper „Das Liebesverbot“ schrieb er rückblickend: „Der Grundton meiner Auffassung war gegen die puritanische Heuchelei gerichtet und führte somit zu einer kühnen Verherrlichung der 'freien Sinnlichkeit'.“ Im „Tannhäuser“ dann sei der Gegensatz von Sexualität und Askese unmittelbar thematisiert. Er nehme aber, das meinte Theodor W. Adorno in seinem „Versuch über Wagner“, die „Form solcher Verschränkung im Tode an.“ Lust ist dem Tod verschwägert. Sie sprengt die Grenzen des Individuums.

Zumindest in die letzten Bearbeitungen dürften einige Anregungen Nietzsches („Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“) eingegangen sein. Wagner war stets bewusst, dass im Reich der Sinne die bürgerliche Moral keine Rolle mehr spielen kann. Ihm war ebenso klar, das zeigt sich im Sängerkrieg auf der Wartburg, dass die Menschen auf die Entfesselung ihrer Lust immer auch mit Angst und in der Folge mit ebenso ungehemmter Aggressivität reagieren. Vor allem war ihm klar, dass es hier um einen menschlichen Grundkonflikt geht, der in der einen oder anderen Form die Geschichte der Menschheit durchzieht. Und klar war ihm auch, dass er in seinem Tannhäuser ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte unterbringen konnte.

Zudem bot ihm die ganze Kulturgeschichte überzeugende Beispiele dieses Grundkonflikts. So bereits Homer. Kirke, die Göttin, gab Odysseus bei seinem Abschied noch einige nützliche Ratschläge mit auf den Heimweg. Dem Gesang der Sirenen könne er, warnte sie, nicht widerstehen. Odysseus erkannte die ihm und seinen Gefährten drohende Gefahr, doch spürte er auch die Verlockung. Er ließ deshalb die Ohren seiner rudernden Gefährten mit Wachs verstopfen und sich selbst fest an den Mast fesseln. So hörte er den Gesang und er verfiel ihm auch. Doch sein Rufen, die Fesseln zu lösen, blieb unerhört. So träten, schreiben Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, bereits in der Vorzeit Arbeit und Kunstgenuss auseinander.

Schreckliches habe sich die Menschheit antun müssen, folgern sie weiter, bis der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen wurde und etwas davon werde noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Triebe sollen unter Kontrolle gehalten werden. Anderenfalls droht größte Gefahr. Die Gesellschaft auf der Wartburg ist sich dessen stets bewusst. Und reagiert entsprechend. Sie zeigt die christliche Umkehrung der entfesselten Lust.

Szenenfoto Tannhäuser, Bayreuther Festspiele 2014

Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten, erstmals 2011 präsentiert, will dieses komplexe Gewirr intellektuell einholen und scheitert daran grandios. „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ zeigt den Kampf unvereinbarer Prinzipien. In dieser Oper gehe es schließlich, das hatte auch Baudelaire seinerzeit schon trefflich gesehen, um den „Kampf der zwei Prinzipien, die das menschliche Herz zu ihrem Schlachtfeld erwählt haben, das heißt des Fleisches mit dem Geist, der Hölle mit dem Himmel“. Dieser Kampf spielt sich bei Wagner auf der Wartburg und dem Venusberg ab. (Eine weniger musikalische, doch dafür sehr genaue Darstellung dieses Konflikts liefert Herbert Marcuse in seiner Studie „Triebstruktur und Gesellschaft“.) Die raumgreifende Ouvertüre, die den bacchantischen Taumel umsetzen sollte, genügte Wagner, wie gesagt, noch nicht. Er wollte den Konflikt nicht nur durch die Handlung, sondern auch musikalisch ausdrücken. Die Handlung selber ist stringent entwickelt.

Heinrich von Ofterdingen, der Tannhäuser genannt wird, ist auf der Suche nach wahrer, sinnlicher Liebeslust aus der Wartburg geflohen. Im Venusberg, bei der Liebesgöttin Venus, fand er, was er suchte. Doch es befriedigt ihn nicht mehr. Lust lässt sich offenbar nicht auf Dauer stellen. Deshalb verlässt er Venus wieder und kehrt auf die Wartburg zurück. Torsten Kerl als Tannhäuser nimmt man weder die Zerrissenheit noch die mit ihr einher gehende Verzweiflung wirklich ab. Auf der Wartburg wartet Elisabeth, Nichte des Landgrafen, auf ihn, gleichsam in keuscher, reiner Liebe. Ein Sängerwettstreit soll das Weitere entscheiden. Thema des Streits: das Wesen der Liebe. Der Sieger dürfe von Elisabeth einen Preis seiner Wahl fordern.

Höhnisch fragt Tannhäuser seine Mitstreiter Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide, ob sie denn überhaupt wüssten, wovon sie sprächen, und woher? Er dagegen habe erfahren, was Liebe ist. Und er nennt Ross und Reiter. Venus, die Göttin der Liebe, habe es ihn gelehrt. Dann preist er die sinnliche, ungehemmte Lust. Und es kommt zum Eklat. Die keuschen Minnesänger sind entsetzt. Ohne Elisabeths Eingreifen wäre Tannhäuser gelyncht worden. Der Landgraf schickt ihn nach Rom, wo er beim Papst Vergebung erbitten soll.

Szenenfoto Tannhäuser, Bayreuther Festspiele 2014

Der Alkoholator. Szenenfoto Tannhäuser, Bayreuther Festspiele 2014

Sowohl Venusberg wie Wartburg sind in Bayreuth nun allerdings in einem raumfüllenden Industriegelände untergebracht. Ein sogenannter „Alkoholator“ in der Größe eines Tanklastwagens beherrscht den Bühnenhintergrund, weitere Kessel zur Herstellung von Bio-Gas und Methanol stehen herum und alles ist mit Schläuchen verbunden. So soll der Kreislauf demonstriert werden, in dem alles mit allem zusammenhängt. Der Dramaturg Carl Hegemann hat in einem eindrucksvollen Schaubild gezeigt, wie das aussieht.

Carl Hegemann
Carl Hegemann

In den vergangenen Jahren wurde dieses Bühnenbild des holländischen „Gesamt“- Künstlers Joep van Lieshout ausreichend durch den Kakao gezogen. Selbst im neuem Programmheft unternimmt Carl Hegemann, noch einmal den – vergeblichen – Versuch, zu retten, was nicht zu retten ist. Für viele Zuschauer sei dieses „Bühnenbild der ansonsten sehr goutierten Aufführung ein schwer zu verdauendes Ärgernis“ gewesen. In sehr klugen und höchst komplexen Überlegungen will Hegemann auch in diesem Jahr noch einmal demonstrieren, wie recht er doch hat und dass tatsächlich alles mit allem zusammenhängt. Den Verdacht der Beliebigkeit kann er damit aber nicht ausräumen. Wie auch immer. Das Publikum, darunter auch die treuesten Hardcore-Wagnerianer, haben sich offenbar damit arrangiert und Chor und Orchester (unter der Leitung von Axel Kober), aber vor allem den Sängern, sehr ordentlichen Beifall gespendet.

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erstellt am 16.8.2014

Auf dem Grünen Hügel in Bayreuth (Im Vordergrund: eine Plastik von Ottmar Hörl)

Bayreuther Festspiele

Bis 28. August 2014

bayreuther-festspiele.de