Reisenotizen aus Bulgarien

Thrakisches Tagebuch

Von Jan Volker Röhnert

Mit Fotografien von Alexander Paul Englert

Sofia Airport, 27.08.2014

Vergils Lobpreis des Weideviehs im dritten Buch der Georgica – der Pferde, Esel, Rinder, Ziegen, Widder, Schafe, als hätte er sie alle in ihrer Pracht und ihren Gebrechen in der thrakischen Ebene an den Ufer der Mariza grasen sehen.

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Plovdiv. Die Kirche Sveti Konstantin i Elena. Die Bleigewichte an den Weihrauchgefäßen über den Ikonen. Johannes der Täufer mit Engelsflügeln, wie er sein eigenes, ihm abgeschlagenes Haupt in Händen hält. Sveti Ilija mit Pferden vor den Sonnenwagen geschirrt – ein christlicher Wiedergänger Apolls. Altar in der verschlossenen Kirche Braschljans im Strandzhagebirge, der eine altgriechische Widmung an Zeus enthalten soll.

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Don't cry for me Argentina von den Deckenlautsprechern im begehbaren Teil des römischen Odeon unter der Fußgängerpassage; das Defilee der Passanten darüber in der Mittagssonne.

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Autobahn Plovdiv-Sofia. Flimmernder Asphalt. Südlich, südwestlich die Rhodopen- und Piringebirgskulisse. Bergkette am Iskarfluss durchquert. Sich auf der Piste überholender europäischer Wagenkennzeichenwald. Willkommen in der Gegenwart.

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Sofia, Nachmittag, hinter dem Haus der Architekten. Mit Georgi Gospodinov im Café Timeless. In seinem Roman Physik der Schwermut verirren sich Erzähler, Figuren und Leser gleichermaßen in einem minotaurischen Labyrinth von Erinnerungen, Phantasmagorien, Vergangenheiten, Gegenwarten zwischen dem ländlichen Bulgarien, Sofia, Berlin und dem Rest der Welt. Auf diese Weise kehrt die antike Mythologie ins 21. Jahrhundert zurück. Gospodinov gewinnt dem kretischen Minotaurus eine bislang unentdeckte sympathische Seite ab, die, wenn man so will, die thrakische oder bulgarische Variante des griechischen Mythos ist, unter deren Signum Bulgarien seinen Weg aus den Traumata der Geschichte ins Offene finden muss.

Plovdiv, Hotel Renaissance, 26.08.2014

Emigranten und Remigranten. Die Amerikanerin, in Malko Tarnovo getroffen, die nach Europa zurückgekehrt ist und nun für die Ford Foundation in Budapest arbeitet; die andere Amerikanerin (“Boston Area”), mit ihren Kindern am Madara-Reiter begegnet – Bulgarinnen von Geburt, die über den Sommer im Land ihrer Muttersprache sind.

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Morgen in Veliko Tarnovo. Die sich den Hügel hinaufschraubenden Pflastergassen, die Katzen auf den Balustraden und niedrigen Tonziegeldächern; Sonne auf dem gegenüberliegenden Zarevez-Hügel; das Panorama der Berge; die Schleife des Jantra-Flusses im Tal, dessen Ufern die Häuserquader folgen. Die Händlergasse mit den Souvenirläden belebt sich; die Müllabfuhr mit dem sowjetischen Kastenwagen über das Pflaster holpernd; das Ballett der Straßenfegerinnen macht in der Sonne Staub zu Gold.

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Gabrovo. Eine Wagenladung Melonen in der Hauseinfahrt.

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Mittagsstunde. Südwärts über den Balkanpass auf 1.200 Höhenmetern. Kühler Fahrtwind, der durch die Wagenfenster wirbelt. Buchen-, Eichen-, Ahornwald. Basalttrümmer. Antike und Mittelalter überquerten Berge ohne Gedanken daran, die Gipfel zu bezwingen. Der Sonne näher, die ihre Zeichen durch den Blätterschatten treibt. Apollontempel. Quellenhaine.

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Tal der thrakischen Könige. Balkanblick von Süden. Die Denkmäler am Shipkapass (Schlacht gegen die Osmanen) und Buzludshagipfel (Triumph des Kommunismus). Europäische Gelder in die von Kitov entdeckten Thrakerkönigsgräber investiert, um sie touristisch zu erschließen. Nun jedoch fehlt es an Personal, um sie allesamt zu unterhalten.

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Die Wolkenzüge über dem Balkankamm.

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(Bulgarisches Haiku)

Bienenfresser – leiht
dem Sommer eine Stimme
schrill und unsichtbar

im Sonnenblumen-
feld. Die Farben kommen rasch
ans Licht und verblassen:

gespreiztes Flügelpaar-
Blende einer Kamera,
die den Schatten fängt

wie ein flüchtiges Insekt.

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Panische Stunde
Wenn Granit den Schritten weicht
Distelschlangenreich

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Im Fahrtwind die Orte, an denen wir vor zwei Jahren filmten, noch einmal berührt: Hisarija/Diokletianopolis mit seinen Thermalquellen und endlos langem römischen Stadtwall; Starosel mit thrakischem Tempelberg.

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Bis ins frühe Mittelalter gab es von der römischen Kultur unberührte Thrakersiedlungen. Rückten römische Legionen ein, versiegelten die Thraker ihre Tempel, zerbrachen die steinernen Pforten und schütteten Erdreich darüber. Bis auf Grabräuber, die auf Gold aus waren, blieben die Orte unberührt. Keiner vermutete so prächtige, komplex konstruierte, reich ausgestattete Tempel wie den von Starosel mit seinem runden, sich zur Decke schraubenden Konus, an der Fledermäuse hängen und träge mit den Flügeln wedeln, wenn das Echo eines Menschen darin widerhallt. Jetzt öffnen sich diese mit Erdreich verkorkten Trichter langsam wider, doch ihre einzige Offenbarung, trittst du hinein, gehst an den Pylonen, Triglyphen und aus dem Stein gehauenen Pfeilern entlang, ist nichts weiter als der leere Raum. Die Stimmen der Thraker, die ihn einmal füllten, sind in die Luft enthoben und verwandelt, unter der Vogelwelt zu suchen, bei den Bienenfressern, die unsichtbar in der flimmernd heißen Atmosphäre an einem klingenden Teppich weben, beim Specht, der wie linkisch und fremd oben um die Eichenrinde hüpft, bei den schwärmenden Bienen im hohlen Ast.

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(Der letzte Akt)

Sie brachen die Pforten
steinerne Flügel
mit kreisender Sonne
entzwei

die Krüge und Vasen
die Wannen für Wein
nach dem letzten Opfer
der letzte Akt

der Schrei und die Klage
der brüllende Stier
das Lied der Mänaden
Medusablick

die thrakische Sage
von Orpheus dem Reiter
unsichtbar gemacht
die Bienen im Astloch

Schwalbe und Blutspecht
Bienenfresser und Wiedehopf
trugen es weiter
in den blauen Zenit

Veliko Tarnovo, Restaurant Gurko, 25.08.2014

Baustellenmontagmorgen in Russe. In den Jugendstilfassaden Kaffeeautomaten und Läden für chemische Reinigung. Basaltene Balustraden, brüchige Balkone, bröckelnde Putti. Alte Angler bei den rostenden Hafenanlagen am Donauufer. Rumänischer Zigeuner mit weißem Jaguar. Joggerinnen. Ein dreibeiniger Hund. Klimaanlagen. Zäune, Gitter, Trottoirs. Auf den Basarstiegen das ausgelegte reife Obst wie eine farbige Decke über dem Asphalt.

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Rusenski Lom. Canyon und Karsthöhlen. Pfade zu Einsiedeleien, vor tausend Jahren von schweigenden Mönchen bewohnt. Eremiten. Styliten. Hesychasten. Felsenmalereien. Andrej Rubljov. Erzengel Michael und Gabriel. Sveta Bogordotiza. Fresken von Moses bis Judas. Hieronymus auf dem Löwen reitend. Satte Farben an der Decke auf dem Kalkfelsen mit Kalk gelöscht.

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Rusenski Lom

Das Gedicht braucht
solange du gehst:
Stimmen von Bienenfressern
schwirren im Raum,

Eidechsen huschen
über den Kalk
durch Spalten
tief in den Stein

der Einsiedelei.
Sie malten auf ihre Wände
Hieronymus
mit dem Löwen im Wald,

sie gelobten zu schweigen
stumm wie die Steine,
wie das Tal nach dem Vogelzug
schweigen und malen

auf Bäume steigen
erstarren zu Stein,
schweigen und schweigen,
bis sie keiner mehr sah. 

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Die römische Veteranenstadt Nikopolis ad Istrum zwischen Donau und heutigem Veliko Tarnovo. Vom Fluss Jantra, dem Jantrus, gelangte man in den Ister, die Donau hinein. Eine Hauptstadt der römisch-thrakischen Provinz Moesien, dem Thrakien nördlich des Balkangebirges, Festung gegen die von Norden eindringenden Völkerschaften. Im neunten Jahrhundert von den Avaren niedergerannt. Säulen und Straßenpflaster, griechische Inschriften, Sarkophage. Insignien des Stiers wie im Tempel von Sveshtari, des Soldatenhelmes, Saturns und der Medusa, wie wir sie auf den thrakisch-römischen Tempeln bei Malko Tarnovo sahen. Stichgrabungen durch die historischen Schichten seit der Zeit des Kaisers Septimus Severus. Scherben von Öllampen, Tonkrügen, Ascheglut. Zwei junge bewachen schwanzwedelnd und tatzenspielend die von den Sümpfen und Zuflüssen des Jantra gespeisten Wiesen, in denen Mücken und Schlangen brüten. Geruch nach reifen süßen Wildbirnen, kleine gelbe Bälle im Gras und zwischen dem Grabungsschutt.

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Priobrashenski-Kloster auf einem der Hügel nordwestlich Malko Tarnovo. Keine Mönche. Ein Altar mit Eintritt zu entrichten. Reife Pflaumenbäume. Magere Katzen. Außenfresko: Lebensrad vom Wiedergeburtsmaler Sahari Soograf. Pfeiler und Säulen aus dem römischen Schutt von Nikopolis zum Klosterbau genutzt. Bienenkästen vor zugewachsenem hölzernen Wohnhaus mit Veranda und Brunnen und der Jahreszahl 1910. Bulgarien ist Bienenland, ein Reichtum, der durch die thrakischen Karststeingefilde und die alpine Flora des Balkanpasses schwärmt. Vergils Lobpreis der Bienen am Schluss der Georgica. Honiggeschwader. Eremiten der Luft, die sich Abend für Abend im Tempel ihrer Waben sammeln.

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Die roten Ziegeldächer von Veliko Tarnovo. Zarenstadt. Universität: bulgarisches Heidelberg. Postkartenbulgarien.

Russe, Hotel Ruse, 24.08.2014

Nach Russe. Autobahn bei Devnja. Karststeinbrüche. Wagen auf Rollseilen wie Kabinen eines Sessellifts schaukeln über Asphalt und an Sonnenblumenfeldern vorbei. Das römische Martianopolis. Amphitheaterreste von Schierling überwuchert. Bis ins letzte Jahrhundert war Devnja in ganz Bulgarien wegen seiner Vampiraustreiber gefragt.

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Eichhörnchen, das über Sarkophage huscht. Auf abgeschliffenem römischen Pflaster gehen. Die Decumani: Ost-West-; Cardo: Nord-Süd-Richtung. Mosaiken, wie ich sie aus dem Museum in Neapel oder dem Bardo in Tunis kenne, Pompejis Mosaiken entstanden im selben ersten nachchristlichen Jahrhundert unter der Herrschaft Trajans, Neros, Commodus' wie die in Devnja/Martianopolis – und auch hier sind sie auf Griechisch verfasst: die Nähe des Meeres und der Griechenstadt Odessos. Satyr und Antiope. Hirsch. Hahn. Häher. Löwen bewachen die Ecken des Medusamosaiks. Marmortorso Aphrodites, scheu gleitet meine Hand über das Rund des weichen weißen Steins, die Hand des Fotografen auf den Auslöser, um den Schatten ihrer Gegenwart zu fangen.

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Abbild und Präsenz. Wenn Alexander Fotos 'schießt', ist nicht eigentlich der Augenblick darin gefangen, nicht 'festgehalten' oder bloß abgebildet, vielmehr wird er weitergegeben und verwandelt sich in etwas, das der ursprüngliche Moment zwar schon enthielt, in seiner Flüchtigkeit jedoch nicht hat entwickeln können. Als Fotografien gewinnen die Augenblicke eine unerschöpfliche Präsenz, aus Zeit werden sie zu Raum verwandelt, der immer wieder neu mit Augen zu beschreiten ist. Im ursprünglichen Augenblick verliert sich der Raum, der in ihm aufscheint, sogleich wieder. Fotografien hingegen erweitern den Augenblick über die unmittelbare Gegenwart hinaus. Aus Zeitpunkten eine begehbare Landschaft zu machen – genau die Aufgabe, der sich im Schreiben auch die Poesie aussetzt.

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Heilige Orte: Plätze, an denen die Elemente am wenigsten vermindert in Erscheinung treten. An den Quellen das Wasser, in den Bäumen die Luft, in den Höhlen die Erde, in den Bergen das Feuer, das die Steine schuf.

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Rasgrad. Das römische Abrittus. In den siebziger Jahren baute man eine Pharmafabrik direkt über der antiken Stadt. Bei den Grabsteinen und Sarkophagen am Nordtor ein schön eingerichtetes Museum mit Funden aus der Steinzeit, der vorthrakischen Donaukultur, der Thraker- und Römerzeit. Gussformen und Matritzen für Waffen, Schmuck, Götterreliefs. Dionysos am Weinstock lehnend neben Apollo auf dem Sonnenwagen. Der römische Kaiser Trajanus Decius fand in den Sümpfen der Umgegend bei einer Schlacht gegen die Goten den Tod, als er mit seinem goldenen Streitwagen versank – manche suchen danach wie andere nach dem Nibelungenhort.

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Nachmittagshitze. Leere Dörfer. Frau mit Kopftuch. Lechzende Hunde. Pferd im Nussbaumschatten.

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Isperih. Kubrat. Kalojan. Orte nach Bulgarenzaren benannt, die im Mittelalter nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums die thrakische Landschaft befriedeten. Der Reiter von Madara, zur Zeit der Zaren Tervel und Asparuh in den Fels gehauen, übernimmt die Insignien des thrakischen Reiters, der die alten Sarkophage ziert.

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Die Karyatiden von Sveshtari. Zentrum einer Nekropole mit über hundert Mogili, von denen die allerwenigsten geöffnet sind. Erst war das Haus der Karyatiden Tempel, dann ließ ein begüterter Geten- oder Korbiserkönig sich mit Frau und Pferden darin bestatten – der Kopf der Frau in der Nebenkammer mit den Opfergaben. Vielleicht war es ihr Gesicht, das auf den zehn Frauenleibern, die das Steindach stützen, in verschiedenen Lebensaltern oder Verkörperungen wiederkehrt. Rotblaue Muster in den Architraven der Eingangspforte, exakt geschnittene Kalksteinquader, um die Grabesstille herum getürmt, durch die sich der Generator der Klimaanlage schraubt.

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Zwanzig Minuten von der thrakischen Nekropole und den spärlichen Überresten der von den Geten der Korbisern bewohnten Stadt Helis in einer langgestreckten, von Eichen- und Eschenwald beschatteten Karstschlucht das alewitische Heiligtum des Derwischheiligen Demir Baba Teke. Wir schauen vom winderfüllten Plateau auf die moscheenartigen Kuppeln. Noch immer vollziehen die Alewiten an bestimmten Tagen dort ihre Opfer, schlachten ein Schaf, trinken das Wasser der heiligen Quelle, die neben der Pilgerstatt entspringt.

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Alter Mann mit weißer Ziege auf dem weiten leeren Weideland der Abendsonne, die über der Donauebene brennt.
Grelle Abendsonne in den langen rechtwinkligen Straßen von Russe, Donau. Staubiger August. Melancholische Geigenklänge auf dem Wiener Kaffeehausplatz.

23.08., Warna, Hotel Odessos

Meeresgarten. Geruch nach frittiertem Fisch. Diskothekensound. Wellenrauschen und Grillengezirp. Flanierende, Wind, Dunsthauch der Schwefelquellen, subtropisch schwüle Nacht.

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Patricks Geschichten. On the road. Bevor er Besucher aus aller Welt an die interessanten Stätten Bulgariens führte, war er Kellner in Spanien und auf einem Kreuzfahrtschiff. Dann hat er seine Passion für Entdeckungsreisen zum Beruf gemacht. Seine besten Kunden kommen von der amerikanischen Westküste. Ein Mädchen aus reichem Haus, das 365 Tage im Jahr die Welt bereiste, gab vor, mit den Insekten am Wegrand zu kommunizieren. Wenn er anderen einmal nicht zur Eroberung Bulgariens verhilft, sucht er selber die letzten unerreichten Orte auf dem Globus auf. Zuletzt war er im Archipel der Andamanen. Ich empfehle ihm die Insel Sokotra.

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Das Freibad im Meeresgarten mit Duschwasser aus den heißen Schwefelquellen. Choreographie der Schwimmer, die am Morgen ihre Bahnen ziehen: Takt angewinkelter, ausgestreckter, eingetauchter, wieder auftauchender Arme und Köpfe und der weißen Wellenberge, die sich vor sich her schieben. Ein asynchroner Rhythmusfilm. Choreographie der Spatzen auf den Besucherrängen: ihr vielfaches Hüpfen die Reihen auf und ab wie in einem Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel, bei dem jeder jeden mit dem nächsten Zug zum Anfang zurückbefördern kann.

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Die Wiedererkennbarkeit der noch von früher her gewohnten Alltagsdinge in den Ländern des ehemaligen Ostblocks – es scheint, als hätten sie sich auf manche Weise in Bulgarien länger erhalten, wenngleich sie nunmehr neben und zwischen dem neuen Überfluss des Westens wie verblasste Inschriften, Schatten und Ruinen aus einer verschollenen Zeit fortbestehen: die Interhotels; die Exquisitgeschäfte; die Tausend-kleine-Dinge-Läden; das Gastmahl des Meeres; Simson, Schwalbe, IFA, Wartburg und Trabant.

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Im archäologischen Museum. Superlative: das größte und attraktivste Bulgariens; übersichtlich gestaltete klimatisierte Räume mit Vitrinen zur Prähistorie, Thraker-, Griechen-, Römer- und frühen Christenzeit in der Region um Warna; das älteste bearbeitete Gold der Welt beherbergend – Gräbern beigegebener Schmuck aus dem fünften Jahrtausend vor der Zeit. Eine Zivilisation noch lange vor den Thrakern ließ goldene Ringe, Bänder, Ketten, Amulette, Zepter zurück. Waffen aus präzise gearbeitetem Eisen, Kupfer, Stein. Umfangreich verzierte Keramikschüsseln. Das am reichsten ausgestattete Grab ist nach Atanas Orachev das Grab des ersten Königs in Europa, der den mythischen Namen Dolonk gehabt haben soll. Die runden Goldplättchen, Glieder von Kettenschmuck, mit dem in ihrer Mitte ausgestanzten Loch – Orpheus singendes Haupt? Die Entstehung des Liedes aus dem Schrei, der einer Eruption gleich aus der leeren Mitte bricht?
Ein Erdbeben sorgte gegen Ende des fünften Jahrtausends wohl für den Durchbruch zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer am Bosporus, überflutete die bestehenden Ansiedlungen und schuf damit die Grundlage zur Ansiedlung der späteren thrakischen Kultur und der griechischen Kolonien am Pontus. So sind Geologie und Geschichte ineinander verschränkt.
Eine kimmerische Steinstele gibt Rätsel auf: labyrinthische Muster, Kritzeleien, Zickzack, Gravuren, Zeichen für Messer, Beil, Vogel, Löwe, Hirsch? Die Lieder, die von den Lippen dieser Menschen kamen, überliefern die zurückgelassenen Dinge nicht. Mir fallen Verse Gottfried Benns ein: “Woher die Seelenschichten, / da das Idol entsprang, / zu diesen Steingesichten / und Riesenformungszwang? / Die großen alten Worte / sind ewig unverwandt, / haben die Felsen zu Horte / und alles unbekannt.” Aber ebenso räumt er den Riten der Vergangenheit ihren geheimen Platz im kollektiven Unbewussten ein: “Es schlummern orphische Zellen / in Hirnen des Okzidenten, / Fisch und Wein und die Stellen, / an denen das Opfer brennt, / die Esse aus Haschisch und Meten / und Rauch und das delphische Lied / vom Zuge der Auleten, / wenn er am Gott verschied.”
Alles, was wir von den antiken Kulturen wissen, schließen wir aus ihrem Umgang mit dem Tod – Gold sollte ihn überwinden, Gesang ihn überstimmen. Rilke verortet in den Sonetten an Orpheus den mythischen Sänger in den Gegenständen, die sein Lied beschwört: “Seine Metamorphose / in dem und dem. Wir sollten uns nicht mühn // um andre Namen. Ein für alle Male / ists Orpheus, wenn es singt.” Apollo, der Gott der Sonne und des Gesangs, wird mit seinen Attributen (Pferd und Flügelpaar) vom thrakischen Reiter, der in immer neuen Varianten auf Friesen und steinernen Reliefs wiederkehrt, vorweggenommen. Daher hat Rilke Recht damit, wenn er Darstellungen wie diese direkt auf den Sänger selbst bezieht: “Heißt kein Sternbild Reiter?” Er sucht die sphärische Figur zu fassen, in der Orpheus vorüberschweifend die Dinge berührt.

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In den Thermen von Odessos, den viertgrößten römischen Thermen überhaupt, findet sich die vor zweitausend Jahren eingeritzte Figur einer Galeere, die bis heute im Untergrund von Warna überdauerte. Wirklicher Kapitän und wirkliche Galeere, auf die sich die Figur bezieht, tauchen nirgends auf.

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Die Maske des Apollo in Godards Le Mépris, durch dessen leere Augenhöhlen das endlose ägäische Blau hindurch leuchtet.

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Sarmatische Zeit. Die windreiche Ebene im Norden hinter Balchik, Kavarna, Kap Kaliakra. In diesen Gefilden soll Lysimachus, einer der Diadochen Alexanders des Großen und Thrakerkönig, seinen Goldschatz auf der Flucht vergraben haben. Windräder in endlosen Getreide- und Sonnenblumenfeldern; die rumänische Grenze und Ovids Exil Tomi nah.
Kamen Brjag. Die roten Karststeinhöhlen von Yailata dicht über dem Meer. Vorzeitliche, tief in den Stein getriebene Siedlungen, von denen einige heute noch bewohnt sind – von Campern. Die sarmatische Nekropolis: in den porösen Karst und lockeren Muschelkalk gehöhlte Schächte mit Eingang zur Seeseite (nach Osten) und innerer Ausbuchtung zum Land (nach Westen) hin; die Gräber stufenartig hinab bis zum Ende der Klippen über dem Meer angeordnet – ein antiker Cimetière marin. Kleiner grüner Ufervorsprung zwischen Klippen und Meer, auf dem herabgestürzte Brocken liegen – das letzte Erdbeben hat 2009 einige der Höhleneingänge verschüttet. Salziger Sturmwind von der See. Möwen, Schwalben, Steinkleiber.

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Sarmatische Gräber bei Yailata

Distelhecken
wolliger Knöterich
Lavendel und Rosmarin
trocken verzwergt

Teppich aus Kraut
über dem Kalk
Steinkleiber
und Uferschwalbe

siedeln und ziehen
im Sturm
der gegen die Klippen
die Wellen treibt

mit offenem Mund
Schrei der sie formt
blicken die Höhlen
ins Leere hinaus

eine Feige treibt Äste
tief im Geröll
streckt ihre Hände
zur See

Warna, Hotel Odessos, 22.08.2014

Bäume, nach Plinius der erste Wohnsitz der Götter. Eichen, die Orakelbäume der Griechen. Das Orakel von Epirus fand unter der Dodonischen Eiche statt; die Steineiche wurde als Baum des Zeus oder des Jupiter für heilig angesehen.

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Beglik Tash – türkisch für “Felsen des Steuereintreibers”, lautet der Name der thrakischen Orakelstätte nördlich über dem Hügel von Primorsko seit osmanischer Zeit; im Sozialismus Jagdrevier der Paschas des Politbüros. Gigantische rund und halbrund geformte Basalttrümmer, die vor Jahrmillionen ein Unterwasservulkan so herausgeschleudert haben muss, dass die Thraker sie für ihre orphischen Mysterien nutzen konnten: die Gaben- und Opfersteine; der Orakelpriestersitz; der Spalt, den das Licht zur Sommersonnenwende durchbricht; das Brautlager, auf dem sich die kosmische Vereinigung vollzog; die eiförmige Mulde als Abstieg in die Unterwelt und Wiederaufstieg im Angesicht einer gegenüber liegenden riesenhaften Vagina; Labyrinth und Orakel, in denen Vorzeichen zur Deutung empfangen wurden; der einem Segel gleiche Sonnenstein, der die Präsenz des Gottes über diesen Ort darstellt. Initiation, Gebet, Opfer und Orakel waren Interpretation der Folgen eines geologischen Großereignisses. Vulkanische Landschaft, die den Mythos schuf.
Die Touristen kriechend, kraxelnd, umherstaunend, daliegend oder im Sonnensitz auf den Steinen meditierend. Durch die Weiden, Eschen, Eichen, Dornen- und Kirschbäume leuchtet das Meer hinauf. Im Rücken, südlich, die bewaldeten schwarzblauen erloschenen Vulkankrater des Strandzhagebirges, für Momente habe ich die Kulisse des Vesuv im neapolitanischen Golf vor Augen.

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Kormorane auf den Stromdrähten vor Burgas. Möwen und Rotschenkel in den Lagunen von Pomorie. Das verdunkelte Meerwasser lässt Salz zurück, ältestes Tauschmittel der Welt, das in uns die Atome tanzen macht.

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In den Weinfeldern Pomories das thrakisch-römische Ziegelgrab. Rundhügel und Eingangstunnel erinnern an die thrakischen Mogili wie in Mesek. Der runde Innenraum wie ein römisches Mausoleum mit Ziegelsteinen ummauert. In der Mitte eine oben breit ausladende Säule, innen hohl, die noch einmal das System des thrakischen Grabes mit seinem Tunnel und der Gabenkammer zitiert, als könnte die gleiche Struktur, von Mal zu Mal verkleinert, sich unendlich wiederholen. Atanas Orachev hält es für die Grabstätte des letzten Odrysenkönigs Rhoimetalkes, mit dessen Herrschaft die thrakische Landschaft endgültig mit der römischen verschmolz; nach ihm gab es keine thrakischen Könige, sondern nurmehr den Adler des Imperiums.

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Nordwärts über den Balkanpass. Tag aus Wolken, Wind, diesiger Sonne auf bleigrauem Asphalt.

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Wellenreiten am wilden Dünenstrand des Naturschutzgebiets Kamchiya; es gibt noch einsame Rückzugsorte jenseits des Goldstrandes.

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Warna, das griechische Odessos, über die Asparuhovo-Brücke erreicht. Zur Linken die Lagune, zur Rechten das Meer, beide durch Kanal verbunden. Werftanlagen mit Kranaufbauten. Container. Häuserblöcke. Im Hintergrund, die Stadt überragend, das Franka-Plateau, auf dem zur Zeit des Krimkriegs die französischen Truppen biwakierten.

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Hotel Odessos. Am Eingang strömen die Flanierscharen des Freitagabends zum Meeresgarten ein und aus; auf der Rückseite kleine windschiefe Balkone und Fassaden in gelben und grauen Farben, über den Dächern mit Bauformen verschiedener Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts das Antennengewirr des TV-Zeitalters.
Patrick: Warna ist die am wenigsten bulgarische unter den Großstädten. An die achtzig Prozent der Stadtbevölkerung waren anderen Ursprungs: Griechen, Türken, Gagausen, Armenier, Rumänen, Russen, Österreicher, Engländer, Franzosen.

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Vergil wusste, was die Grenzen des Imperiums zusammenhielt – die Leidenschaft zum Rebensaft, das einende Prinzip in der Differenz: “Nicht hängt an unseren Bäumen dieselbe Traubenernte, wie sie Lesbos von der Methymnäischen Rebe pflückt; es gibt Thasische Reben, auch weiße Mareotische, diese geeignet für fette Böden, jene für leichtere; und zum Süßwein ist die Psythia-Rotweinrebe gut und der Hasenwein, der so rasch ins Blut dringt, beim Trinken in die Beine geht und die Zunge lähmt, der Purpurwein und der Precische… Es gibt auch Aminneische Reben, höchst dauerhaufte Weine, denen sogar der Tmoluswein Respekt bezeugt und selbst der herrliche Phaneische, auch der kleinere Argoswein, mit dem es keiner an Ertrag oder langer Haltbarkeit aufnimmt. Auch dich, Rhodischer Wein, zu Trankopfer und Nachtisch willkommen, will ich nicht übergehen, und dich, Kuheuterwein, mit deinen schwellenden Beeren. Doch lässt sich für die vielen Arten und Namen keine Zahl angeben… Wer sie zu wissen begehrt, mag ebenso zählen, wie viele Sandkörner der Zephyr in der Libyschen Wüste aufwirbelt oder wissen wollen, wie viele Wogen vom Ionischen Meer ans Gestade rollen, wenn der heftige Ostwind auf die Schiffe einstürmt.”

Sinemorez, Pizzeria Katerini, 21.08.2014

Mitternacht: Der große Wagen über dem nordöstlichen Schwarzmeerhimmel. Auf Sternschnuppen warten, während die Wellen gegen die Klippen schlagen und der Wind durchs dünne Gras des Felsenplateaus weht, ist wie auf Gedichte warten, die urplötzlich aus der Milchstraße des Bewusstseins schießen. Die Worte sind der Schlüssel zum Wunsch, der nicht geäußert werden darf. Sie geben von ihm Zeugnis und versiegeln ihn dabei zugleich.

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Andare sulla spiaggia. Die Improvisationskunst des Ostens hat am Schwarzen Meer ein langes Leben. Das macht diese Strände auf bizarre Weise sympathischer als das zugedröhnte faule Vierundzwanzigstundenstranditalien. Die kleinen auf Holzbrettern hochgezogenen Bars, der Stromgenerator in den Felsen, die Familienübernachtungen, die Kennzeichen aus Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänien, Slowakei, die neben den Einheimischen parken, die Ruinen halbfertiger Blöcke, die neben den sozialistischen Industrieruinen in die Landschaft wachsen.

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Ahtopol. Das Satyrgrinsen des Professors, der uns die in der Bucht des griechischen Agathopolis nördlich von Sinemorez gefundenen Anker zeigt – der klobige schweizerkäseartige Stein der Griechenanker wandelte sich bereits in der Römerzeit zum heutigen eisernen Anker mit dem elliptischen Kreuz. Die Griechen haben dem Professor zufolge weniger als die späteren Römer zum Bild Thrakiens beigetragen, wie es als Landschaft, nicht als Ethnos überliefert ist – mit ihren Straßen, Via Pontica, Via Diagonalia, Via Egnatia, ihren Landstrichen Thracia und Moesia südlich und nördlich des Balkans mehr erschlossen, kartiert und mit der Kultur ihres Imperiums überzogen, als es die Griechen taten, die nur entlang des Pontos Euxeinos ihre Kolonien hatten. Thraker, die am Meer wie hier bei Sinemorez lebten, waren keine Seefahrer, sondern zehrten von den Gütern der Schiffbrüche, die sie an Land zogen und unter sich verteilten. Da es einfach keine großen Märkte auf dem Balkan gab, vergruben sie ihren Reichtum lieber in der Erde – so Orachevs überraschende Volte zur Herkunft des Thrakergoldes.

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Wellenbad in der schroffen, schräg aus dem Meer hervorbrechenden Basaltfelsenbucht südlich von Sinemorez – hinter dem Strand beginnen die Sümpfe des Velekadeltas, das Naturschutzgebiet bis in die eichengrünen, dichten Urwälder der Strandzhaberge hinein. Kleiner gelbgrüner Schildkrötenpanzer in den Dünen. Auf dem thrakischen Burghügel über dem Strand, wo ich vor zwei Jahren dem Team Daniela Agres beim Graben zusah, haben sich dürre gelbe Disteln ausgebreitet, Gras hat die Plastikplanen, die die Grabungsstellen deckten, gesprengt, doch die Ausgrabungen sollen im September  wieder aufgenommen werden. 

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Die jungen Störche im Nest überm Kabelbaum beim Gefüttertwerden; bald müssen ihre Flügel bis in die Sahara hinaus reichen. Feigenbaum und Kiefer vor dem Haus, auf dessen Schornstein ein Käuzchen hockt.  

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Sinemorez

Das Wasser blau am Schwarzen Meer;
nordöstlich rollt der Große Bär.
Es gibt noch Rock'n'Roll und kleine Bars
und Mädchen mit den Augen unentdeckter Stars.

Juli, August – grün sind die Feigen;
im September, wenn sie Reife zeigen,
bleibt das Meer sich selber überlassen,
die Wellen Dichter, die Oden auf den Strand verfassen.

Statt Nachrichten ist es das Lied der Grillen,
statt Termindurchsagen sind es die stillen
Stunden, in denen einfach nichts passiert,
als gäb' es keine Zeit, die man verliert.

Der Sommer deine Fußspur, die dem Wasser weicht,
das Bild von dir, das in der Sonne bleicht,
die Welt auf einen Fleck geschrumpft:
Licht, das wandernd über Blätter tupft.

Sinemorez, Pizzeria Katerini, 20.08.2014

(20:30. Der vorletzte Strandposten am Schwarzen Meer vor der Grenze zur Türkei. Der schrille Pop der bulgarischen Sommerstrände dringt mit verminderter Lautstärke in den Ferienort am Velekafluss hinab. Das Kontrastprogramm zur Bergstille im Architekturreservat des vergangenen Abends, zur Stille der Felder im Sakargebirge, zum Schwarm der Schwalben auf den Drähten in den Dörfern, zu den im Wald versteckten Thrakergräbern, zur Sternennacht unter den Felsnischen am Ardafluss … willkommen in der Gegenwart! Doch vom Morgen an.) 

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Märchenfilmkulisse. Die hölzernen Wiedergeburtshäuser von Zheravna im südlichen Balkanmassiv, waldgrüne Bergzüge schließen es ein. Eines der Dörfer, das den Bulgaren heute noch ein Bewusstsein von unter den Osmanen erwachter Identität und den ausländischen Touristen ein Bilderbuchland beschert, das andernorts so pittoresk kaum anzutreffen ist. Die Häuser im Fundament massive Steinquader, von unten oder ab der ersten Etage mit Holz überzogen und ausgekleidet, dem Überfluss der Landschaft. Ausladende rhombische Dächer mit rötlichen halbrunden, ineinander verschalten Tonziegeln, die sich in welligen, von Morgensonne angestrahlten Reihen über die Häuser hinwegziehen. Türmchenartige granitgemauerte Schornsteine mit einer dachartigen Abdeckung über vier Abzugsscharten. Heimeliger Holzrauch, am Morgen bis aufs Hähnekrähen Stille; das ins Fenster leuchtende, von Sonne ausgeleuchtete Walnusswipfelgrün. Mein Bettvorleger aus weißen langen Ziegenhaar.

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Seit meiner Fußwanderung nach Großkochberg im Juni war links der große Zehennagel lose; da er sich entzündet hatte, hielten wir gestrigentags in Svilengrad, um ihn entfernen zu lassen. In der Poliklinik Gespräch mit den beiden Chirurgen über die Stationen unserer Tour. Beim Namen Svilengrad – auf der andren Seite liegt, Edirne, Adriananopel, Türkei – muss ich künftig an ihre schnelle Hilfe und die vielfachen Brücken der Mustafa-Pascha-Brücke über die Mariza denken, um die sich eine Legende ähnlich Ivo Andrícs Brücke über die Drina rankt.

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Nach Malko Tarnovo ins Strandzhagebirge, südöstlich gen Schwarzmeer und türkischer Grenze. Landstraße zwischen Eichenwaldhügelwellen, ein Pferd in der Tür eines verlassenen Hauses am Ausgang von Zvesdets, dessen alte Armeekasernen nun von Romafamilien bezogen sind.

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Die Grab- und Tempelstätte von Mishkova Niva (“Mäusefeld”) hinter dem nun verrosteten eisernen Vorhang mitten im Eichenwald, der nach dreihundert Metern türkisches Territorium berührt: Kupfer- und Eisenschlackereste, die von der antiken Minen- und Hüttenkultur zeugen, die aus Thrakien überliefert ist – auch wenn dieser Ort in keiner griechischen oder römischen Quelle erscheint. Dolmen wie in der vorthrakischen Megalitkultur, die sich mit der runden thrakischen Grabkammer verbinden, wie sie in Starosel oder Mesek sich findet; später platzierte man eine römische Gottheit vor dem Eingang. In der Nähe die Grundmauern eines römischen Hauses, ein Weihwasser- oder Waschbecken, kleinere Gräber, die sich zwischen den Kiefern und Eichen verlieren. Zeichen des Saturn, falls es sich auf ihn bezieht, auf dem Giebeldreieck des Tempeltors, das in den 1980ern der Thrakologe Alexander Fol ans Licht gezogen hat: Pfeil, der mit seiner Spitze aus einer Bleikugel (oder einem Schild?) nach oben ragt; daneben zu beiden Seiten eine geöffnete Hand, die ins Leere grüßt. Münzen und eine Ikone im freigelegten Heiligtum: Der Ort hat nichts von seiner Ausstrahlung verloren.

E 733 hinter Yambol / vor Zheravna, 19.08.2014

Sonnenaufgang in der thrakischen Ebene vor Mesek. Hähne und Hunde. Dunst am Fuß der bläulichen Berge. „Hebe den Stein nicht auf, / Den Speicher der Stille.“ Es ist wenig bekannt, dass auch diese Landschaft mit ihrem Wein, ihren Hirten, ihren blutigen Legenden von Ivaylo, von Momchil, die später dem sozialistischen Städtebau ihre Namen liehen, ihren Anteil an Peter Huchels Chausseen, Chausseen hat. Huchel war bereits jung gegen Ende der zwanziger Jahre auf dem Balkan unterwegs gewesen, reiste 1961 anstatt eines verweigerten Sizilienaufenthalts, mit seiner Frau nach Melnik in den Südwesten Bulgariens und brachte unter anderem das Gedicht Thrakien mit, das den Orpheus-Mythos in archaischen Bildern festzuhalten sucht, wie sie zu Farbe und Form geronnen ähnlich auch in den urtümlich expressiven Landschaften des Malers Zlatyu Boyadzhiev zu finden sind – Huchel mag in Bulgarien auf ihn aufmerksam geworden sein: „Und mittags zerschellt / Die Sichel des Lichts.“ Gleichzeitig gelingt es ihm mit den Andeutungen solch kargen Vokabulars die Situation einer schwarz-weiß geteilten Kalten-Kriegs-Welt zu umreißen, die ihn in die persönliche Isolation hinein trieb: „Über den Paß, / Gekerbt von Pferdehufen, / Weht eine Mähne aus Schnee. … Jenseits des Flusses / Leben die Toten. / Das Wort / Ist die Fähre.“

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Die DEFA-Indianerfilme waren im sozialistischen Bulgarien enorm beliebt (sie sind meist auch dort gedreht worden, während der Westen seine Karl-May-Verfilmungen in Jugoslawien machte); am beliebtesten jedoch, erzählt mir Patrick, waren sie unter den bulgarischen Roma, die in Ekstase gerieten, wenn Gojko Mitíc über die Leinwand ritt – „großer Bruder“, schwärmten sie lautstark aus dem Dunkel des Kinos heraus für ihn.

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Schrille Schwärme lang und spitz geschnäbelter Bienenfresser über den Eichenwäldern von Mesek: Bunte Fallschirme, die jeden Grenzzaun überwinden. Im Vorüberfahren auf der Landstraße die Vögel: zu schnell oder zu fern für Alexanders weite Linsen. Im trockenen, beinah menschenleeren Sakargebirge östlich von Svilengrad mit seinen Sonnenblumen- und Weinfeldern, den Walnussalleen soweit das Auge reicht, den lehm- und ockerbraunen, mit niedrigen Eichen, Mandelbäumen, Mimosen, Tamarisken bestandenen Rundhügeln, unter denen die Thraker zu Hunderten ihre Könige bestattet haben sollen – kegelflache Erhebungen, die sich wellig gestaffelt in den nord- und südlichen Horizont hinein verlieren: Eine Gegend, urtümlich, bildersatt, mythisch gegenwärtig wie das Land von Vergils Georgica.
Nah auf dem Walnusszweig ein Wiedehopf mit seinem wimpelgleich gereckten Rad trägt mich für den Augenblick seiner Rast aus dieser Zeit in seine: Tereus, der für seine Grausamkeit gegen seine Schwägerin Philomele bestrafte Thrakerkönig, der in Ovids Metamorphosen die Feldraine zum Wiedehopf verwandelt durchstreift, nachdem seine Frau Prokne ihm den Sohn Itys zum Verspeisen vorgesetzt hatte – sie wurde dafür zur Nachtigall, zur Schwalbe Philomele.

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Die wie die kappadokischen Kapellen im zehnten Jahrhundert in den Fels hinab gehauene Kirche des Heiligen Pantelemon zwischen den Bunkerresten an der Grenze zur Türkei: Schwalbennester im Kuppelkreuz und über der nach Osten zeigenden Nische, wo die Ikonostase war; auf den Gesteinstrümmern am Eingang ein toter schwarzer Schwalbenflügelleib.

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Kolonie von Bienenfressern auf den Drähten schwirrend im fast menschenleeren Dorf Matotshina – sie lieben die dornigen Plateaus und Nischen im trockenen Mergel und Muschelkalk. Auf dem Felsen die oströmischen Festung und Kirchenruine Bukelion, wo 1204 auf dem vierten Kreuzzug der Franke Balduin, selbsternannter Kaiser Roms, von Zar Kalojan gefangen genommen und nach Veliko Tarnovo gebracht wurde. Der leere Himmel im eingestürzten Kupppeldach; Teile der Mauern abgetragen, um die Häuser des Dorfes unterhalb zu bauen.

Der Schwarze am Straßenrand bei Svilengrad; eine Flucht, von der wir nichts Genaues wissen, steht ihm ins Gesicht geschrieben.

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Nordwärts auf der Transitstrecke zwischen der Türkei und Rumänien: Wagenkolonnen auf zweispurigem Band; unter dem Blassblau des Spätnachmittags kommt das Balkangebirge in den Blick.

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Fröhliche Zigeunerfamilie mit Wägelchen und Pferd davor an den Sonnenblumenäckern des Sakargebirges. Die Schildkröte, die knapp vor dem Grill des Sowjetlasters in die Tundzhaauen läuft.

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Aus der Vogelkunde der Ostrhodopen

Bienenfresser
Wiedehopf
Wespenbussard
Wachtelkönig

Habichtsadler
Rothalsgans
Steppenweihe
Schwarzmilan

Uferschwalbe
Ziegenmelker
Felsenkleiber
Sanderling

Krähenscharbe
Rosenstar
Maskenwürger
Blassspötter

Balkanschmätzer
Mittelspecht
Orpheusgrasmück
Wendehals

Mesek, 18.08.2014

Arda-Ardèche. In der Nacht Sternenhhimmel über dem Flusstal wie lange nicht mehr gesehen. Vom Giebel ruft ein Sperlingskauz; er liebt die Frösche, die durch die taufeuchten Wiesen hüpfen. Milchstraße, Andromedanebel und die Plejaden. Grillen weben am Teppich der Nacht, am Morgen trennen ihn die Steinschmätzer, die Greifvögel, die Reiher auf. Man muss sich daran gewöhnen, dass es Adler nicht nur auf Flaggen und in Filmen gibt, sondern unerreichbar weit oben im Blau.
Die Vögel zwischen den Ufern; the Arda River Valley Brass Band. Die Schwalben sammeln sich auf den Drähten, kommen aus den Felsnischen ans Licht; ihr karmesinroter Latz – kleine Kardinäle der Luft.

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Felsen von Aul Kaya. Durch die Steineichen- und Dornenmacchia nach oben. Von Wildschweinen aufgewühltes Erdreich mit Zwiebelköpfen. Tuffgestein. Rot. Schwarz. Schrundig. Klumpen und Keile. Tierpfoten für ewig in den Stein gedrückt. Der Fels Schädel und Rücken einer Urzeitechse. Keramikscherben unter der Kräuterschicht. Eine Eidechse huscht aus den Trümmern ins Eichenwaldunterholz, über dem die blaue Glasur des Mittags glänzt.

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Kaya

Falter
Auf dem schroffen Plateau
In allen Farben
Nach jeder Richtung

Ein Winde-Palast
Wicken
Wildes Bohnenkraut
Thymian

Zwischen der Lava
Schwarzem Tuff
Und rotem Gestein
Gegenüber

Die aufgehende Sonne
Geritzt in den Kalk
Wilde Rose
Kriecht aus dem Spalt

(Kaya ist türkisch für Felsen.)

Kromlech: Mittag im Steinkreis bei Dolni Glavanak. Knastertrockene Eichenborke mit Flechten, Moos und Spinnweben.

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Madsharevo. Der junge Wirt in der Mechana “Trakia” erzählt, dass die Stadt einmal 7000 Menschen zählte, jetzt sind es nurmehr 420 – die Zink- und Bleibergleute sind verschwunden, verkrüppelt oder in Pension, es gibt einen Beobachtungsposten für die die Ägyptischen und Griffongeier, die über den Felsen am Flussknie kreisen. Auf der Brücke schauen wir durchs Teleskop. Sie nutzen die Aufwinde, die Thermik wie die Mauersegler über den Betongebirgen der Stadt. Die Bauern helfen den Naturschützern, indem sie die verendeten Tiere ihnen überlassen. Ein toter Esel ihre Felsmahlzeit.
Wir treffen einen Fahrradfahrer, der aus Meiningen, Thüringen, bis hierher gekommen ist. Alles, was er braucht, in den Seitentaschen untergebracht. In den Vorgärten von Grundstücken, auf Brachen, Parks und Wiesen unter der Zeltplane übernachtet. Will über Istanbul bis Indien fahren.

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Im Ardaknie gebadet, seit langlanger Zeit wieder einmal getaucht, kieselklares Nass. Am Ufer die Kühe, die Geierfelsen um und über uns. Ostwärts über Malko Gradiste nach Mesek. Eichenwälder, Wein, rötliches Erdreich. Mesek: Bulgarische Volksmusik. Grillennacht. Hundejaulen. Großer Suchscheinwerfer durch den Dreiländerkorridor. Vor uns die thrakische Ebene, in unserem Rücken Griechland.

Arda, Kovan Kaya, 17.08.2014

Am Morgen das Glockenspiel von einem der Campaniles am Nebet Tepe in der Plovdiver Altstadt. Die blütenumrankte Windrose an der Zimmerdecke des Hotels Renaissance. Von der Straße herüberrufende Stimmen. Weinlaubgrüne Veranda. Zwischen Linde, Feigenbaum und hölzernen Fensterläden klopft ein Specht, Picus picus, seine Zeichen in den Morgen ein.
Vergil über den Segen der Brachen; Flächen, die etwas abwerfen, indem sie ihren Reichtum zurückhalten; sie spenden aus dem Verborgenen heraus: “Jedes zweite Jahr lass auch gemähtes Brachland rasten, das Feld träge und ungepflegt liegen und hart werden oder säe, wenn das neue Sternbild aufgeht, gelben Spelt, wo du vorher üppige Hülsenfrüchte in rasselnden Schoten geerntet hast oder die Frucht der schmächtigen Wicke und die schwachen Halme und das rauschende Dickicht der bitteren Lupine. Leinsaat dörrt ja den Boden aus, es dörrt ihn der Hafer, und auch Mohn dörrt ihn, der ganz vom Schlaf der Lethe getränkt ist.”

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Tobacco road. Durch die thrakische Ebene. Hinweisschilder auf Türkisch. Alleen von Walnussbäumen. Alleen von Storchennestern. Alleen deutscher Nummernschilder entlang der alten via diagonalis nach Istanbul oder zurück. Alleen von Mais, Sonnenblumen, Wein, Tabak.

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Nymphaeum von Kasnakovo. Die drei Becken der Quelle durch unterirdisch kommunizierende Röhren verbunden; in einem Becken Schwärme flinker kleiner und größerer blinkender Fische, die zwischen den Steinen und Spalten im Wasser verschwinden und wiederkehren, zum Schwarm zurück. Ein Frosch hüpft, als ich durchs regenfette Grün schreite, ins andere Becken saltoschießend hinein. Dreizack eines weiten Baumwipfels, unten der breite Stamm zu einer Höhlung gespalten und angekohlt.

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In die Ostrhodopen. Patrick, unser Begleiter, der am Morgen zu uns stieß, will mit uns an Orte, an die er 'gewöhnliche' Touristen selten führt; manches will er mit uns selber erst entdecken. Er zählt den Archäologen Professor Orachev, der die Thrakologie gegenwärtig mit neuen Hypothesen umkrempelt, zu seinen Freunden. Vielleicht begegnen wir ihm noch, wenn wir in Sinemorez sind.
Kühler Tag mit diesig heraufziehenden Regenwolken. Macchia auf trocken-weißer Kalkschiefer, mächtige alte Eichenstämme, kuppelgrabrunde Hügel formen die Landschaft. Alter Mann mit weißem, weit aufgespannten Regenschirm auf der Landstraße bei Tatul. Momchilgrad, Gruevo, der Käse von Mincho Dimitrov, der uns auf seine Farm einlud, nachdem Sascho Englert Bilder seiner Schafherde schoss; Allah schenk' ihm hundert Jahr.
Auf dem Weg zum Ardafluss, im strömenden, dann niederpeitschenden Regen entdecken wir das Plateau von Kovil: Höhlen, Kanäle, Löcher, Rinnen, Rillen, Schächte, ausgewaschen, geschürft und gehauen in den Porphyrkalk – keiner weiß wirklich mehr wozu. Landkarten von anderen Planeten. Patrick nennt es das bulgarische Nasqua.

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Im Arda-Tal. Das Flussbett urweltlich granitengrau, große vom Wasser augescheuerte Wanne. Basaltfelsen wie Orgelpfeifen aufgesteilt. Der Arda-Staudamm. Tabakfelder, Tabakfelder. Bündel Tabak unter Planen niedrig zum Trocknen ausgehängt.
Kovan Kaya. Halbrundbogen wie die geschnittene Felsensonne bei Tatul, oben im Felsen über dem Tal. Zur Dusche leuchten die weißen Felsnischen herein. Vögelscharen künden das Ende des Regens an.

Plovdiv, 16.08.2014

Bahn nach Plovdiv. Das Iskartal, der Knotenpunkt Septemvri, wo die Züge sich teilen westlich ins Piringebirge und südöstlich in die thrakische Ebene. Hinter Septemvri ein Storch im Schilf, dahinter die Ebene im dunstigen Nachmittag. Es hat viel geregnet in diesem Sommer, doch inzwischen herrscht wieder Trockenheit, Staub, der auf die Weinfelder und Tomatenbeete, auf den Flaum von Pfirsichblättern und die Kruste der Walnussblätter treibt. Sonnenblumenfelder voll leerer schwarzer Kelche wie abgebrannte Kerzenstümpfe. Thrakischer Sommer: Die Mitreisenden wälzen den Kopf im Dösen; Jahr für Jahr die Schollen im Acker umgeworfen, ohne dass Zeit vergangen ist.

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Es gibt Dichter, mit denen man nie fertig wird, weil man mit jedem Gedicht, was man von ihnen liest, innehält und stockt. So geht es mir mit Rilke und seinen Neuen Gedichten. Das “Grabmal eines jungen Mädchens”, wohl auf eine spätrömische Stele Bezug nehmend, wie sie auch aus dem römischen Thrakien bekannt sind, ist eine scheinbar wenig spektakuläre Beobachtung am Anfang der Neuen Gedichte: Schrift, die an die vor 2000 Jahren Verstorbene erinnert, ist als Teil der Landschaft in den jahreszeitlichen Kreislauf einbezogen, und es ist nur folgerichtig, dass sie in deren natürlichen Erscheinungen wiederkehrt. Doch Rilke wäre nicht Rilke, wenn er dies nicht zugleich infrage stellte und ihr Wiedererscheinen als bloßen “Gedanken”, als unsichtbaren “Gott” denunzieren würde – eine rhetorische Vergleichsfigur der Imagination, die Grabmal und Landschaft, in der sie steht, miteinander verknüpft. Wie dem auch sei, ich blieb an der “Limonenküste” hängen:

“Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte
alles dieses einmal wieder sein.

Wie ein Baum an der Limonenküste
druckst du deine kleinen leichten Brüste
in das Rauschen seines Bluts hinein:

– jenes Gottes.
                                  Und es war der schlanke
Flüchtling, der Verwöhnende der Fraun.
Süß und glühend, warm wie dein Gedanke,
überschattend deine frühe Flanke
und geneigt wie deine Augenbraun.

*

Plovdiv, am Fuße des Nebet-Tepe-Hügels, dem Ursprung der Stadt, im Restaurant Potomzi die über den Salat mit gerösteter Paprika geriebenen Walnusssplitter. Im Garten bei der großen Feige und auf der Mauer des Schreiten der kleinen herrenlosen Katzen. Wenn du im Gehen anhältst und ins Gespräch kommst, öffnen sich dir Tresore von Geschichten. Sava, die alte, geistesgegenwärtige Frau mit dem mazedonischen Flussnamen und der italienischen Arie “Mi amore è grande / grande come il mondo” auf den Lippen, holte ihr vor Jahrzehnten gelerntes Schuldeutsch für uns aus dem Gedächtnis. Die Geschichte ihres Großvaters war, dass er nach München zur Schuhmacherlehre geschickt worden war, die Räterepublik erlebte und nach der Rückkehr alle künftigen Schuster in Plovdiv zu Gesellen hatte. Neben seinem Handwerk brachte er das Schreckwort “Polizei” aus Deutschland mit.
Wir könnten es mit Karl Philipp Moritz halten, unserem Schutzheiligen in gelehrter Kuriosität: für die Fremdheit des Unterwegssseins Worte und Bilder finden.

Sofia, 15.08.2014

Hauptbahnhof. Auf dem Weg Sonne hinter den Wolkenschichten wie ein verschüttetes, mit Staub überzogenes metallenes Objekt, das langsam freizuschaufeln ist. Der Vor- und Friedhofsgärtenvegetation folgen die Brachen, Wiesen und Waldstücke mit Feldern dazwischen. Für den Wanderfalken ist Jagdzeit; im Vorbeirauschen einen Anblick seines majestätischen Schnabels erhascht.

*

Die Eile ist die Kehrseite der Pünktlichkeit, des Tempos, der Termine und Projekte – egal, ob du hastig-überstürzt oder mit Weile zum Bahnhof gehst. Einen Termin haben bedeutet: die angebrochene Arbeit liegen lassen, die Wünsche nach Beschaulichkeit, Kontemplation und In-den-Tag-hinein-zu-Leben wieder einmal zurückzustellen und stattdessen dem Takt der technischen Geräte folgen, die einerseits deine Termine festhalten, sie “erstellen”, in einem endlosen Algorithmus einen Rattenschwanz von Terminen auf Terminen generieren und andererseits dich selber von Termin zu Termin durch die Welt bugsieren. Die institutionalisierte Eile erzeugt ein Leben im Fragment, im Vorüberhuschen, im Anklickmodus, im Antippen von Sachen, die man weder je ganz wird erfassen noch verstehen können. Bliebe das Papier, um das sich Entziehende wenigstens in Schrift festzuhalten. Doch sogar die Haptik des Papiers verschwindet hinter den Oberflächen der Geräte, überlebt als pure Imitation. Es bleibt die Sehnsucht nach etwas Vollständigem, Ganzen, dem Werk, das in sich ruht. Doch wir leben auf der anderen Seite, im flüchtig hindiktierten Entwurf, darin manchmal ein Gedanke aufblitzt, wie es anders sein könnte – ausführen lässt es sich nicht, weil bereits der nächste Termin zur Eile treibt.

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Die Wälder vor Berlin, Stromtrassen über der Kornstoppel, Obsthaine und Weideflächen im Dunst eines kühlen, wolkigen Vormittags. Krähen sammeln sich auf den Kabeln, leben in Symbiose mit den Masten, denen die Bussarde, die Falken und Milane in ihrem Gleitflug auszuweichen suchen.

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Vergil, Georgica. Die Langsamkeit der lateinischen Syntax: Wortstellungen, die einen in sich ruhenden Eindruck beschwören, ein nach jeder Richtung solides Haus, in dem alle Streben ineinandergreifen. Die simple Wortstellung des modernen Verkehrsenglisch kennt dagegen nur ein Vorwärtsdrängen, Weitermachen, eine Richtung, die immer den aktuellen Satz vergegenwärtigt, alle vorangegangen jedoch vergessen macht.

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Auch richtig Gähnen will gelernt sein. Es befördert dich in einen archaischen Zustand der Gelassenheit, vor dem Spiegel in der Toilette des ICE.

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Sofia, heiße Nachmittagssonne, die Menschen freundlich und entspannt am Bordstein, auf den Bänken vor dem Theater, in den Cafés, durch die Raseninsel gehend, verstreute Schatten zwischen steinernen Momenten einer anderen Zeit. Bei den Markthallen und dem defunkten, verschlossenen türkischen Bad der lange Boulevard, der die Stadt von Nord nach Süd durchteilt: Englert fotografiert alles, in jeder Lage; auf den Tramschienen liegend hält er die hellblaue Dämmerung im Sucher fest, wie sie über dem dunkelblauen Panorama des Witoschagebirges im Süden steht, die runde Kuppel der Kathedrale Sveta Nedelja ragt wie ein Magnet in die Luft, den die Mauersegler einschießenden Spänen gleich umkreisen – die wir in Braunschweig, in Frankfurt vermissten, wir haben sie hier wieder eingeholt, vorläufig, ihre schrillen, außerirdischen Schreie, Muezzins einer sphärischen Religion; die Baldachine ihrer halbmondrund gespannten Flügel weit über den Wasser schöpfenden Stadtbewohnern bei den heißen Quellen, weit über den freigelegten Schichten des antiken Serdika, gleich neben den neuen U-Bahn-Schächten brach; in den offenen Gruben sprießt Schilf, Möwen ziehen in Scharen über die Dächer des Sheraton-Hotels und des ZUM-Kaufhauses hinweg – oder waren einmal gar die irdischen Schreie von Wildgänsen darunter?

In der 18. Etage des Transportministeriums, bei dem aus Muskattrauben gebrannten Rakia zum Salat aus enthäuteten Tomaten und Paprika, nach jeder Himmelsrichtung sprühen Feuerwerke an den Enden der Stadt, sind wir ihnen näher, doch nicht nah. Ähnlich ist es mit der Antike, die wir hier aufsuchen wollen; wir gehen einer Zeit nach, die sich uns hinter den freigelegten Überresten und Ruinen, in denen sie sich zu zeigen scheint, zugleich entzieht. Höchstens im Zauber der Schrift zitieren wir sie herbei.

Kommentare


Rech, Prof. Dr. - ( 13-09-2014 11:42:44 )
Den ganz besonderen Reiz dieses Tagebuches spricht Jan Röhnert selber im letzten Satz an:"Wir gehen einer Zeit nach, die sich uns hinter den freigelegten Überresten und Ruinen, in denen sie sich zu zeigen scheint, zugleich entzieht. Höchstens im Zauber der Schrift zitieren wir sie herbei." Dieser Zauber hat mich als Leser in seinen Bann gezogen.

stefan - ( 20-08-2014 03:52:36 )
Lieber Alex!
Hier ist Dir mal wieder etwas ganz besonderes gelungen, mit Deinem Reisegefährten ...
Ich hatte ganz vergessen das Sprache so knackig und malerisch sein kann.
Wünsche mir eine Dia-Lesung in meinem Atelier.
?...und habe grosse Lust das Land mit Euch zu bereisen.
eine tolle Arbeit
Stefan

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erstellt am 16.8.2014

Der Schatz der Bulgaren liegt im Untergrund. Der Dichter Jan Volker Röhnert, der vor gut einem Jahr eine erste Reise durch die bulgarischen Ausgrabungsstätten machen durfte, ist nun ein zweites Mal – wieder auf Einladung des Goethe-Instituts – dort unterwegs, um die archäologische Arbeit und die Funde in Thrakien und anderswo kennenzulernen. Orpheus, der Sänger und Magier, ist dort beheimatet und seine Eheliebste, die thrakische Dryade Eurydike. Die königlichen Erben des mythischen Schamanen haben ihre Hinterlassenschaften in bulgarischer Erde gelassen, aber auch die Römer und andere Eroberer. Wie sich die wechselhafte Geschichte dieses Landes nun allmählich entbirgt, aber auch, wie der Alltag sich gestaltet, wird Röhnert nun wieder täglich mit elektronischer Post an Faust-Kultur berichten. Seine poetischen Schilderungen der Landschaften und der Menschen, denen er begegnet, werden von dem Frankfurter Fotografen Alexander Paul Englert bildnerisch begleitet.

Jan Volker Röhnert und Georgi Gospodinov in Sofia

Jan Volker Röhnert und Georgi Gospodinov

Der Dichter Georgi Gospodinov

Starosel, der thrakische Tempelberg

Das Südtor des römischen Diokletianopolis (Hisarija) wurde unter den Osmanen wegen seiner Höcker das “Kameltor” genannt

Bulgarien ist der weltweit größte Sonnenblumenölhersteller

Der thrakische Grabhügel Shushmanez

Einer der streunenden Hunde bei Shushmanets

Die Festung Zarevez bei Veliko Tarnovo

Ein Schäfer aus dem Dorf Nikyup

Cardo Maximus in Nikopolis ad Istrum

Ein Friesfragment aus dem Forum von Nikopolis ad Istrum in der Provinz Moesien

Das Kloster Sveta Bogoroditsa in den Erzengel-Michael-und-Gabriel-Klöstern

Das Königsgrab von Sveshtari

Die ionische Kolonnade der großen Säulenhalle des Peristylkomplexes

Das Mosaik der Medusa im Mosaik-Museum in Devnja

Das Mosaik-Museum in Devnja ist über den römischen Decumani (Ost/West) und Cardo-Straßen (Nord/Süd) errichtet

Inschrift auf einem Sarkophag in Devnja – dem antiken Martianopolis

Für den Regen gerüstet

Patrick konnte die Dame am Archäologischen Museum überreden, über das Fotografierverbot hinwegzusehen

Dolonk, der erste König in Europa?

Historische Karte im Museum von Warna

Byzantinische Grabbeigabe

Die Maske der Medusa

Das Archäologische Museum war früher ein Mädchengymnasium

Gefrorenes vom heißen Eisverkäufer

Die Römischen Bäder, die von Wohnhäusern umgeben sind

Schaufenster mit einem Buch über die größten Kulturen des Altertums

Eines der Familiengräber bei Yailata in der Nähe des Dorfes Kamen Brjag

Cimetière Marin bei Yailata liegt über dem Meer

Steinzeitliche Höhle auf den Höhen von Yailata

Der Strand Kamchiyski Piasatsi

Das Heroon bei Pomorie ist die größte bisher gefundene thrakische Ziegelstein-Kultstätte

Die thrakische Ziegelstein-Kultstätte Heroon

Ihre spirituelle Anziehungskraft hat die Orakelstätte Beglik Tash bis heute nicht verloren

Die Orakelstätte Beglik Tash wurde vom 14. Jahrhundert v. Chr. bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. genutzt

Die Orakelstätte Beglik Tash

Junger Storch in Sinemorez

Der Butamiata-Strand neben dem Burghügel von Sinemorez

Der Lindenstrand von Sinemorets

Das Pferd des Thrakerkönigs Rhesos – oder eines, das auf dem thrakischen Hügel grast?

Ein Ruheplatz mit Meeresblick bei Sinemorez

Chekeka, der kleine Fischerhafen bei Sinemorez

In Sinemoretz am Schwarzen Meer erholt sich Bulgarien

Der Wegweiser zur Thrakischen Grabstätte

Jan V. Röhnert an der Fundstelle der römischen Villa Rustica

Baba Kunka, „einer der Menschen in Bulgarien, die stets ein Lächeln übrig haben“, sagt Patrick

Eine Straße in Zheravna

Auf der Straße in der Nähe des Dorfes Matotschina

Die Festung Bukelon bei Matotschina. Ein wichtiger Stützpunkt, der den Zugang nach Adrianopel zur Hauptstadt Konstantinopel verteidigen sollte

Die Festung Bukelon bei Matotschina

St. Panteleimon, eine Felsenkirche in der Nähe des Dorfes Michalitsch

Die Mustafa Pascha Brücke in Svilengrad

Ein deutscher Bunker auf der byzantinischen Festung Neutzikon bei Mezek. Von hier aus wurde die Via Diagonalis beobachtet, die durch Bulgarien führt.

Die Flussbiegung der Arda bei Madzharovo

Streunende Hunde, die sich am Rande des Arda Flusses ausruhen

Knotiger-Storchschnabel am Rand des Arda Flusses

Am Arda Fluss

Thrakisches Heiligtum im Norden der Dorfes Kovil im Regen

Tabakpflanzen, die zum Trocknen unter einer Plane aufgehängt sind

Das Orpheus-Heiligtum in der Nähe des Dorfes Tatul

Mincho Dimitrov, ein Schäfer aus Gruevo, mit seiner Herde

Auf dem Nebet Tepe Hügel trifft man sich am Abend

Blick auf die Altstadt von Plovdiv vom Nebet Tepe Hügel, auf dem die Traker im 2. Jahrtausend v. Chr. die erste Siedlung gegründet haben

Das römische Stadium in Plovdiv

Während der Reise nach Plovdiv

Wachablösung vor dem Regierungssitz in Sofia

Die Goldmaske von Svetitsata Tumus aus dem Archäologischem Museum in Sofia

Blick auf die Kathedrale Sweta Nedelja

Statue der Sofia

Kinder spielen in den freigelegten Grundmauern des alten „Serdica” von der Banja-Baschi-Moschee

Im Park vor dem Theater

Im Park vor dem Theater

Die heißen Quellen in Sofia. Viele Bewohner füllen hier ihre Kanister mit dem kostenlosen Wasser.

Mauersegler in Sofia

In den Straßen von Sofia