Szenenfoto „Himmel und Hölle! - dazwischen die Leut!“
Szenenfoto „Himmel und Hölle! - dazwischen die Leut!“ © Württembergische Landesbühne Esslingen
Theater in Esslingen

Erstunken und erlogen

Von Thomas Rothschild

Der Franzmann, das wissen wir alle, ist böse und geil. Gustav Schwab, den wir in der Schule als den Bewahrer nicht nur der Sagen des klassischen Altertums, sondern auch deutscher Sagen schätzen und lieben gelernt haben, hat es so in Verse gefasst: „Er ist in welscher Glut entbrannt:/ 'Das Mägdlein will ich haben!/ Es giebt in diesem Schwabenland/ So viele schöne Gaben;/ Mir will der Wein in diesem Thal/ Schier wie der heim'sche munden,/ Darum verlangt mein Herz zumal/ Nach heim'schen Schäferstunden!'“

Schon vor Gustav Schwab dichtete ein gewisser Eberhard Friedrich Hübner: „Der gallische Melak – wen stinkt er nicht an?/ Zog brennend und sengend durch's Land;/ Ihn gleitete Mord, und Mord gieng ihm vor./ So kam er vor Eßlingens Mauer und Thor,/ Und drohte mit Mord und mit Brand.“ Der Stadt verkündet der Mordbrenner: „Ich will euch gewähren Pardon./ Gelegt ist die Fakel aus blutiger Hand;/ Ich will euch verschonen mit Schwerdt und mit Brand,/ Nur gebt mir das Mädchen zu Lohn.“

Der welsch glühende Wunsch nach einem Mägdlein soll den französischen General Ezéchiel du Mas, comte de Mélac, der historisch verbürgt tatsächlich existiert hat, sehr viel weniger verbürgt tatsächlich in der Freien Reichsstadt Esslingen überfallen und er darauf hin desgleichen mit dem Mägdlein getan haben. Grund genug für die dort beheimatete Württembergische Landesbühne, sich seiner mit dramatischen Mitteln anzunehmen.

„Himmel und Hölle! – dazwischen die Leut!“ lautet der ebenso unorthodoxe wie programmatische Titel des Stücks von Franz Xaver Ott, das als „Freilichtspektakel“ in der Maille, der Parkinsel zwischen zwei Neckarkanälen, uraufgeführt wird. Es ist Volkstheater im besten Verständnis, wie „Die Bauernoper“, die Yaak Karsunke vor vierzig Jahren für das andere Württemberger Landestheater in Tübingen geschrieben hat, oder wie die Stücke des Theaters Lindenhof in Melchingen, zu dessen Hausautoren und übrigens auch Schauspielern und Regisseuren Franz Xaver Ott zählt. Man kann diese Art von Theater naiv nennen. Man kann aber auch sagen, der Autor, der Regisseur Matthias Brenner und das Ensemble hätten ungebrochenes Vertrauen in die Mittel, die seit vielen Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen das Theater ausmachen und die nun schon seit einiger Zeit unter Generalverdacht stehen: Maske, Kostüm, Musik, Rollenspiel, Dialog. In Esslingen kommt man damit aus. Kein Video, kein Computer, keine Gegenwarts-Versatzstücke aus dem Sperrmüll. Wozu lernen Schauspielschüler noch fechten? Wann hat man, außer bei „Cyrano de Bergerac“, zuletzt auf der Bühne Fechtszenen gesehen? In „Himmel und Hölle! – dazwischen die Leut!“ kommt diese uralte und wirkungsvolle Bühnenkampfart wieder zum Zuge.

Szenenfoto „Himmel und Hölle! - dazwischen die Leut!“
Szenenfoto „Himmel und Hölle! - dazwischen die Leut!“ © Württembergische Landesbühne Esslingen

Nicolaus-Johannes Heyse hat die Chancen von Freilichtspielen genützt und ein realistisches Bühnenbild, eine gewundene Treppe, die zu einer Terrasse führt, gebaut, das sich übergangslos in die Architektur der Inneren Brücke mit ihren charakteristischen winzigen Häuschen und der Nikolauskapelle am Ostrand fügt. Unterhalb der Treppe führen Ausgänge zu den nicht sichtbaren Innenräumen. Etwas abseits befindet sich ein kleines überdachtes Podium für die vier Musiker, die das Stück über weite Strecken begleiten. Wenn es im Lauf der Vorstellung allmählich dunkel wird, liefert sich die Künstlichkeit des Theaters den Abläufen in der Natur aus: auch dies einer der Reize von Freilichttheater. Ein Nachteil: die Schauspieler kommen nicht ohne Mikroports aus, die allerdings auch in Theaterhäusern immer häufiger benützt werden. Da man sie räumlich wenig differenziert aus den Lautsprechern hört, hat man bisweilen Mühe, zu erkennen, wer gerade spricht.

Zum Erfolg tragen auch die farbigen Kostüme von Barbara Fumian und vor allem die Maskenarbeit von Karin Bittmann bei. Sie macht die Darsteller, die in synchronen Szenen agieren, mit auffälligen Nasen zu einer Mischung aus Karikaturen und historischen Bilderbogenfiguren.

Mélac und die Franzosen sind sozusagen als Schutzgelderpresser mit der Drohung von Brandschatzung nach Esslingen und in die benachbarten Städte von Heilbronn und Cannstatt bis Schorndorf eingezogen. Es sorgt für einen Lacher, wenn Strahl, der Gesandte aus Stuttgart (Stefan Wancura) am Ende erfährt, was die rätselhaften Vermessungsarbeiten der Zimmermanns Bertsch (Luis Madsen) zu bedeuten haben: Er plant eine unterirdische Handelsstraße von Esslingen direkt nach Amsterdam, an Stuttgart vorbei.

Als Katharina, die Tochter eines verarmten Pfarrers vom Lande (Nadine Ehrenreich), zu Kost und Logis bei einem Wirt in Esslingen, um später eine gute Partie zu werden („Ich bin keine Magd – ich bin Haustochter“), schwanger wird, bleibt unklar, wer der Vater ist: Mélac (Nils Thorben Bartling), der Straßburger Musikant Saz (Jonas Martin Schmid), der zwischendurch Barbaras zauberhaftes Chanson über Göttingen auf Esslingen übertragen und dann noch die gestopfte Trompete blasen darf, oder gar der Wirt (Jürgen Lingmann). Im zweiten Teil, nach der Pause wird dann gezeigt, wie durch Fälschungen und Intrigen „konstruierte Geschichte“ entsteht. Darin liegt, über den regionalen Bezug hinaus, die Aktualität des Stücks. Wurde Katharina von Mélac vergewaltigt? Hat sie sich ihm freiwillig hingegeben? Oder wurde sie nicht vielmehr vom Bürgermeister (Frank Ehrhardt) und vom Geheimen Rat Rau (Lothar Bobbe) dazu gedrängt, „ihre Reize spielen zu lassen“, um die Stadt vor den Franzosen zu retten – wobei ihre Mitbürger, wie in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, einfach wegschauen? Was uns Berichte und Gedichte hinterlassen haben, ist jedenfalls wohl, wie Mélac beklagt: „erstunken und erlogen“. Franz Xaver Ott hat Mélacs Ehre gerettet, wie Hannes Wader einst die des Rattenfängers von Hameln. Auch dafür ist Theater gut.

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erstellt am 13.8.2014

„Himmel und Hölle! – dazwischen die Leut!“ lautet der ebenso unorthodoxe wie programmatische Titel des Stücks von Franz Xaver Ott, das als „Freilichtspektakel“ in der Maille, der Parkinsel zwischen zwei Neckarkanälen in Esslingen, uraufgeführt wurde. Es ist Volkstheater im besten Verständnis und ein Erfolg, findet Thomas Rothschild.

Theater

Himmel und Hölle! – dazwischen die Leut!

Von Franz Xaver Ott

Inszenierung Matthias Brenner
Bühne Nicolaus-Johannes Heyse
Kostüme Barbara Fumian

Württembergische Landesbühne Esslingen