Plakatmotiv, Österreich

Die deutsche Fotografin Herlinde Koelbl zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen ihres Fachs. Es sind vor allem fotografische Langzeitprojekte, die ihr Werk auszeichnen, und die sie durch intensive Interviews und Dokumentarfilme zum Thema ergänzt. TARGETS heißt ihre jüngste Arbeit, ein international angelegtes Kunstprojekt. Sechs Jahre ist sie dafür auf Truppenübungsplätzen in fast 30 Ländern unterwegs gewesen und hat Schießziele fotografiert. Bis zum 5. Oktober 2014 präsentiert das Deutsche Historische Museum in Berlin ihre Schau.

Ausstellung in Berlin

TARGETS

Fotografien von Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum

Von Alexandra Hartmann

Der Auslöser für ihre Suche nach Schießzielen in aller Welt liegt inzwischen über 30 Jahre zurück: Koelbl fotografierte damals eine völlig durchsiebte Blechfigur in einer Ackerfurche, durch die die winterliche Morgensonne schien. Das bizarre Bild – für Koelbl ein Symbol für Gewalt und Tod – hat sie nie veröffentlicht. Es hat die Fotografin jedoch nicht mehr losgelassen. Vor sechs Jahren hat sie das Thema wieder aufgegriffen und daraus ein Projekt gemacht.

Weltweit trainieren Soldaten das Schießen und benutzen dafür die unterschiedlichsten Attrappen. Worauf aber zielen sie? Wie sieht der Feind aus? Hat er ein Gesicht, oder ist er abstrakt? Und haben sich die Feindbilder im Laufe der Jahre verändert?

Brasilien. ©  Herlinde Koelbl
Brasilien. © Herlinde Koelbl

Koelbls Suche nach Antworten führt sie unter anderem in die USA, nach China, Russland, Afghanistan, in den Nord-Irak, in die Mongolei, nach Deutschland, Israel, in den Libanon, in die Ukraine, nach Pakistan. Sie geht dabei auch diesen Fragen nach: Wie werden junge Männer militärisch ausgebildet? Welche kulturellen Unterschiede spiegeln sich in den landestypischen Schießzielen wider? Schießen amerikanische Soldaten anders als chinesische?

Die 74-Jährige muss mitunter jahrelang hartnäckig verhandeln und sich in Geduld üben, bis ihr die Erlaubnis zum Fotografieren auf militärischen Sperrgebieten zuteil wird. Mit Unterstützung des Bundesverteidigungsministeriums und diplomatischen Landesvertretern gelingt es ihr, sich Zutritt zu verschaffen in die geschlossene Gesellschaft der Militärs. Nur Nord-Korea verschließt sich ihrem Wunsch und verweigert ihr die Einreise.

Nordirak-Kurdistan.  © Herlinde Koelbl
Nordirak-Kurdistan. © Herlinde Koelbl

In der Ausstellungshalle des DHM ist auf zwei Etagen eine Auswahl von 250 Fotos zu sehen. Sie werden durch eine Videoinstallation und Interviews mit Soldaten ergänzt. Die erstaunlich offenen Gespräche sind an Audiostationen nachzuhören.

Die Targets, an denen Soldaten ihr Handwerk trainieren, bestehen aus den unterschiedlichsten Materialien: Sie schießen zum Beispiel auf zerfetzte, menschliche Silhouetten aus Pappe, von Schüssen durchsiebte Plastikpuppen, einfache Metallplatten oder auf durchlöcherte Blechdosen. Im Ernstfall aber gilt nicht Pappkameraden der tödliche Schuss, sondern lebendigen Soldaten. Sie sind das eigentliche Ziel.

Die Schießziele verdeutlichen unterschiedliche Feindbilder, Kriegstopografien und Trainingsmethoden an der Waffe:

Deutschland.  © Herlinde Koelbl
Deutschland. © Herlinde Koelbl

In Deutschland üben Soldaten das Schießen sowohl auf bewaffnete Anzugträger, als auch auf Holzkühe, die neben bunten Bäuerinnen aus Pappe auf einer grünen Wiese stehen und deren Einschusslöcher immer wieder frisch überpinselt werden.
Eher abstrakt wirken die Schießziele aus ärmeren Ländern wie im Nord-Irak oder in Afghanistan. Dort müssen ein paar schnell aufgemalte Silhouetten oder krakelige Zielscheiben zum Üben reichen.
Afrikanische Soldaten aus ehemals britischen Kolonien zielen wiederum auf Figuren, wie sie auch die Briten nutzen – eine kuriose Hinterlassenschaft der Kolonialmacht.

Wie wenig sich das Feindbild in Frankreich gewandelt hat, lässt sich an französischen Schießzielen beobachten: Soldaten lernen zwischen beschaulichen Fachwerkhäusern und deutschen Straßennamen wie „Berliner Straße“ und „Universitätsstraße“ zu schießen. Die inzwischen jahrzehntelange währende deutsch-französische Freundschaft konnte dem alten Feindbild im Militär-Bereich kaum etwas anhaben.

Dagegen haben sich die Kriegstopografie und das Feindbild der Amerikaner deutlich verändert: Während im Kalten Krieges eine Iwan-Figur mit rotem Stern auf der Brust ein gängiges Schießziel war, trägt der heutige Feind Kopftuch oder Turban und hat einen dunklen Teint. Das moderne Feindbild der USA spiegelt sich in der Zielscheibe: Nicht Russen, sondern Muslime sind jetzt die vorherrschenden Gegner der Amerikaner.

Wie viel Aufwand und Mühe die USA in ihre militärischen Übungsanlagen stecken, zeigt sich an einer aufwendig gestalteten Ausbildungsstätte: Bühnenbildner aus Hollywood haben gleich ein ganzes arabisches Dorf designt. US-Soldaten üben zwischen Moschee, Minaretten und Plastiklämmern am Schlachterhaken den Häuserkampf.

Die Anlage verdeutlicht auch den Wandel der Kriegsführung: Krieg wird nicht mehr auf Schlachtfeldern ausgetragen, sondern in Dörfer und Städte hineingetragen – mitten hinein in die Bevölkerung.

So unterschiedlich die Feindbilder auch sein mögen, überall auf der Welt sind Soldaten mit der gleichen Situation konfrontiert: Sie lernen zu töten und sind Schütze und Schießziel zugleich.

„Auf welcher Seite ein Soldat auch steht, er glaubt immer, auf der richtigen Seite zu sein.“
(Herlinde Koelbl)

Neben den Targets hängen zahlreiche Porträts von Soldaten. Es sind Gesichter von jungen Rekruten, einfachen Soldaten und ranghohen Offizieren. In ihren Blicken liegen Entschlossenheit und Kampfbereitschaft. Andere schauen eher teilnahmslos, fast scheu in die Kamera.

Die Fotos und Audios holen die Soldaten aus dem Verborgenen. Sie rücken die Routine des Tötenlernens ins Licht und nehmen dem Vorgang des Tötens im Kriegsfall seine Anonymität.
Dazu tragen auch Koelbls Interviews wesentlich bei. Sie fragt die Soldaten nach deren Ängsten und Motiven. Und auch: Wie sehe ich den Feind? Von welcher Seite sehe ich den Feind? Die Einblicke, die die Soldaten wiedergeben, sind in der Ausstellung anonymisiert nachzulesen oder nachzuhören.

„Ich bin bereit, jemanden zu erschießen, aber auch erschossen zu werden. Das gehört zu meinem Beruf“, lautet zum Beispiel die Antwort eines ISAF-Soldaten, der in Afghanistan stationiert war. Ein Soldat aus Israel erzählt: „Sobald Du nachdenkst: Soll ich schießen, er oder ich, ist es schon zu spät, und Du bist tot.“

Im Erinnerungsjahr 2014 ist der Gedanke an den Ersten Weltkrieg wieder präsent. Es sind aber gerade auch die aktuellen Kriege und Krisenherde wie Syrien, Irak, Ukraine, Israel und Gaza, die Koelbls Fotos ins Gedächtnis rufen. Ihre Aufnahmen vergegenwärtigen, wie intensiv Soldaten auch im 21. Jahrhundert weltweit das Töten trainieren.
Koelbls Arbeit erinnert daran, dass Gewalt, Krieg und Tod noch lange nicht überwunden sind: „Auf welcher Seite ein Soldat auch steht, er glaubt immer, auf der richtigen Seite zu sein.“ Somit ist der Feind immer der andere.

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erstellt am 12.8.2014

Herlinde Koelbl
Herlinde Koelbl
vita

Herlinde Koelbl

Herlinde Koelbl wurde am 31. Oktober 1939 in Lindau am Bodensee geboren und lebt heute in Neuried bei München.
Nach ihrer Schulzeit verdiente sie ihr Geld zunächst als Gesellschaftsdame einer wohlhabenden Dame in der Schweiz und in England.
1960 begann sie ein Studium als Mode-Designerin in München und stieg in ihrem Metier rasch in Führungspositionen auf.
Ihre Familie und die Erziehung ihrer vier Kinder standen zunächst im Mittelpunkt, bevor sie
1976 die Fotografie entdeckte und sich den professionellen Umgang mit der Kamera selbst beibrachte. Sie bemerkte dabei auch ihr Talent, anderen Menschen nahe zu kommen und rückte ihr Interesse, mit der Kamera gesellschaftliche Zusammenhänge aus ihrem eigenen Blickwinkel darzustellen und zu kommentieren, in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Werk

Koelbls umfassendes fotografisches Werk zeichnet sich vor allem durch Langzeitprojekte aus. Ihre Themen und Projekte konzeptioniert sie oft über mehrere Jahre, die sie unabhängig und mit eigenem Blick anlegt. Bekannt wurde ihre Arbeit vor allem durch Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen wie Stern, DIE ZEIT und New York Times.

Außerdem hat sie über ein Dutzend Fotobücher, dazu themengleiche Dokumentarfilme und Videoinstallationen veröffentlicht. Ihre Fotografien sind immer wieder an internationalen Schauplätzen und in vielen wichtigen Sammlungen zu sehen.

Von 1991 bis 1998 fotografierte und interviewte sie 15 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft – unter anderem Gerhard Schröder, Angela Merkel, Joschka Fischer und Frank Schirrmacher. Die Langzeitstudie war ihr bislang herausragendstes Projekt, das große Beachtung fand und 1999 zu dem Bildband führte: „Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt.“ Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach geehrt und ausgezeichnet.

Ausstellung in Berlin

TARGETS. Fotografien von Herlinde Koelbl

Bis 5. Oktober 2014

Deutsches Historisches Museum Berlin

TARGETS

Herlinde Koelbl
TARGETS
Mit Beiträgen von Gerry Adams und Arkadi Babtschenko
Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten mit 220 Farbabbildungen
ISBN 978‐3‐7913‐4848‐0
Prestel Verlag, München 2014

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