Collage von Ror Wolf, © Ror Wolf
Collage von Ror Wolf, © Ror Wolf

Ror Wolf ist für seine Hörcollagen zum Fußball bekannt; für seine kunstvollen Gedichte, Prosatexte und Bildcollagen aber sollte er vom poetischen Himmel einen Stern bekommen. Nun hat er für sein literarisches Schaffen den Günter-Eich-Preis 2015 bekommen. Wir gratulieren mit einer Hommage von Jürgen Roth.

Günter-Eich-Preis an Ror Wolf

Ein Augenblick des Entzückens

Von Jürgen Roth

Im Entwurf seiner Dankesrede zur Verleihung des von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergebenen Preises „Hörspiel des Jahres 2007“ schreibt Ror Wolf: „Ich könnte mich auf verschiedene Weise darstellen: Der Außenseiter. Der Nichtmitmacher.“ Und er fährt fort: „Die Literaturindustrie erwartet totale Unterwerfung. Sie erwartet Autoren als Mitmacher, als Erfüllungsgehilfen einer Aufgabe: Es geht ausschließlich um die Höhe der Auflage. Quantität ist das einzige Kriterium für Qualität. – Alle Autoren, die versuchen, sich etwas wie Eigenart zu bewahren, sind in diesem Gelände unverwendbar, unnütz, unerwünscht, weil sie den Umsatz nicht steigern. Und weil sie sich nicht unterwerfen, weil sie sich nicht einmal anpassen, sind sie krank, gestört, oder wie hieß es damals: entartet. Sie sind entartet. – So gesehen wäre der eigenwillige oder, wenn Sie wollen: der eigensinnige Autor eine zwischen Mitleid und Verachtung dahinschleichende Person.“
Ror Wolf hat recht. Warum sollte der Spätkapitalismus ausgerechnet auf dem Feld der Literaturproduktion und -distribution innehalten? Warum sollte er ausgerechnet auf diesem Terrain nicht alles zermalmen, was sich der Kapitalverwertung und -vermehrung entzieht?

Dem Verlag Schöffling & Co. und dem Deutschen Literaturfonds ist es zu verdanken, daß trotz des korrupten, verbrecherischen Zeitgeistes peu à peu eine fabelhafte, eine grandiose, nicht schöner und nicht opulenter zu gestaltende neue Gesamtausgabe erscheint, betitelt RWW – Ror Wolf Werke. Wer seine Groschen noch beieinander hat, lege sie sofort in den bislang sechs weißen Prachtbänden an.
        

Einem Wort Robert K. Mertons zufolge stehen wir alle „auf den Schultern von Riesen“. Im Falle Ror Wolfs waren diese Riesen gewiß mal Jules Verne, Wilhelm Busch, Kafka, der frühe Peter Weiss, Beckett, Robbe-Grillet und zumal Robert Walser. Aber sollte man bei einem Riesen wie Ror Wolf nicht endlich aufhören, immer wieder auf seine Einflüsse, seine Leseerfahrungen hinzuweisen? Könnte das jetzt bitte eingestellt werden?
        Nun ja, ganz vermag auch ich es mir nicht zu verkneifen. In einem Brief klärte mich Eckhard Henscheid auf, „daß es von Rückert ein frappant ähnliches Gedicht wie Rors ‚wetterverhältnisse‘ gibt: über den dauernden Wechsel von Regen und Schneien. Ror behauptet, das Gedicht sei ihm quasi druckreif während einer Eisenbahnfahrt in den Kopf gekommen. Es könnte aber natürlich trotzdem sein, daß da der elend schlechte Rückert als Langzeiterinnerung nachwirkte.“
        Wollen wir, der Germanistik zum Frommen und der allgemeinen Mehrung des Geistes halber, zum Textvergleich schreiten?
        Wohlan! Friedrich Rückert, „Gestern hats geschneiet“, ein Auszug, von Eckhard Henscheid zur Verfügung gestellt: „Gestern hats geschneiet, / Heute hats geregnet; / Oder hats geregnet / Gestern, heut geschneiet? / Gestern hats geschneiet / Nachts, und Tags geregnet. / Heute hats geregnet / Nachts, und Tags geschneiet. / Wird es morgen schneien, / Oder wird es regnen? / Morgen auch und schneien?“
        Ror Wolf, „wetterverhältnisse“: „es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze zeit, / es regnet, und dann schneit es wieder.“
        Ich wußte bis zu Eckhard Henscheids Wink von dieser Koinzidenz nichts. Er schrieb mir des weiteren: „In meinem Buch-Kommentar habe ich geschrieben: ‚Hirnstillstand? Geniale Wolf-Vorwegnahme? Zufall? Telekinese?‘ Es muß aber wohl nicht sein, daß man dem Fall detaillierter nachgeht.“

Collage von Ror Wolf, © Ror Wolf
Collage von Ror Wolf, © Ror Wolf

Kürzlich hob Franz Mon – ich führte mit ihm ein Interview über Ror Wolf – die Bedeutung der von der Galeristin und Kunstkritikerin Carola Giedion-Welcker herausgegebenen Anthologie der Abseitigen für jene Generation hervor, die, als der restaurativ-kapitalistische Hegemon die Kulturpolitik der Nazis fortsetzte und das einst Verbotene, Verdrängte nach wie vor unter Verschluß hielt, in den fünfziger Jahren begann, experimentelle literarische Verfahren wiederzuentdecken und zu erweitern.
        „Franz Mon ist ungefähr fünf Jahre älter als ich. Als ich ihn kennenlernte“, erzählt Ror Wolf, „war ich Redakteur beim Diskus [der legendären, von Max Horkheimer initiierten Frankfurter Studentenzeitschrift; J. R.]. Ich habe seine Texte gelesen. Es waren nicht die Texte, die ich schreiben wollte oder geschrieben hätte, aber sie waren so konsequent, daß ich sagen konnte: Wenn einer sich das leistet, in der damaligen Literatur so zu schreiben, dann ist das ermutigend und ermunternd für mich.“
        Es gibt von Ror Wolf einige visuell-phonetische Fußballgedichte, die ihn als Avantgardisten ausweisen. Doch zugleich verfaßt er seit den fünfziger Jahren streng gebundene Lyrik. „Ich hatte immer eine Neigung zum Endreim“, erläutert er im Gespräch mit Christian Maintz, „auch in der Zeit, als es beinahe unanständig war, gereimte Lyrik zu schreiben, in den fünfziger Jahren. Ich habe gereimt, weil es mir Spaß gemacht hat, weil ich es machen wollte. Übrigens machen gereimte Gedichte mehr Arbeit als reimlose.“
        Ich schlage wahllos den ersten Band der RWW auf, Im Zustand vergrößerter Ruhe – Die Gedichte: „der vater spricht von dem franzos / des kaisers maßkrug schwarzweißrot / steht zugeklappt auf der kommod / der vater spricht der krieg ist groß“. Das läßt einen an Brecht denken, und ich darf den Ror-Wolf-Exegeten versichern, daß Ror Wolf den Lyriker Brecht außerordentlich schätzt.
        Gleichermaßen ästimiert er Jakob van Hoddis’ „Weltende“: „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei. / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei, / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. // Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen / An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. / Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“
        Das Gedicht, für Ror Wolf wohl eine Art Schlüsseltext, fand auch Eingang in die Anthologie der Abseitigen – wie „Basel“ von Kurt Schwitters: „Es geht ein bißchen rauf, / es geht ein bißchen runter, / dazwischen fließt der Rhein. / Grün soll sein Wasser sein. / Wenn’s regnet, stürmt und schneit, / dann ist es braun, / braun anzuschaun. / Verhältnismäßig drückend föhnt der Föhn; / es brodelt tief im Grunde; / darüber eine Stadt, / Die Basels Name trägt / und hat.“
        Von 1966 bis 1969 und 1970/71 lebte Ror Wolf in Basel, es sei erwähnt.
        Notabene ist Ror Wolf einer der musikalischsten zeitgenössischen deutschen Dichter. „Ich bin schon als Fünf- oder Sechsjähriger zum Gedicht gekommen, und dabei bin ich auch geblieben. Ich konnte noch nicht lesen, aber ich konnte hören“, sagt er – ein autobiographischer Hinweis auf den Wortkomponisten Wolf, dem wir vielleicht später nachgehen. An dieser Stelle zitieren wir aus Wolfs erstem veröffentlichten Gedicht, aus „mein famili“ aus dem Jahre 1959: „mein famili mein ganze fam / ili mein ganze zwei drei und / mein vier und fünf und zwei und ein / mein famili wie wundersam // wie wundersam wie wir am tisch / am runden tisch von rundem holz / wie faust und gabel hier und hier / faust gabel hier mund da und fisch“.

Da ich mich nicht befähigt fühle, den „Solitär“ (Friedmar Apel) Ror Wolf, sein Wunderwerk angemessen zu würdigen (ich müßte Worte für meine tiefste Adoration finden), blättere ich jetzt – abermals wahllos – in Raoul Tranchirers vielseitigem großen Ratschläger für alle Fälle der Welt. Ich darf das. Ror Wolf selbst hat einmal geäußert: „Das Buch, das mich interessiert, das ist das Buch, das man aus dem Schrank nimmt, wahllos aufschlägt, in dem man auf jeder Seite anfangen kann zu lesen und in dem man immer, gleich, wo man anfängt, den Einstieg findet, in dem es also unwichtig ist, was vorher oder nachher passiert.“
        Ich stoße unter dem Lemma „Kahlheit“ auf folgenden Eintrag: „Unbestritten ist die Kahlköpfigkeit eine traurige Begleiterscheinung der Kultur, die in unserer Zeit erschreckend überhandnimmt. Wir können hier nicht auf frühere oder noch weiter zurückliegende Zeiten eingehen, aber wir können darauf hinweisen, daß eine bescheidene Hutform die Entwicklung der Kahlheit verzögern kann. Unter dem Einfluß der Umstände ist zwar der Hut der eigentliche Grund der Glatze, aber zugleich auch ihr zarter Bedecker.“
        Als „ein Werk der eigensinnigsten Komik“ bezeichnet Michael Maar die Tranchirer-Trilogie. „Tranchirers Welt ist eine vom Verfasser wohlgeordnete Phantasmagorie, ein Delirium, ein komischer Alp, es ist die Welt als Traum des fiebernden Bürgers.“
        Hier wäre eine Bemerkung zu Ror Wolfs Bildcollagen angebracht, die insbesondere das Tranchirersche Binnenœuvre und den just bei Schöffling erschienenen „Horrorroman“ Die Vorzüge der Dunkelheit – Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen zieren. Ich überlasse das Wort Alban Nikolai Herbst: „Die Verklemmung, die alle Melancholie an ihrem Grund denn auch ist, verrät sich in der Gewaltphantasie: überwältigt werden, endlich. Niedergerissen werden. Denn das Bürgertum sammelt: – seine Kategorien, seine enzyklopädischen Gattungen, Arten, Register […] sind Deiche, die es noch und wieder aufschütten, in jedem Fall ständig befestigen muß.“
        Chaos und Ordnung, Entgrenzung und Bändigung. Eckhard Henscheid über den Tranchirer-Kosmos: „ein leiser, irisierender, zwischen […] der Vornehmheitsattitüde Loriots und der Sanftheit kafkascher Grimassen dünstender Unfug, dessen Pointe und humoristischer Glanz wohl eben daher rührt, daß Wolf Wahnsinn und Ängste des Bourgeois ebenso vernichtend entlarvt – wie er beides ‚affirmativ‘ gutheißt; ein wahrhaft diabolischer Trick.“
        Ich könnte stundenlang abtippen. Eintrag „Koffer“: „Häufig wird der Entschluß zu einer Reise so schnell getroffen, daß ein defekter Koffer große Unbequemlichkeiten mit sich bringen kann. Um einem solchen Fall zuvorzukommen, lese man, was ich in meinem Werk: Der verschwundene Koffer & andere Kofferkunststücke zum Ausdruck gebracht habe.“ Stichwort „Kinoseuche“: „Zur Zeit bedeutet das Kinowesen mit seinen vielfach bedenklichen und entsittlichenden Einflüssen ein wahres Unglück. Die Lichtbildbühnen werden vielfach zu Schauplätzen der Unzucht gemacht. Das Volk eignet sich mit dem Kino die Rechte und die Genüsse der höheren Stände in erschreckender Vergröberung und Rücksichtslosigkeit an. Schon deshalb gehört das Kino zu den gefährlichsten Volkskrankheiten, weil die belehrenden Filme neben den rüdesten Unterhaltungsstücken gar nicht zur Geltung kommen. […] Man urteile selbst: Eine Nacht im Hotel. Eine schwere Lust. Die verschleierte Dame. Das genügt wohl. Der Inhalt der Filme läßt sich nicht einmal andeutungsweise wiedergeben. Das ist das Kino, eine Pest, eine Seuche, wie oben gesagt. Daran kann auch der Umstand nichts ändern, daß gelegentlich Kriegsbilder aus den Kämpfen unserer Feldgrauen eingestreut werden.“

Ror Wolfs Romane, Geschichten, Gedichte und Hörspiele sind genuin komisch, aber nicht nur. „Eines Tages hatte ich angefangen zu lachen. Ich hatte ein Buch in der Hand und las dieses Wort: Lederstrumpf. Das war, fand ich, ein außerordentliches Wort, das war unwiderstehlich: Leder-Strumpf“, blickt Ror Wolf zurück, andernorts gibt er preis: „Meine Erzählweise ist die des Tragikomischen. Es ist wesentlich das, was ich zu machen beabsichtige. Beim Lesen ergibt sich die Frage: Soll ich nun lachen, oder ist es doch eigentlich mehr melancholisch? Wenn man mich für einen tragikomischen Autor hält, ist man auf dem richtigen Weg.“
        Seine Prosa ist diskontinuierlich, phantastisch, atemberaubend musikalisch, in rhythmisierten Wort- und Satzreihen federnd und schwebend, sie ist filmisch, Ror Wolfs Liebe zum Jazz und zum Kino, zum Slapstick, zu Buster Keaton und Laurel & Hardy ist stets spürbar. Brigitte Kronauer beobachtet darüber hinaus: „Wolfs Texte sind makellos unakademisch, ohne versteckte Philosophie, ohne professorales Zitatenspiel, ohne gelehrtes Augenzwinkern. Seine Erfahrungen stammen nicht aus einem literarisierten Leben, sondern er entdeckt seine Fundstücke in einer Literatur, wie sie im Leben vorkommt, ohne schmachtende Blicke auf sogenannte sinnlich pralle Erzählweisen, die er lakonisch zu abgehalfterten macht.“
        „Wenn ich Robert Walser lese, kommt regelmäßig so ein Augenblick des Entzückens, des Staunens über diese Vollkommenheit, diese scheinbare Mühelosigkeit und Schwerelosigkeit“, hat Ror Wolf einmal bekannt. Genauso ergeht es mir bei jeder Zeile von ihm. Nichts läßt dabei erahnen, welcher „exzessiven Genauigkeit“ und „radikalen Sorgfalt“ (Wolf) sich diese „beweglichen Gemälde“ (Kronauer) „eines von seinen fünf Sinnen besessenen Empirikers“ (Hermann Peter Piwitt) verdanken.
        „Die Komposition tritt an die Stelle der durchgehenden Handlung, und darum ist jeder Satz so wichtig wie der andere“, gab Ror Wolf vor etlichen Jahren Auskunft. „Die Utopie, den genialen Satz zu finden, einen einzigen Satz, der zugleich ein Roman wäre“ (Hajo Steinert), Ror Wolf hat sie eingelöst, und sei es dann, wenn er für einen Roman eben zwei Sätze benötigt: „Ein Mann hatte sich bei einem Spaziergang verlaufen. Man hat ihn niemals wiedergesehen.“

Von Ror Wolfs „Materialbesessenheit“ (Jürgen Becker) legen seine Fußball-O-Toncollagen am deutlichsten Zeugnis ab. Er selber nennt Schwierigkeiten beim Umschalten das beste Stück der elfteiligen Reihe.
        1972 fragte der Rundfunkregisseur Heinz Hostnig: „Wo [finden wir] einen kompositorischen Geist, der nicht wertet, sondern vorzeigt, was ist? Wo finden wir die Vorstellung von Sprache realisiert, derzufolge sie aktivste Elaboration menschlichen Geistes und nicht nachträgliche Hülle vorgeformter Gedanken ist? Wo finden wir Sprache, abgelöst vom Individuum, analysiert? Wo Sprache als freies Klangelement ebenso wie als Element gedanklichen Ausdrucks? Und in welchem Hörspiel wäre auch nur die Spur idiomatischer Nuancierungen angestrebt worden, wie Joyce sie vorführt?“
        Ror Wolfs Fußballhörspiele gaben in den folgenden Jahren Antwort. Sie griffen – manipulierend, verfremdend, sprachspielerisch, medienreflexiv – die seit Walter Ruttmanns Collage Weekend aus dem Jahre 1930 weitgehend verschüttete Tradition des O-Tonhörspiels auf und schufen, durchaus im Milieu des Neuen Hörspiels angesiedelt (siehe Klaus Schöning [Hg.]: Spuren des Neuen Hörspiels, Frankfurt/Main 1982), ein neues Genre, gewissermaßen eine Forderung des Rundfunkpioniers Alfred Braun erfüllend, die Forderung nach einem „Funkspiel, das in schnellster Folge traummäßig bunt und schnell vorübergleitender und springender Bilder, in Verkürzungen, Überschneidungen – im Tempo – im Wechsel von Großaufnahmen und Gesamtbild mit Aufblendungen, Abblendungen, Überblendungen bewußt die Technik des Films auf den Funk über[trägt]“.
        Da „handeln die Sprachelemente. Subjekte sind die Wörter, die Wortagglomerationen, die gestanzten Redensarten“ (Franz Mon). Auch in Ror Wolfs „literarisch durchgearbeiteten“ (Hans Burkhard Schlichting) Hörspielen wird, um „die Welt für das Ohr darzustellen“ (Rudolf Arnheim: Rundfunk als Hörkunst, München 1979), der (bürgerlichen) Innerlichkeit der Boden entzogen. Da wird kein „eingesperrtes Theater“ (Wolf) mehr gegeben, die Konventionen und Gesten des naiven Erzählens werden dementiert durch Perspektivwechsel, durch Schnitte, Blenden, durch Überlappungen und Schichtungen. Noch einmal Heinz Hostnig: „Die Welt der uns einschließenden Konventionen, für die das synthetische bürgerliche Kunstwerk ja nur ein Gleichnis ist, wird zerlegt, zerteilt, zersetzt, ‚so daß wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen‘ [Walter Benjamin]“.

Ich weiß nicht, ob Ror Wolf mit dem Titel Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika auf Günter Eichs Hörspiel Leben und Sterben des großen Sängers Enrico Caruso (1931) anspielt. Es ist egal. Ich liebe Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika, und ich möchte mich Klaus Ramm anschließen, der schreibt, „daß aus der wie unerreichbar verklingenden musikalischen Zwischenwelt dieses Hörspiels zugleich eine Ahnung herüberweht von der Literatur Ror Wolfs; in der tiefen Melancholie, dem Streben nach unbedingter Perfektion und dem beinahe lähmenden Unbehagen daran, und auch in der strikten Ablehnung aller metaphysisch getönten, ‚sinnstiftenden‘, ‚gemästeten‘ Illusion von Kunst und Literatur finde ich Indizien dafür, daß Ror Wolf in die Rolle des Bix Beiderbecke auch Bruchstücke seiner selbst hineingeschrieben hat, jenseits der äußeren Lebensumstände und der sie verhüllenden Mythen.“
        „Seine Arbeit“, notiert Joachim Büthe, „steht in der Gegenwartsliteratur einzigartig da. Er ist der unangestrengteste, spielerischste Erbe der experimentellen Literatur, der sich nicht hat heimholen lassen in den sicheren Hort der Fabel, mag sie noch so perspektivisch und gebrochen vorgetragen werden. […] Vor diesem Hintergrund hat er seine Technik entwickelt, die er beharrlich fortschreibt, frühere Motive wiederaufnehmend, neue Varianten hinzufügend, ein Werk von seltener Kontinuität.“
        Im Entwurf seiner Dankesrede zur Verleihung des von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergebenen Preises „Hörspiel des Jahres 2007“ schreibt Ror Wolf: „Die Schriftstellerei ist eine der schönsten Arten, das Leben zu verbringen, weil sich ein Autor nicht unterwerfen muß. Weil er nicht machen muß, was man ihm vorschreibt, sondern weil er das machen kann, was er machen will. […] – So gesehen ist die Schriftstellerei eine große lebenslängliche Freiheit: eine Existenz, angelegt zwischen Verwunderung und Bewunderung.“

Kommentare


Vito von Eichborn - ( 14-06-2015 02:22:54 )
Allerbesten Dank für diese stimmige Lektüre.
Es winkt
Vito

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erstellt am 11.8.2014

Ausstellungseröffnung

Spaziergänge in der zerschnetzelten Welt

Collagen von Ror Wolf

Am Sonntag, 14. Juni 2015, 11 Uhr, Kunsthaus Wiesbaden, Schulberg 10, 65813 Wiesbaden

Dass Ror Wolf nicht nur ein einzigartig eigensinniger Autor, sondern auch ein ebensolcher Collagist ist, wissen alle, die ihn und sein Werk kennen. Im Laufe seines Lebens sind rund 5000 Collagen entstanden, von denen eine kleine Auswahl in der Ausstellung zu sehen ist. Als Grundlage dient ihm hauptsächlich Material aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, illustrierte Zeitschriften der damals üblichen Holzschnitt- oder Stahlstich-Technik, illustrierte populärwissenschaftliche Bücher und ebensolche Trivialromane.

Weitere Informationen

Ror Wolf (links) mit dem Verleger Klaus Schöffling
Ror Wolf (links) mit dem Verleger Klaus Schöffling

»Ror Wolfs Prosa ist diskontinuierlich, phantastisch, atemberaubend musikalisch, in rhythmisierten Wort- und Satzreihen federnd und schwebend, sie ist filmisch, Ror Wolfs Liebe zum Jazz und zum Kino, zum Slapstick, zu Buster Keaton und Laurel & Hardy ist stets spürbar.«

Jürgen Roth

»Wolfs Texte sind makellos unakademisch, ohne versteckte Philosophie, ohne professorales Zitatenspiel, ohne gelehrtes Augenzwinkern. Seine Erfahrungen stammen nicht aus einem literarisierten Leben, sondern er entdeckt seine Fundstücke in einer Literatur, wie sie im Leben vorkommt, ohne schmachtende Blicke auf sogenannte sinnlich pralle Erzählweisen, die er lakonisch zu abgehalfterten macht.«

Brigitte Kronauer

Ror Wolf

Die Vorzüge der Dunkelheit
Neunundzwanzig Versuche
die Welt zu verschlingen

Horrorroman

Mit 79 farbig reproduzierten Collagen.


272 Seiten. Leinen.
ISBN: 978-3-89561-307-4

Buch bestellen

Ror Wolf über die Poesie des Massensports und die Vorzüge der Dunkelheit (Video: ARD. Druckfrisch)

Am Morgen des vergangenen Tages, © Ror Wolf
Am Morgen des vergangenen Tages, © Ror Wolf

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