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Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt unkonventionelle Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur.

Kolumne

POP-SPLITTER

Auf Facebook tauschen sich User über Coverversionen aus, und gerade haben Led Zeppelin einige ihrer alten Alben „digitally remastered“ wiederveröffentlicht, ergänzt durch Alternativ- und Demoversionen. Anlass für Michael Behrendt, sich mit dem Thema „Original und Version“ in der Rockmusik auseinanderzusetzen. In Teil 1 geht es um den Begriff des „Originals“ und die Voraussetzungen für das „Covern“ von Songs.

An Excursion On The Version

Teil 1: Original, Bearbeitung, Cover

Von Michael Behrendt

Wer hat, der hat

Im Café meines Vertrauens läuft die unterschiedlichste Hintergrundmusik. Vor ein paar Jahren wurde ich aufmerksam auf einen ungewöhnlichen Song. „Once I had a love and it was a gas”, hieß es da, „Soon turned out had a heart of glass …“ Klar, die Lyrics und die Melodie kannte ich. Der Text erzählte von einer zunächst als perfekt, sogar als göttlich („divine“) empfundenen Liebe, die letztlich aber an „much o’ mistrust“, zu großem Misstrauen, scheitert und nur noch den Seelenfrieden stört: „Love is so confusing, there’s no peace of mind.“ Aber was war bloß mit dem Gesang und der Musik passiert? Die hatten plötzlich etwas Swingendes bekommen – auf jeden Fall war es ein lustiger Verfremdungseffekt. Weshalb es auch ein, zwei Sekunden dauerte, bis mir klar wurde: Hier läuft eine Coverversion von Heart of Glass, dem großen Dance-Hit der amerikanischen Gruppe Blondie. Das Stück wurde gesungen von einer oder mehreren Frauen, die ein bisschen wie die Andrews Sisters klangen, jene berühmte Vokalgruppe aus den 1930er und 40er Jahren.

Ich hörte das Stück in den nächsten Wochen noch ein paar Mal, bis ich wissen wollte, wer da singt. Und ich wollte den Song ganz einfach: HABEN. Als er wieder mal im Café lief, ging ich an den Tresen und fragte nach. „The Puppini Sisters“, kam die Antwort. Hm…? „Nehmen sich gern mal Hits berühmter Kolleginnen und Kollegen vor, und immer in diesem Nostalgiestil.“ Ach so … Ich ging nach Hause, fand die Gruppe schnell im Onlineshop und bestellte mutig gleich die gesamte CD. Betcha Bottom Dollar hieß sie, mit Heart of Glass und anderen Stücken. Nur wenig später konnte ich mir Heart of Glass von den Puppini Sisters, veröffentlicht im Jahr 2005, so oft anhören, wie ich wollte. Ich war im Besitz des Songs – ich HATTE ihn. Und ich HABE ihn natürlich immer noch. Genau so, wie ich das Original von Blondie auf CD HABE. Komplett mit den Stimmen und Instrumenten der ursprünglichen Künstler, exakt so vorgetragen, produziert und für die Ewigkeit festgehalten, wie Blondie und ihr Tonstudioteam sich das seinerzeit wohl vorgestellt hatten.

Heart of Glass in der Puppinis-Version wäre ein schönes Beispiel, um auf der Facebook-Seite „Unser täglich Cover gib uns heute“ gepostet zu werden. Dort tragen User seit Monaten die aberwitzigsten Coverversionen mehr oder weniger berühmter Songs zusammen – ein großer Spaß, bei dem man immer wieder tolle Entdeckungen macht. Wer hätte etwa gedacht, dass Kate Bush mal Marvin Gayes Sexual Healing gecovert hat, dass eine Punkband namens The Fulham Furies den Nancy-Sinatra-Evergreen These Boots Are Made for Walking verwurstete oder dass es eine „etwas andere“ Version von Michael Holms Schlager Mendocino gibt? Der Titel: Pornokino, eingespielt von den Zwangsversteigerten Doppelhaushälften … Auch wenn Heart of Glass in der Puppinis-Version im Radio läuft, lautet die Ansage nicht etwa „Heart of Glass von Blondie“, sondern „Heart of Glass von den Puppini Sisters“. Blondie werden da nur selten erwähnt. Selbst im CD-Booklet der Puppini Sisters erscheinen die Originalkünstler nur als Minieintrag im Kleingedruckten – und zwar in der beinahe kryptischen Nennung „Stein/Harry“. Damit sind Chris Stein und Deborah Harry gemeint, die Köpfe von Blondie. Sie haben Heart of Glass damals ersonnen, sie sind die Urheber des Songs. Der kleine Eintrag – der Urhebernachweis, der „songwriting credit“ – ist reine Pflichterfüllung. Ohne ihn gäbe es rechtlichen Ärger, erst recht wenn die Aufnahme ein Riesenerfolg würde. Viel wichtiger aber für die öffentliche Wahrnehmung ist die Tatsache, dass wir hier die famosen Puppini Sisters hören. Ihre Coverversion des Blondie-Originals hat als solche selbst so etwas wie Original-Charakter.

Wyhiwyg – What You Hear Is What You Get

Coverversion? Ja, klar. Gehört doch zum Alltag. Was soll daran so besonders sein? Nun, das Besondere ist das, was die Coverversion zur Coverversion macht. Voraussetzung ist nämlich ein Originalsong, den ein breites Massenpublikum hören kann – und zwar immer wieder in exakt derselben Fassung. Das ist nur möglich, wenn der Song akustisch festgehalten worden ist und als Veröffentlichung vorliegt: auf Tonband, Schallplatte, Mini-Disc oder CD – oder als digitales Datenpaket. Coverversionen werden überwiegend von anderen als den Originalkünstlern interpretiert und können natürlich auch live vor einem Publikum vorgetragen werden. So gibt es auf der ganzen Welt Tausende, wenn nicht Hunderttausende von Amateur- und Profi-„Coverbands“, die mit großen Hits verschiedener Stars oder aber mit den Hits eines einzigen Acts Konzerte geben.

Coverversionen gehen aber erst dann in den allgemeinen Songkanon ein, wenn auch sie unabänderlich akustisch fixiert vorliegen und so einem Massenpublikum zugänglich sind. Oft weiß man als Hörer gar nicht, dass gerade eine Coverversion läuft: Man hat das Original dazu noch nie gehört und schreibt das Stück dem Künstler zu, der es gerade interpretiert. Was auch völlig normal und nicht zu verhindern ist – denn wer kennt schon sämtliche Songs und Songaufnahmen der Musikgeschichte?! Auf jeden Fall funktionieren Coverversionen als eigenständige Songs. Trotzdem zeichnen sie sich vor allem dadurch aus, dass sie eine inhaltliche Beziehung zum Original herstellen. Und hier sind die unterschiedlichsten Ansätze möglich – von der bloßen Nachempfindung bis hin zur respektlosen Zurichtung. Eine Grauzone bespielen Parodien wie Weird Al Jancovics Madonna-Verballhornung Like A Surgeon (von Like A Virgin), die mit komplett neuem Comedytext aufwarten, oder Neuaufnahmen eines Songs in einer anderen Sprache: Schon der eben genannte Schlager Mendocino war nicht das Original – und der deutschsprachige Text über einen Autofahrer, der eine junge Anhalterin wiedertreffen möchte, hatte nicht das Geringste mit den Aussteiger-Lyrics der Ursprungsversion des Sir Douglas Quintet zu tun. In der Pornokino-Variante der Zwangsversteigerten Doppelhaushälften wird dann fast ein Prinzip der mündlichen Volksliedtradition angewandt. Es lautet: Hier kommt ein toller neuer Liedtext, singt ihn nach der Melodie von Mendocino!

Coverbands, die mit einem bunt gemischten Songprogramm aufspielen, sorgen für tanzbare Unterhaltung, das ist ihr Job. Und wenn sich eine Coverband auf die Songs eines einzigen berühmten Acts kapriziert, soll dem Publikum nicht selten neben möglichst exakten Songkopien die augenzwinkernde Illusion vermittelt werden, auch die Originalinterpreten stünden auf der Bühne. Im Falle der Puppini Sisters dagegen würde ich von einer humorvollen Vorbeugung vor einer berühmten amerikanischen Band und einem großen Song der Discoära sprechen. Gleichzeitig nutzen die „Schwestern“, die im wirklichen Leben überhaupt nicht miteinander verwandt sind, den Ruhm des Originals, um auf sich selbst – ein aufsteigendes Londoner Gesangstrio – und mittels Genretransfer auf einen fast vergessenen Musikstil aufmerksam zu machen: den Vocal-Jazz und -Swing der 1930er und 40er Jahre.

Schreib das auf, Mozart!

Als Tonaufnahmen veröffentlichte Originale und Coverversionen sind etwas Besonderes. Denn niemand würde auf die Idee kommen, von der Coverversion einer Opernarie, aus Mozarts Zauberflöte etwa, einer Kantate von Johann Sebastian Bach oder einer Motette von Heinrich Schütz zu sprechen – geschweige denn davon, ein Mozart-Original zu HABEN, zu BESITZEN. Und das liegt nicht nur an der Tatsache, dass es zu Mozarts, Bachs und Schützens Zeiten noch keine Möglichkeit der Tonaufzeichnung gab. Es liegt vor allem daran, dass Opern und Motetten, aber auch sogenannte Kunstlieder und Sinfonien von jeher „komponiert“ werden. Und zur herkömmlichen Kompositionsweise gehört, dass Text und Musik niedergeschrieben werden. Vor allem die Notenblätter sind dabei mit möglichst genauen „Regieanweisungen“ für die wechselnden Musiker, Sänger und Orchester versehen, die das Werk dann später wieder und wieder aufführen. Das ist auch bei vielen heute – im Zeitalter der massenhaften Verbreitung von Tonaufzeichnungen – entstehenden Opern, Motetten, Sinfonien und Stücken Neuer Musik noch so: Als Original gilt häufig nicht die einmal für alle Zeiten erstellte hörbare Fassung, sondern die Gesamtheit der niedergeschriebenen Noten und Worte. Originale bestehen hier also aus Manuskripten, aus Kompositions- und Textblättern, aus Partituren und Libretti. Was der Liebhaber von klassischer und sogenannter „Kunst“-Musik dann auf Tonträger kauft und zur Verfügung HAT, sind Einspielungen, klangliche Erweckungen, Interpretationen des gedruckten Originals durch die unterschiedlichsten Orchester und Solisten. Auf dem Cover steht dann beispielsweise: „Mozart: Die Zauberflöte“ – ergänzt durch die Namen der Darbietenden. Die Coverversion dagegen ist ein modernes Songphänomen, bei dem die notenschriftliche Fixierung keine große Rolle spielt. Das Covern verdankt sich überhaupt erst der Entdeckung der Verfahren, Schall aufzuzeichnen, ihn auf Tonträgern oder digital zu konservieren und – zum Beispiel via Rundfunk und Internet – in alle Welt zu tragen. Auch die Originale moderner Songs manifestieren sich endgültig erst in von den Künstlern veröffentlichten Tonaufnahmen.

Covern = Kunst

Und man kann ergänzen: Das eigentliche Original eines modernen Songs bildet jene als Tonaufzeichnung veröffentlichte Version, die als Erste für ein Massenpublikum veröffentlicht wurde. In der Regel handelt es sich hier um eine Studioaufnahme, mit all ihren akustischen Besonderheiten, das heißt studiotechnischen Effekten oder auch zufälligen Geräuschen, sogar Patzern. Sämtliche frühere Aufführungen, wie sie zum Beispiel im Proberaum oder im Rahmen von Konzerten vor einem zahlenmäßig begrenzten Publikum erfolgten, sowie alle später veröffentlichten abweichenden Aufnahmen, auch wenn sie vielleicht zeitlich früher entstanden sind, sind Versionen dieses Songs.

Das Prinzip vom „Original als erster veröffentlichter Tonaufzeichnung“ gilt heute auch dann, wenn ein Song, sagen wir, als Auftragsarbeit von professionellen Songwritern für die nächste CD-Veröffentlichung eines bestimmten Interpreten geschrieben wurde: Erst die daraus resultierende Erstaufnahme, die das Massenpublikum erreicht, gilt als Original, an dem sich alle späteren Versionen messen. Es sind die Interpreten, die im Rampenlicht stehen und den größten Teil des Ruhms ernten, nicht die Autoren. So ist und bleibt Heartbreaker ein herrlicher Schmachtfetzen der Soulinterpretin Dionne Warwick – auch wenn die Bee Gees ihn für sie „geschrieben“ und später selbst noch einmal eingespielt haben.

Andererseits haben zwingende Coverversionen, geschaffen von anderen als den Originalinterpreten, das Potenzial, als eigenständige Kunstwerke geschätzt zu werden. Joe Cocker etwa schuf mit seiner stark verlangsamten, dramatischen, kurz: das Bedrückende der Lyrics herausarbeitenden Coverversion des ursprünglich locker-flockig daherkommenden Beatles-Songs With A Little Help from My Friends einen echten Songklassiker, der dem Original mindestens ebenbürtig ist. Und Chris Norman, einst Sänger der britischen Hitband Smokie, macht auf seinen Solo-Konzerttourneen bei der Interpretation von With A Little Help from My Friends nicht etwa eine weitere Verbeugung vor den Beatles, sondern spielt, wie Mitschnitte aus unterschiedlichen Jahren zeigen, stets fast eins zu eins Joe Cocker nach – er covert live die Coverversion. Keine Frage: Covern ist Kunst. Weshalb auch die Puppini Sisters, die ihre Heart of Glass-Version mit der Selbstverständlichkeit von Urhebern vortragen, ebenso beim Publikum punkten können wie einst die Originalinterpreten Blondie.

Bearbeiten schwarz auf weiß

Kreative Neuinterpretationen kennt man natürlich auch schon aus der Welt der Opern und Operetten, der sogenannten „Kunst“-Lieder und Sinfonien. Die Rede ist von der Bearbeitung selbst geschaffener und fremder Kompositionen, die zu eigenständigen Versionen führt. Und natürlich sind auch diese kompositorischen Versionen in erster Linie schriftlich fixiert. „Weder die Schöpfer der barocken Oratorien noch die großen italienischen Opernkomponisten“, schreiben Christian Bielefeldt und Marc Pendzich in ihrer lehrreichen Abhandlung Original & Bearbeitung von 2007, „zeigten größere Bedenken, ihre Uraufführungsfassungen bei nächster Gelegenheit zu verändern und den Umständen anzupassen.“ Von Johann Sebastian Bach, so die Autoren weiter, „weiß man, dass er häufig weltliche Kompositionen zu geistlichen Werken umarbeitete und sowohl instrumentale Stücke mit Texten versah als auch ursprünglich vokale Werke als Orchesterwerke aufführte.“ Wolfgang Amadeus Mozart wiederum aktualisierte im 18. Jahrhundert ein barockes Erfolgsstück, den Messias von Georg Friedrich Händel, indem er „eine Mittellösung zwischen der puritanischen Erstversion und den späteren, üppiger instrumentierten“ Versionen Händels wählte. So entstand eine weitere kompositorische Version des Messias, die ihrerseits mit jeder Aufführung, mit jeder Einspielung neu zum Leben erweckt wird. Eine CD-Veröffentlichung aus der heutigen Zeit notiert dann auf der CD-Hülle: „Wolfgang Amadeus Mozart: Der Messias. Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel, bearbeitet von Wolfgang Amadeus Mozart.“ Versionenproduktion the classical way!

Instrumental-Coverversionen gesungener Rockhits, wie sie heute von Symphonieorchestern hin und wieder eingespielt werden, tragen natürlich ebenfalls Elemente der Bearbeitung in sich. Denn in der Regel wird das Original umgeschrieben und den Musikern des Orchesters als Partitur vorgelegt. Wenn dann aber auf der veröffentlichten CD etwa „The London Symphony Orchestra: The Best of Classic Rock“ steht und dazu bekannte Titel wie Purple Rain (im Original von Prince) und Born in the U.S.A. (im Original von Bruce Springsteen) gelistet werden, folgt das dem Prinzip des Coverns – das London Symphony Orchestra präsentiert eigene Versionen mit so etwas wie Originalcharakter. Nicht minder zwischen den Stühlen rangieren Rockinterpretationen klassischer Werke. Mit solchen Einspielungen wurde etwa die holländische Band Ekseption in den 1970er Jahren berühmt oder auch Walter Murphy, der 1976 mit A Fifth of Beethoven eine Discoversion des berümten Klassikbrockens in die internationalen Charts brachte. Im ersten Schritt verhielten sich diese Interpreten wie klassische Orchester auch: Sie brachten die schriftlich fixierten Kompositionen aus vergangenen Jahrhunderten einmal mehr zum Klingen. Allerdings unterschieden sich ihre Einspielungen in Arrangement und Sound so grundlegend von den Originalen, dass sie selbst Originalcharakter entwickelten: Adagio von Ekseption eben, oder A Fifth of Beethoven von Walter Murphy. Letzterer wiederum bewegte sich schon von seiner Biografie her zwischen den Welten: Als Pianist, Komponist und Arrangeur von Werbemusiken und Soundtracks war er weder Klassikmann noch typischer Rockmusiker.

Zwei grundsätzliche Typen von Originalen

Zusammengefasst: Im heutigen multimedialen Zeitalter existieren grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Originalen in der Musik: zum einen die von namentlich bekannten Urhebern in Form von Partituren und Textblättern schriftlich fixierte Komposition, die mit jeder Aufführung oder Einspielung durch wechselnde Interpreten neu zum Leben erweckt wird; zum anderen die in einer verbindlichen Erstversion akustisch fixierte Veröffentlichung eines Stücks durch Interpreten, die die Urheber sein KÖNNEN, aber nicht sein MÜSSEN. Die Partitur dazu KANN, sie MUSS aber nicht existieren. Wer nachweisen will, dass er Urheber eines Musikstücks ist, kann heute bei entsprechenden Dienstleistern eine Partitur, aber auch lediglich eine Tonaufnahme hinterlegen.

Musikstücke können natürlich auch in beiden Original-Varianten vorliegen. Und: Es wäre falsch, Partitur-Originale ausschließlich in den Bereichen der klassischen, der Neuen und der sogenannten „Kunst“-Musik zu verorten und die akustisch fixierten Originale ausschließlich in den Bereichen der Rock- und der sogenannten „Pop“-Musik. So hat das klassisch ausgebildete Komponisten-/Texter-Gespann Andrew Lloyd Webber und Tim Rice 1971 mit Jesus Christ Superstar eine Oper im Rockgewand geschaffen, die sowohl in der Partitur-/Libretto-Variante wie auch als „Originalaufnahme“ mit den Rockstars Ian Gillan, Murray Head und Yvonne Elliman Original-Status beansprucht. Und ein minimalistischer Neutöner wie Michael Nyman, der nicht im Mindesten dem Rock- oder „Pop“-Bereich zuzuordnen ist, spielt und veröffentlicht seine Kompositionen mit dem eigenen Ensemble, der Michael Nyman Band. Umgekehrt machte Jon Lord, der klassisch ausgebildete Keyboarder der Hardrockformation Deep Purple, 1969 mit dem selbst GESCHRIEBENEN Concerto for Group and Orchestra Furore, das er gemeinsam mit seiner Band und dem Royal Philharmonic Orchestra zur Aufführung brachte. Filmaufnahmen zeigen die Musiker im Konzertsaal mit Notenblättern. Auch von Rockstars wie Joe Jackson und Elvis Costello gibt es Kompositionen im klassischen Sinne.

Songs aus der „Twilight Zone“

Bleibt die Frage: Was ist, wenn ein von einer Band entwickelter Song niemals notiert oder aufgezeichnet wird? Oder wenn er lediglich als akustisch fixiertes „Demo“ in einer Kleinstauflage für Konzertveranstalter und Plattenfirmen vorliegt? Man denke an die Eigenkreationen von Legionen probender und öffentlich auftretender Amateurbands – gar nicht auszumalen, welche Schätze da mitunter verborgen liegen! Natürlich handelt es sich auch bei diesen Eigenschöpfungen um Originale. Aber sie existieren eben nur als ideelle Originale (weil weder akustisch aufgezeichnet noch schriftlich notiert) oder als inoffizielle Workshop-Versionen, als Originale auf dem Sprung. Und sie werden immer nur vorübergehend, vor einem zahlenmäßig sehr begrenzten Hörerkreis manifest. Sie leben damit in einer Art „Twilight Zone“, in einer Zwischenwelt. Sie bleiben flüchtig und vage, etwas Unfertiges, Geisterhaftes haftet ihnen an. Auch weil sie häufig noch nicht „ausproduziert“ wurden, fristen sie ein Versuchslabordasein an der Schwelle zum offiziellen Songuniversum. Denn heute ist ein Song erst nach Veröffentlichung und massenhafter Verbreitung ein ganzer Song. Nur dann, wenn man ihn fast überall auf der Welt kaufen, laden und Freunden vorspielen kann, wird er in den Kanon aufgenommen. Schließlich leben wir in einer globalisierten Mediengesellschaft. Durch Verbreitungswege wie Youtube allerdings haben in den letzten Jahren schon etliche Demoversionen und bei spontanen Wohnzimmersessions vorgetragene, nicht ausproduzierte Songs die beschriebene „Twilight Zone“ verlassen und den Sprung in den offiziellen Songkanon geschafft. Womit diese unfertigen Erstversionen einiges an Bewegung in die Welt der akustisch fixierten Originale bringen.

Originale im Fluss

Und, last but not least: Neben alter, klassischer oder sogenannter „populärer Musik“ gibt es etwa seit den 1950er Jahren auch Formen der experimentellen, der improvisierten und der elektronischen Musik, die auf völlig anderen „Kompositions“-Prinzipien beruhen. John Cage, Morton Feldman oder Roman Haubenstock-Ramati etwa versuchten, musikalische Ideen zu „notieren“, ohne sie endgültig festzulegen. Das Konzept der „Realtime Composition“ wiederum führt zu potenziell unendlich andauernden musikalischen Stücken, also flüchtigen Originalen, die nicht wiederholbar sind, weil sie von Computerprogrammen in Echtzeit generiert werden. Noten im klassischen Sinn sind hier kaum noch greifbar oder lassen sich erst im Nachhinein „notieren“ – was letztlich unterstreicht, dass die Kategorie „Original“ im Fluss ist und das Merkmal der schriftlichen Fixierung allmählich an Bedeutung verliert.

Covern als gängige Rock- und „Pop“-Praxis

Die Beispiele „Best of Classic Rock“ (London Symphony Orchestra) auf der einen und A Fith of Beethoven (Walter Murphy) oder Adagio (Ekseption) auf der anderen Seite zeigen, dass heute durchaus genre- oder spartenübergreifend gecovert wird. Innerhalb der Klassik- oder der Neue-Musik-Sparte aber kann nur gecovert werden, wenn der Komponist für eine akustisch fixierte verbindliche Originalaufnahme gesorgt hat. So gibt es durchaus Coverversionen von Stücken, die der Komponist Michael Nyman mit seiner Michael Nyman Band eingespielt und als Originalaufnahmen veröffentlicht hat. Coverversionen von Mozartarien oder zeitgenössischen „kunstmusikalischen“ Kompositionen, die in erster Linie als Partituren und Libretti existieren und auf die Aufführung durch immer neue Ensembles angewiesen sind, gibt es nicht. Und weil gerade der Rock- und der sogenannte „Pop“-Bereich samt Genres wie Soul, Hip-Hop, Dance oder Techno in erster Linie von den Interpreten beziehungsweise von als Tonaufnahmen veröffentlichten Originalen leben, ist hier das Covern zur alltäglichen Praxis geworden. Das war allerdings nicht von Anfang an so. Die Entwicklung von Methoden zur Aufzeichnung und Verbreitung von Schallereignissen brachte nicht automatisch die Praxis des Coverns hervor. Es bedurfte einiger zusätzlicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, bis sich das Covern von Songs als eigenständige künstlerische Praxis etablierte …

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erstellt am 11.8.2014