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In seinem Gedicht »Hilda läuft« spürt Petr Maděra „die geheimnisvollen Worte der Ahnen“ auf. Eingebettet in erzählerischen Passagen, lagern Stummheit und Schreie in der lyrischen Verknappung der Metapher. Das (familien)historische Vakuum möchten wir mit unseren Erfahrungen füllen und wissen doch, nur Zuschauer des Leids und ihrer Heilung bleiben zu können.

Originaltext

Hilda utíká (Hilda läuft)

Von Petr Maděra
Aus dem Tschechischen von Klará Hůrková

Hilda läuft

dem Andenken meiner Großmutter

Blauäugige Wassermänner
und mit ihnen der Kater Hukanasa.
Hilda schaut, halbtot vor Angst,
wenn dieses Gesindel sie beschattet.
Sie wirft die Schuhe weg, rennt zurück
weiter gegen den Strom,
muckst in die Stille –

Hendrike, schenk mir noch ein Gläschen ein…
Ich habe solche Angst zu trinken.
Du weißt doch, wie einst das alte Mütterchen
meiner Mutter zurief –
Ich habe Durst, Mariedl,
hol mir einen Krug Bier, Mädel!
Und wie sie trank, war sie sofort hin.
Ich habe solche Angst zu trinken.

Fünf Stunden auf dem Krankenhausflur,
vergessen auf der Totenliege in der Ecke beim Fahrstuhl
in den bespuckten Schatten
sehnte sie sich nach Leben, aber dann sprang sie über die Grenze
schon leicht, an der Hand ihres Vaters,
den sie zum ersten Mal sah, ganz aufgelöst
in den Tränen ihrer Lieben,
alle Kirchentreppen, die sie mit ihrem kleinen Knie berührte, flogen hinter ihr
und sie sah die Hufe des Pferdes,
das sich in der kalten Nacht zu ihr aufbäumte.
Dein Gedächtnis stolpert und versagt,
nicht verflochten mit ihrem, ein Jahrhundert gewachsenem,
leuchtet bläulich wie ein erlöschendes Bild der großgewachsenen Welt,
die glühend scheitert im flüchtigen Geist.
Es gibt nur Gesichter, die sich der Wintergeschichte verschrieben haben,
plattgedrückt an dem trennenden Glas, und wolkiges Aschgrau
mit Flügelfragmenten
an den Faserenden der Mimik.

Mariedl, ich habe Durst, gib mir den Becher
diesmal bis auf den Grund von allem, Mutter,
und ich werde zu dir gehen über den Korridor der Kranken,
mit dem eiskalten Fahrstuhl bis zu den farblosen Lippen,
die von der Stirn alles Leiden löschen
und lassen die Zeit ertönen.
In die tröstenden hellen Locken fließe ich bis zu den Knien hinein,
dort, wo ein Kräuseln ist, gibt es eine Furt.

Und über den Gewässern empfange ich die letzte Fessel,
die um den Hals ziehen
sieben kranke Gänse
durch die erkaltende Herbstspur.

Mariedl, gib mir das Glas,
damit die schönen Herren in Bouzov verstummen,
wenn sie meine stolze Anmut erblicken
und die Welle blauen Blutes zur richtigen Zeit,
ein Augenblick der Liebe, ein Dorn im Stoppelfeld,
ein Gesicht, das sich selbst ruhig betrachtet
im klaren Spiegel ohne Atem.

Die Stimmen einer Totenmesse,
die Kerzen spielen Tauziehen um das Wesentliche,
summen im Durchzug und auf den Wegen,
welche die Engel
deines Körpers beschreiten.
Die Domfarben, Sekunden im Gegenlicht gefallen,
im Flüstern des Körperweges bricht die Zeit zusammen
und die Augen verlassen die Dämme
im Himmel.

Das Betonkrematorium bestraft den Haufen von Hinterbliebenen,
zänkisches Blut, geballte Verwandtschaft, entgleistes Mährisch.
Sie spiegeln sich, gezwungen, zusammen im schwarzen Marmor des Verbrennungsofens,
starren durch den Wind auf die elende Verstreuungswiese.
Tod, smrt, Hintritt, skon, das sind nur in der Nacht aufgeschnappte Worte.
Sie rennt aus der Wohnung nach vielen Jahren.
Eine Hündin rennt aus ihrer weißen Haut, die Windhündin genährt
mit fleischigen Lippen,
oder die Taube drängt durch eine durchsichtige Stelle, das Hymen.
Die Nistenden im blauen Stammbaum
erzittern, wenn der angebrochene Ast knackt.

Deutsch vermischt sich mit Tschechisch
und beide tauchen unter dem Wachen auf, geheimnisvolle Worte der Ahnen weinen.
Ratlos blätterte die Enkelin im Wörterbuch,
beiläufig berührte sie die Stellen
auf ihrem jungen Körper
wie die einzelnen Stationen eines Weges,
während Hildas Blut von den Schatten
aller Olmützer Kirchen beschmutzt wurde
und die Augen erweiterten sich durch das Licht dieser Kirchen.
Die Stimmen riefen schon auf Deutsch,
hunderte Hände zogen sie durch Nirgendwo
und die Seele schaute mitleidig auf die Körper herunter.

Sie schläft schon fast ein, sie hat schon beinahe geschlafen,
im Traum mit dem eingewickelten Jungen
inmitten des Staubs, mit dem Rücken zu den Sirenen
lief sie bis zum Rand der grausamen Niederlage,
als er plötzlich nach Hause kam, erwachsen und in verrauchten Kleidern.
Marsch aus dem Bett! Du stinkst! Er riss ihr das Nachthemd in Fetzen vom Leib
und sie schrie, schrie verzweifelt
im Schrecken vor dem geliebten Sohn.
Plötzlich wurde sie still, bestieg den Berg,
jenseits der Koordinaten.

Im Zimmer dufteten den ganzen Tag
Plätzchen und flüsterte Flammarion.
Mein kleiner Sohn lachte
und sie gingen irgendwo draußen.
Beide nahmen mich unter den Armen
und flogen mit mir frei
über die wichtigen Orte der Schuld.
Ich fühlte Freiheit, Vertrauen,
meine Wunde wurde heller…

und die andere verhüllte ihre Form.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Petr Maděra, *1970 in Ostrov nad Ohří (im Erzgebirge). Studierte Landschaftsbau und andere Fächer an der Tschechischen Agraruniversität in Prag. Übte verschiedene Berufe aus, zur Zeit arbeitet er als Fachredakteur von Publikationen über Geowissenschaften. Eine Zeitlang arbeitete als Redakteur bei der Literaturzeitschrift Weles. Veröffentlichte mehrere Gedichtsammlungen, unter anderem Komorní hůrka, 2001 (nominiert für den Magnesia Litera Preis), Houbeles, 2008 (ein gereimter Pilzatlas für Kinder) und den Roman Černobílé rty.

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erstellt am 09.8.2014

Das Gedicht ist dieser Anthologie entnommen:
Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo
Ausgewählt und übersetzt von Klára Hůrková
336 Seiten / ISBN 978-80-7272-505-2 / Dauphin, Prag 2014
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Hilda utíká

památce mojí babičky

Vodníci modroocí
a s nimi kocour Hukanasa.
Hilda se dívá, strachy mroucí,
když zastíní ji tahle chasa.
Zahodí boty, zpátky utíká
dál proti proudu,
hlesne do ticha –

Jindro, nalej mi ještě skleničku…
Já se tak bojím napít.
Vždyť víš, jak kdysi stařenka
volala na mou maminku –
Mám žízeň, Mariedl,
přines mi hrnek piva, holčičko!
A když se napila, rázem byla hin.
Já se tak bojím napít.

Pět hodin na chodbě nemocnice,
zapomenutá na sirobném lůžku v koutě u výtahu
v zaplivaných stínech
toužila žít, ale pak přeskakovala hranici
už lehká, za ruku se svým tatínkem,
kterého uviděla poprvé, celá rozmazaná
v slzách svých drahých,
letěly za ní všechny kolínkem dotknuté kostelní schody
a viděla kopyta toho koně,
který se vzepjal studenou nocí až k ní.
Tvá paměť vratce selhává,
neprostoupená tou její, století samorostlou,
promodrává jak vyhasínající obraz urostlého světa,
jenž žhavě troskotá v prchající mysli.
Jsou jenom obličeje upsané zimním dějinám,
rozpláclé na dělícím skle, a mračná popelavost
se zlomky křídel
na koncích vláken mimiky.

Mariedl, mám žízeň, podej mi ten pohár,
tentokrát do dna všeho, maminko,
a půjdu za tebou přes chodbu nemocných,
mrazivým výtahem až ke rtům bez barev,
jež smažou z čela všechno soužení
a rozezvučí čas.
Do konejšivých světlých loken po kolena vplynu,
tam, kde je čeření, je brod.
A přijmu nad vodami útisk poslední,
jenž kolem hrdla táhne
sedmero kačen stonavých
chladnoucí stopou podzimu.

Mariedl, podej sklenici,
ať na Bouzově švarní páni oněmí,
až spatří moji hrdou spanilost
a vlnu modré krve v pravý čas,
okamih lásky, osten v strništi,
tvář, jež se klidně prohlíží
v čirém zrcátku bez dechu.

Hlasy mše zádušní,
svíce se přetahují o podstatu,
šelestí v průvanech a na cestách,
kudy se vydávají
andělé tvého těla.
Chrámové barvy, vteřiny spadané v protisvětle,
v šeplání tělesné cesty se hroutí čas
a oči opouštějí hráze
na výsostech.

Betonové krematorium trestá houf pozůstalých,
hašteřivou krev, zaťatou přízeň, vyšinutou moravštinu.
Odrážejí se vynuceně spolu v černém mramoru spalovny,
zírají větrem na ubohou rozptylovou trávu.
Tod, smrt, hintritt, skon, to jsou jen slova zachycená z noci.
Vyběhne z bytu po mnoha rocích.
Vyběhne z bílé kůže fenka, chrtice krmená masitými rty,
nebo se holubice prodere průsvitným místem, hymenem.
Hnízdící v modrém stromě rodovém
se zachvějí, když nalomená větev zapraští.

Němčina se prolíná s češtinou
a podplouvají bdění, tajemná slova předků naříkají.
Bezradně listovala vnučka slovníkem,
bezděky sahala si na místa
na svém mladém těle
jako na jednotlivá zastavení cesty,
zatímco Hildina krev se špinila stíny
všech olomouckých chrámů
a oči se rozšiřovaly světlem těch chrámů.
Hlasy už volaly německy,
steré ruce ji táhly nikudy, nižádným
a duše nad těly shlížela soucitně.

Už skoro usíná, už téměř spala,
ve snu se zavinutým chlapcem
uprostřed prachu, zády k sirénám
běžela na kraj kruté porážky,
když náhle přišel domů dospělý a v zakouřených šatech.
Táhni z postele! Smrdíš! Trhal z ní cáry noční košile
a ona křičela, zoufale křičela
v úděsu před milovaným synem.
Náhle se ztišila, stanula na hoře,
už mimo souřadnice.

V pokoji celý den
vonělo cukroví a šeptal Flammarion.
Smál se můj malý syn
a někde venku chodili.
Oba mě za podpaží vzali
a volně se mnou prolétli
po důležitých místech viny.
Cítil jsem volnost, důvěru,
rána mi světlala…

a jiná tajila mi svoji podobu.