Bei den Salzburger Festspielen ist Halbzeit. Die Neugier hält an und der Hoffnungsschimmer ist noch nicht erloschen, auch wenn man damit in Österreich nicht gleich eine Revolution meint. Aus Salzburg berichtet Thomas Rothschild.

Salzburger Festspiele

Hoffnungsschimmer

Von den Salzburger Festspielen 2014, Teil 1

Von Thomas Rothschild

Bei einer Pressekonferenz gab der fürs Schauspiel bei den Salzburger Festspielen verantwortliche Sven-Erich Bechtolf einen ebenso konzisen wie gescheiten Überblick über Ernst Tollers Leben. Darin sprach er von der Revolution, die zur Münchner Räterepublik geführt hat, als einem „Hoffnungsschimmer“. Haben wir recht gehört? Neben Bechtolf saß Helga Rabl-Stadler, die Festspielpräsidentin, die in der konservativen ÖVP wichtige Funktionen innehatte. Sie machte keinen Muckser. Aus dem eingeladenen Publikum, von dem eine Mehrheit Revolutionen wahrscheinlich für das größte aller denkbaren Übel hält, das allenfalls durch eine Sowjetrepublik, auf deutsch: Räterepublik übertroffen würde, kam keine Reaktion.

Was ist passiert? Nichts ist passiert. Wir sind in Österreich. Man redet, aber es hat nichts zu bedeuten. Hoffnungsschimmer oder Teufelswerk – es kommt nicht darauf an, jedenfalls nicht, so lange sich an den tatsächlichen Verhältnissen nichts ändert.

Was da bei der Pressekonferenz keinem auffiel, ist gleichwohl charakteristisch für die Salzburger Festspiele im Ganzen. Man beklatscht pazifistische oder egalitäre Plädoyers auf der Bühne und wählt Politiker, die Waffenexporte genehmigen oder decken, die der wachsenden Ungleichheit keine Hindernisse in den Weg legen. Die Bourgeoisie ist sich ihrer Macht sicher. Keine Rede auf einer Pressekonferenz, keine Aufführung im Festspielhaus kann sie aus der Ruhe bringen.

Ernst Toller schrieb seinen „Hinkemann“, der bei den Salzburger Festspielen in einer Inszenierung von Miloš Lolić gezeigt wurde, in der Festungshaft, in den Jahren 1921/22. Gut ein Jahrzehnt davor, acht Jahre vor dem „Hoffnungsschimmer“, entstand „Der Rosenkavalier“ von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, der seit deren Gründung eng mit den Festspielen verbunden ist. Joseph Roth schrieb in seinem Porträt eines Hoteldirektors „Der Patron“: „Denn die schriftstellerische Objektivität erfordert eine ganz bestimmte Art von Sympathie für die zu beschreibenden Menschen, eine literarische Sympathie, deren sich unter Umständen auch ein Schuft erfreuen kann. Aber mein privates Herz schlägt in einer sentimentalen (und jüngst wieder unmodern gewordenen) Weise für die kleinen Wesen, denen man befiehlt und die gehorchen, gehorchen, gehorchen, und lässt mich selten zu der Objektivität für die großen gelangen, die befehlen, befehlen, befehlen.“ „Jüngst“ – das war 1930! Ernst Tollers Herz schlug für die kleinen Wesen, denen man befiehlt und die gehorchen, gehorchen, gehorchen, Hugo von Hofmannsthals Herz schlug für die Aristokratie. Noch der Ochs auf Lerchenau, dieser geile, ordinäre, verarmte Baron, der die Aufstiegsträume eines (wie die Hofmannsthals) kürzlich geadelten Vaters bürgerlicher Herkunft ausnützen möchte, um seine Schulden zu begleichen, dieser moderne Falstaff wird nur scheinbar und vor allem von seiner vornehmen Verwandtschaft bemäkelt. In Wirklichkeit ist er der komische Gegenpart, den die edel empfindende und edel verzichtende und überhaupt durch und durch edle Feldmarschallin dramaturgisch benötigt. Hugo von Hofmannsthals Herz schlägt für jene Gesellschaftsschicht, die in den „Letzten Tagen der Menschheit“, die zwischen dem „Rosenkavalier“ und „Hinkemann“ verfasst wurden und ebenfalls heuer in Salzburg zu sehen waren und in denen Hofmannsthal übrigens als Dichter patriotischer Verse vorkommt, von Karl Kraus so charakterisiert wird: „Graf Leopold Franz Rudolf Ernest Vinzenz Innocenz Maria: Das Ultimatum war prima! Endlich, endlich! Baron Alois Josef Ottokar Ignazius Eusebius Maria: Foudroyant! No aber auf ein Haar hätten sie's angenommen. Der Graf: Das hätt mich rasend agassiert. Zum Glück hab'n wir die zwei Punkterln drin ghabt, unsere Untersuchung auf serbischem Boden und so – na dadrauf sinds halt doch nicht geflogen. Haben 's sich selber zuzuschreiben jetzt, die Serben. Der Baron: Wann mans recht bedenkt – wegen zwei Punkterln – und also wegen so einer Bagatell is der Weltkrieg ausgebrochen! Rasend komisch eigentlich.“ Im Publikum saßen bei der Premiere des „Rosenkavalier“ die aristokratischen und großbürgerlichen Reinkarnationen der Krausschen Lemuren und erzählten sich noch während der Ouvertüre die Neuigkeiten aus Garmisch-Partenkirchen und aus Nizza. Keine Revolution in Salzburg. Kein Hoffnungsschimmer, nirgends.

Aber künstlerisch betrachtet war dieser „Rosenkavalier“ ein unbeeinträchtigter Genuss. Harry Kupfer und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch haben ihn aus dem Rokoko in die Zeit seiner Entstehung versetzt, die in allen Registern zugleich reife und bewegliche Krassimira Stoyanova, die in dieser Rolle erfahrene Sophie Koch und die mit einer eher klangschönen als kräftigen Stimme begabte Mojca Erdmann als Marschallin, Octavian und Sophie sangen – um in der Stillage der Oper zu bleiben – zum Hinknien betörend, und Günther Groissböck war sängerisch, wenn auch nicht als Typus ein idealer Ochs auf Lerchenau.

Es ist schon ein paar Jahre her, seit Nikolaus Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen in einer Saison alle neun Symphonien von Beethoven dirigiert hat. Das wäre eine Möglichkeit gewesen: auch die neun Symphonien von Anton Bruckner von Nikolaus Harnoncourt oder einem anderen renommierten Dirigenten aufführen zu lassen. Man hat sich anders entschieden. Für den symphonischen Schwerpunkt dieses Jahres hat man verschiedene Dirigenten eingeladen, von der inzwischen 87-jährigen Legende Herbert Blomstedt bis zu dem nur zwei Jahre jüngeren Bernard Haitink, dem rührigen Daniel Barenboim und dem agilen wirklich jungen Philippe Jordan, und man hat sich auch nicht auf ein Orchester beschränkt. Den Wiener Philharmonikern, wem sonst, kam zwar der Löwenanteil zu, aber auch andere Spitzenorchester beteiligen sich an dem Projekt. Das hat den Vorzug, dass der Bruckner-Kenner die verschiedenen Dirigiertemperamente und Werkauffassungen vergleichen kann, wiewohl das im strengen Sinne nur möglich wäre, wenn die Maestri alle die selbe Symphonie einstudiert hätten. So lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, was auf das Konto der Unterschiede zwischen den Dirigenten und was auf das Konto der Unterschiede zwischen den Werken geht. Immerhin: Bruckners Personalstil, der lange Zeit Gegnerschaft, aber auch Verehrung, jedenfalls heftige Diskussionen provoziert hat, ist über sein Gesamtwerk so relativ konstant geblieben, dass ein Vergleich auch bei unterschiedlichem Material möglich ist.

Wenn sich Festspiele vom alltäglichen Kulturangebot größerer Städte unterscheiden wollen, müssen sie Zusammenhänge herstellen, die nur in dieser zeitlich und örtlich konzentrierten Form zur Geltung kommen. Deshalb sind Zyklen anstelle einer beliebigen Zusammenwürfelung von Vielfältigem ein lobenswerter Ansatz. Nicht nur Bruckner, auch Beethoven wird in diesem Jahr in Salzburg zyklisch präsentiert, seine sämtlichen 32 Klaviersonaten an sieben Abenden, und zwar von jenem Pianisten, der vielen als der zurzeit kompetenteste Beethoveninterpret gilt: Rudolf Buchbinder. Seine Konzerte sind in der Tat faszinierend. Die Feinheit, mit der er Kontraste im Tempo und in der Dynamik herausarbeitet, ohne Beethoven mehr als geboten zu dramatisieren, also ohne Effekthascherei, das sucht schon seinesgleichen. Buchbinder verwischt nichts, er vermeidet das Legato, wo der Einzelton sein Recht verlangt. Sein Beethoven ist leicht, aber nicht seicht. So nah an Mozart scheint der angeblich düstere Nachfolger selten. Buchbinder selbst allerdings besteht darauf, dass Beethoven von Anfang an Beethoven war mit Wagnissen, die Mozart nicht eingegangen wäre. Rudolf Buchbinder ist kein Exzentriker, wie es Friedrich Gulda war. Aber auch er ist sympathisch unkonventionell. Auf die Frage, warum er die Ehrenprofessorenwürde Österreichs drei Mal abgelehnt habe, antwortete er: „Ich bin Musiker und kein Professor. Professor wird nur verwendet, wenn einem der Name nicht einfällt.“

Vor vier Jahren programmierte Markus Hinterhäuser seinen viel gelobten „Kontinent Rihm“. Dem wohl prominentesten unter den lebenden deutschen Komponisten sind auch in diesem Jahr vier Konzerte recht unterschiedlichen Zuschnitts gewidmet, zwei Orchesterkonzerte, ein Kammerkonzert und ein Liederabend. Es ist also nicht so, dass zeitgenössische Musik bei Alexander Pereira nicht vorkäme. Eher trifft zu, was Paul Blaha in der „Bühne“ vermerkt hat: dass er sie ungeschickt präsentiert. Die Euphorie, die das gar nicht so kleine Publikum bei Hinterhäusers Konzept packte, blieb diesmal aus. Dabei hatte etwa das Konzert des Klangforums Wien unter Sylvain Cambreling, bei dem zwei Werke von Wolfgang Rihm durch die in ihrer Dichte und Strenge fesselnde Komposition „Guai ai gelidi mostri“ von Luigi Nono aus dem Jahr 1983 ergänzt wurden, durchaus das Zeug, als Höhepunkt in die Geschichte der Salzburger Festspiele einzugehen. Der Abend von Christian Gerhaher mit seinem Begleiter Gerold Huber am Klavier wiederum machte einmal mehr bewusst, welche nachhaltige Wirkung Schubert für das Genre hinterlassen hat. Wolfgang Rihms zwischen die Schubert-Lieder eingebetteten Lieder verbindet rein äußerlich mit jenen nur die Tatsache, dass sie Gedichte von Goethe vertonen. Und doch haben sie viel mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Im Konzert empfand man bei dem Wechsel von Schubert zu Rihm und zurück keinen Bruch, so organisch waren die Übergänge im Gestus und sogar in einzelne Phrasen hinein.

Dass es in einer Stadt mit knapp 150000 Einwohnern gleich zwei hervorragende Orchester gibt, ist nicht alltäglich. Darum könnte so manche deutsche Stadt, in der das Wort „sparen“ geläufiger ist als das Wort „Kultur“, Salzburg beneiden. Die Camerata Salzburg ist ebenso wie das konkurrierende Mozarteumorchester längst über eine traditionalistische Mozartpflege hinausgewachsen, wiewohl der Sohn der Stadt nach wie vor eine zentrale Rolle im Repertoire spielt. Bei einem der drei Camerata-Konzerte in diesem Jahr präsentierte das Ensemble zwischen Mendelssohn und Mozart ein zeitgenössisches Werk des (anwesenden) Engländers John Casken, der die ehrwürdige Gattung des Doppelkonzerts in eine moderne Sprache übersetzt. Die Violine spielte Thomas Zehetmair, der zugleich das Orchester dirigierte, die Viola Ruth Killius. Die beiden Streichinstrumente, denen die Komposition breiten Raum lässt – sie beginnt mit einem Viola-Solo, das zögerlich von der Violine und erst danach von einzelnen Orchesterinstrumenten ergänzt wird –, bestechen durch eine innige, lyrische Verflechtung, durch eine in der zeitgenössischen Musik nicht so häufigen Melodienseligkeit, worauf auch schon die Satzbezeichnungen „calm“ und „floating“ hinweisen mögen.

Bei den Salzburger Festspielen ist Halbzeit. Die Neugier hält an. Der Hoffnungsschimmer ist noch nicht erloschen. Wenn man damit nicht gleich eine Revolution meint.

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erstellt am 08.8.2014

Der Rosenkavalier. Szenenfoto Salzburger Festspiele 2014. © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele

18. Juli – 31. August 2014

Zum Programm

Der Rosenkavalier. Szenenfoto Salzburger Festspiele 2014. © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Zyklus Anton Bruckner: Philippe Jordan. © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Zyklus Anton Bruckner: Daniel Barenboim, Wiener Philharmoniker © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Beethoven-Zyklus I: Rudolf Buchbinder. © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Rihm: Klangforum Wien: Sylvain Cambreling, Susanne Otto, Noa Frenkel © Salzburger Festspiele / Silvia Lelli