Denkmal des Aufstandes in Warschau
Denkmal des Aufstandes in Warschau

„Jahrestage“ stellen das gesellschaftliche Erinnerungsvermögen auf die Probe. Das gilt auch für Polen und in Polen. „Vergangenheitspolitik“ gibt es nicht nur in Deutschland. Der deutsche Markt ist für Bücher aus Polen nur schwer zu erobern. In Deutschland ist man bis heute kaum in der Lage zwischen Warschauer Ghettoaufstand 1943 und dem Warschauer Aufstand 1944 zu unterscheiden. Im kleinen Frankfurter Verlag „neue kritik“ sind zwei der besten Bücher zu beiden Ereignissen immer noch zu haben: Hanna Kralls „Dem Herrgott zuvorkommen“, ein Meisterwerk politischer Reportageliteratur, das den Aufstand im Warschauer Ghetto der Vergessenheit und zugleich der Mythenbildung entreißt. Um den Warschauer Aufstand ranken sich eben so viele Legenden und politisch motivierte Darstellungen. Vor 20 Jahren, zum 50. Jahrestag, rezensierte Faust-Autor Detlev Claussen in der „Frankfurter Rundschau“ Miron Bialoszewskis „Nur das was war“. Das atemberaubende Buch hatte im vereinigungstrunkenen Deutschland keine Chance. Auch 20 Jahre später, zum 70. Jahrestag, ist es noch lieferbar.

Zum 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands

Messe für eine verschwundene Stadt

Miron Bialoszewskis »Nur das was war«

Von Detlev Claussen

Wenn der Leser – leicht beunruhigt und verwirrt – anfängt zu fragen: Wo bin ich? Wie bin ich überhaupt hierhergekommen?, dann beginnt er, diesen Text zu verstehen. Miron Bialoszewski macht es einem nicht leicht mit seinen „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“, die jetzt unter dem Titel Nur das was war im Frankfurter Verlag Neue Kritik erschienen sind. Nein, in der Tat: Dieser bescheidene Titel steht für ein anspruchsvolles Programm des Autors. Um konventionelle Abenteuer- und Heldengeschichten aus dem Warschauer Aufstand von 1944 handelt es sich nicht. Auch wird der enttäuscht sein, der ein Sachbuch erwartet.

In den letzten fünfzig Jahren konnte man in Polen viele Geschichten aus der Okkupationszeit unter den Deutschen hören. Ein Buch wie das von Bialoszewski setzt eine Flut von Geschichtsliteratur, von Pädagogik und Belehrung als existierend voraus, ebenso wie eine über Jahrzehnte betriebene familiale Oral History, die das weitergab, was man erfahren hatte, und von dem man fürchten musste, dass es in der offiziellen Literatur gar nicht vorkam. Wer sich in Bialoszewskis Text einliest, wird bald merken, dass hier jemand über zwanzig Jahre nachgedacht hat, wie er schreiben müsse, wenn er sein Lebensthema, den Warschauer Aufstand, einer geschichtsübersättigten und politikmisstrauischen polnischen Leserschaft noch einmal präsentieren wollte.

Als ungenannten Ausgangspunkt der Erinnerungen muss man sich eine Stadt als tabula rasa, das von den Deutschen total zerstörte Warschau vorstellen, in deren rauchenden Ruinen es unter Androhung der Todesstrafe verboten war, sich aufzuhalten. Schon während des Aufstandes hatte sich die Bevölkerung unter die Erde verkrochen, um Schutz vor der systematischen Beschießung der Gebäude zu suchen und um summarischen Erschießungen und Deportationswellen zu entkommen. In die Atmosphäre der Kellerlöcher, der unterirdischen Labyrinthe zieht Miron Bialoszewski den Leser. Er lässt ihn die Gespräche der Warschauer von damals belauschen. Kein literarischer Feldherrenhügel wird errichtet, von dem aus die militärischen Aktionen der dreiundsechzig Tage des Aufstands erklärt werden. Keiner erläutert aus sicherem Abstand die nationale und internationale Bedeutung oder den geschichtlichen Stellenwert dieses Kampfes. Bialoszewski gelingt es, dem Leser die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit einer Situation aufzuzwingen, die in den Geschichtsbüchern den Platz eines welthistorisch bedeutenden Augenblicks einnimmt.

Aus den alltagssprachlichen Gesprächs- und Erzählfetzen der ersten hundert Seiten dieses Textes setzt Bialoszewski ein Bild des Warschauer Aufstands zusammen. Indem er konsequent den Stil des historischen und moralisch-politischen Pathos vermeidet, öffnet er die Augen und Ohren für das, was man als Erfahrung dieser Zeit begreifen könnte: die unüberbrückbare Diskrepanz von großer Geschichte und individueller Lebensgeschichte. Bialoszewski schreibt nicht über den Aufstand, sondern er versammelt sprachliche Momentaufnahmen aus einer Situation, die aus der Norm fiel. Als Brücke des Verstehens benutzt er die Sprache des Alltags, die ohne Prätention das Außergewöhnliche zur Zeit des Aufstands zu fassen versucht.

Nach hundert Seiten haben Leser und Autor eine Orientierung gefunden; die Hektik nimmt ab. Sie weicht Beschwörungen von Namen – Namen von Straßen und von Menschen. Am Anfang wünscht sich der Leser noch einen Stadtplan, um zwischen Altstadt und Innenstadt, Sächsischem Garten und Krasinski-Park unterscheiden zu können. Aber schon bald merkt er: Die Namen werden genannt, damit sie nicht vergessen werden. Auch wenn man Straßen mit diesen Namen heute findet oder kennt, es wären nicht dieselben Orte. Der Text liest sich als eine säkulare Messe für eine verschwundene Stadt. Bialoszewski erzählt das, was war, indem er die gleichbleibenden oder auch veränderten Straßen- und Häusernamen benutzt, um dem Leser und sich selbst Anhaltspunkte zu geben, von denen aus die Zeitdifferenz sich begreifen lässt. Am Ende der Zerstörung bleiben nur noch die Ortsnamen in der Trümmerlandschaft. Man braucht keinen Stadtplan; denn der Stadtplan ist der Text, der das, was war, festhält. Indem die Leser Bialoszewskis Buch lesen, beleben sie die Stadt, von der nur noch die Namen blieben.

Hinter der kunstlosen Sprache des Buches verbirgt sich eine ausgefeilte literarische Technik. Hier hat jemand lange über Schreiben und Erinnern, über Wirklichkeit und Abbild nachgedacht. Bialoszewski hat an der Form gearbeitet, die dem individuellen Leser einen Zugang zum erzählenden Subjekt eröffnet, aber ihn zugleich auch wieder verschließt. Das Inkommensurable subjektiver Erfahrung wird exzessiv ausgedrückt. Die individuelle Erfahrung aber selbst muss konstruiert werden gegen eine Wirklichkeit, die Erfahrung zerstört – während des Aufstands und nach dem Aufstand. Im Text Bialoszewskis findet sich kein Platz für Schilderungen heroischer Taten, kein Platz für moralische und politische Bewertungen im Interesse politischer Gruppierungen.

Die um 1970 in Polen Mächtigen haben diesen Text erscheinen lassen, der als avantgardistischer Lyriker verschrieene Autor erhielt sogar einen Preis. Die Kommunisten an der Macht wussten schon, dass die kommunistische Parteilegende vom Warschauer Aufstand sich nicht mehr halten ließ. Dann wollten sie schon lieber einen Text ohne Mythos als einen rein nationalen. Ein Paradox: Die polnische Konkurrenz um den nationalen Mythos vom Warschauer Aufstand ermöglicht die entmythologisierende Arbeit Bialoszewskis.

Die Übermacht konventioneller Formen heroischer Memoiren ruft eine raffinierte Formkritik hervor, die neue Formen vorbereitet. Hanna Kralls meisterhafte Reportage Dem Herrgott zuvorkommen …, die durch Dokumentation von Aussagen, Interviews und Gesprächsteilen auf bis dahin unerhörte Weise den Ghettoaufstand mit dem Warschauer Aufstand zusammenbringt, fand knapp zehn Jahre nach Bialoszewski Leser in Polen, die nicht nur offizieller Geschichtsdarstellung misstrauten, sondern die nach neuen Formen verlangten, um hinter den Ideologien die geschichtliche Wirklichkeit wiederentdecken zu können. Nur das was war gilt als Programm nicht allein für den Autor Miron Bialoszewski, sondern für eine literarische Tradition in Polen, die das Ephemere nicht scheut, um der Übermacht des nationalen Mythos zu entkommen.

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erstellt am 05.8.2014

Miron Bialoszewski
Nur das was war. Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Gebunden, 320 Seiten
ISBN 978-3-8015-0276-8
Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main

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Miron Bialoszewski
Miron Bialoszewski
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Miron Bialoszewski

Miron Bialoszewski wurde am 30. Juni 1922 in Warschau geboren. Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist. 1955 gründete er mit Freunden in seiner Wohnung ein experimentelles Theater, das bis 1963 bestand. 1956 erschien sein erster Gedichtband »Kreislauf der Dinge«. Es folgten weitere Bände und ab 1970 auch zunehmend Prosa. Der Individualist Bialoszewski, der die offizielle Kultur der Stalinzeit ablehnte, aber auch der politischen Opposition nach 1956 und 1976 fernblieb, nimmt einen eigenständigen Platz in der polnischen Literatur ein. Miron Bialoszewski starb am 17. Juni 1983 in Warschau.

Hanna Krall
Dem Herrgott zuvorkommen
Aus dem Polnischen von Hubert Schumann
Gebunden, 180 Seiten
ISBN 978-3-8015-0252-2
Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main

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