Erstes Kapitel

Ein Blick des Glücks

Von Otto A. Böhmer

Der Sommer des Jahres 1875, manche von uns werden’s noch wissen, war von merkwürdiger Beständigkeit. Er brachte dumpfe Hitze auf, aber auch heftige Regenfälle, nach denen die Erde dampfte. Der Wechsel zwischen Schön- und Schlechtwetterperioden, der diesen Sommer kennzeichnete, hatte etwas derart Verläßliches, daß sogar die Meterologen, von denen es damals noch nicht so viele gab, aufmerksam wurden und zu rechnen anfingen. Besonders im südlichen Schwarzwald, einer in jenen Jahren bereits vom Tourismus heimgesuchten Gegend, konnte man fast Wetten abschließen, daß auf drei Tage Sonnenschein eine Regenzeit von viereinhalb Stunden folgte; die Meterologen hatten das errechnet.
»Waren Sie dabei?« fragte Pommerenke. »Ich meine, waren Sie dabei im Sommer 1875? Ich hätte Sie für jünger gehalten.«
Pommerenke, ein schmaler, sehr schmallippiger und schmalbrüstiger Redakteur und Filmproduzent, der mir auf einem schmalen Caféhausstuhl im Café Bronsky in Baden-Baden gegenübersaß, war ein mächtiger Mann. Zumindest wurde das immer behauptet, und er selbst wollte es nicht dementieren. Ich hatte Pommerenke einen Vorschlag für eine elfteilige Fernsehserie unterbreitet, die Ein Blick des Glücks heißen sollte; da die Idee, die meinem Vorschlag zugrunde lag, schlichtweg genial war, überraschte es mich nicht, daß Pommerenke bei mir anrufen ließ und mich zu sprechen wünschte. Ich möge ins Café Bronsky kommen, hieß es; dort werde mir Näheres mitgeteilt. Von der Bündigkeit dieser Auskunft war ich angenehm überrascht, kein unnötiges Gefasel; wahrscheinlich würde Pommerenke gleich zur Sache kommen und über das Honorar reden, das ich zu erwarten hatte. Aber als er mir dann gegenübersaß, dieser unangenehm schmale und schmallippige Mann, da gab er sich ärgerlich maulfaul; von Honoraren sprach er überhaupt nicht, von Sendeterminen noch viel weniger. Er äugte an mir vorbei; oder schielte er etwa? Mit so schmalen Augen. Kurzum: Ich fand ihn arg knittrig. Eine zerknautschte Gestalt. Gar nicht mein Fall.
»Wenn Sie bitte zur Sache kommen wollen«, sagte Pommerenke. »Ich habe nicht ewig Zeit. In dem Brief, den Sie mir geschrieben haben -. «
»Ein ausführlicher Brief«, sagte ich.
»Fünf Zeilen«, meinte Pommerenke. »Wenn Sie das ausführlich nennen wollen. Bitte. Sie reden, ich höre. Wir waren beim Sommer 1875 und den Wetterkundlern. Sind Sie Hobby-Meterologe?«
»Nein«, sagte ich und war etwas beleidigt. Es ist fatal, wenn man seine Perlen vor die Säue werfen muß.
Am 16. Juli 1875 trifft, aus Basel kommend, ein Zug am Bahnhof Stühlingen im südlichen Schwarzwald ein. Vier Leute steigen aus: ein älteres Ehepaar, eine Dame unschätzbaren Alters und ein dunkelhaariger Mann, der sich auf dem Bahnsteig reckt und streckt, so als habe er gerade eine vielstündige Reise in engem Behältnis hinter sich gebracht. Er schaut sich um, geht auf und ab, während die anderen Reisenden sich auf eine bereitstehende Postkutsche zu bewegen. Es ist drückend heiß; die Sonne steht hoch am Himmel, über den aschfeine Wolkenfähnchen ziehen. Der dunkelhaarige Mann, der etwa Mitte Dreißig sein mag, heißt Friedrich Nietzsche, aber er sieht nicht ganz so aus, wie man sich Nietzsche vorstellen muß. Sein Schnurrbart hängt noch nicht so struppig, seine Haare sind mit Pomade hochgedrückt und bilden am linken Kopfrand, neben dem Scheitel, eine Art Frisierkante, die dem ganzen Mann etwas Unausgeschlafenes, leicht Verhocktes gibt. Kein Wunder. Friedrich Nietzsche nämlich, es ist wirklich der Nietzsche, den die Welt mittlerweile zu kennen glaubt, befindet sich im Sommer des Jahres 1875 noch keineswegs auf der Höhe seines Könnens; er, der glatt für 36, wenn nicht gar 37 durchgehen könnte, hat noch nicht einmal seinen 31. Geburtstag hinter sich gebracht. Er ist zwar schon Professor in Basel, aber, wenn man so sagen darf, doch noch ein junger Spund, und von der Philosophie, mit der er sich später auf sehr eigenwillige Weise befaßt, hat er so gut wie gar keine Ahnung. Ehrlich.
»Nietzsche also«, sagte Pommerenke. »Darauf muß man erst mal kommen. Ich meine Nietzsche im südlichen Schwarzwald.«
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Machte der Kerl sich etwa lustig über mich? Dieses schmale Hemd.
»Er war wirklich im Schwarzwald«, sagte ich. »Das ist erwiesen. Ich erzähl’ Ihnen nichts vom Pferd. Von Nietzsche versteh’ ich was. Ich hab’ über ihn promoviert.«
»O Gott«, sagte Pommerenke. »So einer sind Sie. Das ändert natürlich alles. Wir werden über ein verschärftes Strafmaß nachdenken müssen.«
Tatsächlich. Dieser sogenannte Filmproduzent, der zugleich als festangestellter Redakteur bei einer mittleren deutschen Fernsehanstalt sein Unwesen trieb, machte sich über mich lustig. Damit aber konnte er bei mir nicht landen; ich bin die Gelassenheit in Person, wenn es darauf ankommt. Mit meinem Ärger weiß ich umzugehen.
Nachdem sich Friedrich Nietzsche auf dem Bahnhof von Stühlingen die Beine vertreten hat, sucht er die Postkutsche, mit der er weiterfahren darf, um sein eigentliches Ziel zu erreichen, das private Kur- und Badehotel Steinabad. Die Postkutsche aber ist längst weg; mit einem älteren Ehepaar und einer Dame unschätzbaren Alters an Bord rollt sie bereits über die vergleichsweise gut ausgebaute Straße Richtung Bonndorf. Nietzsche gelingt es, einen Kutscher aufzutreiben, der verspricht, das Gepäck des Herrn Professor noch am gleichen Tag nach Steinabad zu expedieren, das, so versichert der Mann, auch gut zu Fuß zu erreichen sei. Für einen Professor mit ordentlichem Schuhwerk kein Problem; allenfalls fünfzehn oder sechzehn Kilometer. Nietzsche nimmt dies erfreut zur Kenntnis. Er zieht seine Jacke aus, eine auffällig grüne Jacke, die wie die Ausgehjoppe eines Försters aussieht, und macht sich auf den Weg nach Steinabad. Die Richtung ist klar; es geht immer an der Steina entlang, einem kleinen Flüsschen, das auf aufregende Weise vor sich hin plätschert. Nietzsche verschwindet in den Büschen, danach ist ihm wohler. Die Baumwipfel wiegen sich im Sommerwind. Über dem Wälderdach steht noch die Sonne, zwischen Moosgrund und Wasserlauf glitzert ein unruhiges Licht. Was stört, sind nur die Mücken, die ihn umschwirren. Und eine gewisse standhafte Schwüle, die schweißtreibend wirkt. Nietzsche fühlt sich wie ein Reisender, dem die Gunst einer großen Ankunft droht.
»Nietzsche im Wald«, sagte Pommerenke. »Das ist aufregend. Zweifellos. Er geht seines Weges. Für ein verwöhntes Fernsehpublikum, denke ich, kann es nichts Spannenderes geben. Man wird sich nur fragen: Wie lange wollen wir ihn begleiten?«
»Fünfzehn Kilometer«, sagte ich. »Von Stühlingen bis Steinabad sind es fünfzehn Kilometer.«
»Die vermutlich alle durch den Wald führen«, meinte Pommerenke.
»Nicht ganz«, sagte ich. »Es geht auch durch ein freies Gelände. Einige Wiesen und Felder; im Hintergrund sieht man eine alte Burgruine. Sie grüßt sozusagen herüber.«
»Guten Tag«, sagte Pommerenke.
Als die Bedienung des Café Bronsky, eine sehr schmalhüftige Person mit verkniffenem Gesichtsausdruck, an ihm vorbeistrich, bestellte er sich einen doppelten Whisky. »Mögen Sie auch einen«, fragte er mich.
»Nein danke«, sagte ich. »ich bin noch im Dienst. Von den fünfzehn Kilometern haben wir gerade erst anderthalb zurückgelegt.«
Nietzsche jedoch hat Durst. Er klettert zur Steina hinab und setzt sich auf einen Rundling im Wasser. Da ihm sein Magen, sein arg empfindlicher, geradezu provokativ reizbarer Magen keine warnenden Botschaften übermittelt, riskiert er es zu trinken. Er trinkt und trinkt, macht sich förmlich besoffen, und zu guter Letzt steckt er sogar den Kopf ins Wasser, was zur Folge hat, daß seine zuvor zackige Frisur in sich zusammenfällt und strähnig wird. Für einen Moment, kaum bestimmbar, schließt er die Augen. Er sieht sein Baseler Domizil, die geschäftige Schwester Elisabeth, die gekommen ist, ihm den Haushalt zu führen, und die ihm schon nach anderthalb Tagen fürchterlich auf den Wecker geht. Er sieht, mit geschlossenen Augen noch immer, seine Studenten, acht an der Zahl; einer schnarcht, zwei dösen, ein vierter im Hintergrund bohrt versonnen in der Nase, und die restlichen sind gar nicht erschienen. So haben sich seine Lehrveranstaltungen immer mehr zu einem dumpfen Mühsal ausgewachsen, schon länger hält man ihn nicht mehr für ein Nachwuchsgenie, sondern für einen verschrobenen Jungdeutschen, der schneller alt wird als er denken kann und auf bemerkenswerte Weise sein Talent verschleudert. – Hat er überhaupt Talent?
Natürlich ist da auch seine Krankheit, diese nicht nachlassende, quälend einseitige Übelkeit, der er eins ums andere Mal erliegt; wie zum Spaß. Er kotzt auf offener Straße, der Herr Professor Nietzsche, und die Baseler Pfahlbürger wenden sich mit Grausen. Manchmal sieht er die Sonne, ein Glutrad am Himmel, das sich dreht, bis es zu einem Heiligenschein geworden ist, der ihm auf den Schädel fällt und seine Gedanken mäht. Oder ist es eine Dornenkrone. Manchmal meint er, krank vom Licht und fast schon erledigt, seinen Tod zu spüren, der ihn zuvorkommend behandelt; arg freundlich halt, ein Spiel der Gunst und – ein Grund für die Ruhe.
»Auf geht’s«, sagte Pommerenke. »Weiter. Er sitzt jetzt schon geschlagene acht Stunden auf seinem Stein.«
»Er hat dort gerade erst Platz genommen«, erklärte ich würdevoll. »Und es ist nicht sein Stein, sondern er gehört zum Territorium der Gemeinde Stühlingen. Oder Löffingen. Vielleicht auch schon Eggingen. Und überhaupt: Sind Sie nie in Gedanken? Gedankenverloren, meine ich.«
Pommerenke hielt sein Whiskyglas umklammert; er schielte nach der schmalhüftigen Bedienung. Sein Gesicht war fahl; der ganze Mann hatte etwas Ungesundes an sich. Wahrscheinlich fraß er morgens ein selbstgestampftes Müsli und trank dann den ganzen Tag Whisky. So was muß in die Birne gehen; ich kenne diese Brüder. Sie machen nicht nur Mist, sondern produzieren auch ihren eigenen Streß; der erste Schicksalsschlag aber haut sie um. Wie soll man da sein Leben hinkriegen. In den Griff bekommen. Meistern.
Nachdem Pommerenke mit einem neuen Whisky versorgt worden war, sah er mich an. Nicht direkt, sondern mehr seitlich; ich meine, er schaute an mir vorbei, aber er sprach mit mir, da gab es keinen Zweifel. »Sagen Sie mal«, nuschelte er.
»Ja. Bitte.«
»Was haben Sie eigentlich vorher gemacht?«
»Sie meinen: in meinem früheren Leben?«
»Ich meine: Was haben Sie gemacht, bevor Sie auf die Idee kamen, mir einen Film vorzuschlagen.«
»Eine Serie«, sagte ich. »Was ich Ihnen, ganz zu Ihrem Besten, vorschlage, ist eine Serie. Eine Fernsehserie, wenn Sie verstehen, was ich meine. Natürlich gibt es auch noch andere Produzenten. Die nämlich sterben nicht aus; sie vermehren sich vielmehr wie die Karnickel. Und mein früheres Leben« – ich erlaubte mir ein sehr feines Lächeln – »mein früheres Leben: Da war ich Professor, war krank und gesund – und hatte nie mehr als acht Studenten.«
»Also gut«, sagte Pommerenke. »Sie kommen mir entgegen. Nietzsche ist wieder aufgestanden; er hat sich die nassen strähnigen Haare zurückgestrichen, und er geht nun offenen Auges und mit stark beschleunigtem Schritt, weiter. Immer weiter.«
Nein. Natürlich geht er weiter, aber besonders schnell ist er nicht. Von Beschleunigung kann keine Rede sein. Warum auch; gleicht das Leben doch einem Kreisgang, und wer am Ziel ankommt, hat damit zugleich seinen Ausgangspunkt wieder erreicht. Diese Einsicht stammt übrigens nicht von Nietzsche, sondern ist von mir. Ich bin ein nachdenklicher, um nicht zu sagen: vergrübelter Mensch. Ein- oder zweimal im Jahr springt mich ein Aphorismus an; den müssen wir dann nehmen, wie er kommt. Nietzsche scheint ein wenig außer Atem zu sein, was daran liegen muß, daß er Konditionsprobleme hat. Als Professor betätigt er sich normalerweise im Sitzen oder an ein Pult gelümmelt, und zum großen Spaziergänger und Wanderer wird er erst später, wenn ihn steile, zum Teil schneebedeckte Berge umgeben und er an Abhängen hockt wie ein verfilzter Adler und im feinen Dunst ein Farbenmeer sieht, das, losgelöst vom scharfen Licht, nur noch das Nötigste, das Wahre verrät.
Der Weg führt nun fast stetig bergauf. Am Waldboden ragen vereinzelte Wurzeln auf; einmal ist Nietzsche schon gestolpert, aber bevor er fiel, hat er sich noch gefangen, elegant sah das aus, wie die Auftaktbewegung eines Eintänzers, der doppelten Dienst abzuschieben hat. Plötzlich sind Schritte zu hören, ein schwerfälliges Tapsen. Äste knacken, ein Vogel zetert zur gefälligen Warnung. Ob es im südlichen Schwarzwald noch Bären gibt, denkt Nietzsche. Es ist ja immerhin erst 1875, und außerdem lehrt er Klassische Philologie und nicht Zoologie oder Biologie oder ein anderes dieser neu aufgekommenen, sehr naturbelassenen und realistischen Fächer. Von oben herab aber stapft nur ein Förster, der nicht mal grüßt, als Nietzsche respektvoll zur Seite tritt, um diese uniformierte, für die Kontrolle der Wälder verantwortliche Amtsperson an sich vorbeizulassen. Der Mann stürmt abwärts; vielleicht hat er gerade seinen Dienst quittiert und will nun zügig mit einer Umschulung beginnen. Im Jahre 1874 nämlich erfaßte eine erste Rationalisierungswelle das deutsche Waldhütergewerbe, auch darüber liegen uns Statistiken vor, und nicht wenige Förster sahen sich damals gezwungen, andere Berufe zu ergreifen.
»Guter Mann«, sagte Pommerenke. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah irgendwie verzweifelt aus. Oder ihm war übel vom Whisky, schließlich nimmt man nicht ungestraft schwere Getränke am frühen Spätvormittag zu sich. »Guter Mann«, sagte Pommerenke. »Machen Sie ein Ende, ich bitte Sie.«
»Ich hab’ doch gerade erst angefangen«, sagte ich. »Sie werden sehen, die Geschichte, die ja jetzt schon sehr spannend ist, entwickelt noch einen regelrechten Sog. Sie weitet sich zum Krimi aus, zur wilden Romanze, zu einem Abenteuer des Herzens. Eine Liebesgeschichte wird erzählt -«
»Eine Liebesgeschichte? Wie das«, fragte Pommerenke ungläubig.
»Das werden Sie noch merken«, sagte ich. »Wir könnten schon viel weiter sein, wenn Sie mich nicht andauernd unterbrechen würden.«
Nachdem Nietzsche ein, wie er glaubt, beträchtliches Stück Weg zurückgelegt hat, läßt seine Laune nach, und er wird muffiger. Vielleicht hätte ich doch mit der Kutsche fahren sollen, denkt er. Schließlich bin ich als Kurgast gekommen, als still leidender Mensch – und nicht als robuster Wanderer. Ein Gefahrenmoment der Neuzeit, der anzugehören wir die Ungunst haben, besteht darin, daß die Leute sich übernehmen. Man mutet sich, nicht nur rein körperlich, zuviel zu; das Leiden, das daraus erwächst, schwächt die Gedanken, die doch an sich tollwütig werden möchten. Auf dem Papier wollen sie zur tollen Wut geraten, auf dem Papier!, denn da geht es wilder zu und gleichzeitig gesitteter als im sogenannten wirklichen Leben.
»Denkt Nietzsche«, sagte ich. »Damals schon. Das muß man sich vorstellen.«
»Jaja«, sagte Pommerenke und gähnte. »Damals. Der Nietzsche.«
Hinter einer Biegung hat die Steigung ein Ende. Der Weg führt über eine Kuppe, auf der die Bäume, seltsam gerupfte, fast krank aussehende Stämme mit halbglatzenhaften Kronen, im Kreise stehen. Ein Totenvogel, er will nicht genannt werden, schnarrt im Gebüsch. Nietzsche, der eben noch ganz komfortabel geschwitzt hat, wird es kalt. Der Ort kommt ihm wie eine verfehlte Kultstätte vor; auf dem Boden sieht man noch Feuerspuren, kalte Asche, wer ist hier wohl zuletzt und warum verbrannt worden. Von der Kuppe schlängelt sich der Weg in Kehren zurück zur Steina. Noch immer ist nichts zu sehen von Steinabad. Warum muß er, Nietzsche, sich auch so ein abgelegenes Kurbad aussuchen. So geht er und geht, und die Füße tun ihm weh, und es wird immer später. Der Pfad, inzwischen wieder zum Weg geworden, hat jetzt den Wald verlassen. Nietzsche überquert eine Landstraße. Niemand zu sehen. Hoch oben in der dunkler werdenden Luft läßt sich ein Raubvogel treiben. Er stürzt nicht herab, er wartet auf Beute. Linker Hand, etwas versetzt, erhebt sich die bereits erwähnte Burg, ein uraltes Gemäuer, das er vielleicht später mal, wenn er längst angekommen ist und sich an alles gewöhnt hat, wieder aufsuchen will. Nietzsche nämlich mag Trümmer; ein Umstand, den seine bisherigen Biographen nie recht gewürdigt haben. Er klettert gerne in Ruinen herum, drückt sich an verkrachten Mauern entlang und wird ganz narrisch, wenn von oben etwas herunterkracht, das ihn um Haaresbreite verfehlt. Es ist schön, im Mündungsfeuer zu stehen.
»Sie müssen schon genauer hinsehen«, sagte Pommerenke.
»Wieso«, fragte ich.
»Weil man doch ganz deutlich sieht, daß hinter dem nächsten Waldstück Häuser liegen. Eine Ortschaft. Das muß Steinabad sein, es ist nicht mehr weit.«
Für einen Moment war ich tatsächlich verwirrt. Wieso wußte Pommerenke, dieser zwielichtige Geselle mit dem nervösen Zucken im Gesicht, wieso wußte er, wo Steinabad lag? Er kannte die Gegend doch gar nicht – und meine Geschichte, die kannte er noch viel weniger. Oder etwa doch?
»Manchmal«, sagte Pommerenke, » muß man ein lästiges Verfahren abkürzen können. Der schnelle Schnitt ist gefragt.«
»Also gut«, sagte ich. »Nietzsche marschiert in Steinabad ein.«
Erst aber liegt noch das letzte Stück Weg vor ihm, zumindest für heute. Das zieht sich noch mal, ein Anstieg in Maßen, sanft zwar, aber eben langgezogen. Die Steina ist wieder herangerückt, die Wälder werden lichter. Im hochgezogenen Krüppelholz lärmen Vögel, und am Himmel, der jetzt wie ein freigeschlagenes Damenzelt aussieht, ziehen schwärzliche Sackwolken auf. Grummelt es nicht schon in der Ferne, der er entkommen ist; ein Gewitter wohl, das da heranziehen muß. Notwendigerweise – nach der Hitze dieses einen, letztlich doch sehr gedehnt geratenen Tages. Nietzsche verläßt den Wald, zur Linken erstrecken sich Wiesenabhänge, auf denen weißbraune Kühe grasen. Vor ihm liegt eine Brücke, ein holzbohlenbewehrter Übergang. Unten, auf dem Wasser der Steina, schwimmen Enten in breiter Familienformation. Dahinter – das muß Steinabad sein. Allerdings: So popelig hat er es sich nicht vorgestellt. Vier oder fünf Häuser von unterschiedlicher Größe, dazwischen Spazierwege und eine Art Park, arg kleingeraten, aber immerhin süddeutsch gepflegt. Es ist ruhig, erstaunlich ruhig; man könnte sagen: verschärfte Mittagsschlafatmosphäre. Kein Schwein da, das den Herrn Professor empfangen möchte. Es scheint sein vorläufiges Schicksal zu sein: Noch wird er nicht zur Kenntnis genommen.
Später allerdings schreibt Nietzsche noch aus Steinabad: »Ich schweifte in unglaublich schönen Forsten und verborgenen Tälern und spann an allem Hoffnungsvollen der Zukunft herum… Und dann: Ein Blick des Glücks … Mein Gott, wofür nur hab’ ich mich aufgespart.“
„Und das“, sagte ich zu Pommerenke, „gilt ja für uns alle. Immer sparen wir uns für etwas auf, dabei will uns kein Schwein haben.“
Er stieß einen seltsamen Laut aus, so als hätte er mit einem einzigen mißglückten Atemzug alle Schadstoffe dieser Welt inhaliert und drohte nun zu zerplatzen. „Schade daß ich schon gehen muß“, krächzte er. „Hat mich gefreut, Herr Nietzsche.“ Ich hatte danach übrigens noch mal mit Nietzsche zu tun; davon später. Den entbehrlichen Pommerenke aber habe ich nicht mehr wiedergesehen. Friede seiner Asche.
Dann passierte es: Ich sah sie. Eine Frau schwebte ins überteuerte Café Bronsky ein. Sie war die Liebe meines Lebens. Als sie an meinem Tisch vorbeiging, sah ich, daß sie nicht nur schön, sondern auch nicht mehr ganz jung war. Das paßte aber, denn ich hatte mich ja schon vor meiner Geburt etwas ältlich gefühlt. Ich verließ das überteuerte Café Bronsky mit federndem Schritt. Mann, war ich gewachsen in letzter Zeit. Sie schaute mir nach. Ein Blick des Glücks. Als ich mich draußen an den Frontscheiben des Cafés entlang drückte, um mir ein Bild von ihr zu machen, das sich einprägen konnte, war sie verschwunden. Ich sah nur noch betagte, mit Klunkern behängte Mitbürgerinnen, die Kuchen mampften. Da wußte ich, es wurde eng.

Auszug aus dem Romanmanuskript »Jahressommer«

Otto A. Böhmer

erstellt am 21.12.2010