Monatelang grübelte der Philosoph Bonaventura über das Wesen der Engel nach. Otto A. Böhmer erzählt, wie sich Bonaventura ausgerechnet beim Angeln der Lösung seines Problems nähern konnte.

Holzwege

Die Wahrheit liegt im Himmel

Der Philosoph Bonaventura

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Johannes Fidanza, genannt Bonaventura, der mit schweren Gedanken einherging, war auf den Landsitz der reichen Brüder Christian und Vincent Perceval eingeladen worden. Dort, auf der Domaine Les Belles Dames, hoffte er, einem Problem näherzukommen, das ihn seit Wochen, ja Monaten schon beschäftigte. Er hatte über das Wesen der Engel nachgedacht und war dabei zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, dass die Engel als Himmelslichter aufgefasst werden konnten, die für Bewegung sorgten am Firmament und zugleich in die Welt der Menschen hineinwirkten. Wie dieser Zusammenhang aber nun genauer vorzustellen war, das hatte er sich noch nicht klarmachen können, und er ärgerte sich darüber. „Ihr seht, mit Verlaub, etwas brummig aus, verehrter Meister“, sagte Vincent Perceval, der jüngere der beiden Brüder. „Die Welt ist schön“, entgegnete Bonaventura mit säuerlicher Miene. „Aber mir ist nicht nach Zustimmung und Jubel zumute.“ „Aber, aber“, sagte Christian Perceval, der seinem Bruder nicht nur an Jahren, sondern auch an Leibesumfang voraus war, „ein Mann Gottes wie Ihr, ein großer Denker und ein Philosoph vor dem Herrn; darf ein solcher Mensch denn schlechte Laune haben – so wie die anderen Sterblichen auch?“ „Er darf“, beschied ihn der Philosoph. „Vielleicht solltet Ihr mit mir zum Angeln kommen“, sagte Vincent Perceval. „Das beruhigt ungemein und bringt mich immer wieder auf gute Gedanken.“ „Ach“, meinte sein Bruder. „Hattest du je gute Gedanken? Es ist uns nie aufgefallen.“ „Ich möchte zunächst noch einen Spaziergang machen“, erklärte Bonaventura. „Aber es könnte sein, dass ich Euch später Gesellschaft leiste.“ „Ihr wisst ja, wo unser Fischteich liegt“, rief Vincent Perceval ihm nach. „Am Rande des Waldes, in einer kleinen Senke, die der Gott abgelauschten Beschaulichkeit dient.“ „In der Ihr seine Kreaturen zu Tode bringt“, sagte der Philosoph. „Lasst die Fische im Wasser. Wer hat Euch Befehl gegeben, sie aus dem Nass zu ziehen und aufs Land zu werfen?“ „Ich verstehe ihn nicht“, sagte der jüngere Perceval zu seinem Bruder. „Was hat er denn? Für sein Lebtag isst er doch gern Fisch und trinkt dazu unsere köstliche Appellation Sancerre Controlée.“ Bonaventura ging an Feldern und Hecken vorbei; er hielt den Kopf gesenkt und achtete nicht auf den Weg. Über ihm, hoch in der Luft, kreiste ein Bussardpaar und schien ihn nicht aus den Augen lassen zu wollen. Die Engel sind sowohl Lichter als auch Spiegel, dachte er. So weit, so gut. Aber was dann? Genügt es zu sagen, dass die Engel Kräfte haben, mit denen sie die Bewegungen der Himmelskörper regeln und das Geschehen in der niederen Welt beeinflussen? Nein, es genügt nicht. Denn wenn zugleich feststeht, dass die Ursache ranghöher ist als die Wirkung und das Lebendige und Beseelte entsteht unter dem Einfluss der Himmelskörper, dann gilt dies notwendig auch für die Seele. Wenn also das Beseelte ranghöher ist als das Unbeseelte, dann muss es eine ganz andere Ursache haben als jene Körper.

In diesem Augenblick spürte er einen derben Schlag, der ihn am Kopf traf und von dort wie ein Sprühgewitter in die Glieder fuhr. Für einen Moment war ihm schwarz vor Augen, und es kam ihm so vor, als hörte er die Engel singen. Sie sind schadenfroh, dachte er und öffnete vorsichtig die Augen. Er war gegen einen Baum gelaufen, der ihm nun so unverrückbar-mürrisch gegenüberstand, wie er ihn angerempelt hatte. Dem Philosophen brummte der Schädel. „Wer wie ein geprügelter Hund zu Boden schaut, kann die Wahrheit nicht sehen“, murmelte er. „Die nämlich liegt im Himmel, in dem die Engel sind und die Lichtstrahlen herab- und die Geistseelen hinaufbringen, auf dass sie Erleuchtungen empfangen. Und wer, frage ich, erleuchtet mich?“ – Er ging weiter und kam auf leicht abschüssiger Wegstrecke an den Fischteich der Percevals. Vincent saß am Ufer und war gerade dabei, einen Wurm auf den Haken seiner Angel zu spießen. „Ihr seid ein Unmensch!“ rief Bonaventura. „Auch ein Wurm ist ein Geschöpf Gottes.“ „Ich weiß“, flüsterte Perceval. „Der Herr hat ihn geschaffen, als Köder zu dienen. – Und Ihr, werter Meister, mäßigt Euch in der Stimme. Das Angeln nämlich gedeiht nur in der Stille.“ „Ich werde Euch beweisen, dass Ihr kein Tier töten müsst, um ein anderes zu fangen“, sagte der Philosoph. „Und wie, bitte, sollte das wohl möglich sein?“ fragte Perceval. „Ihr gebt mir die zweite Angel, die Ihr mitgebracht habt“, sagte Bonaventura, „und ich werde, ohne einen Wurm am Haken zu haben, eher einen Fisch aus dem Wasser ziehen als Ihr, der Ihr glaubt, auf den fleischlichen Köder nicht verzichten zu können.“ „Das ist vollkommen unmöglich“, lachte Perceval. „Aber es sei. Für einen Spaß bin ich immer zu haben. Und wenn Ihr tatsächlich gewinnt, was nicht sein kann, dann will ich fürderhin nur noch die Fische fangen, die ohnehin schon mit ihrem Leben abgeschlossen haben.“ „Gut“, sagte Bonaventura lächelnd. „Die Wette gilt.“ Sie warfen die Angeln aus und warteten. Es war still über dem Wasser; der Teich lag vor ihnen wie ein zur Schwärze erstarrtes Auge. Der Philosoph war sich seiner Sache sicher; er wusste auch, dass er der Lösung seines Problems nahegekommen war. Die Engel standen bereit; sie würden seine sehr ruhige Hand führen und zur gleichen Zeit ihren Amtsgeschäften am Himmel nachgehen; das war die allgewaltige göttliche Widerstandskraft, die sich zur Ordnung rief und wie ein längst einsichtiges Geheimnis am Leben erhielt. In diesem Moment spürte er einen Ruck an seiner Angel. Er zog und hievte eine kräftige Forelle an Land. Perceval starrte ihn an. „Das darf doch nicht wahr sein“, krächzte er. „Doch, mein Freund, es ist wahr“, sagte Bonaventura und warf den Fisch wieder ins Wasser. „Und merkt Euch: Im Hinblick auf die Urbildlichkeit ist der Wesensgrund eines Engels nicht ranghöher als der eines Wurms. Jedes Erschaffene bleibt ein Schatten im Verhältnis zu seinem Schöpfer.“

HOLZWEGE

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erstellt am 04.8.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Bonaventura. Gemälde von Claude François, ca. 1655
Bonaventura. Gemälde von Claude François, ca. 1655. National Gallery of Canada