Lovis Corinth (1858–1925): Walchensee-Panorama, Blick von der Kanzel, 1924
Lovis Corinth (1858–1925): Walchensee-Panorama, Blick von der Kanzel, 1924. Öl auf Leinwand, 100 x 200 cm. Wallraf-Richartz-Museum, Köln
reportage

Bei den „Corinthern“ am Walchensee

Im oberbayerischen Urfeld, wo der Maler Lovis Corinth ein Ferienhaus hatte, fand er zu seinem Altersstil. Vom See konnte er nicht lassen, die Bilder machten ihn zu einem wohlhabenden Mann

Von Johannes Winter

Ein letztes Ruderboot machte am Steg fest. Auf der Terrasse kehrte Ruhe ein. Der See schimmerte türkis, lag still, als atmete er kaum. Schlieren aus gelbem Blütenstaub färbten die Bucht, ein Entenpaar nippte vom schwimmenden Nektar. Weit draußen leuchtete ein einsames Segel, wie eine weiße Feder stand es im Wasser, das sich weitete und dehnte bis an ferne Ufer, wo schwarze Wälder den Blick aufhielten. Hoch oben blieb er am Gebirge hängen. In den Himmel ragten Karwendel und Wetterstein.

Ich saß in einem Weiler namens Urfeld und schaute und staunte, ringsum öffnete sich ein Alpen-Panorama, dass es einem den Atem verschlug. Stoff für Postkarten. Das Wirtshaus am Steg quoll davon über. Außer Fotos aus dem Bilderbuch Oberbayerns hielt es auch Ansichten vom Walchensee feil, die ein Maler geschaffen hatte.

Alles hatte mit einer Geburtstagsfeier begonnen. Das „Hotel Fischer am See“ richtete sie aus. Für Lovis Corinth, den prominenten Vertreter der Berliner Sezession, zu seinem Sechzigsten, mit Seibling (auch Saibling) aus dem See und Torten, mit Erdbeerbowle und viel Champagner. Das war im Sommer 1918, gegen Ende des 1. Weltkrieges, wie Charlotte Berend-Corinth sich erinnert, Corinths Ehefrau und sein ´Schutzgeist`, selbst eine gediegene Malerin, die ihm in Urfeld für das Honorar eines einzigen seiner Gemälde ein Ferienhaus errichten ließ.

Fortan wurde Haus Petermann, wie die Bleibe im Familienkreis hieß, zur Zuflucht des Malers, wenn ihm das umtriebige Berlin über den Kopf wuchs. Die Revolution Ende 1918, als der Kaiser abdankte, hatte den Maler in tiefe Depressionen gestürzt. Nach der Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg und dem Ende der Monarchie geriet Corinth, der sich als „Preuße und kaisertreuer Deutscher“ verstand, in eine Lebenskrise. Er trauerte dem alten Berlin nach, das für ihn untergegangen war. In Urfeld am See fand er Boden unter den Füßen, eine zweite Heimat. Der Walchensee wurde ihm zum Gegenbild der Metropole.

Keine Mühe scheute er, reiste an mit dem Zug, ob bei Hitze oder Schnee, begleitet von Charlotte und den Kindern Thomas und Wilhelmine. Von München in die Berge fuhr ein Bummelzug, ab Kochel nahm man die Kutsche oder den Schlitten. Oder das Postauto, das über den Kesselberg die alte Handelsstraße hinauf- und hinunterkeuchte, die seit ewigen Zeiten Bayern mit Tirol verbindet. Einmal leistete sich Corinth, dessen Bilder inzwischen Höchstpreise erzielten, eine Luxusreise durch die Luft. Mit dem Zeppelin fuhr er von Berlin via Bodensee nach München.

Rund dreißig Serpentinen waren zu überwinden, durch den Wald von Kochel hinauf zum Kesselberg und hinab zum Walchensee. Eine bei Motorbikern beliebte Strecke, kaum eine Kurve, die nicht mit einem Holzkreuz versehen war, wenigstens am Wochenende aber stand die Ampel für Raser auf Rot.

Ich war am See angelangt, in 800 Metern Höhe, das Weißbier ließ nicht lange auf sich warten, und die Kellnerin bestand darauf, dies hier sei ein Bergsee, mit heilsamer Wirkung auf den Tourismus. Sanft sei der und komme ohne Motorboote aus. Angesagt seien Tauchen und Angeln, Rudern und Segeln, Radeln und Wandern. Malen ohnehin.

Meinem Schlaf war die milde Mischung jedenfalls bekömmlich. Die Sonne kletterte über den Jochberg, als ich mich auf den Weg machte, das Ufer entlang zur Jachenau. Ob es zu einer See-Umrundung reichte? Wo die Straße eine Brücke überquerte, öffnete sich ein Schlund, als ob der Jochberg den See verschlucken würde. Mit Hund Sammy war Marie-Luise Brackhofer, meine Wirtin, auf ihrem Morgenspaziergang.

Sie kam wie gerufen, für ein kurzes Kolleg über die Wasserkraft des Walchensees in seiner Eigenschaft als Speicher war immer Zeit. Dass dieser 200 Meter höher liegt als sein Nachbar tief unten, der Kochelsee, an dessen Ufer sie geboren wurde, machte den energiespendenden Unterschied aus. Von hier oben strömte die Flut durch den Kesselberg und stürzte jenseits durch sechs riesige Röhren hinab ins Kraftwerk – das Gefälle war es, das Strom erzeugte. Natürlich gewonnene Energie, alles schön und gut, meinte die Brackhoferin, nur sank ihr der Pegel vom Walchensee zu stark, weil dieser Nimmersatt von Stromfirma nicht genug bekommen könne. Ein Blick auf das ausgedörrte Weiß der steinigen Uferböschung unter der einst hoch gelegenen Wasserlinie, wo in anderen Zeiten der Saum des Sees war – und ich hatte den trockenen Beweis. Nun ja, zur Pfütze würde ihr See schon nicht werden.

Gebaut wurde das Kraftwerk in den Jahren, fügte die Brackhoferin an, als ein berühmter Maler namens Corinth hier Ferien machte. Doch darüber später mehr, der Hund forderte Zuwendung. Von der nächsten Bucht aus, gab sie mir mit auf den Weg, könne ich Corinths Haus sehen. Wie verwunschen liege es oben im Wald.

Am Nachmittag begegneten wir uns wieder, diesmal am Gedenkstein für eine junge Selbstmörderin, Tochter einer Kölner Schokoladen-Dynastie, welche in den dreißiger Jahren aus Liebeskummer in den See ging – und so zum düsteren Ruf des Gewässers beitrug. Aber zurück zum Maler, besser, zum Blick zurück auf sein Baum umstandenes Anwesen. Zu der Zeit, als die Familie in Urfeld Einzug hielt, sei das noch anders gewesen, erinnerte sich Marie-Luise Brackhofer.

Der Künstler habe nämlich seiner Frau zur Bedingung gestellt, sie müsse ihm freie Sicht auf den See garantieren. Nichts durfte den Blick verschandeln, kein Nachbar – ob Baum, ob Haus – zum Störenfried seiner Freiluftmalerei werden. Also sei das Grundstück gerodet worden, Charlotte Berend-Corinth habe sogar Land hinzugekauft, alles nach seinem Gusto. Und es kam, wie es kommen musste. Mehr als sechzig Mal hat Corinth den See und seine Landschaft gemalt, unermüdlich, wie im Rausch, zu jeder Tages- und Nachtzeit, im Winter wie im Sommer, meist ohne Menschen, einmal mit einer Kuh. Es wurde sein See. Und er zum „Spezialisten für diesen schönen Winkel“. Die Berliner, berichtet der Maler in seiner Autobiographie, hätten ihm die Walchensee-Bilder von der Staffelei gerissen. Das Gewässer machte ihn zu einem wohlhabenden Mann.

Auf einem der Gemälde – „Walchensee. Serpentine“ – war auch das Gebäude zu sehen, in dem Marie-Luise Brackhofer viele Jahre gewohnt und gearbeitet hatte. Als Postkarte hatte sie das Bild verwahrt. Es zeigte die letzte Kurve der Landstraße, wie sie ins Dorf mündet, und in ihrer Krümmung das „Hotel Post und Jäger am See“, in dem einst die Briefstelle untergebracht war. Und in das sie als junge Frau einheiratete. Im Dorf erzählte man noch heute die Geschichte vom Geburtstagsfest des Malers, als das Postamt unter der Flut der Glückwunsch-Telegramme schier ertrunken sei.

Neben der letzten Kurve schlängelte sich ein Pfad den Wald hinauf. Weiter oben berührte er die vorletzte Serpentine. Ihre Biegung umrundete ein Plateau mit Blick auf den See – vielleicht war dies der Platz, an dem Corinth seine Staffelei aufbaute, um das Bild „Walchensee. Serpentine“ zu malen? Einen Hinweis auf den Künstler fand ich nicht, stattdessen ragte aus einem niedrig gemauerten Halbkreis ein steinerner Pfeiler ins Geäst.

Die Büste obenauf stellte unverkennbar den Weimarer Dichterfürsten dar. In seiner „Italienischen Reise“ erzählt Goethe, wie er, in der Postkutsche sitzend, auf der Straße zum Walchensee ein „artiges Abenteuer“ erlebt habe. Ein Harfenspieler sei da gewandert, mit seiner Tochter, die Goethes Gunst auf sich zog. Die Literaturgeschichte kann davon dies Lied singen: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.“ Goethe soll das junge Mädchen, das er in seiner Kutsche ein Stück des Weges mitnahm, für die Figur der Mignon verwendet haben. Im „Wilhelm Meister“ taucht sie auf, ein Urbild der Lolita – und verschwindet wieder.

Eine ganz andere Geschichte erzählte man sich von der Einweihung des Denkmals. Im Walchensee-Museum bekam ich sie zu hören, in dem früher das „Hotel Post und Jäger am See“ untergebracht war. Als Hausherr trat Friedhelm Oriwol auf, und er wartete sehnlichst auf Besucher, bot eine Führung an durch die Welt seiner Sammelleidenschaft – eine unübersehbare Zahl von Objekten, darunter Stiche, Gemälde, Postkarten, Briefe, Fotos, alles vom See. Aber auch ein Paar Holzskier, das der Maler Franz Marc einst unter die Füße geschnallt habe, Marc, dem unten in Kochel ein Museum eingerichtet ist. Und Corinth? Irgendwo in Oriwols Reich hingen einige Farblithos, Graphiken und Radierungen des Malers.

Mein Eindruck: die Leidenschaft Oriwols, der in München erfolgreich in Immobilien machte, galt Krimskrams, Kunst und Kitsch, er schöpfte ab und angelte sich, was irgendwie mit dem Walchensee zu tun hatte. Was aber Goethes Büste oben in der Kurve angehe, so glaubte er, das Denkmal sei wohl ein frühes Produkt der Nazizeit.

Der Himmel prangte in den bayerischen Farben, eine kleine Runde hatte sich auf der Terrasse um den Stifter des Walchensee-Museums versammelt. Aus München war ein Freund des Hauses angereist, der als Kind die Schulferien am See verbracht hatte, Richard von Schirach, der jüngste Sohn von Baldur von Schirach, Hitlers Reichsjugendführer. Er komme gern zu Besuch, sagte er. Hier in Urfeld hatte sich sein Vater in den Dreißigern ein Landhaus errichten lassen, ein Gebäude am Hang, heute so zugewachsen wie das Corinth-Haus nebenan, es bedürfe nur einer Drehung des Kopfes. Er selbst, bedauerte von Schirach, sei Anfang der Fünfziger zum letzten Mal drin gewesen.

Aber er wusste noch gut, wie die Nazi-Herrschaft am See zu Ende gegangen war, in den Apriltagen 1945, als die Ferienhäuser und Hotels in Urfeld zu Schlupfwinkeln nicht nur des Atomphysikers Werner Heisenberg wurden, sondern auch des Schirach-Clans und anderer Nazi-Chargen. Dabei fehlen durfte nicht Colin Ross, enger Freund seines Vaters, Bestsellerautor und Höfling Hitlers, also erklärter Nationalsozialist, der es sich unter der schützenden Hand von Richards Mutter Henriette, der Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann, leisten konnte, erklärter Gegner des offiziellen Antisemitismus zu sein. Was Ross nicht daran gehindert habe, sich am Tag vor Hitlers Selbstmord Ende April ´45 gemeinsam mit seiner Frau im Schirach´schen Anwesen zu erschießen.

Einen Tag später sei eine amerikanische Vorhut am See eingetroffen, habe Professor Heisenberg sowie seinen Vater Baldur festgenommen und nicht gezögert, Colins legendäre Zinnsoldaten-Sammlung im See zu versenken. Eine dem Schirach-Sohn unvergessliche Episode, die er auf der Terrasse des Museums zum Besten gab.

Corinths Wirklichkeit holte mich ein. Ferdinand Oriwol bestätigte zwar die Geschichte von der durch Geburtstagswünsche überschwemmten Poststelle im früheren Hotel. Mit einem Walchensee-Bild aber konnte er in seiner Sammlung ebenso wenig aufwarten wie mit einem Selbstbildnis des Malers, dem zweiten großen Motiv, das Corinth am See nicht losgelassen hatte. Das Gesicht der Landschaft – und sein eigenes.

Über viele Jahre war es Corinth zur Gewohnheit geworden, sich zum Geburtstag selbst zu malen. Was ihn quälte, zwang er auf die Leinwand. So entstand auch das „Große Selbstporträt“, ein von Licht überflutetes Gemälde, auf dem er ein rot gestreiftes Hemd trägt, das ihm Charlotte geschenkt hatte. Wie besessen, erzählt sie in ihren Memoiren, habe er, schutzlos der prallen Sonne ausgesetzt, im Schweiße seines Angesichts vor dem Spiegel an seinem Werk gearbeitet, auf dem Vorplatz des Ferienhauses. Blickte in sein Gesicht und sah darin Missmut und Mühsal. Setzte alle Kraft daran, gegen die bedrückende Hinfälligkeit des Alters anzugehen.

Das Anwesen verließ er nur noch selten, mit seinen Füßen war es, wie sich Charlotte erinnert, „schlecht bestellt“. Den Weg auf den nahen Herzogstand, den höchsten Gipfel am See, überließ er Frau und Kindern.

Ich zog der Wanderung auf den Hausberg von Urfeld die Seilbahn vor. Stand in erhabener Höhe und blickte hinab, wo tief unten der stumpfe Spiegel des Sees wie aus Blei gegossen dalag, Gegenbild zum strahlenden Himmel, dem ich mich nah fühlte hier oben. Um die Bergtour mit Fleischpflanzerl und Weißbier zu krönen.

Corinth kannte die schwankende Gondel der Seilbahn noch nicht. Was er empfand, wenn er sich seinem geplagten Ich aussetzte, überließ er Pinsel und Farben: seine Gemälde als Seelenlandschaft aus Schwermut und Sorglosigkeit im Wandel der Jahre. Was er wollte, war, festzuhalten, wie es um ihn stand. Bis zu seinem letzten melancholischen Selbstporträt, das sein wahres, sein doppeltes Gesicht zeigt, wirklich und gespiegelt, dem Irdischen zugeneigt wie dem Vergänglichen. Es entstand nur wenige Wochen vor seinem Tod im Frühjahr 1925.

Ich nahm mir ein Boot, ruderte, um dem See, dem geliebten Objekt des Malers ganz nah zu sein. Auf der ewig changierenden Wasserfläche glitt es durch geheimnisvolle Strömungen ins Nirgendwo. Weit draußen, dem Ufer fern, der winzigen Insel Sassau nah, ließ ich die Ruder ruhen. Die Mär vom Riesenwaller, der sich seit Urzeiten tief im eiskalten Wasser um das Eiland schlinge, hatte mir Marie-Luise Brackhofer, die Wirtin, mitgegeben. Dort unten lauere der Fisch, den Schwanz ins Maul geklemmt, um ihn eines Tages loszulassen und wie eine Peitsche durch die Flut zu jagen. Auf dass München, dieses Sündenbabel, wenn es sich nicht rechtzeitig bekehre, von der gewaltigen Sintflut des Walchensees ausgelöscht werde – Sodom und Gomorrha auf bayerisch.

Für mich allein trieb der See sein ewiges Spiel mit Sonne und Wolken, mit Schatten und lauen Lüften, die sich in vielfältigen Mosaiken auf dem grünlich-blauen Wasser spiegelten. Bald schlief die sanfte Brise ein, der See wandelte sich zur makellosen Fläche, das Boot lag wie festgeklebt. Eine große Stille machte sich breit zwischen Herzogstand, Kesselberg und Jochberg, zwischen Felsen und Wäldern ringsum.

Unterm Kiel hatte ich 200 Meter bis zum Grund. Irgendwann kam Wind auf, kräuselte das Wasser, kleine Wellen schaukelten den Kahn. Wenn es vom Kesselberg her zu wehen beginne, hatte mich die Brackhoferin gewarnt, sei Gefahr im Verzuge. Fern läutete das Glöcklein der Urfelder Kapelle den Abend ein. Zeit zurückzukehren, dorthin, wo Lovis Corinth seine Leidenschaft für diese Landschaft auslebte, bis sie ihn in die Abstraktion trieb. See, Himmel und Gebirge – die Natur war sein Modell, sein Thema das Licht, in den Farben verlor er sich.

Und seine Herberge? In der Familie hieß sie „Blockhaus“ oder, berlinerisch, die „Klitsche“ oder „Haus Petermann“, so benannt nach Corinths Kosenamen für seine Frau. Charlotte Berend, zwanzig Jahre jünger als der Maler, dessen Schülerin sie gewesen war, hatte das Ferienhaus gestaltet, eine geräumige Villa, mit dunklem Holz be- und ausgeschlagen. Die Corinther, wie der Maler seine Familie zu benennen pflegte, genossen das Landleben, wie Aussteiger. Zum Hausstand gehörte Personal und eine stattliche Zahl von Tieren, Corinths besondere Zuneigung galt den Katzen Hinz und Kunz.

Keinen Spaß verstand er, was seine „Domäne“ als Maler betraf. Die Landschaft am See je zu malen, verbot Lovis seiner Charlotte. Sie soll, heißt es, sich ihm gefügt haben, der ehelichen Harmonie zuliebe. In den Worten von Tochter Wilhelmine: „Mutter litt unter seinem Egoismus“.

Und wie sich die Zeiten geändert hatten. Jochen Heisenberg öffnete, er empfing mich in dem, was einst Haus Petermann hieß. Dass von Corinths Werken im Haus nichts geblieben war, sah der Kaufvertrag vor, den Charlotte Berend von New York aus mit seinem Vater, dem Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg abgeschlossen hatte, Ende der dreißiger Jahre. Seitdem war das Anwesen im Besitz der vielköpfigen Familie.

Den Stil des Hauses hatte man bewahrt, er war dem ursprünglichen Zustand, verglichen mit den Bildern des Corinth´schen Fotoalbums aus den Urfelder Jahren, verblüffend nah. Der große Südbalkon unterm Giebel bot sich dar wie auch der Vorplatz mit dem Springbrunnen, als sei die Staffelei soeben erst abgeräumt worden.

Drinnen in der Bauernstube hatte der hölzerne Esstisch seinen Platz vor dem grün gekachelten Kamin behalten. Für einen vergnüglichen Abend, wie ihn die Corinther gern mit Kartenspiel oder Gesang verbrachten, konnte er noch immer dienen. In den holzgetäfelten Erker waren Stillleben von Charlotte Berend eingelassen, unter einem stand, mit frischen Rosen versehen, das Original der Vase, gleichsam aus dem Bild gefallen. Von Heisenbergs Schwester Barbara geleitet, warf ich einen Blick in die Schlafzimmer – Charlotte hatte für sich einen geräumigen Alkoven; Lovis´chen, wie sie ihn zärtlich nannte, schlief in der Stube nebenan. Doch wo kein Maler, da kein Atelier. Corinths früherer Arbeitsraum, wie könnte es im Ferienhaus einer großen Familie anders sein, war zu einem Schlafzimmer umgewidmet.

Ich stand auf dem Vorplatz, neben dem Brunnen, wo der älter gewordene Corinth seine Tage am See zu verbringen pflegte. Hier, in seinem oberbayerischen „Refugium“, arbeitete der Maler meist unter freiem Himmel, den See zu seinen Füßen. Genoss das späte Glück des bayerischen Exils. Ob „Landschaft am Walchensee“ oder „Neuschnee“ oder „Blick auf den Wetterstein“, zur Ausstattung fast aller Bilder gehörte ein einzelner Baum, eine mächtige Lärche, Corinths „Liebling“. Irgendwann, erzählte Jochen Heisenberg, habe der Blitz das Wahrzeichen vieler See-Stücke getroffen. Einen Solitär, der einen Nachfolger brauchte. Der riesige Lebensbaum, der jetzt die Sicht auf die Landschaft prägte, auch er wäre dem Maler nicht unrecht gewesen.

Kommentare


Eva Kaufmann - ( 12-08-2014 03:32:48 )
Sehr geehrter Herr Winter,
seit Kindertagen - als wir am Walchensee den Urlaub bei Tante und Onkel verbrachten - bin ich Walchensee-Fan. Ich führte später auch mann und Kinder hin, die Faszination war (und ist) immer noch da. Nirgends fühlte ich mich bisher dem Himmel (und den Tiefen!) näher. Ich bin "zufällig" auf Ihren Artikel gestoßen, habe noch nicht ganz den "Durchblick", wann er entstanden ist, und wer Sie sind. Was Sie bewegte sich dem Walchensee "so anders" zu begegnen, jedenfalls nicht als normaler Tourist. Viele Formulierungen sind walchenseegerecht sehr poetisch. Ich werde mich kundig machen, und Ihren Artikel sicher noch mehrmals lesen.
Mit freundlichen Grüßen, Eva Kaufmann

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erstellt am 03.8.2014

Es schien der perfekte Rückzugsort. Am Ufer des Walchensees kaufte sich der Maler Lovis Corinth 1919 ein Haus. Das entdeckte Johannes Winter auf seinen Wanderungen durch Bildmotive und andere Landschaften.

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Lovis Corinth (1858–1925): Walchensee im Schnee, 1924

Lovis Corinth (1858–1925): Walchensee im Schnee, 1924. Aquarell, 50 × 36 cm, Privatsammlung