Der Filmregisseur Max Ophüls gilt vielen außerhalb Österreichs als Wiener, obwohl er aus Saarbrücken stammte. Jetzt sind drei der schönsten Filme von Max Ophüls in einer DVD-Box erschienen. Die Filme erinnern an einen deutschen Regisseur, der wirklich zu den ganz Großen des Weltkinos gehört, meint Thomas Rothschild.

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Drei Mal Max Ophüls

Von Thomas Rothschild

Max Ophüls gilt vielen außerhalb Österreichs als Wiener. In Wien wusste man es besser. Es bedurfte keines Nationalsozialismus und keiner Deutschen, damit ihm 1926 vom damaligen Burgtheaterdirektor gekündigt wurde mit der Begründung, “das Publikum hätte nunmehr die Wahrnehmung gemacht, dass Ophüls Jude sei”, was in einer christlich-sozialen Republik nicht geduldet werden konnte.

Die Assoziation mit Wien geht zurück auf die Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Liebelei“ von 1932/33, mit der Ophüls der endgültige Durchbruch gelang, und setzte sich dann fort mit den Verfilmungen von Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ und Schnitzlers „Reigen“ sowie dem weniger bekannten, vom Südwestfunk produzierten Hörspiel nach Schnitzlers Erzählung „Frau Berta Garlan“. Gewiss gab es vieles, was Max Ophüls mit Zweig und mehr noch mit Schnitzler verband. Doch bei aller Geistesverwandtschaft darf nicht übersehen werden, dass Ophüls aus den Vorlagen jeweils Werke schuf, die seine unverwechselbare Handschrift tragen und diese wiederum mit vielen seiner Filme verbinden, die keineswegs auf Vorlagen österreichischer Autoren zurückgingen, wie „Von Mayerling bis Sarajewo“, ja nicht einmal österreichische Sujets hatten, wie etwa „Pläsier“ oder „Madame de…“ und auch „Lola Montez“.

In Wahrheit nämlich stammte Max Ophüls aus Saarbrücken, wo er 1902 geboren wurde, am 6. Mai. Es ist just der Tag, an dem neun Jahrzehnte später die einundneunzigjährige Marlene Dietrich verstarb. Max Ophüls hat zwar nie mit ihr einen Film gemacht, erscheint ihr aber in mancher Hinsicht verwandt. Eigentlich, so sollte man meinen, hätte es zu einer Zusammenarbeit kommen müssen, und tatsächlich war die Dietrich für den „Reigen“ im Gespräch, aber der Plan verwirklichte sich ebenso wenig wie ein Projekt aus dem Jahr 1949, bei dem die scheinbar verstummte Greta Garbo neben James Mason spielen sollte.

Die Aktualität von Max Ophüls erschließt sich nicht dem ersten Blick. Sie besteht in der hohen Kunst, die soziale Wirklichkeit zu poetisieren, ohne sie zu verklären; in der geduldigen Ernsthaftigkeit, mit der die Kamera Menschen beobachtet, ohne deshalb zu erstarren; in der ironischen Distanz, mit der das Medium sich selbst thematisiert und so einem trivialen Illusionismus vorbeugt. Meist in historischem Kostüm, demonstrieren Ophüls' Filme eine Haltung, die heute nicht weniger verbreitet zu sein scheint als zur Zeit, da er sie drehte: die Unfähigkeit von Menschen, insbesondere von Männern, andere wahrzunehmen, sich in sie hineinzuversetzen, der Mit-Menschlichkeit den Vorzug zu geben gegenüber sinnlos gewordenen Konventionen.

Für den Misserfolg des zweifachen Emigranten in den USA bietet der Ophüls-Biograph Helmut G. Asper folgende plausible Erklärung an: “Ein Blick auf die Filmemigranten in Hollywood lehrt, dass dort nur diejenigen erfolgreich sein konnten, die bereit waren, sich in Amerika zu integrieren und an amerikanische Mentalität, Sprache und Produktionsverhältnisse anzupassen. […] Ophüls konnte und wollte das nicht, er war zu sehr Europäer und blieb innerlich an Frankreich und auch an Deutschland gebunden, daheim sprach er im Gegensatz zu vielen anderen Exilanten stets deutsch.” Ophüls selbst schreibt in einem Brief von 1948 (!) an Wolfgang Liebeneiner: “Man darf eben nie vergessen, dass Amerika künstlerisch ein kindliches Gebiet ohne Tradition ist, und dass es augenblicklich in seiner überkommerzialisierten Epoche nur dem profitablen Industrieprodukt eine Chance bieten kann.” Augenblicklich! Was würde Ophüls heute sagen? Trotzdem äußert er sich 1955 in den „Cahiers du Cinéma“ deutlich positiver über Amerika und plant kurz vor seinem Tod, ernüchtert durch die Aufnahme in Deutschland und auch in Frankreich, das er als seine zweite Heimat betrachtete und liebte, eine Rückkehr nach Hollywood.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Max Ophüls keine Gelegenheit bekommen, in Deutschland einen Film zu drehen. Aber der Südwestfunk in Baden-Baden lud ihn 1954 ein, Goethes „Novelle“ für den Hörfunk zu bearbeiten, und zwei Jahre später das bereits erwähnte Hörspiel nach Schnitzlers „Frau Berta Garlan“ zu realisieren, das in voller Länge zweieinhalb Stunden dauert. (Welcher Sender würde es heute noch wagen, so etwas ins Programm zu nehmen?) Nach der Ausstrahlung der „Novelle“ sprach der Hörspielpionier Schwitzke verächtlich von einer “Doppelpunkt­dramatik”. Hört man sich heute Ophüls' Rundfunkarbeiten an, so verblüfft einerseits deren Modernität, anderseits die erkennbare Nähe zu den Filmen des Regisseurs. Was im „Reigen“ oder in „Lola Montez“ die Funktion von Kamera und “Erzählern” (dem Spielführer Adolf Wohlbrück, dem Ringmeister Peter Ustinov), das erfüllt im Hörspiel die Tendenz zu einer Verdoppelung des Erzählparts.

Jetzt hat Arthaus drei der schönsten Filme von Max Ophüls in einem Schuber zusammengefasst: den angenehm gruselig sentimentalen „Brief einer Unbekannten“ von 1948 mit einer bezaubernden Joan Fontaine, den Episodenfilm „Pläsier“ von 1952 nach Erzählungen von Guy de Maupassant und die frivole „Madame de…“ von 1953, beide mit Danielle Darrieux. In „Pläsier“ begegnet man Jean Gabin, Pierre Brasseur und Daniel Gélin, in „Madame de…“ Charles Boyer und Vittorio De Sica, allesamt Legenden der Schauspielkunst, an die sich die Älteren gerne erinnern werden und die die Jüngeren kennenlernen sollten, um Maßstäbe zurecht zu rücken. Zugleich erinnern die drei Filme an einen deutschen Regisseur, der wirklich zu den ganz Großen des Weltkinos gehört.

Max Ophüls' Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Liebelei“ (1932/33)

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erstellt am 01.8.2014

Max Ophüls (1902-1957)
Max Ophüls (1902-1957)

Max Ophüls
Brief einer Unbekannten / Pläsier / Madame de
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