Marcel Ophüls' Dokumentarfilm „Hôtel Terminus“ von 1988 ist eines der ganz großen Kunstwerke der Filmgeschichte. Darin geht es um Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, aber auch um das Fortleben des Nationalsozialismus nach 1945. Nun ist der Film auf DVD erschienen und Thomas Rothschild hat ihn sich angesehen.

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Vom Fortleben des Nationalsozialismus nach 1945

Von Thomas Rothschild

Wir haben hier kürzlich auf Marcel Ophüls' Dokumentarfilm „Das Haus nebenan“ („Le chagrin et la pitié“) hingewiesen. Jetzt ist auf DVD auch jener Film herausgekommen, für den Ophüls den Oscar erhalten hat. Nicht, dass das allzu viel zu bedeuten hätte. Aber im Bereich des Dokumentarfilms, dessen Prämierung ohnedies wenig Beachtung erfährt, kommen bei der Großveranstaltung in Los Angeles eher vernünftige Entscheidungen zustande als beim Spielfilm, wo andere Überlegungen ästhetische Kriterien an den Rand drängen. „Hôtel Terminus“ von 1988 ist tatsächlich eines der ganz großen Kunstwerke der Filmgeschichte. Es besteht größtenteils aus Interviews. Unsere alltägliche Erfahrung, vor allem mit dem Fernsehen, hat uns das Interview vergrault. Allzu oft wird es schematisch eingesetzt. Dämliche Fragen provozieren dämliche Antworten, der Erkenntniswert strebt gegen Null. Marcel Ophüls beweist, dass es nicht das Interview (wie übrigens auch die Großaufnahme) ist, was nicht taugt, sondern deren übliche Verwendung. Wer so fragt wie Ophüls, wer so viel aus seinen Gesprächspartnern herauszulocken vermag wie er, wer die Gespräche dann so intelligent gegen einander schneidet, erhebt das Interview in den Rang einer Kunstform. Und brillanter noch als in seinen vorangegangenen Filmen nützt Ophüls Musik und Lieder zur Ironisierung dessen, was da erzählt wird. Ironie als Offenbarung der Wahrheit hinter der Lüge: Ophüls ist darin der ungeschlagene Meister.

In „Hôtel Terminus“ geht es um Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, aber eben nicht nur um ihn. Die Qualität des mehr als vierstündigen Films liegt darin, dass am Beispiel eines der besonders widerwärtigen Kriegsverbrecher das Allgemeine des Nationalsozialismus sichtbar wird, in seinen vielfältigen Ausprägungen von der Kollaboration über die Denunziation bis zur Folter. Aber dieses Allgemeine endet nicht 1945. Es ist bekannt, dass Nazischergen nicht nur in Lateinamerika Asyl fanden und mit den dortigen Regierungen zusammenarbeiteten, sondern dass auch die US-Amerikaner prominente Nazis rekrutierten für den Kampf, der ihnen weit mehr am Herzen lag (und liegt) als der Kampf gegen den Nationalsozialismus: der Kampf gegen den Kommunismus und gegen einzelne Kommunisten. Das verbindet die Agenten der amerikanischen Geheimdienste mit dem ehemaligen Offizier der Waffen-SS, der bis heute auf seine Taten stolz ist: dass sie besten Gewissens davon überzeugt sind, die Welt vor dem Kommunismus gerettet zu haben. Dass diese Einstellung auf einen verbreiteten Konsens stößt, erklärt die Unterstützung Pinochets durch die USA ebenso wie die Tatsache, dass alte und neue Nazis in Westdeutschland oder Österreich seit 1945 sehr viel leichter in den Staatsdienst bis hinein in die Ministerien kamen als der Sympathie für die Kommunisten Verdächtige. Den Kapitalismus stellen sie nicht in Frage – und darauf, nur darauf kommt es an. Ophüls belegt diesen antikommunistischen und zugleich objektiv pronazistischen Affekt, der das Gerede von der Verteidigung der Demokratie ins Reich der Legenden verweist, in seinem Film am Beispiel Barbie und darüber hinaus in allerlei Verzweigungen. Wie sich die Zeugen zu Barbie verhalten, ist dabei nicht weniger aufregend als es die Fakten aus Barbies Leben selbst sind. So sicher fühlen sich einige, dass sie, innerhalb Deutschlands und außerhalb, keine Hemmungen haben, einem jüdischen Interviewer ihre antisemitische und uneingeschränkt nationalsozialistische Gesinnung zu offenbaren.

Gewidmet ist der Film der einstigen Nachbarin von Simone Lagrange. Als die SS kam, um sie und ihre Familie abzuholen, versuchte die Nachbarin das Kind in ihre Wohnung zu zerren. Vergeblich. Simone Lagrange kam nach Auschwitz und überlebte, anders als ihre Eltern. Die andere Nachbarin, die sich hinter der Tür versteckte, als die Deutschen kamen, um die Juden zu deportieren, steht mehr als 40 Jahre danach am Fenster und findet schrecklich, was damals passiert ist. Leider ist sie typischer als die Nachbarin, der der Film gewidmet ist.

„DVD Trailer: Hôtel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie“

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erstellt am 01.8.2014

Marcel Ophüls
Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie
Dokumentation, USA, 1988
DVD, 256 Min.

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