Oskar Negt hat sich seine intellektuelle Redlichkeit durch nichts abhandeln lassen. Als Forscher, Lehrer und Autor, der Gültiges über Arbeit, Gemeinwesen und politische Utopie schrieb, ist er eine Instanz. Detlev Claussen gratuliert ihm zum 80. Geburtstag.

80. geburtstag von oskar negt

Arbeit und menschliche Würde

Von einem, der aus Frankfurt auszog, um in Hannover die Kritische Theorie weiter zu treiben

Von Detlev Claussen

Wer im Sommersemester 1967 nach Frankfurt kam, hatte keine Mühe, einen Platz in einem Seminar von Oskar Negt zu finden. Gerade hatte die antiautoritäre SDS-Gruppe um den theoretisch ambitionierten, aber schwer verständlichen Adornodoktoranden Hans-Jürgen Krahl die Teilnehmerzahl auf 20 anschwellen lassen, die danach noch gut in der Feuerbachschänke an einen Tisch passten. Oskar Negt zog sich nach ein, zwei Glas Wein in seine kleine Wohnung in der Nordweststadt zurück, wo er mit Ehefrau Inge und zwei kleinen Kindern in einem bescheidenen Zuhause lebte. Einen größeren Kontrast zum bohemehaften Lebensstil seiner Studenten, deren Respekt er genoss, ließ sich kaum vorstellen. Sein Weg zu einem der meist rezipierten soziologischen Autoren der Bundesrepublik und zu einem Professor, der über Generationen hinweg tausende Studenten in seinen Hörsaal zog, war damals noch nicht absehbar. Vor seinem familialen Hintergrund, aus sozialdemokratisch-handwerklichen Verhältnissen in Königsberg, schien eine akademische Karriere kaum vorstellbar; aber der nur fünf Jahre ältere Jürgen Habermas hatte Negts Talent erkannt und ihn als Assistent mit nach Heidelberg mitgenommen. Mit ihm kehrte Negt, der 1962 bei Adorno mit einer Arbeit über Comte und Hegel promoviert hatte, nach Frankfurt zurück.

Der 2. Juni 1967 veränderte die Bundesrepublik und das Leben aller Beteiligten. Wer im Wintersemester 1968 das rechtsphilosophische Seminar von Oskar Negt besuchen wollte, konnte froh sein, wenn er unter den 250 Beteiligten im Hörsaal noch einen Sitzplatz fand. Neben den stadtbekannten Leuten aus der Krahlfraktion des SDS waren auch immer Alexander Kluge und seine Schwester Alexandra zu sehen, die man bis dahin nur von der Kinoleinwand aus dem Kultfilm „Abschied von gestern“ kannte. Wer bis dahin zu scheu war, das Wort zu ergreifen, konnte hier frei reden und diskutieren lernen. Oskar Negt war inzwischen zu einem der bekanntesten Sprecher der Außerparlamentarischen Opposition geworden, die weit über die engeren Kreise der Studentenbewegung hinausgriff. Oskar Negt, der 1956 in den Frankfurter SDS eingetreten war, kam seine außerakademische Erfahrung zugute, die ihn zu einem der profiliertesten Theoretiker gewerkschaftlicher Bildungsarbeit hatte werden lassen. Mit „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ gelang ihm 1968 ein Klassiker auf dem Gebiet der Arbeiterbildung.

Eingreifender in den Verlauf der Protestbewegung sind Oskar Negts große öffentliche Reden in der Zeit von 1967 bis 1969 zu werten, die seiner eindringlichen Stimme mit Königsberger Akzent ein nationales Auditorium verschafften. Wer nicht dabei gewesen war, konnte sie in der „Frankfurter Rundschau“ tags darauf nachlesen. Die immer wieder rhetorisch in den Massenmedien gestellte Frage „Was wollen die Studenten?“ ließ sich leicht beantworten, wenn man nur gewillt war, diese Reden – betitelt „Politik und Protest“, „Politik und Gewalt“ – zu Vietnamkrieg, den Morden an Benno Ohnesorg, Martin Luther King und Robert Kennedy oder den Notstandsgesetzen zur Kenntnis zu nehmen. Nicht nur in der Geschichte der Rhetorik, sondern in der Geschichte der Bundesrepublik müssen sie als Meilensteine der Demokratisierung einer autoritären, nachnationalsozialistischen Gesellschaft gewertet werden. Es ist bezeichnend, dass sie nicht im Bundestag, sondern auf außerparlamentarischen Versammlungen gehalten wurden. Die Protestbewegung der 60er Jahre brachte eine Reihe von Rednern hervor – die bekanntesten: Dutschke, Krahl und Cohn-Bendit, die vor Tausenden von Menschen spontan überzeugend auftreten konnten. Oskar Negt drängte sich als Redner nicht vor. Er entwickelte eine demokratische Rhetorik, die nicht auf Stimmungen spekulierte, sondern auf vernünftige, durch Argumente vermittelte Einsicht. Mit einer Kritik der deutschen Nachkriegsrhetorik in einem rororo aktuell Sammelband von 1965 „Politik ohne Vernunft“ war Negt schon vor der Protestbewegung in die politische Öffentlichkeit eingetreten.

Während der Studentenunruhen kam es an der Frankfurter Universität im Sommer 1968 zu schweren Verwerfungen. Aus Protest gegen die Notstandsgesetze , aber auch gegen den überkommenen Wissenschaftsbetrieb war in Frankfurt eine Gegenuniversität entstanden, die Habermas scharf kritisierte. In seiner öffentlichen Polemik griff Habermas, ohne Namen zu nennen, nicht nur Krahl als „Agitator“, sondern auch Negt als „Mentor“ der Studentenbewegung an. Trotz seiner denunzierenden Absicht hatte Habermas eine treffende Formulierung für die Rolle Negts seit 1967 gefunden. Die Konfrontation mit Habermas hat Negt später bereut; sein Buchprojekt „Die Linke antwortet Habermas“ widerrief er, ohne die übrigen Beteiligten zu fragen, 10 Jahre später. Der Tod Adornos im Sommer 1969, dem der Tod Krahls im Januar 1970 folgte, machte die Nachfolgefrage auf dem Doppellehrstuhl zur politischen. Habermas verließ das unruhige Frankfurt und zog sich zu Forschungszwecken an den Starnberger See zurück. Negt fürchtete jahrelange Auseinandersetzungen, besonders weil das hessische Ministerium nicht bereit war, ihn neben einer Professur auch zum Direktor des „Instituts für Sozialforschung“ zu machen. Er nahm das Angebot des niedersächsischen Kultusministers Peter von Oertzen an und zog mit einer größeren Gruppe von Adornoschülern nach Hannover. Dort sollte der Kern einer erneuerten Kritischen Theorie entstehen. Konsequent wurden Politikwissenschaftler wie Jürgen Seifert, Ökonomen wie Ernst Theodor Mohl und empirische Sozialforscher wie Horst Kern berufen. Ein Psychologisches Institut, das der Analytischen Sozialpsychologie verpflichtet war, existierte unter der Leitung von Peter Brückner bereits; mit Regina Becker-Schmidt kam eine erfahrene Frankfurter Sozialpsychologin hinzu, die Kritische Theorie und Feminismus vermitteln konnte. Oskar Negts persönlicher Traum einer Hannoverschen Schule ging zwar nicht in Erfüllung, aber Negt sorgte dafür, dass man über drei Jahrzehnte in Hannover authentische Kritische Theorie studieren konnte.

Die Zusammenarbeit mit Alexander Kluge ermöglichte Oskar Negt einen publizistischen Durchbruch. Das Gemeinschaftswerk „Öffentlichkeit und Erfahrung“, 1972 in der edition suhrkamp erschienen, liest sich nicht wie ein Anti-Habermas, sondern wie ein Komplement-Habermas, der 1962 mit seinem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ sich auf die bürgerliche Öffentlichkeit konzentriert hatte. Während Habermas seine großen Bücher durchstrukturiert, verhalf der erfahrene Montageschriftsteller Kluge Negt zu einer lockereren, assoziativen Schreibweise, die den strengen theoretischen Gedanken nach unten zur materialistisch interpretierbaren Erfahrungswelt öffnet. Das erfolgreichste Produkt dieser neuen Produktionsweise nannten Negt und Kluge „Geschichte und Eigensinn“ (1981), das zum heimlichen Bestseller der achtziger Jahre wurde. Beide nutzten geschickt die neuen Produktionstechniken und Vertriebswege von Zweitausendeins. Oskar Negts Gesicht und Stimme wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch Kluges cleveres TV-Format dctp bekannt, mit dem er den Triumphzug des Privatfernsehens konterkarierte. Schon während der 70er Jahre hatte Negt Stimme und Gesicht einer zunächst unscheinbaren politischen Organisation, dem Offenbacher Sozialistischen Büro (SB), und seiner Zeitschrift „links“, verliehen. Hier wurde ein nichtsektiererisches „überfraktionelles Bewusstsein“ (Negt) organisiert, das es politisierten Menschen nach dem Zerfall der Protestbewegung in sektiererische Gruppen ermöglichte, aktiv zu bleiben. Oskar Negt scheute sich nicht, auf dem vom SB organisierten Angela-Davis-Kongress 1972 öffentlich die Gewaltpraxis der RAF zu kritisieren, deren Sympathisanten die Solidarität des linksalternativen Milieus zu erpressen suchten.

Um die Gesellschaft zu verändern, setzte Negt auf ganz andere Pferde als auf sektiererische linksradikale Gruppen. Schon in Frankfurt hatte er als junger Familienvater im Kreis um Monika Seifert, der Tochter Alexander Mitscherlichs, mit alternativen Erziehungsmethoden experimentiert. In Hannover erweiterten sich diese Versuche zum Großexperiment Freie Glockseeschule. Alles im negtschen Denken und Handeln läuft auf die Stärkung subjektiven Vermögens heraus, das im Kern Arbeitsvermögen ist. Seine große theoretische Leistung besteht in der Erweiterung des Arbeitsbegriffs, den er einem traditionellen ökonomistischen Zusammenhang entrissen hat, zum produktiven Vermögen, das es den menschlichen Subjekten ermöglicht, sich frei zu assoziieren. Für die Gewerkschaften, die in der transformierten Industriegesellschaft in existentielle Not gerieten, wurde Negt zum unentbehrlichen intellektuellen Helfer. Das lange Zeit verstreute Werk erscheint inzwischen im Steidl Verlag. Einer der jüngsten Titel, „Arbeit und menschliche Würde“, bezeichnet in Anlehnung an Ernst Bloch ein Herzstück seiner jahrzehntelangen Arbeit, die im Bohren dicker Bretter besteht. Vielfach geehrt feiert Oskar Negt am 1. August seinen 80. Geburtstag in Hannover.

Detlev Claussen besuchte Ende der 1960er Jahre Oskar Negts legendäre Frankfurter rechtsphilosophische Seminare und begleitete ihn als Assistent 1971 auf dem Weg nach Hannover.

Siehe auch

Videoprojekt von Jonas Englert: Zoon Politikon u.a. mit Oskar Negt

zoonpolitikon.net

Kommentare


Günter Pabst - ( 04-08-2014 09:11:23 )
Lieber Detlev,
ich danke Dir für diese schöne Würdigung.
Für mich hatte sein Politikverständnis
nicht nur in den siebziger Jahre Bedeutung,sondern es wirkt bis heute nach, auch wenn ich seine zeitweise Annäherung an die Sozialdemokratie nicht verstanden habe. Sein Credo
"Nicht nach Köpfen, sondern nach Interessen organisieren, behält weiterhin seine Gültigkeit. Nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Genossinnen und Genossen, die ihre politische Aktivität für eine humanere, gerechtere Gesellschaft nicht aufgeben.
Mit solidarischen Grüßen
Günter

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erstellt am 01.8.2014

Oskar Negt

Oskar Negt (Video Still aus: Zoon Politikon, 2014 © Jonas Englert)