Klassik-Festivals gelten nach wie vor als elitär. Nicht umsonst ist der Gegenbegriff zu „klassisch“ „populär“. Die Demokratisierung der Klassik glückte bei den diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspielen zumindest musikalisch, berichtet Thomas Rothschild.

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Die Demokratisierung der Klassik

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2014, Teil 5

Von Thomas Rothschild

Es ist schon wahr: Die „klassische“ Musik wurde spätestens mit der Einrichtung der Hausmusik zu einem wesentlichen Faktor, über den sich das Bildungsbürgertum definierte und mit dem es sich vom Proletariat abgrenzte. Das hat sich zwar ein wenig geändert, seit sich einerseits die Bourgeoisie eher über Geld und Besitz als über Bildung bestimmt und andererseits die „unteren“ Schichten durch den Rundfunk bis hin zu jüngeren Programmen wie dem fragwürdigen Klassik Radio Zugang zu kulturellen Werten erhalten haben, die ihnen früher vorenthalten blieben. Dennoch: Klassik-Festivals gelten nach wie vor als elitär. Da können sie sich abstrampeln, so sehr sie wollen. Nicht umsonst ist der Gegenbegriff zu „klassisch“ „populär“. Die populäre Musik gehört zum „populus“, dem „niederen“ oder „gemeinen“ Volk. Und Journalisten, die es immer noch nicht verwunden haben, dass die Popmusik früher als nicht satisfaktionsfähig galt und aus den bürgerlichen Feuilletons verbannt war, rächen sich an der „Hochkultur“ durch bis an Hass reichende Vorurteile, die jenen der Jazz- und Rockverächter der sechziger Jahre spiegelbildlich entsprechen.

So gesehen ist das Klassik Open Air, das bereits zum zwanzigsten Mal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen stattfand, eine Art demokratischer Legitimation. Und sie funktioniert. Die 7500 Plätze vor dem Schloss Monrepos waren besetzt, und der Wettergott erwies sich ebenfalls als Demokrat: er spielte die erste Geige. Das Programm – ein Dialog zwischen Gioacchino Rossini und Jacques Offenbach – war sowohl kulinarisch wie auch auf einem Niveau, für das man sich nicht schämen muss. Schade nur, dass die Musik über riesige Lautsprecher kam. Sie klang wie eine Tonkonserve, der Live-Effekt blieb auf das Visuelle beschränkt.

Die Demokratisierung hat freilich auch ihre komischen Aspekte. Zu den Traditionen des Ludwigsburger Klassik Open Air gehört, dass man, gleichsam als Imitation von Glyndebourne, auf dem Rasen hinter den letzten Reihen picknicken darf. Da sitzen aber die Wenigsten mit dem Kartoffelsalat im Einsiedeglas auf einer Decke wie auf Renoirs „Frühstück im Grünen“. Sie haben sich Tischchen mitgebracht und weiße Tischdecken, Sektgläser und üppige Speisen und sogar Kerzenleuchter. Sie ahmen, am Bürgertum vorbei, die Aristokratie nach. Der Blick des Untertanen nach oben: das Volk kommt zur Klassik, nicht die Klassik zum Volk. Denn selbst dies ist nicht plebejisch, dass das Fressen und Saufen der eigentliche Inhalt und die Musik das Beiwerk ist. So hat es schon der Fürst Esterházy in Eisenstadt gehalten, und Joseph Haydn spielte auf.

Auch das Feuerwerk am Ende des Konzerts ist, so populär es scheinen mag, aristokratischen Ursprungs. Es gehörte zum Inventar barocker Feste an den Königs- und Fürstenhöfen. Faszinierend allerdings, mit welcher Präzision es vor der Kulisse von Schloss Monrepos gelang, die Raketen, Sonnen und Bengalischen Feuer zu den Einsätzen in der Ouvertüre von Rossinis „Seidener Leiter“ abzuschießen oder zu zünden. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass vor dem eigentlichen Programm das Orchester des Goethe-Gymnasiums in erstaunlicher Qualität aufspielte. Wenn das auch an anderen Gymnasien die Norm sein sollte, muss man sich über die Zukunft der Klassik keine Sorgen machen. Jedenfalls nicht auf der Seite der Interpreten. Was die jungen Leute mit den Stöpseln in den Ohren hören, wissen wir nicht. Vielleicht waren sie ja beim Klassik Open Air und haben an Rossini und Offenbach Geschmack gefunden.

Klassik oder Pop? Seit sich zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker ab und zu selbständig gemacht und in dieser ungewöhnlichen Formation Erfolge eingeheimst haben, wurde das Modell mehrfach kopiert. Und weil es immer noch wenig Repertoire für Cellogruppen gibt, müssen sie vorhandene Kompositionen für andere Instrumente bearbeiten. Dabei sind sie nicht zimperlich. Sie bedienen sich bei der eigentlichen Literarur für Cello solo, beim Jazz, bei der Popmusik. So auch die Cellistinnen des Wiener Quartetts eXtracello Edda Breit, Melissa Coleman, Margarethe Deppe und Gudula Urban, die bei den Schlossfestspielen mit dem Vorarlberger Kontrabassisten Peter Herbert auftraten. Das klingt sehr schön, verbreitet gut Laune, und das Publikum erklatschte sich zwei Zugaben, darunter den Wienerlied-Schlager „Das Wegerl im Helenental“. Wenn freilich Gudula Urban Gershwins „The Man I Love“ oder Bobby Hebbs „Sunny“ sang oder wenn das Ensemble gar eine Bearbeitung von „I Can't Get No Satisfaction“ der Rolling Stones aus den Saiten hervorrufen wollte, vermisste man doch das Jazz- oder das Rock-Feeling. Das klang nett, aber eben allzu nett. Das war, wie wenn man ein Foto der kalifornischen Wüste als Wohnzimmertapete aufklebt. Es gibt ja durchaus Cellisten in der Jazzgeschichte, von Charles Mingus bis David Darling, aber das sind Ausnahmekünstler im doppelten Wortsinn – Ausnahmen als Künstler und Ausnahmen als Cellisten. Peter Herbert, der reichlich Jazz-Erfahrung hat, musste sich, so schien es, bremsen, um in diesen Rahmen zu passen. Großzügig überließen ihm die Damen drei Soli, in denen er sich ein wenig austoben durfte. Dann kehrte er wieder artig zurück in die Arrangements für fünf Streichinstrumente, die man auch zupfen kann.

Nicht bei Esterházy in Eisenstadt, sondern im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses spielte das vorzügliche Schweizer Casal Quartett zweieinhalb Streichquartette von Joseph Haydn. Das Besondere daran: der viel gelobte und auf den verschiedensten musikalischen Gebieten bewährte österreichische Akkordeonist Otto Lechner lieferte dazu eine fünfte Stimme, die Haydn schon deshalb nicht vorsehen konnte, weil zu seiner Zeit das Akkordeon noch nicht erfunden war. Geht das? Akkordeon und Streichquartett? Noch dazu, wenn sich das Akkordeon mehr als einmal in Blue Notes und jazzige Gefilde verirrt? Nicht nur geht es – das Ergebnis ist von bewundernswerter Überzeugungskraft. Ein Haydn-Quartett verwandelte Otto Lechner in eine Solonummer – und bewies zugleich, wie sehr Haydn der Volksmusik verpflichtet war. Wiener Klassik also als populäre Musik und umgekehrt. Da wären wir wieder beim Geist des Klassik Open Air. Und die Ludwigsburger Schlossfestspiele konnten kurz vor dem diesjährigen Ende noch einen Höhepunkt setzen. Schade, dass diesmal viele Plätze frei blieben. Lag es daran, dass die Namen in Deutschland nicht so bekannt sind, wie sie zu sein verdienten? Liegt es daran, dass an heißen Tagen das Klima im Ordenssaal von Open Air weit entfernt ist? Wie auch immer: wer fern blieb, hat etwas nicht Alltägliches versäumt.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.7.2014

Seeschloss Monrepos, Ludwigsburg

eXtracello. Foto: © Nancy Horowitz

Casal Quartett. Foto: © Lutz Jaekel