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Unterhaltungsmusik, Jazz, Pop, Klassik – wer genau hinhört, wird merken, dass diese Etiketten nichts Reales bezeichnen, sondern ein Marketing-Schmarrn sind. Dann ist es doch schon gleich besser, jeder deutet sich seine eigenes Repertoire aus, wie es Hans-Klaus Jungheinrich mit seinen ›Klassikern‹ tut.

cd-kritik

Klassiker; sozusagen

Frisch ediert: Historisches, Brandneues und Persönliches querbeet

Von Hans-Klaus Jungheinrich

„Klassisch“ rangiert heute auf dem Allerweltsgleis: Als „Klassiker“ gelten allemal das bestverkaufte Essiggurkenglas im Supermarktregal oder die beliebte Pauschalreise. So ähnlich erging es ja auch der Philosophie: die Trickkiste der Werbefuzzis, das verschlafene Verkaufsdesign des nächsten Klempnergeschäfts: alle tragen sie ihre Firmen-„Philosophie“ vor sich her. So wie, nebenbei gesagt, die Vollmundigkeit in dieser Gegend auch noch weiter wuchert: Bei fünfjähriger Betriebszugehörigkeit ist eine/r ein „Urgestein“, bei zehnjähriger eine „Legende“. Vielleicht zu Recht in Hire-and-fire-Zeiten.

Was Wunder also, dass auch wir in dieser Betrachtung das „klassische“ Attribut nicht streng weimarisch justieren oder auf die besagte Wiener Troika beziehen, sondern etwas locker damit umgehen. Dabei haben wir als Musikfreunde und CD-Hörer sicher einen Fundus von persönlichen „Klassikern“ im Hinterkopf, die gleichsam zu unserer musikkulturellen Grundausstattung geworden sind und an denen wir neu Kennengelerntes messen. Ich nenne da mal drei von vielen Sachen, die man als „Referenzaufnahmen“ namhaft machen könnte: „Tosca“ mit Maria Callas und dem Dirigenten Victor de Sabata; Schuberts Große C-Dur-Symphonie mit Furtwängler; Dvoráks „Neue Welt“ mit Toscanini. Das sind nun wirklich „Legenden“.

Durchaus ins Legendenhafte ragt aber auch die soeben wieder edierte Luzerner Festival-Interpretation der Bartók-Oper „Herzog Blaubarts Burg“(Audite 95 626) von 1962 mit Rafael Kubelik sowie dem Sängerpaar Dietrich Fischer-Dieskau und Irmgard Seefried. Damals unterzogen sich Weltklassekünstler noch nicht der Anstrengung, die ungarische Originalsprache zu exekutieren. Das deutsche Idiom reibt sich merklich mit dem sprachnahen orchestralen Duktus, der unverkennbar mit der magyarischen Erstsilbenbetonung liiert ist. Dennoch möchte man gerade dieser Differenz eine besondere „poetische“ Qualität zumessen: Sie betont das Geheimnisvolle, Unauflösliche des Werkes auf ihre Weise. Der dem veranstalterischen Prestige (oder der Internationalität des Musikmarkts) geschuldete Zwang zur „Originalsprache“ wäre allmählich zu relativieren. Eventuell ist er doch mehr snobistischer Fetisch als Authentizitätsgarantie. Fischer-Dieskaus Nuanciertheit lässt sich bis in die feinste Verästelung ausloten, und auch Irmgard Seefried verleiht ihrem zunächst beinahe naiven Schöngesang nach und nach Züge einer psychologiefern-mythischen Figur. Schade immerhin, dass der gesprochene Prolog des Textdichters Béla Balázs weggelassen wurde – eine dunkel-pathetische Einstimmung, die bei Aufführungen immer bedeutende Wirkung zeigt.

Manchmal gerät gerade das Unerwartete zu Klassikerehren. Carlo Maria Giulini, ein ungewöhnlicher Maestro, der den hohen Emotions- und Identifikationsgrad seiner Werkannäherungen mit gründlicher intellektueller Durchdringung verband, war keiner der typischen „Brucknerdirigenten“, und er nahm sich nicht der berühmten Zugpferde an, sondern wählte eine der unbekannteren, ganz am Rande des Repertoires stehenden Brucknersymphonien, die Zweite in c-moll (Fassung von 1877). Er realisierte sie 1974 mit den Wiener Symphonikern indes so überzeugend, dass man sie, in der undemonstrativen Klarheit und Natürlichkeit des Vortrags, als Modell-Interpretation bezeichnen möchte. Nicht feierlich zelebriert, aber auch nicht ins Kleingliedrig-Anekdotische heruntererzählt oder auf theatralische Effekte gebürstet. Schön, dass dieses Tondokument nun wieder vorliegt (Warner Classics WS 004). Giulini, ein schwerblütiger Künstler mit eher kleinem, aber minuziös ausgefeiltem und durchglühten Repertoire, teilte übrigens mit Kubelik das traurige Schicksal, eine große Karriere als schwerkrank Arbeitsunfähiger noch um viele Jahre zu überleben.

Dass die Symphoniker, dieses zweite Wiener Orchester, den Philharmonikern an Eleganz und pfiffiger Pointierung nicht nachstehen, zeigt die aktuelle Johann-Strauß-CD mit Manfred Honeck (WS 005, Label-Management: Solo Musica GmbH München). Diese Walzer- und Polka-Sammlung aus dem Musikvereinssaal enthält, wie das auch an Neujahrstagen üblich ist, eine gekonnt bunte Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem. Und nochmals zurück zu Bruckner und nach Luzern. Dort dirigierte Claudio Abbado im August 2013 sein letztes Konzert. Es enthielt die 9. Symphonie Bruckners, die damit zum Vermächtnis des großen Dirigenten wurde (Deutsche Grammophon 479 3441). Im Grunde ein ähnlicher Eindruck wie bei Giulini: kein Zerdehnen, kein Forcieren. Atmende Ruhe; eine niemals nachlassende artikulatorische Deutlichkeit, Beredtheit. Das Lucerne Festival Orchestra (Nachfolger des bei Kubelik tätigen Swiss Festival Orchestra) spielt im hingebungsvollen Akkord von Sachlichkeit und Klangschönheit. Und nochmals Bruckner: die f-moll-Messe mit dem klanggewaltigen Chor des Bayerischen Rundfunks und den Bamberger Symphonikern, temperamentvoll-steigerungsfähig animiert vom Dirigenten Robin Ticciati (Tudor 7193).

Am eindeutigsten als „Klassiker“ figuriert Max Reger mit seinem immensen Orgelwerk, dessen sich nun Gerhard Weinberger in aller Ausführlichkeit anzunehmen beginnt (cpo 777 717 2). Vol. 1 präsentiert bereits zwei randvolle CDs mit der Phantasie und Fuge über den Namen B-A-C-H als als mächtigem Entrée. Die Bach-Initialen geistern aber auch noch durch viele weitere Regerwerke, etwa die Orgelsuite e-moll. Weinberger flottiert immer sehr glaubwürdig zwischen polyphoner Stimmigkeit und bis ins Gespinstig-Diffuse hinein reichenden Farbvaleurs. Wie man einen (halben) Klassizisten zu einem vehementen Anti-Klassiker präparieren kann, zeigt Heinz Holliger nun wieder als Dirigent (der WDR-Symphoniker) mit Schumanns 2. und 3. Symphonie. Der akademische Staub ist weggeblasen; im stürmenden Drauflos der forschen, aber nicht überhetzten Tempi frappiert mehr noch die Sprachähnlichkeit als das atemberaubende spieltechnische Gelingen (Audite 97 678).

Sollte sich einer, der bereits 7 Symphonien geschrieben hat, nicht auch längst als Klassiker fühlen? Unter seinen estnischen Landsleuten ist Erkki-Sven Tüür ein nationaler Kulturheld. In etlichen seiner Symphonien „transzendiert“ er das traditionelle Formgerüst auffällig, so auch in der 7. Symphonie, in die er chorische Textvertonungen integriert; Textquellen wie Augustinus, Gandhi, Jimi Hendrix, Mutter Teresa und immer wieder Buddha umreißen die spirituelle Orientierung. Paavo Järvi, der kammerchorisch ausdifferenzierte NDR-Chor und das Frankfurter Radio-Symphonieorchester geben dem Werk (wie auch dem Tüür’schen Klavierkonzert mit Laura Mikkola) virtuose Fasson (ECM 2341).

Zu meinen persönlichen „Klassikern“ gehört ganz entschieden der früh verstorbene französische Komponist Gérard Grisey (1946-1998), neben Tristan Murail der führende Vertreter des „Spektralismus“, worunter man eine zu „durchleuchteter“ Komplexität, zu anschaulich-sinnlicher Struktur gebrachte Musikart verstehen kann. Immer wieder höre ich mir die „Quatre chants pour franchir le seuil“ an (Kairos 00112252kai), eine Aufnahme von 2000 mit dem Klangforum Wien unter der höchst inspirierten Leitung von Sylvain Cambreling. Nicht satt hören kann ich mich insbesondere an dem Vokalpart der Sopranistin Catherine Dubosc. Eine fremde, irrealisierte Ausdrucksform von Weiblichkeit: nicht auf Instrumentalcharakter-Mimikry reduziert, auch nicht im Vogelruf haftend, sondern auf eine abgründig neue Weise evokativ und erotisierend. Eine Frauenstimme, die wir (mit einem inneren Ohr) immer schon hörten und doch noch niemals so vernahmen.

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erstellt am 24.7.2014

Bela Bartok (1881-1945)
Herzog Blaubarts Burg
Dietrich Fischer-Dieskau, Irmgard Seefried, Swiss Festival Orchestra, Rafael Kubelik

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Anton Bruckner (1824-1896)
Symphonie Nr. 2
Wiener Symphoniker, Carlo Maria Giulini

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Johann Strauss II (1825-1899)
Walzer, Polkas, Ouvertüren
Wiener Symphoniker, Manfred Honeck

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Anton Bruckner (1824-1896)
Symphonie Nr. 9
Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado

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Anton Bruckner (1824-1896)
Messe Nr. 3 f-moll
Hanna-Elisabeth Müller, Anke Vondung, Dominik Wortig, Franz-Josef Selig, Chor des Bayerischen Rundfunks, Bamberger Symphoniker, Robin Ticciati

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Max Reger (1873-1916)
Orgelwerke Vol. 1
Gerhard Weinberger

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Robert Schumann (1810-1856)
Complete Symphonic Works Vol. 2
WDR Sinfonieorchester Köln, Heinz Holliger

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Erkki-Sven Tüür (geb. 1959)
Symphonie Nr. 7
Laura Mikkola, NDR Chor, Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, Paavo Järvi

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Gerard Grisey (1946-1998)
4 Chants pour franchir le seuil

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