Volker Bohn in seiner Vorlesung zur Wissenschaftstheorie WS 1978/79 © Thomas Borgstedt
Volker Bohn in seiner Vorlesung zur Wissenschaftstheorie WS 1978/79 © Thomas Borgstedt

Den Frankfurter Germanisten Volker Bohn, der sein Denken auch im Politischen ungewöhnlich deutlich lokalisierte, zeichneten persönliche Bescheidenheit und sachliche Unerbittlichkeit aus. Am 5. Juli 2014 ist Volker Bohn im Alter von 72 Jahren gestorben. Uwe Wirth erinnert an ihn.

nachruf

»Sonst gerne«

Zum Tod von Volker Bohn

Von Uwe Wirth

Volker Bohn war ein Mann, der liest, der raucht; der arbeitet – alles drei tat er ohne großes Aufhebens, in aller Stille. Volker Bohn ist im Juli diesen Jahres mit 72 Jahren gestorben.

Seine Leidenschaft gehörte der deutschen Gegenwartsliteratur, deren wichtigste Neuerscheinungen er – das war sein Ehrgeiz – zur Kenntnis nehmen wollte. Angefangen mit Alfred Polgar und Karl Kraus, über Thomas Bernhard und Peter Handke, bis hin zu seiner vom akademischen wie nicht-akademischen Publikum gleichermaßen geschätzten ZDF-Sendereihe „Literatur nach 45“ gibt es zahlreiche Zeugnisse, dass er die Früchte seiner Lektüren auch mit anderen teilen wollte. Gleichwohl hatte man den Eindruck, dass ihm noch wichtiger als das Schreiben über Bücher das Reden über Bücher war: er verstand es auf einzigartige Weise, Studierende in Gespräche über Bücher zu verwickeln – auch dies ganz still, ohne jemals didaktisch zu werden, sondern indem er die Studierenden da abholte, wo er stand.

Auf der Grundlage eines kontinuierlichen Lesestroms bildete er seine Urteile über Autoren und Werke: Urteile, die ebenso fundiert wie unbestechlich waren. Urteile, bei denen – auch wenn das Fallbeil fiel – nie der Urteilende, sondern das Werk im Vordergrund stand. Diese Mischung aus persönlicher Bescheidenheit und sachlicher Unerbittlichkeit war für Kollegen und Schüler ein Faszinosum: fast ein wenig unheimlich kam es einem vor, wie sich Volker Bohn einerseits zum Verschwinden brachte, um andererseits gerade dadurch eminent präsent zu werden.

Dieses Kunststück vollbrachte er in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, in der Lehre, aber vor allem auch in seinen politischen Ämtern an der Universität Frankfurt, wo er bis zu seiner Pensionierung zwei Amtszeiten als Dekan wirkte. Er begriff sich selbst als politischen Menschen, der in jeder Situation die Konklusion aus dem Notwendigen und dem Machbaren zu ziehen wusste – sei es bezüglich der im Universitätsalltag allgegenwärtigen Krisensituation des Umsetzens von Sparvorgaben; sei es bei Projekten, die einen Ausgleich unterschiedlichster Interessen erforderten, wie der Poetik-Dozentur, dem Aufbaustudiengang „Buch- und Medienpraxis“ oder dem Suhrkamp-Archiv, aber auch bei den Sammelbänden zu Bildlichkeit und Typologie, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Das offene Geheimnis von Volker Bohn war, dass er dabei offensichtlich keine Eigeninteressen verfolgte, auch keine Politik der Freundschaft. Insofern betrieb er Politik interesselos und damit überaus machtvoll, gewissermaßen – dies brachte ihm einstimmigen Respekt ein – unter dem Vorzeichen des kategorischen Imperativs. Freilich gepaart mit illusionsloser Abgeklärtheit, die um die Gebrechlichkeit der (universitären) Welt wusste. Die aus dieser Gebrechlichkeit resultierenden Blockaden und Zwänge nahm er hin, ohne sie zu akzeptieren. Dieses Aushalten von paradoxalen Verhältnissen – persönlichen wie politischen – war, wenn man so will, Volker Bohns existentieller Sport. Und so besehen war er Hochleistungssportler.

Ausdruck fand seine Einstellung in Sätzen wie: „Ein Problem musst Du so lange scharf ins Auge fassen, bis es von selbst zerfällt“ oder auch: „Bitte nicht helfen, es ist so schon schwer genug“. Dieser resigniert wirkende Humor war die Kehrseite eines tiefen Ernstes: eines Sinns für die Macht des Notwendigen und die Gewalt des Unausweichlichen, der manchmal in die Bohnsche Variante des berühmten „I`d rather prefer not to“ mündete: „Sonst gerne“.

Als ich Mitarbeiter bei Volker Bohn war, haben wir uns manchmal einen Spaß daraus gemacht, beim Verlassen des Büros ein post-it an die Bürotür zu pinnen. Statt des üblichen „Komme gleich wieder“ schrieben wir: „Komme nie wieder“. Es hat nie jemand gemerkt. Jetzt ist Volker Bohn gegangen und wir merken: er kommt nie wieder. Es wäre schöner gewesen, wenn er noch etwas hätte bleiben können. Doch auch hier gilt wohl: „Sonst gerne“.

Uwe Wirth wurde 1963 in Füssen geboren und studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg und Frankfurt. Er promovierte über das Problem, Komik zu verstehen, und schrieb seine Habilitation über die Herausgeberfiktion im Roman um 1800. Seit 2007 ist er Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Kommentare


Eckhardt Wansleben - ( 16-12-2014 04:25:04 )
Ich erinnere mich auch nach 40 Jahren noch sehr intensiv an seine Kafka-Seminare, die oft anschließend bei ihm zu Hause noch intensiv fortgesetzt wurden. Er war für mich ein wichtiger Lehrer.

Ekkehard Knörer - ( 23-07-2014 08:02:31 )
Danke, Uwe, das ist ein schöner Nachruf. Ich kannte Volker Bohn nur aus dem Fernsehen (und von den beiden Sammelbänden), er schien mir von daher in der Germanistik in einem guten Sinn solitär. (Und ich hatte keine Ahnung, dass Du bei ihm Mitarbeiter warst.)

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erstellt am 22.7.2014