Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von „Tristan und Isolde“ an der Oper Stuttgart war eine Premiere der besonderen Art. Erstmals mischten sich in den Beifall der Zuschauer, die die Sänger eben erst bejubelt hatten, Buhrufe für die Regie, berichtet Thomas Rothschild.

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Sehnen der Minne

Von Thomas Rothschild

Es ist schon ein halbes Jahrhundert her, seit die Stuttgarter Staatsoper als „Winter-Bayreuth“ galt. Nun hat sie die Chance, an diese Tradition anzuknüpfen. Das verdankt sie in erster Linie Christiane Iven, die sich mit ihrem Debüt in der Rolle der Isolde als Wagner-Sängerin der ersten Riege etabliert. Christiane Iven – die neue Anja Silja? Gut möglich. Eine Wagner-Sängerin im spezialisierten Verständnis früherer Epochen? Wohl nicht. Aber eine Sängerin, die Wagners Musik in ihre dunkelsten Ecken hinein auslotet. Und ihr Regisseur heißt nicht Wieland Wagner, sondern Jossi Wieler in Zusammenarbeit mit dem bewährten Partner Sergio Morabito.

Mit Wieland Wagner hat, was man jetzt auf der Stuttgarter Bühne sieht, wenig zu tun. Mit Wieler und Morabito, wie man sie bisher kannte, allerdings auch nur bedingt. Sie verzichten diesmal fast völlig auf labyrinthische Gedankenkonstruktionen und – wenn man von Nina von Mechows Kostümen absieht und der Tatsache, dass die Helden eher neuzeitliche Zigaretten rauchen, – auf Verlagerungen in die Gegenwart. Ob das die Folge einer grundlegenden Zurückbesinnung auf den Autorenstandpunkt ist oder sich möglicherweise dem Umstand verdankt, dass das intellektuelle Gespann mit dem eher ereignisarmen Tristan-Stoff, vielleicht auch mit der ihm zugrunde liegenden Philosophie weniger anzufangen wusste als mit vorausgegangenen Projekten, Wagners „Siegfried“ eingeschlossen, ist für den Außenstehenden nicht zu beurteilen. Das Ergebnis bescherte dem Opernhaus jedenfalls eine Premiere der besonderen Art: Erstmals mischte sich in den Beifall der Zuschauer, die die Sänger eben erst bejubelt hatten, Buhrufe für eine Regie von Wieler und Morabito. War sie den Unzufriedenen zu zaghaft oder immer noch zu wenig wagnerisch? Wir werden es nicht erfahren.

Der erste Akt zeigt uns Isolde, die dem König Marke in Kornwall (so die Schreibweise bei Wagner) als Braut zugeführt werden soll, und den sich abseits haltenden Brautwerber Tristan (Erin Caves), der auf Grund der Vorgeschichte in Isoldes Schuld steht, sowie verpackte Ballen und eine Standuhr auf einem Schiff, das durch die Wellen schwankt (Bühnenbild: Bert Neumann). Gesellschaft leisten dem titelspendenen Paar Isoldes tör'ge Magd Brangäne (Katarina Karnéus) und Tristans treuer Begleiter Kurwenal (Shigeo Ishino). Da der kurze Auftritt des Chors nur schwer auf dem Schiff zu motivieren ist, singt er, wie eine Vision, in den Fluten schwimmend. Ursprünglich sollte das Schiff weit mehr schwanken, aber dem Vernehmen nach weigerte sich eine Sängerin, die Seekrankheit oder auch nur einen Schwindelanfall zu riskieren. So bewegen sich jetzt vorwiegend die Kulissen hinter und vor dem Boot, was, wie jeder Bahnreisende weiß, der jenseits der Fenster die Landschaft vorbeifahren sieht, den gleichen Effekt auslöst.

Im zweiten Akt äußert sich die Liebesverzückung von Tristan und Isolde, die sich dem von Brangäne unterschobenen Trank verdankt, durch eine Choreographie, die vom Bühnenboden inmitten glitzernder Laubsuggestionen lianenartig herabhängende Seile ermöglichen. Ein wenig erinnert das an Tarzan – ein Name, der zwar an Tristan anklingt, aber dessen Geschichte von der des mittelalterlichen Helden ziemlich weit entfernt ist. Tristan und Isolde malen sich die Gesichter schwarz an und spotten über den Tod, den die Musik bereits ankündigt. Irgendwie scheinen auch Wieler und Morabito die Todessehnsucht, in der Wagners Oper schwelgt, nicht ganz so erst zu nehmen wie deren Schöpfer. Wenn sich das Laubwerk dann ruckartig öffnet, wird der Blick freigegeben auf einen Turm – die im zweiten Akt beiläufig und im dritten Akt insistierend genannte „Warte“ – und eine Wand aus Neonröhren, die so stark blendet, dass die Gesichter der Akteure nicht auszumachen sind. So kann man sich ganz auf den formidablen Bass Attila Juns konzentrieren, der als sich im Gegenlicht entkleidender König Marke zu einer Steigerung seiner immer schon beeindruckenden Gesangskunst findet.

Der Turm übrigens ist in variierter Form auch auf dem Zwischenvorhang zu sehen, der eine Grafik von Jeremy Bentham aus dem 18. Jahrhundert zeigt. Michel Foucault hat dazu einen Aufsatz geschrieben, der im Programmheft abgedruckt ist (darunter macht es Morabito nicht). Er lässt aber im Kontext auch mancherlei Assoziationen zu, zu Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“ etwa oder zu Hofmannsthals Calderon-Bearbeitung „Der Turm“, während der stilisierte Wald des zweiten Akts in Kombination mit dem Liebestrank an den „Sommernachtstraum“ denken lässt.

Nein, das ist keine Dekonstruktion, keine ganz neue Sicht auf Wagner oder Gottfried von Straßburg, sondern eine eher zurückgenommene, fast intime Verbildlichung einer Geschichte, deren Musik sich als zeitloser erweist als die archaisierende Sprache („Wann endlich,/ wann, ach wann/ löschest du die Zünde,/ dass sie mein Glück mir künde?“). Dem Realismus allerdings, dem Richard Wagner noch verhaftet war, begegnen Wieler und Morabito auch diesmal mit Skepsis. Der tote Tristan bleibt bis zum Schluss aufrecht stehend auf der Bühne, Isolde steht in gehörigem Abstand wie festgenagelt: sie sinkt nicht über der Leiche zusammen, ehe das zweite Schiff den Schauplatz erreicht. „Rührung und Entrücktheit unter den Umstehenden“ am Ende halten sich, zum Glück, in Grenzen.

Und Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling darf beweisen, dass er auch auf diesem Parkett vorzüglich tanzt. Wer sagt denn, dass Wagner laut und auftrumpfend wäre? Das Staatsorchester Stuttgart führt uns den Romantiker vor, den Lyriker, dem Pathos bis hin zur Schwelgerei zwar nicht fremd ist, der aber auch Innerlichkeit, Innigkeit über den berühmten Tristan-Akkord hinaus musikalisch zu formen versteht. Im Zusammenhang mit diesem Akkord wird immer wieder Debussys Parodie in „Golliwog's Cakewalk“ erwähnt, und es ist bekannt, dass der um fast ein halbes Jahrhundert jüngere Franzose sich despektierlich über Wagner geäußert hat. Aber Cambreling macht erfahrbar, wie sehr der Wagner des „Tristan“ bereits auf Debussy oder auch Richard Strauss vorausweist, der den rätselhaften Akkord seinerseits im „Rosenkavalier“ zitiert. Das „Sehnen“, das den Stoff und den Text von „Tristan und Isolde“ bestimmt, ist der Musik eingeschrieben, und Cambreling mit dem Orchester bringen es, fast mehr noch als die Sänger, zum Erklingen.

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erstellt am 22.7.2014

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

oper in stuttgart

Tristan und Isolde

Von Richard Wagner

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne Bert Neumann

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer