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Auch wenn Van Morrison das genaue Gegenteil eines Showman ist: die Besucher des Stuttgarter Jazzopen erlebten ihn in Hochform. Wer Morrisons Konzert in Stuttgart versäumt hat, muss nicht verzweifeln. Es gibt eine neue DVD, die dem jungen Morrison gewidmet ist, dem Jahrzehnt 1964-1974, berichtet Thomas Rothschild.

jazz

Musik pur

Van Morrison im Konzert und auf DVD

Von Thomas Rothschild

Van Morrison gilt als launisch. Wenn man Pech hat, kann einen eins seiner Konzerte vergessen lassen, dass er als einer der Giganten der Rockgeschichte gelten darf. Die Besucher des Stuttgarter Jazzopen hatten Glück: Van Morrison war in Hochform.

Neunzig Minuten lang hielt er, nachdem er zunächst seine Tochter für zwei Songs vorausgeschickt hatte, das Publikum in Atem. Und das ohne einen Hauch von Hysterie, von Anmache, von Spekulation. Van Morrison ist das genaue Gegenteil eines Showman. Mit dem unvermeidlichen Hut auf dem Kopf, einer Sonnenbrille und einem eng geknöpften dunklen Anzug tritt der kleine, gedrungene Mann vor das Mikrophon und lässt einen Song auf den anderen folgen. Kein Verneigen dazwischen, stattdessen, mit dem Rücken zum Publikum, ein Schluck Wasser, kein Ansatz, den Applaus hochzuputschen, noch nicht einmal ein gesprochenes Wort. Einfach nur Musik pur. Ach würde sich die seit Jahren das Jazzopen belästigende stets aufgekratzte Plappertasche Stefanie Anhalt an ihm, an seiner Wortkargheit ein Beispiel nehmen. Stattdessen teilt sie uns diesmal mit, dass Trinken bei der Hitze wichtig ist und wir uns alle freuen, freuen und wieder freuen, sie redet aber auch, wenn sie nichts zu sagen hat. Sie kann einem den schönsten Abend verderben. Wenn es sich nicht verböte, mit Namen zu kalauern, müsste man ihr zurufen: „Halt an, Anhalt!“ Aber es würde nichts nützen. Die Dame ist mit dem Rundfunk, wie er heute ist, sozialisiert worden, und wir müssen es leiden.

Morrison derweilen, der demnächst neunundsechzig wird, dürfte ewig weitermachen. Seine Stimme hat in dem halben Jahrhundert, seit er mit Them die Rockszene aufgerührt hat, an Power eher gewonnen als verloren. Sein Gesang ist unverwechselbar, die Phrasierung, seine Sforzati, die Art und Weise, mit der er den einzelnen Ton anschwellen lässt, ihn verziert, macht ihm keiner nach. Die verschiedenen Einflüsse, von denen er zehrt, sind in den in Stuttgart präsentierten neuen, älteren und sehr alten Songs seines Repertoires, wie dem frühen Hit „Brown Eyed Girl“, deutlich erkennbar: Der Blues, der Jazz – er bläst auch zwischendurch das Saxophon, die Mundharmonika, und einmal setzt er sich ans E-Piano –, die irische Folklore und immer wieder der Blues. Wie stets, hat er auch diesmal exzellente Musiker um sich versammelt, wobei den Bläsern eine wichtige Rolle zukommt.

Apropos Stimme und Alter: Vor Van Morrison trat Mavis Staples auf, eine von den legendären Staple Singers. Sie ist 75, kommt mit einer Krücke auf die Bühne, aber dann röhrt sie los, als würden Stimmbänder nicht altern. Die Staples kommen vom Gospel und vom Soul her. Man durfte von Mavis Staples Bekehrungsversuche erwarten. Aber siehe da: Sie sang „Keep Your Eyes on the Prize“, einen zentralen Song der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, und erwähnte ihre Teilnahme am Marsch von Selma nach Montgomery, Alabama, in den sechziger Jahren. Und sie singt, ganz herrlich, „The Weight“ von der Band namens The Band. Mavis Staples und Van Morrison waren ein würdiges Gespann. Irgendwie schade, dass man sie nicht auf einander treffen ließ. Das Jammen ist aus der Mode geraten.

Wer Van Morrison in Stuttgart versäumt hat, muss nicht verzweifeln. Es gibt eine neue DVD, die allerdings dem jungen Morrison gewidmet ist, dem Jahrzehnt 1964-1974. Man erfährt fast alles über sein Leben und seine Karriere und bedauert nur, dass die Songs nicht zuende gesungen werden, die Musik also zu kurz kommt. Was die Dokumentation deutlich macht, ist dies: wie sehr Musiker im Popbereich den kommerziellen Interessen der Produzenten ausgeliefert sind, wie sehr sie, zumal wenn sie so entschiedene künstlerische Vorstellungen haben wie Van Morrison, Kompromisse machen müssen, wenn sie nicht verhungern wollen. Inzwischen hat er es geschafft. In Stuttgart konnte man einen Musiker hören, der sein Ziel erreicht hat. Zu unserem Glück.

Der DVD beigegeben ist eine CD, auf der Van Morrison Interviewfragen beantwortet. Er provoziert nicht, er erzählt keine Anekdoten aus seinem Leben, er antwortet, mehr nicht. Er ist auch hier, was er auf der Bühne ist: ein Musiker, kein Redner. Und erst recht nicht einer, der sich anbiedert. Das überlässt er den Vorgruppen, die alle fünf Minuten brüllen „Hallo Stuttgart! Geht es euch gut?“ und nur noch von der Moderatorin überboten werden. Die aber kann wohl nicht singen.

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erstellt am 19.7.2014

Van Morrison
Van Morrison

Van Morrison
A Glorious Decade Under Review 1964-1974
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pride/in-akustik

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