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Neu erschienene Aufnahmen von Herb Ellis, Dizzy Gillespie & Stan Getz, Ella Fitzgerald sowie eine Neubearbeitung von Vivaldis „Jahreszeiten“ für Violine und Akkordeon: Thomas Rothschild widmet sich diesmal Klassikern.

cd-kritik

Klassiker

Von Thomas Rothschild

Jazz ist, vom Big Band Jazz abgesehen, Kammermusik. Einen wichtigen, wenngleich nicht unverzichtbaren Anteil hat das Zusammenspiel von Solisten und Rhythmusgruppe. Maßgeblich ist zudem die Kombination von Melodie- und Harmonieinstrumenten. Das Klavier kann, im Gegensatz zu den Blasinstrumenten, beide Rollen übernehmen, aber auch die Gitarre, zumal elektrisch verstärkt und somit mit den Bläsern konkurrenzfähig, kann sowohl als Melodie- wie als Harmonieinstrument eingesetzt werden.

Herb Ellis (1921-2010) war neben Barney Kessel, Charlie Byrd und Kenny Burrell einer der bedeutenden Gitarristen jener Generation, die auf den Pionier Charlie Christan folgte. Unter den American Jazz Classics verschiedener Labels, die in-akustik im Vertrieb hat, findet sich eine CD von Herb Ellis, die die beiden LPs „Nothing But the Blues“ und „Herb Ellis Meets Jimmy Giuffre“ aus den Jahren 1957 und 1959 vereint. Im Sound unterscheiden sich die beiden LPs auffällig. Das liegt einmal an der größeren Besetzung bei „Herb Ellis Meets Jimmy Giuffre“ und dann an der Aufnahmetechnik. Auf der ersten LP spielt Ellis im Quintett mit Stan Getz am Tenorsaxophon, Roy Eldridge an der Trompete, Ray Brown am Bass und Stan Levey am Schlagzeug. Auf der zweiten LP gibt es gleich vier Saxophonisten, neben Jimmy Giuffre Art Pepper, Bud Shank und Richie Kamuca, ferner Lou Levy am Piano, Jim Hall an der Rhythmusgitarre, Joe Mondragon am Bass und wiederum Stan Levey am Schlagzeug. Bei dieser üppigen Besetzung sind die Stücke größtenteils durcharrangiert – vier Saxophone, die „Four Brothers“, sind eine klassische Herausforderung für Arrangeure, in diesem Fall Jimmy Giuffre –, für Improvisationen bleibt wenig Raum. Den schönsten Titel findet man am Ende: eine originelle Version von „People Will Say We're In Love“ aus dem Musical „Oklahoma!“.

Herb Ellis trifft man auch auf einer CD an, die unter den Namen von Dizzy Gillespie und Stan Getz herausgekommen ist. Überwiegen auf der Herb Ellis-CD die langsamen Titel, so bevorzugt Gillespie die schnellen Nummern, bei denen er seine Virtuosität und seine Geistesgegenwart unter Beweis stellen kann. Die LP „Diz & Getz“ von 1953 featured neben den beiden Bläsern Oscar Peterson am Klavier, Ray Brown am Bass, Max Roach am Schlagzeug und eben Herb Ellis an der Gitarre: eine All Star Combo also. Dizzy Gillespie wird gemeinhin der Stilrichtung des Bebop zugerechnet, während Stan Getz als Repräsentant des Cool Jazz gilt. Die Aufnahmen beweisen, dass man solche Zuordnungen mit Vorsicht genießen muss. Gillespie gelingt es, Getz zu verführen. Mag sein klanglicher Ansatz auch „cool“ sein (in der Wortbedeutung des Jazz, nicht heutigen Modejargons) – seine musikalischen Erfindungen verdienen durchaus die Qualifikation als Bebop. Fünf Bonus-Tracks stammen von einem Konzert in Seattle, 1956. Hier gesellen sich zu Dizzy Gillespie und Stan Getz der Altsaxophonist Sonny Stitt und John Lewis (p), Percy Heath (b) und Connie Kay (dr) vom Modern Jazz Quartet – auch sie von Haus aus eher dem Cool Jazz als dem Bebop verpflichtet.

Nicht der Queen of Jazz, nicht der absoluten Meisterin des Scat begegnet man auf einer Doppel-CD von Ella Fitzgerald, sondern der Interpretin von Songs aus den Musicals von Rodgers & Hart. Süffige Orchesterarrangement und nur ausnahmsweise eine Big Band begleiten ihren Gesang. Aber sie verdecken nicht den Text, und der ist wichtig, denn Lorenz Hart war ein begnadeter Autor von Songtexten. Seine Reime sind köstlich. Auf „that place“ reimt er „my head is just a hat place“, und man kann sich vorstellen, welchen Slang er bemühen muss, um „girl“ auf „spoil“ zu reimen. Schon lange vor Tom Lehrer und Georg Kreisler dichtete Hart sein schwarzes Lied „To Keep My Love Alive“, in dem die Sängerin die Floskel der Hochzeitszeremonie „Bis dass der Tod uns scheidet“ beim Wort nimmt und ihre Ehemänner reihum umbringt, um die Liebe am Leben zu erhalten. Als Hart dies 1943 für das Revival eines Musicals aus dem Jahr 1927 schrieb, war Kreisler gerade einundzwanzig und Lehrer fünfzehn Jahre alt. Sie könnten hier gelernt haben. Aber auch bei den romantischen Versen überschreitet Lorenz Hart das übliche Niveau schwächerer Musicals oder gar des deutschen Schlagers.

Die 36 Titel aus dem Rodgers & Hart Song Book waren ursprünglich auf einer Doppel-LP enthalten. Die jetzt vorliegende Doppel-CD wird mit nicht weniger als 14 recht unterschiedlichen Bonus Tracks aufgefüllt. Es sind alle Aufnahmen, die Buddy Bregman zwischen 1956 und 1958 für Ella Fitzgerald arrangiert hat mit Ausnahme des „Cole Porter Song Book“. Es ist eigentlich nicht sinnvoll, bei großen Besetzungen einzelne Musiker hervorzuheben. Aber der unverwechselbare spitze Klang von Maynard Fergusons Trompete, der in einigen Stücken Ellas Stimme umspielt, soll doch genannt werden. Und der Gitarrist, der meist im Hintergrund bleibt, in „Wait Till You See Her“ aber doch solistisch zur Geltung kommt, ist Barney Kessel.

Nicht bei in-akustik, sondern bei Naxos ist das Label OehmsClassic in Vertrieb. Gidon Kremer hatte die Idee, mit seiner Kremerata Baltica Antonio Vivaldis Violinkonzertzyklus „Die Vier Jahreszeiten“ mit einer ebenfalls den Jahreszeiten gewidmeten Komposition von Astor Piazzolla zu kombinieren. Das Ergebnis, das er auch live aufführte, liegt als CD unter dem Titel „Eight Seasons“ vor. Nun haben die Violinistin Sinn Yang und der Akkordeonist Harald Oeler, die Gidon Kremer im Begleitheft auch als Anregung nennen, diese Doppelpartie eingespielt.

Vivaldis „Jahreszeiten“ sind schon für unzählige Instrumente und Instrumentengruppen bearbeitet worden. Warum also nicht, zumal in der Nachbarschaft von Piazzolla, für Geige und Akkordeon? Ob einem das zusagt, ist wohl Geschmacksache.

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erstellt am 18.7.2014

Herb Ellis
Meets Stan Getz, Roy Eldrige, Art Pepper & Jimmy Giuffre
Phoenix 131611

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Dizzy Gillespie & Stan Getz
Diz & Getz
American Jazz Classics 99079

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Ella Fitzgerald
Sings the Rodgers & Hart Song Book
Essential Jazz Classics EJC55641 (2 CD)

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Sinn Yang, Harald Oeler
Vivaldi/Piazolla: Acht Jahreszeiten
OehmsClassic OC429

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