In dem folgenden Brief berichtet der spätere Leiter der Hamburger Kunsthalle Alfred Hentzen (1903-1985) von einem Besuch bei Ewald Mataré gemeinsam mit dem Galeristen Alex Vömel im Kälte- und Hungerwinter 1947.

Besuch bei Mataré

Es war einer der kältesten Winter, die ich erlebt habe und der Winter, an dem es am wenigsten zu essen, zu trinken und zu heizen gab. Wochenlang Temperaturen zwischen -20° und -30° Celsius. Abends saßen wir in Mäntel und Decken gehüllt neben einem kleinen Kanonenofen, der mit zwei oder drei Briketts kaum warm geworden war, tranken eine Flasche Rotwein (eine Rarität ersten Ranges um diese Zeit) und beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam Mataré zu besuchen.

Der wohnte in Büderich in der Poststraße, aber es war 1947 keineswegs einfach dorthin zu kommen, weil die Rheinbrücke gesprengt war. So fuhren wir in einem eiskalten Zug nach Neuss, wo die Eisenbahnbrücke den Krieg überstanden hatte. In Neuss standen wir mit vielen anderen frierenden Menschen lange in der Kälte und warteten auf die Straßenbahn. Als endlich eine kam, waren es zu viele, um mitgenommen zu werden. Ein Frierender schlug im Zorn eine Fensterscheibe der Bahn mit der Faust ein, was ihm aber auch nichts half. So mussten wir noch eine halbe Stunde auf die nächste Bahn warten und vielleicht noch länger. Die große Reise von Düsseldorf nach Büderich dauerte volle vier Stunden. Wir wurden für unsere Ausdauer belohnt. Als wir völlig durchgefroren in dem großen Atelier von Mataré ankamen, waren schon etwa dreißig Freunde versammelt. Es gab ein großes Hallo. Mataré hatte eine Plastik an einen Weingutbesitzer verkauft und sich in Naturalien bezahlen lassen. So hatte er 50 Flaschen Weißwein und 50 Flaschen Rotwein. Das war damals wie ein Wunder, das noch vergrößert wurde durch die unglaubliche Tatsache, dass es auch zu essen gab: Brot, Roastbeef, Käse in der Zeit der schärfsten Lebensmittel-Rationierung – es war nicht zu fassen. Wir beschlossen, dort zu bleiben, bis alles aufgegessen und ausgetrunken wäre, und so geschah es.

Es wurde ein höchst vergnügtes Fest. Albert Schulze-Vellinghausen, den ich an diesem Abend kennen lernte, las ein langes, selbstverfasstes Gedicht auf Mataré vor, in dem ein Vers vorkam: „ … mit endlos liebevoller Mühe, macht er sein Leben lang nichts als Kühe” – oder so ähnlich. Das Gedicht hatte großen Erfolg. Als es dunkel geworden war, nahm Mataré Alex mit in das benachbarte Wohnhaus. Alex hatte ihm zum 50. Geburtstag eine Magnumflasche Französischen Cognac geschenkt – auch damals schon eine Rarität. Mataré hatte sie mit dem Spender nur halb entleert und sie dann im Garten vergraben für den 60. Geburtstag. Vorsorglich hatte er sie vor dem Ausbruch des Frostes ausgegraben, und nun sollte davon getrunken werden. Alex wollte mich mitnehmen, was aber nicht gestattet war. Die beiden kamen noch beschwingter zurück, als sie gegangen waren. Aber die Flasche war nicht leer. Mataré hat sie nach Ende des Frostes wieder eingegraben – für den 70. Geburtstag – aber an dem habe ich nicht teilgenommen.

Als alles ausgetrunken war, saßen wir mit den letzten Gästen schlafend um den schwach geheizten Kachelofen herum, bis die erste Straßenbahn nach Neuss uns den Rückweg ermöglichte. Wir haben früher und später noch schöne Feste gemeinsam gefeiert, aber dieser Geburtstag von Mataré ist uns vor dem grauen Hintergrund jener Zeit der Kälte und Entbehrungen ganz besonders unvergesslich.

Briefauszug, abgedruckt im Katalog „Ewald Mataré“, Galerie Vömel (Hrsg.), Düsseldorf 2010

Ewald Mataré (1887-1965) hat bei Lovis Corinth in Berlin Malerei studiert und sich 1920 der Bildhauerei zugewandt. Seine Berufung an die Düsseldorfer Akademie 1932 endete bereits im Jahr der Machtergreifung. Sein Werk galt im Nationalsozialismus als „entartet“. Nach dem Krieg begann eine fruchtbare Lehrtätigkeit an der Düsseldorfer Akademie. Zu seinen Schülern gehörten Erwin Heerich, Günter Haese, Georg Meistermann und Joseph Beuys. Bekannt sind Matarés Tierdarstellungen so wie Werke religiöser Themenkreise. Als ein Meisterwerk gelten die vier Bronzetüren am südlichen Querschiff des Kölner Doms, die 1954 unter Mitarbeit seiner Meisterschüler Joseph Beuys und Günter Haese vollendet wurden.

Alex Vömel, zunächst Geschäftsführer der berühmten Galerie Flechtheim, übernahm diese 1933, als Flechtheim von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurde, und führte sie unter seinem eigenen Namen weiter. Die im Zuge der „Arisierung“ der Galerie verkauften Werke der Sammlung Flechtheim beschäftigen zurzeit einige deutsche Museen. Die Erben Flechtheims erheben Restitutionsansprüche u.a. gegenüber dem Museum Ludwig in Köln, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, der Staatsgalerie Stuttgart und den Staatlichen Museen Berlin.
Die Räume der heutigen Galerie Vömel, von Alex Vömels Sohn Edwin geführt, befinden sich im alten Stadtpalais in der Düsseldorfer Orangeriestraße. Der Schwerpunkt der Galeriearbeit umfasst Werke der Klassischen Moderne.
Galerie Vömel

Der im Brief erwähnte Albert Schulze Vellinghausen (1905-1967) war als Kritiker (u.a. Frankfurter Allgemeine Zeitung unter dem Kürzel ASV), Buchhändler („Bücherstube am Dom“ in Köln) und Übersetzer tätig. Er hat während der Zeit des Nationalsozialismus verfemte Künstler mit Ankäufen unterstützt. Seine Sammlung mit Werken von u.a. Josef Albers, Günter Fruhtrunk, H.A.P. Grieshaber, Joseph Beuys, Lucio Fontana, Otto Piene, Victor Vasarély, Cy Twombly hat er der Ruhr-Universität Bochum vermacht mit der Auflage, durch Ankäufe zu erweitern. Albert Schulze Vellinghausen gehörte dem „documenta-Rat“ der 4. documenta von 1968 in Kassel an.

erstellt am 21.12.2010

Ewald Mataré

Bilder von Ewald Mataré

Doppelhuhn

Doppelhuhn

Farbholzschnitt, 1963-64
Signiert, 4 Exemplare bekannt,
Mataré/de Weert Nr. 414
41,5 × 36,5 cm
Courtesy: Galerie Vömel, Düsseldorf

Landschaft

Abstrakte Landschaft

Holzschnitt 1932/33, aquarelliert (Unikat)
Signiert, Mataré/de Weert Nr. 285
27,7 × 41,8 cm
Courtesy: Galerie Vömel, Düsseldorf

Pferd

Finnisches Pferd

Bronzeguss 1929 – 30, monogrammiert
Schilling 66 b
Höhe 25 x B 24 x T 6,5 cm
Courtesy: Galerie Vömel, Düsseldorf