Die Begeisterung des Publikums bei den diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspielen mündete zuweilen in jenes rhythmische Klatschen, das man früher einmal bei kommunistischen Parteitagen als Ausdruck des Konformismus belächelt hat, beobachtet Thomas Rothschild.

ludwigsburger festspiele

Zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2014, Teil 4

Von Thomas Rothschild

Vor sieben Jahren lockten die Salzburger Festspiele mit den Namen Anna Netrebko und Elīna Garanča zu Pergolesis „Stabat mater“. Die Rechnung ging auf, die Karten waren im Nu ausverkauft. Dann sagte zunächst die Netrebko wegen einer Indisposition ab und kurz vor dem Konzerttermin folgte ihr, ohne Begründung, Elīna Garanča. Für die beiden Stars sprangen Christine Schäfer und der Countertenor Andreas Scholl ein. Der „Ersatz“ erwies sich als Sensation. Publikum und Kritik waren sich in ihrer Begeisterung einig.

Bei den Ludwigsburger Festspielen nun wurde das „Stabat mater“ gleich mit zwei Countertenören der auf Andreas Scholl folgenden Generation besetzt, mit Philippe Jaroussky und dem noch jüngeren Valer Sabadus. Das entspricht der historischen Tatsache, dass zu Pergolesis Zeit Kastraten und nicht Frauen eingesetzt wurden. Sabadus sang den Sopranpart, Jaroussky den Alt. Sowohl die makellose Schönheit der Stimmen wie auch Technik und Sauberkeit der Intonation rechtfertigten die Standing Ovations am Ende. Der stürmische Applaus galt zwar in erster Linie den beiden Sängern, aber auch L'Arpeggiata mit einer nicht alltäglichen Besetzung unter der bewährten Leitung von Christina Pluhar, die mit dem Rücken zum Publikum zugleich die Theorbe spielt. Sie kann inzwischen den Theatersaal des Forums am Schlosspark bis auf den letzten der mehr als 1200 Plätze füllen.

Aber schon vor dem „Stabat Mater“ verführte das Ensemble zu Begeisterungsstürmen, mit Georg Friedrich Händels „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“ aus „Laudate pueri Dominum“, das auf Arien von Händel und Antonio Caldara folgte. Nicht ohne Berechnung wiederholten sie dieses Stück als Zugabe.

Standing Ovations auch für Martha Argerich und Lilya Zilberstein. Letztere hatte ihre Söhne Anton und Daniel Gerzenberg mitgebracht und Martha Argerich ihren Schützling Akane Sakai. In unterschiedlichen Kombinationen spielten die fünf Pianisten an zwei Flügeln Werke von Mozart, Mendelssohn, Schumann, Ravel und Rachmaninow. Auch hier wohlkalkuliert waren die Zugaben: Es spielten zunächst Martha Argerich und Lilya Zilberstein Darius Milhauds lateinamerikanisch mitreißende „Brasileira“ aus der Suite „Scaramouche“ für zwei Klaviere, Argerich dann mit Akane Sakai die „Danse sacrale“ aus Igor Strawinskis „Sacre du printemps“ und noch einmal Argerich und Zilberstein mit den Brüdern Gerzenberg Smetanas Rondo C-Dur für zwei Klaviere zu acht Händen.

Der Reiz von Klaviermusik zu vier Händen – an einem oder an zwei Flügeln – oder gar zu acht Händen besteht in der Herausforderung, einen einheitlichen, stimmigen Klang zu erzeugen. Das mag eine Erklärung dafür sein, dass die Pianistinnen und Pianisten, die in Ludwigsburg zusammen auftraten, seit längerem regelmäßig mit einander musizieren. Das Ergebnis ist frappierend. Mit geschlossenen Augen kann man kaum identifizieren, wer gerade die führende Stimme übernommen hat. Dazu kommt die ungemeine rhythmische Präzision des Zusammenspiels. Und Martha Argerich, ohne Zweifel die Grande Dame und der Star des Abends, beanspruchte keine Sonderposition. Sie war eine von fünf. Ein schönes Beispiel, über den Konzertsaal hinaus.

Ein Programmschwerpunkt der Ludwigsburger Schlossfestspiele liegt auf ungewöhnlichen Ensembles, ein anderer auf der Erweiterung des Repertoires. Heinrich Ignaz Franz Biber stand am Anfang der Originalklangbewegung. Nikolaus Harnoncourt wies mit großer Leidenschaft auf seine Bedeutung hin. Heute ist Biber kein Geheimtipp mehr, aber dass er den Konzertalltag bestimmte, kann man nicht behaupten. Auch Rüdiger Lotter pflegt die historische Aufführungspraxis, die allerdings bei Biber heute eher die Regel als die Ausnahme ist. In Ludwigsburg spielte der Violinist sämtliche Rosenkranzsonaten an einem Abend in folgender Besetzung gespielt: Hille Perl, Gambe, Lee Santana, Laute, und Olga Watts, Cembalo und Orgel. Die Rosenkranzsonaten enthalten mehrere virtuose Abschnitte, die über das im Barock Übliche hinausweisen. Rüdiger Lotter aber produziert sich nicht als „Teufelsgeiger“, sondern integriert die Passagen, in denen der Geiger seine Kunstfertigkeit demonstrieren kann, in den Gesamtcharakter der eher introvertierten Kompositionen. Das Vergnügen wurde lediglich dadurch geschmälert, dass die Schlosskirche ein zwar optisch ansprechendes, aber akustisch für diese intime Musik ungeeignetes Ambiente abgibt und einem schon protestantische Leidensfähigkeit abverlangt wird, wenn man drei Stunden auf den schmalen Bänke ausharren will. Biber verlangt für jede der 15 Sonaten eine andere Saitenstimmung. Das verlängert den Abend. Die Freunde alter Musik konnte das nicht abschrecken. Das Konzert war ausverkauft, die Zuhörer kamen auf ihre Rechnung. Wer sagt da, nur leichte Kost habe Chancen?

Über Jahre hinweg dachte man bei uns im Zusammenhang mit südafrikanischer Musik nur an Miriam Makeba und Hugh Masekela. Es ist höchste Zeit umzudenken. Ein südafrikanisches Orchester, in dem zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid schwarze und weiße Jugendliche zusammen spielen, als wäre das immer schon das Selbstverständlichste von der Welt gewesen, wäre selbst dann ein Verdienst, wenn der Output nur mittelmäßig wäre. Aber das MIAGI Youth Orchestra überrascht mit einem makellosen, satten Klang, an dem nichts amateurhaft wirkt. Lediglich rhythmische Ungenauigkeiten und Verschleifungen unterlaufen den jungen Musikern, wenn sie ihr Dirigent Brandon Phillips zu allzu schnellem Tempo antreibt. Er scheint es eilig zu haben.

Das gilt vor allem bei Schostakowitsch, mit dem das Konzert beginnt. Auf dem Programm steht seine „Suite für Varieté-Orchester“, die man bis vor ein paar Jahren für die verschollene und erst 1999 wiederentdeckte „Jazz-Suite Nr. 2“ hielt. Bekannt ist sie vor allem durch den zweiten Walzer, der unzählige Male für Filme, Fernsehsendungen und Theaterinszenierungen ausgebeutet wurde. Auf Schostakowitsch folgten Beispiele für den nun schon ein halbes Jahrhundert anhaltenden Third Stream, die Symbiose von Jazzband und Symphonieorchester. Der Schwede Anders Paulsson steuerte eine „Celebration Suite“ zur Feier von zwanzig Jahren Demokratie in Südafrika bei, die auf populären Melodien basiert und bei der Paulsson selbst das Solo-Sopransaxophon blies. Zwei weitere Kompositionen stammten von den Südafrikanern Gideon Nxumalo und Ilke Lea Alexander.

Schließlich übernahm der dreiundzwanzigjährige Saxophonist und Komponist Tshepo Tsotetsi den Dirigentenstab und machte, mit Baseballmütze und schlaksigem Gang, den Clown. Das Orchester, das sich in etwas veränderter Formation New Skool Orchestra nennt, folgte ihm in seinem sehr uneuropäischen, körperlichen Zugang zur Musik: locker, fröhlich, übermütig. Am Ende tanzte das ganze Orchester. Das atmete den Geist der Anarchie. Merkwürdig nur, dass die Begeisterung des Publikums in jenes rhythmische Klatschen münden musste, das man früher einmal bei kommunistischen Parteitagen als Ausdruck des Konformismus belächelt hat. Lauter Kommunisten bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen?

Ein paar Stunden zuvor und zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid lieferten Mario Götze, Miroslav Klose, Toni Kroos, André Schürrle, Shkodran Mustafi und Roman Weidenfeller ihren musikalischen Tribut. Beim Empfang der Weltmeister in Berlin sangen sie, bejubelt vom Publikum, mit gebückter Körperhaltung: „So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so“. Dann sang das Fußballersextett aufrecht: „So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so“. Irgendwie scheint ungezügelte Freude die unschönen Seiten im Menschen zum Vorschein zu bringen. Die deutschen Medien haben den Vorfall heruntergespielt. Im Ausland sah man es anders.

So ist das halt. Es soll sogar Menschen geben, die der Tod von Gert Voss am Sonntag mehr berührt hat als der Sieg der deutschen Fußballmannschaft. Sie sollten wohl gebückt gehen wie die „Viehzüchter“, die Gauchos.

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erstellt am 16.7.2014

L'Arpeggiata mit Philippe Jaroussky. Foto © Michael Uneffer

Martha Argerich. Foto © Adriano Heitman

Rüdiger Lotter. Foto © Arne Schultz

MIAGI Youth Orchestra & New Skool Orchestra. Foto © Kai Bienert / MIAGI