In der ersten Folge seiner Reihe „Holzwege“ berichtet Otto A. Böhmer vom Philosophen Zenon, der sich um den Zustand der Säulenhalle Stoa sorgt, von seinem Schüler Nikidion und von dessen handwerklich begabten, aber philosophisch desinteressierten Vettern, die Zenon zu Hilfe kommen.

holzwege

Eine Beule, Meister, nicht mehr

Der Philosoph Zenon von Kition

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Zenon machte sich Sorgen. Seit gerau­mer Zeit schon knisterte es im Gebälk der Säulenhalle, in der er zu lehren und seine Schüler um sich zu versammeln pflegte. Der Putz rieselte herab, der Mörtel bröckelte, und am Boden kam das gefräßige Schwammgras zum Vorschein, das sich mit Vorliebe in jenen Gebäuden ausbreitete, denen eine gewisse Verwahrlo­sung nicht abzusprechen war. Vor einigen Tagen hatte sich sogar ein mittelgroßer Stein gelöst, der glücklicherweise nicht Zenon selbst, sondern nur seinen unbegab­testen Schüler, Nikidion, am Hinterkopf traf; Nikidion kam mit einer kleinen Beule davon, wusste dafür aber in dem eine Stunde später stattfindenden philosophischen Gespräch zur allgemeinen Verblüffung mit drei mehr oder weniger klugen Antworten aufzuwarten, die ihm kein Mensch zugetraut hätte. Möglicherweise stimmt sie doch, dachte Zenon, diese sehr seltsame, von Pla­tons Neffen Speusippos ausgeheckte Theorie, welche besagt, dass leichte Schläge auf den Hinterkopf die Denkfähigkeit befördern.
Auf jeden Fall stand es um ihre Säulenhalle, die Stoa, nicht mehr zum besten; man würde vorsichtige Renovierungsarbeiten einleiten müssen, um der Baufälligkeit Herr werden zu können. Zenon, dem ein gewisser Geiz nachgesagt wurde, sah enorme Kosten auf sich zukommen; man müsste Handwerker finden, die für den Lohn der Weisheit schaffen, dachte er. Geschickte, bescheidene, überaus fleißige und an Strapazen gewöhnte Männer, denen es eine Ehre ist, in unserer Stoa tätig zu sein. Sie könnten dort arbeiten, während ich mich freundlicherweise bereit erklären würde, ihnen, gegen eine geringe Gebühr oder, zur Not, auch unentgeltlich, einige wichtige Gedanken zur Philosophie vorzutragen, die ihrem dumpfen Handwerkerda­sein ungeahnte Glanzlichter der Erkenntnis aufgehen lassen. Zenon war eingefallen, dass Nikidion zwei Vet­tern hatte, die in einem Baugeschäft arbeiteten, und so nahm er denn seinen Schüler bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit beiseite. „Mein lieber Nikidion“, sagte er. „Was macht die Verletzung, die deinen Schädel auf so traurige Weise schmückt?“ „Eine Beule, Meister, nicht mehr“, erwiderte Nikidion. „Kaum der Rede wert.“ „Du bist ein tapferer junger Mann“, sagte der Philosoph und legte seinem Schüler, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, den Arm um die Schulter. „Da ist noch etwas anderes, Nikidion“, fügte Zenon hinzu. „Du weisst, wie sehr ich um euer Wohlergehen besorgt bin.“ „Das ist bekannt“, murmelte Nikidion. „Und des­halb“, sagte der Philosoph, „kann und will ich nicht tatenlos mit ansehen, wie die Gefahren zunehmen, die sich aus der beklagenswerten Hinfälligkeit ergeben, in die unsere Stoa, ohne unser Zutun, geraten ist. Kurzum: Ich habe mich entschlossen, die Säulenhalle, oder sagen wir: zumindest ihren vorderen Teil, in dem jener bedauerliche Vorfall sich zutrug, der dir eine Beule einbrachte, renovieren zu lassen.“ „Aber das kostet Geld, Meister“, stammelte Nikidion. „Geld, das wir nicht haben“, sagte Zenon. „Aber du hast doch, wenn ich recht informiert bin, den einen oder anderen Vetter, der Handwerker ist und sich im Baugewerbe nützlich macht?“ „Das stimmt“, sagte Nikidion, „Dropides und Hikesias.“ „Namen tun nichts zur Sache“, sagte Zenon. „Ich bin sicher, daß es deinen Vettern eine Ehre sein wird, in der Stoa, diesem Ort nahezu uneingeschränkter Weisheit, wirken zu dürfen.“ „Ihr meint, sie sollen die Renovierungsarbeiten umsonst machen?“ fragte Niki­dion. „Ich bitte dich“, sagte Zenon, „traust du mir so etwas zu? Es ist bekannt, dass ich ein äußerst freigebiger Mensch bin. Natürlich wird man deine Vettern entloh­nen. Sie werden sogar erstaunt sein, ja bestürzt, wenn ihnen aufgegangen ist, mit welcher Großzügigkeit ich ihre Mithilfe bedacht habe. Also, mein bester Nikidion, sprich mit deinen Vettern und bitte sie, recht bald schon bei uns anzufangen.“ Zwei Tage später erschienen Dro­pides und Hikesias in der Stoa und begannen mit ihrer Arbeit. Zenon schaute ihnen zu, was die beiden Hand­werker mit deutlichem Missvergnügen zur Kenntnis nahmen. „Meine Freunde“, rief der Philosoph frohge­mut aus. „Ich merke, dass ihr Zuspruch braucht, eine Aufmunterung für euer Tun. Ich will sie euch geben. Ihr, die ihr eine Arbeit verrichtet, für die man im allgemeinen nur wenig Verstand benötigt, werdet gleichwohl von der Philosophie gehört haben, mit der sich, Ausnahmen bestätigen die Regel, nur die fähigsten Köpfe abgeben sollten. Von ihr, der Philosophie, will ich euch berichten, auf dass ihr Einsicht erhaltet in die Grundzüge der Weisheit und danach mit großer Erleichterung sagen könnt: Wie dumm sind wir doch noch am Morgen auf unsere Leitern gestiegen, und wie vorbildlich belehrt dürfen wir des Abends wieder herabklettern.“

Zenon lachte und ging vor einer beschädigten Säule auf und ab. Der Philosoph redete und redete; er schien die Philosophie mit einem nicht enden wollenden Wortschwall einkreisen zu wollen, aus dem es kein Entrinnen gab. Als es Abend wurde, stellten die beiden Handwerker ihre Leitern beiseite und verschwanden spurlos. Sie blieben auch am nächsten Morgen ver­schwunden, als Zenon auf die Minute pünktlich in der Säulenhalle erschien, dort aber nur den sichtlich verlege­nen Nikidion vorfand. „Wo sind denn deine Vettern?“ fragte der Philosoph mit strenger Miene. „Sie lassen dich grüßen, Meister“, sagte Nikidion. „Arbeiten sollen sie“, knurrte Zenon, „grüßen kann ich mich selber. Warum sind sie nicht zu ihrem Dienste erschienen?“ „Sie wollen erst dann wieder für dich arbeiten, wenn du ihnen versprichst, mit deinem Vortrag über die Philoso­phie aufzuhören“, sagte Nikidion. „Und was verspre­chen sie mir dafür?“ fragte Zenon. „Dass der vordere Teil der Stoa kostenlos renoviert wird“, sagte Nikidion. „Einver­standen“, meinte der Philosoph. „Auch wenn mich der Gedanke bedrückt, dass deine Vettern nun auf so viel verzichten müssen.“

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erstellt am 15.7.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Zenon von Kition
Zenon von Kition