Der Slogan „Das Recht auf die Stadt“ hat in den letzten fünfundvierzig Jahren eine enorme Karriere gemacht. Nur die wenigsten wissen aber, dass er zunächst der Titel eines in historischer Perspektive herausgearbeiteten Manifests von Henri Lefebvre war. Klaus Ronneberger stellt den französischen Philosophen anlässlich der Wiederauflage seiner „Revolution der Städte“ vor.

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„Die Revolution der Städte“ wieder lesen

Von Klaus Ronneberger

Man muss der Europäischen Verlagsanstalt dankbar dafür sein, dass sie den in Deutschland seit langem vergriffenen Klassiker Die Revolution der Städte wieder auflegt. (1) Obwohl Lefebvres Buch inzwischen über vierzig Jahre alt ist, bietet es immer noch wichtige Referenzpunkte für eine gegenwärtige Urbanismuskritik.

Henri Lefebvre (1901-1991) wirkte zu einer Zeit, da der Sozialismus dem Kapitalismus als wirkliche Alternative gegenüberstand. In Ländern wie Frankreich oder Italien stellten die kommunistischen Parteien noch bis zum Ende des Fordismus in den achtziger Jahren einen wichtigen politischen Faktor dar. Den größten Teil seines politischen Lebens hat Lefebvre an zwei Fronten gleichzeitig gekämpft: als Kritiker des kapitalistischen Gesellschaftssystems ebenso wie als Kritiker des dogmatischen Marxismus. (2) In vielen Punkten setzte sich der unabhängige Denker über die Programmatik der orthodoxen Linken hinweg, die vor allem auf die Eroberung des Staatsapparats und die zentralisierte Planung der Produktion durch die organisierte Arbeitermacht abzielte. Lefebvre hingegen erklärte den Alltag zur entscheidenden Kategorie: Er bilde den Zusammenhang zwischen der Ökonomie und der Lebenspraxis der Individuen. Alles was in den »höheren« Sphären der gesellschaftlichen Praxis (Staat, Politik, Wissenschaft) produziert werde, müsse sich im Alltag bewähren. Aus heutiger Sicht mag das banal erscheinen, aber in der Nachkriegszeit hatten sich die Sozialwissenschaften (im Gegensatz zur Philosophie) mit diesem Phänomen kaum beschäftigt.

Zur Stadtforschung kam Lefebvre, der nicht nur Philosoph, sondern auch Agrarsoziologe war, eher auf indirektem Wege: Während er in den fünfziger Jahren den Wandel des Alltagslebens, insbesondere im ländlichen Raum, erforschte, wurde er zunehmend mit den sozialen Auswirkungen der fordistischen Industrie- und Raumpolitik konfrontiert (Bocquet 2012, S. 42). Das noch stark ländlich geprägte Frankreich erlebte damals einen massiven Urbanisierungsschub. Mehr und mehr wurde Lefebvre bewusst, dass das »Städtische« die Widersprüche der modernen Gesellschaft am deutlichsten zum Ausdruck brachte. Der französische Philosoph erlebte die Auswirkungen des modernen Urbanismus auch am eigenen Leibe. Unweit seines Herkunftsortes, einem Marktflecken in den Pyrenäen, wohin er sich immer wieder gerne zurückzog, wurde Ende der fünfziger Jahre eine Retortenstadt aus dem Boden gestampft. Lefebvre konnte die sozialräumlichen Effekte des funktionalen Städtebaus sozusagen unter Laborbedingungen studieren. In seinen »Notizen zur Neuen Stadt« packt ihn angesichts der »Wohnmaschinen« das blanke Entsetzen (Lefebvre 1978 [1962], S. 143). Zwischen 1968 und 1974 veröffentlichte er in schneller Folge eine Reihe von Publikationen, die sich explizit mit dem Thema Urbanismus und Raum auseinandersetzen. (3)

[…]

Urbane Form und Zentralität

Obwohl die Stadt mit der umfassenden Urbanisierung keine eigene Produktions- und Lebensweise mehr darstellt, verliert sie nach Lefebvre nicht ihre spezifische Funktion der Zentralität. Bereits in Le droit à la ville erläutert er diese These anhand der historischen Entwicklung: In der antiken Stadt ist das Zentrale mit einem leeren Raum verbunden, der entweder den Stadtbürgern als Versammlungsort dient (die griechische Agora) oder als Mittelpunkt des politischen, ökonomischen, kulturellen und religiösen Lebens fungiert (das römische Forum). Die mittelalterliche Stadt versammelt Händler und Waren auf dem Marktplatz, einem wirtschaftlichen Zentrum, das sich durch seine Nähe zur Kirche und die Exklusion all derjenigen auszeichnet, die seine grundlegenden Funktionen stören könnten. Die kapitalistische Stadt wiederum produziert einen zentralen Kommerzraum (City); die Stadtkerne regenerieren sich als Orte des Konsums und als konsumierbare Orte. Schließlich entwickeln sich im »Neokapitalismus« die Metropolen zu Entscheidungszentren der multinationalen Konzerne und der Finanzökonomie. Die Verdichtung von ökonomischem Reichtum, Macht und Wissen nimmt in solchen »Weltstädten« eine neue Qualität an (Lefebvre 2009b [1968], S. 119 ff.). Die Eliten besetzen und bewohnen (zum Teil) diesen privilegierten Raum, ohne dass er ihnen notwendigerweise vollständig gehört. Um sie herum existieren soziale Gruppen, die subalterne Dienstleistungen für die gehobenen Klassen erbringen (ebd., S. 110 f.). Assoziationen zur späteren Global City-Theorie drängen sich hier auf (Schmid 2005, S. 187).

Zentralität als bloße Form – genau diese Prämisse erlaubt Lefebvre eine historische Herangehensweise. Den jeweiligen geschichtlichen Konstellationen entsprechend, zentralisiert die Stadt unterschiedliche Momente der sozialen Praxis (Vöckler 2013, S. 72). Lefebvre resümiert: »Wir haben das Wesen des Phänomens der Verstädterung in der Zentralität entdeckt, aber in einer Zentralität, gekoppelt mit der dialektischen Bewegung, die sie einsetzt und zerstört, sie schafft oder zerbricht. Der Sinn des urbanen Raum-Zeit-Gebildes ist darin zu sehen, dass jeder Punkt zentral werden kann. Die Zentralität ist nichts Indifferentes, im Gegenteil, sie bedarf des Inhalts. Dieser Inhalt jedoch kann irgendein Inhalt sein. Anhäufung von Projekten und Produkten in Lagern, Berge von Obst auf den Märkten, Menschenmassen, Leute, die sich gegenseitig auf die Füße treten, Zusammenballungen vielfältiger, nebeneinander, übereinander liegender, zusammengetragener Objekte: das macht die Stadt aus.« (4) (Lefebvre 1972a, S. 126)

Für Lefebvre beruht der Vorzug der städtischen Zentralität vor allem auf der »Gleichzeitigkeit«: Aus dem synchronen Zusammentreffen unterschiedlichster Elemente der Gesellschaft um einen Dichtepunkt kann etwas Unerwartetes, Neues und Produktives entstehen: »Alles, was andernorts entsteht, reißt die Stadt an sich: Früchte und Objekte, Produkte und Produzenten, Werke und schöpferisch Tätige, Aktivitäten und Situationen. Was erschafft sie? Nichts. Sie zentralisiert die Schöpfungen. Und dennoch, sie erschafft alles. Nichts existiert ohne Austausch, ohne Annäherung, ohne Nähe, ohne Beziehungsgefüge also. Sie schafft eine, die urbane Situation, in der unterschiedliche Dinge zueinanderfinden und nicht länger getrennt existieren, und zwar vermöge ihrer Unterschiedlichkeit.« (Ebd., S. 127) Mit »Zentralität« ist nicht nur der Raum der Kernstadt gemeint. Die Dynamik des Urbanisierungsprozesses lebt vielmehr vom Gegensatz zwischen Zentralisierung und Zerstreuung: »Jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert. So dass jeder städtische Raum in sich dieses Möglich-Unmögliche trägt, seine eigene Negation. Jeder städtische Raum war somit, ist und wird konzentrisch und poly-(multi-)zentrisch sein.« (Ebd., S. 46)

Zentrum und Peripherie sind somit als relationales Modell räumlicher Beziehungen zu verstehen, die sich in nicht eindeutig voraussagbaren Formen manifestieren (Cluster, Knoten, Patchwork). Die bislang monozentrisch geformten Agglomerationen transformieren sich zu polyzentrischen Gebilden, die aus einem Geflecht unterschiedlicher Standorte bestehen (Ronneberger/Schmid 1995, S. 365). Darüber hinaus betont die Urbanistik in den letzten Jahren wieder verstärkt die ökonomische Bedeutung städtischer Zentralität. Man denke nur an das Leitbild von der »kreativen Wissensstadt« oder an die »Cluster«-Standortstrategie, wo es um Innovationen und die Steigerung sozialer Produktivität geht.

Das Recht auf die Stadt

Der Zugang zur gesellschaftlichen Ressource »Zentralität« wird nach Lefebvre von den herrschenden Mächten (Kapital und Staat) kontrolliert. Es ist deshalb kein Zufall, dass der Philosoph 1968 – dem Jahr der internationalen Studentenbewegungen – in dem Manifest Le droit à la ville erstmals das »Recht auf die Stadt« einfordert. Bei diesem Slogan geht es weder um ein Besuchsrecht in der Stadt noch um die Rückkehr zur historischen Stadt, sondern um eine grundsätzliche Staats- und Herrschaftskritik. Lefebvre formuliert das »Recht auf die Stadt« weniger aus einer juridischen Perspektive, sondern versteht es vornehmlich als Forderung all jener, die unter dem reglementierten städtischen Alltag leiden oder in irgendeiner Weise marginalisiert werden: Jugendliche, Frauen, Migranten, Kolonisierte, Arbeiter und Intellektuelle.

Allerdings lassen sich in den Schriften Lefebvres Sinnverschiebungen ausmachen: In Le droit à la ville geht es um das »Recht auf die Stadt«. Doch seit La révolution urbaine hat der Begriff »Stadt« für Lefebvre nur noch eine ideologische Bedeutung. Nun ist vom »Recht auf Zentralität« oder dem »Recht auf die Straße« die Rede, das mit einem Projekt der allgemeinen Selbstbestimmung (autogestion) verknüpft werden müsse (Lefebvre 1972a, S. 160). Später spricht er vom »Recht auf die Differenz«, und schließlich geht es ihm um einen neuen politischen Vertrag über die »Bürgerschaftsrechte« (contract de citoyenneté), da sich die Verkopplung von Stadtbewohner (citadin) und Staatsbürger (citoyen) aufgelöst habe (vgl. Gilbert/Dikeç 2008).

Vor allem das »Recht auf die Differenz« hat für gewisse Missverständnisse gesorgt. In der angloamerikanischen Debatte gilt Henri Lefebvre unter anderem deshalb als Wegbereiter eines postmodernen Denkens. Doch hier ist Vorsicht geboten. Einerseits setzt der französische Philosoph den Begriff der »Differenz« mit Trennung und Absonderung gleich und verweist dabei auf verbotene, illegitime und subversive Aktivitäten. Die Kräfte der Homogenisierung (Industrie, Technokratie) versuchten diese Praktiken entweder zu »rekuperieren« oder zu »liquidieren« (Lefebvre 1991 [1974], S. 373). Es geht ihm nicht um eine Differenzpolitik, die auf Individualismus und Pluralismus abzielt, sondern um eine widerständige Praxis gegen die kapitalistische Normalisierung und Normierung. Andererseits thematisiert Lefebvre die Exklusions- und Segregationseffekte der urbanistischen Raumorganisation. Aus dieser Perspektive steht das »Recht auf die Stadt« für eine Partizipation an der städtischen Zentralität (Information, Soziabilität, Vergnügen etc.), die letztlich nur durch soziale Kämpfe erstritten werden kann. Diese widersprüchliche Konstellation versucht Lefebvre dialektisch zu fassen: »Der Fortbestand von Konflikten zwischen Unterschieden und Eigenheiten ebenso wie von denen zwischen den gegenwärtigen Interessen und den Möglichkeiten ist kaum zu vermeiden. Desungeachtet definiert sich das Städtische als der Ort, wo die Unterschiede sich kennen, und indem sie sich erkennen, erproben – wo sie sich also bestätigen oder aufheben.« (Lefebvre 1972a, S. 104 ff.) Im letzten Band der Kritik des Alltagslebens fasst er diese Perspektive unter der griffigen Formel »Differenz in Gleichheit« zusammen (Lefebvre 2005 [1981], S. 110].

Die Dialektik von »Randexistenz« und »Zentralexistenz« erläutert Lefebvre exemplarisch an dem Pariser Mai-Aufstand von 1968. Zum Ausbruch der Revolte trug wesentlich das technokratische Urbanisierungsprogramm der französischen Zentralregierung bei. Im Zuge der Industrialisierung der Universität und zur Entlastung der Kernstädte wurde in den städtischen Peripherien eine Reihe von Universitätszentren und Studentendörfern aus dem Boden gestampft. Auch die neu gegründete Fakultät Nanterre, die sich bald zur Keimzelle des Aufstands entwickeln sollte, lag weit außerhalb von Paris. Der Universitätsneubau fand dort in einem Umfeld statt, das aus Schutthalden, Elendssiedlungen und Wohnblöcken des sozialen Wohnungsbaus bestand. Gemäß dem funktionalen Leitbild der modernen cité universitaire wurden Studium, Freizeit und Wohnen völlig voneinander separiert. In den überfüllten, streng nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen unterlagen die Studenten und Studentinnen einer repressiven Hausordnung. Doch die doppelt auferlegte Abspaltung (funktional und sozial) produzierte ungewollte Effekte. Die Universität Nanterre, an der Lefebvre zu dieser Zeit als Lehrender tätig war, wurde »zum Ort sexueller Hoffnungen und Rebellionen« (Lefebvre 1969 [1968], S. 95). Die Studentenschaft begehrte gegen die räumliche Peripherisierung und Disziplinierung auf und nahm ihr »Recht auf die Stadt« wahr. Lefebvre beschrieb die Ereignisse als »dialektische Interaktion zwischen Marginalität und urbaner Zentralität«: »Die Aktion kreist um die Sorbonne. Sie bedarf eines Zentrums, das ihr die ‚Heterotopie‘ Nanterres nicht mehr liefern kann. Die Bewegung wird diesen ex-zentrischen Ort von dem sie ausging, (momentan) aufgegeben. Die Studenten erobern das Quartier Latin zurück; sie eignen sich diesen Raum wieder an, der ihnen entrissen wurde und den sie im Kampf wiedererobert haben.« (Ebd., S. 106) Leider sind die urbanen Wurzeln der 68er-Revolte inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten (vgl. Harvey 2013, S. 38).

Im letzten Jahrzehnt hat die Forderung nach einem »Recht auf die Stadt« eine Renaissance erlebt. Unter dieser eingängigen Parole werden sehr unterschiedliche Themen der aktuellen Stadtentwicklung gebündelt: Privatisierung kommunaler Güter, Gentrifizierung und gated communities, kontrollpolitische Durchdringung öffentlicher Räume etc. Viele globale NGO-Netzwerke, darunter solche, die Unterstützung aus UN-Programmen wie etwa Habitat erhalten, haben Agenden entwickelt, in denen dieser Slogan auftaucht (so wurde zum Beispiel 2005 auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre eine Welt-Charta zum »Recht auf die Stadt« beschlossen). Bei diesen Aktivitäten geht es vor allem um good urban governance, sprich menschenwürdiges und umweltgerechtes Wohnen und eine ausreichende Infrastruktur (Mayer 2009, S. 17). Solche pragmatischen Konzepte, deren Umsetzung in vielen Fällen zu einer Verbesserung des städtischen Alltagslebens beitragen würde, haben mit den Intentionen von Lefebvre nur wenig gemein. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass sich die gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse gegenüber den frühen siebziger Jahren grundlegend geändert haben. Am Ende von Die Revolution der Städte beklagt Lefebvre die »außerordentliche Passivität der Leute« (ebd., S. 191). Deren angebliche »Stummheit« beruhe »auf der Zerstückelung des Phänomens der Verstädterung.« (Ebd., S. 195). Eine irritierende Wahrnehmung für die damalige Zeit. Das Grollen der 68er-Revolte ist zwar bei der Veröffentlichung von La révolution urbaine weitgehend verhallt, aber die »Kinder des Fordismus« reiben sich zunehmend an den rigiden Disziplinartechniken, die damals in Schule, Fabrik und Familie vorherrschen. In den siebziger Jahren kommt es zu einer Reihe von sozialen Bewegungen, die die autoritären Strukturen des Fordismus attackieren und »Autonomie« und Selbstverwirklichung einfordern. Auch die Kritik an der technokratischen Naturbeherrschung gewinnt mit der Alternativ- und Anti-AKW-Bewegung an gesellschaftlichem Einfluss.

Obwohl Lefebvre das Alltagsleben immer wieder als Ort »des Wirklichen und des Möglichen« beschwört, verflüchtigt sich diese Widersprüchlichkeit in seinen konkreten Gesellschaftsanalysen. Die propagierte Dialektik von »Entfremdung« und »Aneignung« geht zugunsten einer Perspektive verloren, in der die soziale Praxis der Kollektive fast gänzlich verdinglicht und normiert erscheint.

Lefebvre und das Elend der deutschen Urbanistik

Die Bedeutung, die Henri Lefebvre zeitweilig für die Neue Linke in der Bundesrepublik hatte, verdankte sich einer spezifischen historischen Konstellation: In den sechziger Jahren galt der französische Philosoph im deutschsprachigen Raum zunächst als Kritiker eines rigiden Parteikommunismus. Sein Rückgriff auf die Frühschriften von Marx machte ihn anschlussfähig an eine »humanistische« Kapitalismus- und Kulturkritik, der es vor allem um die Entfremdungsproblematik ging. Zunächst unter Intellektuellen als Geheimtipp gehandelt, fanden die Schriften Lefebvres zunehmend Verbreitung. (5) Seine Thesen zum modernen Alltagsleben, die man nachträglich als treffende Kritik des fordistischen Vergesellschaftungsmodells verstehen kann, wurden von der undogmatischen Linken breit rezipiert. Tatsächlich reagierten die sozialen Bewegungen, wie der kritische Sozialpsychologe Peter Brückner betonte, »eher auf lebensweltliche Folgen der Industrialisierung als auf die mit den Eigentumsverhältnissen gesetzte Ausbeutung und eher auf den Druck des modernen Nationalstaats auf Zentralisierung und soziokulturelle Homogenität als auf die Unterdrückung einer Klasse.« (Brückner 1976, S. 10) Lefebvres Machtanalyse der »westlichen« Demokratie, die ihm zufolge weitgehend auf offene Gewalt verzichten konnte, indem sie die Zwänge und Disziplinierungen in die Subjekte hinein verlagerte (»Autorepression«), schien mit der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule zu korrespondieren. Die Alltagskritik des französischen Philosophen wurde vor allem im Rahmen materialistisch orientierter Sozialisationsstudien systematisch diskutiert. Vertraut mit den Kulturindustrie-Thesen der Kritischen Theorie, ergaben sich für viele Intellektuelle Anschlussmöglichkeiten zu den Reflexionen von Lefebvre (vgl. Ronneberger 2008).

Seine Thesen zu Stadt und Raum erlangten hingegen keine vergleichbare Aufmerksamkeit. Sie wurden bis weit in die achtziger Jahre – von wenigen Ausnahmen abgesehen – weder im deutschen noch im englischen Sprachraum ausführlich diskutiert. (6) Lefebvres Definition des »Städtischen« stieß bei der scientific community auf Unverständnis oder gar Ablehnung. Gerade in der Theoriebildung der deutschen Sozialwissenschaften herrschte das Geschichtliche und Zeitliche vor, während die Kategorie »Raum« nach den Erfahrungen mit dem Faschismus (»Volk ohne Raum«, »Großraumpolitik« etc.) einer epistemologischen Beschränkung unterlag, die lange nachwirkte. Kritisch orientierte Sozialwissenschaftler wollten bei ihren Analysen der Räumlichkeit gesellschaftlicher Beziehungen nicht in die Falle einer geographischen Naturalisierung des Sozialen geraten: Die Transformation des sozialen Raums in den angeeigneten physischen Raum musste aus der räumlichen Verteilung öffentlicher und privater Ressourcen abgeleitet werden, die bestimmte gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelte. Im Fokus stand deshalb die Auseinandersetzung mit den ökonomischen, politischen und soziokulturellen Praktiken, die letztlich auch die Räumlichkeit sozialer Prozesse erklärten. Dabei blieb allerdings unberücksichtigt, dass die Macht räumlicher Anordnungen wiederum selbst einen sozialen Sinn produziert, der sich nicht aus dem Kontext sozialer Beziehungen erklären lässt. Gegenüber anderen stadtsoziologischen Ansätzen, die die symbolische und imaginäre Dimension bei ihren Raumforschungen oft vernachlässigten, versuchte Lefebvre der Komplexität gesellschaftlicher Räumlichkeit gerecht zu werden (vgl. Ronneberger 2010).

Im Gegensatz zur Bildungssoziologie gelangte das Denken der Kritischen Theorie nur marginal in die Wissensbestände der urbanistischen Disziplinen. Zwar gab es in den siebziger Jahren eine Reihe von stadtsoziologischen Ansätzen, die sich auf marxistische Kategorien stützten, allerdings dominierte dann eine Kapital-Exegese, die letztlich alle Phänomene der Stadtentwicklung aus dem Wertgesetz abzuleiten versuchte. Lefebvres Zurückweisung des Ökonomismus, seine Grundannahme, dass die gesellschaftliche Totalität nur fragmentiert zu erfahren und zu erfassen sei, sowie die bewusst unsystematisch angelegte Begrifflichkeit seines Werks (im Fall von La révolution urbaine durch eine wenig kompetente Übersetzung verstärkt) schreckten deshalb auch kapitalismuskritische Stadtsoziologen davon ab, Überlegungen des französischen Raumtheoretikers in ihre Arbeit miteinzubeziehen.

In den achtziger Jahren ergab sich mit der deutschen Veröffentlichung von David Harveys Essay »Flexible Akkumulation durch Urbanisierung« (1987) nochmals die Gelegenheit, die komplexe Raumtheorie von Lefebvre – wenn auch indirekt – zur Kenntnis zu nehmen. Allerdings vollzog die Urbanistik in der Bundesrepublik damals gerade einen Paradigmenwechsel: Politökonomische Erklärungsmodelle verloren zunehmend an Bedeutung und wurden zugunsten eines »Kultur-Dispositivs« an den Rand des »Wahren« gedrängt. Die Öffnung der urbanistischen Disziplin für postmoderne Konzepte erfolgte jedoch unter weitgehender Ausblendung damit verbundener diskurs- und symbolanalytischer Verfahrensweisen. Insbesondere der Bereich des Macht-Wissens-Komplexes (Foucault etc.) blieb (und bleibt) im Mainstream der deutschen Stadtforschung eine Leerstelle. Auf diese Weise fiel Lefebvre, der »romantische Revolutionär« (Kurt Meyer), doppelt durchs Raster: Mit der wachsenden Institutionalisierung sozialer Bewegungen (z. B. Die Grünen) und dem Verebben militanter Kämpfe ließ das Interesse an einer grundsätzlichen Staats- und Gesellschaftskritik nach. Und in der Stadtforschung war Lefebvres Einfluss stets marginal gewesen. Der französische Philosoph, der hierzulande nie den Bekanntheitsgrad von Michel Foucault oder Gilles Deleuze erreichte, wurde fast wie ein »toter Hund« behandelt.

Die Wiederentdeckung von Lefebvre erfolgte im Kontext des »spatial turn«, mit dem ein verstärktes Interesse an räumlichen Fragestellungen einherging. Nicht zufällig inspirierte Lefebvres Buch La production de l’espace (1974), 1991 erstmals ins Englische übersetzt, insbesondere ideologische Strömungen einer postmodern ausgerichteten Geographie (vgl. u.a. Soja 1989). Das »wilde Denken« von Lefebvre erleichterte einen »poststrukturalistischen« Zugriff auf dessen Raumtheorien, allerdings unter Ausblendung seiner revolutions-theoretischen Ambitionen. So »entschlackt«, ist Henri Lefebvre inzwischen in den Olymp der Klassiker aufgestiegen und gilt nun als Vordenker einer Raumvorstellung, die zum festen Bestandteil des sozialwissenschaftlichen Wissens gehört (Löw et al. 2008, S. 55).

Die Wiederauflage von Die Revolution der Städte bietet die Möglichkeit, auch die militante und aktionistische Dimension seines Denkens wieder zur Kenntnis zu nehmen. (7) Selbst wenn man die geschichtsphilosophischen Annahmen Lefebvres nicht teilt, eröffnet sich damit eine andere Perspektive auf gesellschaftliche Entwicklungen. Denn das »Mögliche« im Sinne von Lefebvre steht auch für die Unvorhersehbarkeit der Wirkungen von Handlungen in historischen Prozessen. Die Geschichte der Räume war und ist immer eine Geschichte der gesellschaftlichen Widersprüche. Gleichwohl wird der neoliberale Kapitalismus oft als »stählernes Gehäuse« dargestellt, aus dem es angeblich kein Entrinnen gibt. Der herrschende Diskurs negiert den konstruktiven Charakter der Wirklichkeit, in der wir leben, und unsere grundsätzliche Freiheit innerhalb dieser Wirklichkeit.

Angesichts der sozialen Proteste in Kairo und Istanbul, die ihren Ausgang von der Besetzung zentraler städtischer Plätze nahmen, erweist sich eine Aussage in Die Revolution der Städte als prognostisch: »[…] das Vakuum (ein Platz) zieht an; das ist sein Sinn und sein Zweck. Hier oder da kann sich eine Menge versammeln, Objekte können sich anhäufen, ein Fest kann sich entfalten, ein angenehmes oder entsetzliches Ereignis eintreten. Hier, in der möglichen Zentralität, liegt die Faszination des städtischen Raums. Gleichzeitig kann dieser Raum sich leeren, kann, wenn man so sagen darf, den Inhalt ausschließen, zum Ort der Seltenheit oder der Macht im Reinzustand werden.« (Ebd., S. 140)

1 La révolution urbaine (1970) erschien 1972 in deutscher Übersetzung beim Paul List Verlag. Syndikat Buchgesellschaft brachte das Buch 1976 erneut heraus. 2003 erschien bei b-books eine weitere limitierte Auflage.

2 Lefebvre wandte sich Ende der 1920er Jahre dem Marxismus zu und war lange Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. 1958 wurde er wegen »Revisionismus« aus der Partei ausgeschlossen.

3 Le droit à la ville (1968); Du rural à l’urbain (1970); La révolution urbaine (1970); La pensée marxiste et la ville (1972); Espace et politique (1973); La production de l’espace (1974).

4 Im Original lautet der letzte Halbsatz: »[…] voilà ce qui fait l’urbain.« (Lefebvre 1979 [1970], S 157)

5 So wurde beispielsweise 1971 Lefebvres Buch Der dialektische Materialismus vom Suhrkamp Verlag in der 5. Auflage (29.–36. Tausend) herausgebracht.

6 In den siebziger Jahren setzten sich lediglich die kritischen Stadtforscher David Harvey (1973) und Manuel Castells (1973) eingehend mit La révolution urbaine auseinander. Für den deutschsprachigen Raum ist auf die Kulturwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter (1976) zu verweisen.

7 Siehe dazu im deutschsprachigen Raum [Christian] Schmid (2005) und [Fernand Mathias] Guelf (2010).

Aus: Henri Lefebvre, Die Revolution der Städte
Mit freundlicher Genehmigung © EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg

Klaus Ronneberger, geboren 1950, studierte Sozialpädagogik, Kulturwissenschaft und Soziologie. Er war langjähriger Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt a. M. und arbeitet dort heute als freier Publizist. Er ist Mitglied der Stadtforschungsgruppe »spacelab«.

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erstellt am 14.7.2014

Henri Lefebvre (1901-1991)
Henri Lefebvre (1901-1991)

Henri Lefebvre
Die Revolution der Städte
Neuausgabe mit einer Einführung von Klaus Ronneberger
Broschur, 224 Seiten
ISBN: 978-3-86393-057-8
EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

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