Den Wortkaskaden, den Repetitionen, Permutationen, Variationen zuzuhören, die drei Ensemblemitglieder des Theaters und drei Studierende der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg vor einer surrealen Kulisse im Schauspiel Stuttgart vortrugen, war pures Vergnügen, meint Thomas Rothschild.

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Das selbstwertige Wort

Von Thomas Rothschild

Die Autorschaft des Ausspruchs ist umstritten: „If you want to send a message use Western Union.“ In der gegenwärtigen Theater-, Literatur- und Filmkritik wird fast nur noch nach der Botschaft gesucht. Ästhetik spielt kaum mehr eine Rolle. Eine abgrundtiefe Kunstfeindlichkeit spricht aus einer nur scheinbar gesellschaftskritischen Haltung, die Künste auf ihren Informationsgehalt befragt und genau so behandelt wie einen Zeitungsbericht oder eine Politikerrede. Das Kunstwerk, sagte Jan Mukařovský, unterscheidet sich von anderen Formen der Kommunikation dadurch, dass die ästhetische Funktion der Zeichen die rein mitteilende Funktion überlagert. Eine bessere und klarere Definition ist seither nicht gefunden worden.

Was den Dadaismus, den russischen Futurismus und die Konkrete Poesie verbindet, die „transmentale Sprache“, das „selbstwertige Wort“, hat als untergründige Strömung der Literatur ein Jahrhundert überlebt. Und wer da sagt, das sei veraltet, muss erklären, was den Realismus oder die mimetische Literatur weniger veraltet macht. Die Bewahrung der erwähnten Tradition ist ein Wert an sich. Dieter Roth ist ihr zuzurechnen, und es ist verdienstvoll, wenn das Schauspiel Stuttgart an ihn erinnert. Als Armin Petras seine Intendanz antrat, versprach er, den lokalen Geheimnissen nachzuspüren. Dieter Roth, der der Stadt eng verbunden war, gehört dazu. Er zertrümmert die Sprache nicht wie die radikalsten Vertreter der Konkreten Poesie zwischen Brasilien und der Tschechoslowakei, aber er entkleidet sie einer Semantik, die auf Erfahrungswirklichkeit rekurriert. Man mag das Nonsens nennen, Nonsens, wie ihn schon Kinderreime, diese ursprüngliche Form der Poesie, – im englischsprachigen Raum mehr als im deutschsprachigen – lieben. Man kann aber auch mit Mukařovský wiederholen, dass darin die ästhetische Funktion der Zeichen die rein mitteilende Funktion überlagert.

Und so ist es ein pures Vergnügen, den Wortkaskaden, den Repetitionen, Permutationen, Variationen zuzuhören, die drei Ensemblemitglieder des Theaters und drei Studierende der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg vor einer surrealen Kulisse im Nord, der Nebenspielstätte des Staatstheaters, vortragen. Die szenischen Aktionen, die sich die Regisseurin und Akademiedozentin Christiane Pohle dazu hat einfallen lassen, halten sich in Grenzen. Da wäre mehr Fantasie und mehr Mut zum Grotesken wünschenswert gewesen. Die Konkrete Poesie, die der Musik näher ist als der Alltagssprache, bedarf zur visuellen Ergänzung einer Choreographie, einer Gesamtkonzeption, wo Pohle nur Fragmente in den Sinn kommen. Und dennoch: dieser Abend zum Abschluss der Saison leistet Widerstand gegen die Televisionierung der Bühne, gegen die Verkümmerung von Sprache zum Werkzeug der Informationsvermittlung, kurz: gegen die Zerstörung der Kunst durch ihre Verwalter.

Die szenischen gehören nicht gerade zu den bevorzugten Gattungen der transmentalen Dichtung. Zu den wenigen dramatischen Ausnahmen zählen „Sieg über die Sonne“ von Alexej Krutschonych, das literarische Kabarett der Wiener Gruppe und „Aus der Fremde“ von Ernst Jandl. Aber der mündliche Vortrag ist ihr durchaus vertraut, von Schwitters' „Ursonate“ bis zu Gerhard Rühm und Nora Gomringer. Und da spielt die Intonation eine wichtige Rolle. An ihr hat die Stuttgarter Aufführung gearbeitet, beispielhaft in einem langen virtuosen Monolog der Schauspielstudentin Anne Greta Weber. In ihm erreichte der Abend bereits zu Beginn seinen Höhepunkt.

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erstellt am 13.7.2014

Szenenfoto Nord (Schauspiel Stuttgart): Conny Mirbach

Hirnbonbon

Ein Dieter Roth-Projekt

Regie Christiane Pohle
Ausstattung Maria-Alice Bahra
Musik Leo van Kann
Dramaturgie Bernd Isele

Schauspiel Stuttgart