Es gibt in der gesamten Musikgeschichte nur wenige Werke, in denen Orchester, Chor und Solisten eine so vollkommene Einheit bilden wie in Mozarts „Requiem“. Mit seinen Musikern bringt Dirigent Mariss Jansons die dramatischen ebenso wie die lyrischen Qualitäten des Requiems voll zur Geltung, findet Thomas Rothschild.

cd-kritik

Der Gipfel

Von Thomas Rothschild

Dieses Geständnis sei mir gestattet: Auf meiner persönlichen Liste der Lieblingsmusiken steht Mozarts Requiem ganz oben, noch vor Schuberts Klaviertrio in Es-Dur, Willie Dixons „You Can't Judge A Book By Looking At The Cover“ in der Interpretation von Long John Baldry, Chick Coreas „Armando's Rhumba“, Miles Davis' „Move“, Van Morrisons „Rolling Hills“, Randy Newmans „Birmingham“, Mussorgskis „Boris Godunow“, Pendereckis „Threnos“ für die Opfer von Hiroshima und, um noch ein geistliches Werk zu nennen, Pergolesis „Stabat Mater“. Mit „heiligen Gefühlen“ hat das wenig zu tun. Nichts, außer dem (lateinischen) Text und einigen für den Laien kaum erkennbaren Zitaten aus der Tradition der Kirchenmusik, verrät, dass das Requiem für den Gottesdienst geschrieben ist. Es gibt in der gesamten Musikgeschichte nur wenige Werke, in denen Orchester, Chor und Solisten eine so vollkommene Einheit bilden wie im „Requiem“ – selbst Mozarts Opern können in dieser Hinsicht nicht konkurrieren. Der Magie der in einander greifenden Stimmen kann man sich kaum entziehen, auch wenn man diese Totenmesse hundert Mal gehört hat. Dem tun auch die viel gescholtenen Ergänzungen des bekanntlich unvollendeten Werks durch Franz Xaver Süßmayr keinen Abbruch.

Mozarts Requiem markiert wie kein zweites Werk die Epoche, in der es entstanden ist. Es weist zugleich auf die Barockmusik zurück – insbesondere durch die reichliche Verwendung von Fugen – und auf Beethoven voraus. Mariss Jansons dirigiert es mit der von ihm gewohnten Genauigkeit und Transparenz, mit eher moderaten Akzenten, ohne sich zu Effekten verführen zu lassen, zu denen die Partitur durchaus Anlässe liefert. Von der Suche nach einem rekonstruierten Originalklang ist er ebenso weit entfernt wie von einer romantischen Aufblähung. Mit seinem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, dem Niederländischen Rundfunkchor und den Spitzensolisten Genia Kühmeier, Bernarda Fink, Mark Padmore und Gerald Finley stehen Jansons allerdings auch Musiker zur Verfügung, die nichts zu wünschen übrig lassen. Sie bringen die dramatischen ebenso wie die lyrischen Qualitäten des Requiems voll zur Geltung.

Die Firma Naxos, die auch Jansons' Version vertreibt, brachte erst kürzlich eine Aufnahme des Dunedin Consorts unter der Leitung von John Butt auf den deutschen Markt. Sie benützt die erst im vergangenen Jahr, 2013 entstandene Edition von David Black. Der Mozart-Forscher hat bisher unbekannte Quellen ausgewertet. Er ist allerdings nicht der Erste, der sich an einer Korrektur von Süßmayrs periodisch umstrittener Bearbeitung versucht hat. Mariss Jansons scheint ihr immer noch zu vertrauen. Ob zu Recht, muss der Hörer entscheiden. Ob das Requiem nun zu seinen Lieblingskompositionen gehört oder nicht.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.7.2014

Mariss Jansons
Mariss Jansons

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Requiem KV 626
Netherlands Radio Choir, Concertgebouw Orchestra, Mariss Jansons
RCO LIVE 14002

CD bestellen