In seiner Frankfurter Poetikvorlesung ließ Daniel Kehlmann die Themen und Motive seines Schreibens deutlich werden. Das zweite große Thema von Kehlmanns Vorlesung war die schwierige, wenn nicht unmögliche Suche nach Gerechtigkeit und Ethik in der Nachkriegszeit, berichtet Eugen El.

poetik

Geister der Nachkriegszeit

Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesung

Von Eugen El

Er beginnt ohne Umschweife. Daniel Kehlmann braucht keine zwei Sätze, um seine Frankfurter Poetikvorlesung zu eröffnen. Das fast vollständig gefüllte Audimax der Goethe-Universität erlebt an diesem Juniabend einen politisch-literarischen Rundumschlag gegen das Vergessen und Verdrängen im Nachkriegsdeutschland und damit auch gegen die erinnerungsmüde Selbstzufriedenheit der Gegenwart. Kehlmann skizziert ein Panorama der Nachkriegszeit, die von all der Schuld und all dem Grauen wenig wissen will, sich stattdessen mit unerträglich biederer Unterhaltung (Peter Alexander) betäubt. Engagierte Rückkehrer wie der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer müssen gegen enorme Widerstände arbeiten. Erst 1963 wird der Auschwitz-Prozess in Frankfurt möglich. Aber auch die literarische Avantgarde, die Gruppe 47, in der auch ehemalige Wehrmachtsoldaten sitzen, möchte unter sich bleiben und keine Emigranten aufnehmen. Die Allgegenwart der Täter im Alltag ist Thema eines Songs von Georg Kreisler, den Kehlmann zum Schluss vorspielen lässt.

Die folgenden drei Termine nutzt Kehlmann für Exkurse, die die Themen und Motive seines Schreibens verdeutlichen, aber auch immer wieder die Problematik der Nachkriegszeit aufrufen. Er spricht über Konzepte des Bösen in Unterhaltungs- und Hochliteratur. Angefangen von der „Schwarzen Spinne“ des Schweizers Jeremias Gotthelf, über Tolkiens „Herrn der Ringe“, bis hin zu Stephen Kings „Shining“. Auch diskutiert Kehlmann das Böse anhand Shakespeares „Macbeth“, unter anderem anhand von Lady Macbeth: „Come, you spirits“ / „Kommt, Geister“ – dies ist auch der Titel von Kehlmanns Poetikvorlesung. Empathielosigkeit, Schuld ohne Verantwortung und Rechenschaft: Die von Kehlmann angeführten Konzepte lassen einen Bezug zur deutschen Nachkriegszeit aufscheinen. „Seiner größten Furcht ins Gesicht zu sehen, was soll man mehr von einem Schriftsteller erwarten“ – fast beiläufig umschreibt Kehlmann sein literarisches Credo. Im Folgenden geht er ausführlich auf Shakespeares Dramen und ihre historische Aufführungspraxis am Londoner Globe Theatre ein. Unsichere Geschlechteridentitäten seien dort gang und gäbe. Den „Sommernachtstraum“ bezeichnet Kehlmann als eine „Komödie der Spiegel“ und durch die erfolgreiche Verbannung der Geister ein Gegenstück zum „schottischen Drama“ („Macbeth“). In Shakespeares letztem Stück „Sturm“ verschwinden die Grenzen zwischen Fantasie und Magie. Es sei ein Stück über das Phänomen der Begabung. Kehlmann zitiert zudem Andreas Gryphius' Schilderung des zerstörten Deutschlands am Ausgang des Dreißigjährigen Krieges. Zur gleichen Zeit ziehen englische Wanderschauspielertruppen durch Deutschland. „Nach jedem Krieg floriert das Lustspielgeschäft“, so Kehlmann weiter. Die gesamte vierte Vorlesung widmet Daniel Kehlmann Grimmelshausens „Simplicius Teutsch“. Simplicius (der Einfältige) durchläuft im Laufe der im 17. Jahrhundert angesiedelten Handlung die unterschiedlichsten Stationen und schlüpft in diverse Rollen: als Soldat, als Narr im Tierkostüm, in Frauenverkleidung. Er hat keine Identität und ist zu allen Verwandlungen in der Lage. Kehlmann attestiert Grimmelshausen, eine (Erzähler-)Stimme gefunden zu haben. Die Stimme sei ein flexibles Mittel Grimmelshausens, mit dem Erlebten fertig zu werden. Auch Grimmelshausen selbst steht zwischen allen sozialen Zugehörigkeiten, hat keine feste Identität. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schreibt er zwar obsessiv, pflegt aber keinen Austausch mit anderen Literaten des geistig und physisch zerstörten Deutschlands. Insofern könne man ihn nicht mit Günter Grass als Vorgänger der Gruppe 47 bezeichnen, so Kehlmann in einem Seitenhieb.

Die Erwartungen an die letzte Vorlesung sind hoch. Wird Kehlmann die vorgestellten literarischen wie historischen Topoi und Motive zusammenführen und womöglich für die Gegenwart fruchtbar machen? An diesem Abend denkt er über Logik und Schicksal in Leben und Literatur nach. Nach Kehlmann ist Bestimmung oder Schicksal im wirklichen Leben nicht vorhanden, für eine Figur, in einer Handlung hingegen schon. „In einer gottlosen Welt passieren Dinge aus Gründen, aber nicht für Zwecke“, so Kehlmann. In Erzählungen diene alles den Zwecken der Dramaturgie. Die Wirklichkeit folge den immer unvollständigen Gesetzen der Logik. Vor allem aber verneigt sich Kehlmann vor dem Werk des Schriftstellers Leo Perutz (1882-1957). Neben Thomas Mann sei Perutz seine wichtigste literarisches Referenz. Auf Perutz' zweiten Roman, „Zwischen neun und neun“ bezieht sich Kehlmann in seiner Novelle „Der fernste Ort“. „Der Marques von Bolibar“ von 1920 handelt von der ungewollten Erfüllung einer Prophezeiung. Perutz' 1928 erschienener Roman „Wohin rollst du, Äpfelchen“ handelt von Nachkriegszeit, Schuld und Gerechtigkeit. Die Konfrontation mit dem Bösen könne dort nicht stattfinden. Der Roman bleibe eine Antwort schuldig. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Leo Perutz vergessen. „Man ist froh darüber in Österreich, alle Künstler von Weltrang losgeworden zu sein. Man ist ganz unter sich, ist die Zugereisten los und Werfel wie Kraus waren ja zugereist“, konstatiert Perutz. „Nachts unter der steinernen Brücke“, ein Roman in Geschichten, auf dessen Form sich Kehlmann in „Ruhm“ bezieht, handelt ebenfalls von Voraussagen. 1951 wird der Roman vom Zsolnay Verlag abgelehnt, mit dem Hinweis, es gebe Grenzen, was man den Deutschen zumuten könne. Kehlmann merkt mit bitterer Ironie an, man habe gerade so viele Juden umgebracht, dass man nicht schon wieder über sie lesen möchte. 1959, zwei Jahre nach Perutz' Tod erscheint der Roman „Der Judas von Leonardo“. Im selben Jahr findet die erste Frankfurter Poetikvorlesung mit Ingeborg Bachmann statt, Fritz Bauer nimmt Ermittlungen für den Auschwitz-Prozess auf, Peter Alexander dreht mehrere Filme.

Daniel Kehlmann lässt die für ihn wichtigen literarischen Topoi wie Schicksal, Prophezeiung und Identitätsverlust anhand von Leo Perutz' Werk deutlich werden. Perutz ist auch der 'missing link' zum zweiten großen Thema von Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesung: der schwierigen, wenn nicht unmögliche Suche nach Gerechtigkeit und Ethik in der Nachkriegszeit. Die maßgeblich von Juden erreichte intellektuelle Blüte und ihre Zerstörung durch die Nazis haben Kehlmann zu einer scharfen Abrechnung mit der deutschen Nachkriegszeit bewegt. Er erinnert an das Potenzial, das in der zerstörten Kultur immer noch steckt und an die Möglichkeit, jederzeit an ihr Erbe anknüpfen zu können.

Kommentare


Astrid Kolb - ( 15-07-2014 06:10:46 )
mich würde eine Diskussion über diesen Beitrag sehr interessieren, aber wie es scheint, geht das niemanden sonst an?

Ich finde Kehlmann rückständig, anscheinend intellektuell ansprechende Themen werden ausgeführt: aber wo,bitte ist der Bezug zur Aktualität?

T. Franke - ( 19-07-2014 01:59:14 )
Es erstaunt mich ebenfalls, dass ein so junger Schriftsteller sich ausgerechnet dieses Themas annimmt. Dass unmittelbar nach 1945 ein Defizit an Aufarbeitung herrschte, weiß jeder, aber wir sind heute bereits in der dritten Generation danach, da gäbe es noch anderes zum selben Thema zu sagen: (a) Übertreibungen beim Anti-NS-Kehraus, die alles Deutsche unterschiedslos verteufelt. (b) Das Versagen beim Aufarbeiten der SED-Diktatur. Knapp zusammengefasst könnte man sagen: Kürzlich wurde noch der Lager-Koch von Auschwitz mit über 90 verhaftet, aber Erich Honecker haben sie einfach laufen lassen. Was sagt Kehlmann dazu?

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erstellt am 09.7.2014

Daniel Kehlmann bei der Auftaktvorlesung am 3. Juni 2014

zur person

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Wien. 1997 erschien sein erster Roman „Beerholms Vorstellung“. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ wurde allein im deutschsprachigen Raum bisher rund 2,3 Millionen Mal verkauft und weltweit in vierzig Sprachen übersetzt. Im Sommersemester 2012 hatte er eine Gastprofessur am German Department der New York University inne. 2013 erschien Kehlmanns neuester Roman „F“. Daniel Kehlmann lebt als freier Schriftsteller in Wien und Berlin.

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kehlmann.com