Faust-Kultur gehört als unabhängige, nicht kommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Ihre Motive waren unterschiedlich: Geldgier, ein missionarischer Auftrag, Wirtschaftsspionage, friedliche oder feindliche Landnahme, diplomatische Aufgaben, Lebensüberdruss, Ausspähung, Handelsabsichten, Abenteuerlust und vor allem Neugier. Denn es gab vor Zeiten, in denen organisierte Pauschalreisen undenkbar waren, tatsächlich noch unerforschte Erdstriche, sogar Erdteile, die die Hoffnung auf unentdeckte Paradiese weckten, Hoffnung auf das andere, bessere Leben, wenn schon nicht das beste. Sehnsuchtsorte wie El Dorado, das als pure Legende in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstand und mehrere Expeditionen ins Zentrum Südamerikas zog, übten eine so gewaltige Macht auf die Phantasie der Menschen aus, dass sie für den Versuch, dort hinzugelangen, ihre Existenz aufgaben. Was sie dann tatsächlich erlebten, ist in den Geschichtsbüchern kaum aufzufinden und wäre längst vergessen, wenn sie es nicht detailliert aufgeschrieben hätten.

Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen. –ach

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

vierter reisebericht

Mary Henrietta Kingsley: Reisen in Westafrika

Durch Französisch-Kongo, Corisco und Kamerun –1895

Neu übersetzt von Niels-Arne Münch

„Ein Leben in der Tretmühle, wie es eine ordentliche Gesellschaftsdame in London führt, würde mich umbringen“, schrieb Mary Kingsley. Um dem zu entgehen, nutzte sie ihr schmales Budget für eine Forschungsreise nach Afrika. Allerdings war sie zu diesem Zeitpunkt bereits dreißig Jahre alt. Ihre Eltern waren gestorben, und nun hatte sie endlich die Freiheit, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Bis dahin war sie die praktische Frau an der Seite ihrer ängstlichen Mutter gewesen. Mit „The English mechanic“ in der Hand reparierte sie alles in Haus und Garten. Der Vater war meistens auf Abenteuer- und Forschungsreisen. Wenn er zu Hause war, dann musste sie dem schwierigen Mann als Assistentin und Übersetzerin dienen. Deshalb bekam Mary einen Deutschkurs bezahlt. George Kingsley hatte Medizin studiert, Heinrich Heine ins Englische übersetzt. Vor allem interessierten ihn aber die Opferriten einzelner Völker, und dazu lag das meiste Forschungsmaterial auf Deutsch vor. Während die Männer der Familie „jedes Talent besaßen, ohne es zu nutzen“, wusste Mary Kingsley ihr kostbares Erbe in allen Lebenslagen sinnvoll einzusetzen. Im vorliegenden Buch beschreibt sie ihre zweite Afrikareise. Immer war sie als Dame des viktorianischen Zeitalters unterwegs, also im hochgeschlossenen langen Kleid mit dicken Unterröcken. Diese Kleidung war zwar manchmal lästig, aber bewahrte sie auch vor tödlichen Verletzungen, als sie einmal in eine Elefantenfalle mit 34 spitzen Pfählen fiel. Nach der Rückkehr von ihren Reisen schätzten die Forscher ihre Mitbringsel aus den Flüssen Afrikas, auch die Bevölkerung strömte zu ihren Vorträgen und las ihre Reisegeschichten. Mit ungeheurem Witz und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie ihre mörderischen Expeditionen durch Westafrika. Nachdem sie alle Entbehrungen und Gefahren durchgestanden hatte, fragte sich Mary Kingsley: „Warum ging ich nach Afrika? Welch eine Frage! Wer würde angesichts der Schönheit und all des Zaubers nicht Afrikas Zwillingsbruder, die Hölle selbst, besuchen! Im Winter 1900 reist sie wieder nach Afrika. Sie will zunächst Verletzte im zweiten Burenkrieg pflegen. Schon nach drei Monaten bekommt sie Typhus und stirbt mit 37 Jahren.

Auszug aus Kapitel IV

Der Ogowé

…..7. Juni. Alle erwachten vom reflexhaften Aufruhr beim Wecken des Fünf-Uhr-Aufstehers. Großartiger Morgen. Die Szene die Umkehrung der vorhergehenden Abendstimmung. Im Osten zeigt sich der Wald in einem dunklen Blau bis Purpur vor einem Hintergrund, dessen Färbung sich von Golden-Gelblich zu Rosa wandelt, während die Sonne aus den Morgennebeln aufsteigt. Der Mond versinkt in ihnen, sein blasses Antlitz, leuchtet bei seinem Verschwinden rot auf und der goldgelbe Sonnenschein breitet sich aus, verklärt den Wald und vergoldet die staubfegerartigen Büschelenden der Papyruspflanzen an den Flussufern. Dann verschwindet der Nebel bis auf kleine weiße Flecken, die sich zwischen dem Schilfgras und im Schatten des Waldes verstecken. Die Luft ist erfüllt von den langgezogenen, weichen, satten Tönen der Buschsänger und der Unruhe auf der Mové infolge des Beladens mit Brennholz, das in Kanus von der Fallaba gebracht wird.

Père Steinitz und Mr. Woods bereiten ihre jeweiligen Kanus für die Fahrt durch den Nebenarm nach Fernan Vaz vor. Es sind sehr schöne Kanus mit bemerkenswert ordentlich gehaltenem Heck. Das vom Père ist ein echtes Reisekanu mit einem kleinen Bambusgerüst über dem Heck, das von einer Plane aus Palmblättern bedeckt ist. Darunter kann man es sich recht bequem machen und seine Habseligkeiten trocken halten, solange der Regen nicht zu stark wird.

Um 10.25 Uhr haben wir all unser Holz an Bord und stampfen mit Volldampf flussauf. Oberhalb der Fallaba erscheint der Fluss breiter, aber das liegt vor allem am vorübergehenden Fehlen der Inseln. Ein guter Teil der Flussufer, die wir seit Verlassen der Nazareth Bay südlich von uns passiert hatten, waren in Wahrheit Inseln, die ein weiterer Flussarm vom echten Südufer trennt.

Der Tag wurde schnell drückend und wirkte auf die trügerische Art der Trockenzeit bedrohlich. Die Kletterpflanzen sind hier schöner, als ich sie je irgendwo anders sah. Sie bilden wunderschöne Schleier und Vorhänge vor und über den Bäumen. Oft hängen sie so gerade und glatt über zehn bis fünfzehn Meter Breite und bis zu zwanzig Meter in die Tiefe, dass man kaum glauben kann, dass keine menschliche Hand sie in ihre perfekte Form zurechtgebogen oder geschnitten hat. Manchmal sind diese Vorhänge mit großen glockenförmigen farbenprächtigen Blüten verziert, manchmal mit kleinen weißen Knospen übersät. Dieser Wald übersteigt an tropischer Üppigkeit und Schönheit all meine Erwartungen. Verglichen mit den Wäldern des oberen Calabar stammt dieser hier aus einer anderen Welt. So schön Erstere auch sein mögen, wirken sie hiergegen doch traurig und schäbig. Auch dort fühlt man zweifellos die Düsterkeit und unermessliche Weite, doch das findet man hier gleichermaßen mit der Zugabe der herrlichen Farben. Dieser Wald ist eine Kleopatra im Vergleich zur Quäkerin von Calabar. Die Farbenpracht des Waldes hängt nicht allein von den Blumen ab: Auch die Triebe vieler Bäume sind purpurrot, bräunlich-rosa und cremig-gelb. Hinzu kommt noch die Auflockerung durch die vorherrschende Mode unter westafrikanischen Bäumen, den Stamm weiß zu tragen mit hier und da verteilten Flecken blass rosafarbener Flechten und zinnoberroter Pilze. Allein dies reicht zu verhindern, dass die große Masse der Vegetation zu einer Monotonie in Grün verschwimmt. ……

……8. Juni. Am Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Viel Aktivität auf dem Strand. Die Mové löscht ihre Ladung und lagert gleichzeitig Brennholz ein. Ein sehr aktiver junger französischer Pastor von der Kangwe-Missionsstation überwacht die Frachtgüter der Station. Mr. Hudson fragt freundlicherweise nach, ob ich nach Kangwe kommen und bei Madame Jacot übernachten könne. Er antwortet: »Oh sicher«, da er aber, wie ich feststellen muss, nicht Monsieur Jacot ist, fühle ich mich nicht berechtigt, diese Einladung ohne die persönliche Bestätigung von Madame Jacot zu akzeptieren. Deshalb lasse ich mein Gepäck auf der Mové und überrede ihn, mich zusammen mit seiner Fracht mit nach Kangwe zu nehmen. Mit dem Kanu liegt die Station rund eine dreiviertel Stunde Paddelei entfernt, man muss erst um den oberen Teil der Insel Lambaréné herum und sodann auf der anderen Seite den breiten Kanal wieder hinab. Wie der Name schon andeutet, liegt Kangwe malerisch auf einem Hügel auf dem Festland am nördlichen Flussufer. Madame Jacot lädt mich überaus freundlich ein, doch ich weiß, dass ich erhebliche Mühen bereiten werde, da es keinen Raum für mich gibt mit Ausnahme von Monsieur Jacots hübschem, kleinem, sauberem Arbeitszimmer. Ich kehre im Kanu zur Mové zurück, schnappe mir mein Gepäck und verabschiede mich von Mr. Hudson. Er gab mir sehr viele wertvolle Ratschläge mit, die mir in der Folgezeit von großem Nutzen waren, und ebenso viele gutgemeinte Warnungen, die mir, hätte ich sie beachtet, geholfen hätten, die meisten, wenn nicht alle meiner Missgeschicke in Französisch-Kongo zu vermeiden. …..

……Ich kampierte die Nacht in Mr. Jacots Arbeitszimmer und fragte mich, wie er es wohl fände, bei seiner Heimkehr mich hier anzutreffen. Er war zu jener Zeit nicht zu Hause, sondern auf einer seiner Missionierungsreisen. Zu meiner großen Erleichterung erlaubte mir Madame Jacot vor seiner Rückkehr, den Raum zu beziehen, in dem normalerweise die zur Missionsschule gehörigen Mädchen schliefen.

Ich will Sie nicht mit dem Tagebuch meines ersten Aufenthalts in Kangwe ermüden. Es handelt sich um einen Katalog der von mir gesammelten Fische und einen Bericht über die kontinuierliche, nie nachlassende Freundlichkeit und Hilfe, die ich von Monsieur und Madame Jacot erhielt. Daneben handelt es von meinen Versuchen, die Besonderheiten der Gegend und der Einheimischen kennenzulernen, ihre Sprache und ihre Sitten zu verstehen, die beide Jacots so ausgezeichnet beherrschen. Ich erlebte dort täglich, was selbst in den wildesten und abgelegensten Regionen Westafrikas möglich ist, und erfuhr, dass es einen heldenhaften Menschenschlag gibt, der noch nie ausreichend gepriesen wurde, nämlich die Missionarsfrauen.

Da ich noch weiter den Ogowé flussauf wollte, ergriff ich die Gelegenheit, die der Flussdampfer der Chargeurs Réunis auf einer seiner Touren nach Ndjolé bot und ging an Bord. …….

…….23. Juni. Wir legen früh am Morgen ab und dampfen wieder flussauf. Das Land voraus ist bergig. Ziemlich plötzlich werden die Ufer höher. Hier und da öffnen sich im Wald Lichtungen, die wie ordentliche Pflanzungen aussehen, es aber nicht sind. Stattdessen sind es lediglich kleine Kolonien von »Egombie-gombie«-Bäumen (1), die anzeigen, dass hier früher einmal ein Dorf der Einheimischen war. Wo immer in dieser Gegend der Wald gerodet wurde, keimt dieser Baum. Er wächst sehr schnell und hat prächtige Blätter ähnlich einer Platane, nur viel größer. Diese Blätter wachsen in einem Büschel an der Spitze eines geraden Stamms und verleihen dem Ganzen ein schirmähnliches Aussehen. Die Einheimischen verwenden für diesen Baum denselben Namen wie für einen Schirm, aber ob sie denken, der Schirm sähe wie der Baum aus oder der Baum wie der Schirm, vermag ich nicht zu sagen.

……..Beim genauen Untersuchen der »Egombie-Gombie«-Kolonien entdeckte ich jedoch einige der größeren, langsamer wachsenden Waldbäume zwischen ihnen emporwachsen. Wenn diese schließlich eine ausreichende Höhe erreicht haben, wird ihr Schatten die Egombie-gombie töten und der Flecken sich wieder im großen Wald auflösen, aus dem er einst gekommen ist. Die Häufigkeit dieser Lichtungen ist Folge der nomadischen Lebensweise des wichtigsten Stammes dieser Gegend, der Fang. Mit ihren Dörfern verweilen sie nie lange an einem Fleck – erstens wegen ihrer sehr verschwenderischen Art der Kautschukgewinnung – sie fällen den betreffenden Baum und rotten ihn folglich im jeweiligen Bezirk bald aus – und zweitens wegen ihres streitbaren Lebenswandels. Sobald ein Dorf der Fang also entweder ein Gebiet komplett vom Kautschuk gereinigt hat oder besagtes Gebiet wegen Konflikten mit anderen Dörfern zu heiß geworden ist oder das Dorf wegen Angriffen auf Händler beziehungsweise die französische Flagge mit Granaten beschossen und niedergebrannt wurde, ziehen die Bewohner weiter in den nächsten Bezirk, denn Rinde und Palmblätter sind billig und der Abtransport der Häuser ist umsonst. Als einfacher Kannibale brauchen Sie nun einmal keinen Möbeltransporter für Ihre ein oder zwei pilzförmigen Hocker, Messer, Kochtöpfe und die eine oder andere Kürbisflasche. Sind Sie reich, haben Sie vielleicht noch eine Kiste mit Kleidern, doch im Allgemeinen tragen Sie all Ihre Kleider auf dem Leib. Also müssen Ihre Frauen nur die Hocker und Messer, die Kochtöpfe und die Kiste aufsammeln, und Ihre Kinder watscheln mit den Kürbisflaschen hinterher. Sie selbst müssen natürlich die Flinte tragen, denn egal ob wach oder schlafend: Ein Fang trennt sich nie von seiner Flinte. »Das wär’s«, wie Mr. Pichault sagen würde, und bevor Ihr neues Rindenhaus steht, wächst an der Stelle Ihres alten auch schon ein »Egombie-Gombie«. Ab und zu, wenn das nächste Dorf für einen ordentlichen Kampf zu weit entfernt ist, kämpft auch das eine Ende des Dorfs gegen das andere. Das schwächere Ende bricht dann schließlich auf und errichtet ein eigenes Dorf, immer ein wachsames Auge für jedes Mitglied des stärkeren Endes, das sich freundlicherweise in die Nähe verirrt und töten und verspeisen lässt. Währenddessen wachsen die Egombie-Gombie über den Häusern des schwächeren Endes zu einer Kolonie heran, die den Anschein erweckt, es handele sich um eine Plantage der anderen Hälfte. Ich hörte einst einen Neuankömmling wortreich anklagen, wie übel man doch über diese Fang rede: »Da wird behauptet«, erklärte er mit einer schwungvollen Armbewegung in Richtung auf so einen Fleck, »dass diese Menschen nichts säten– dass sie nicht arbeitsam seien – dass ihre wenigen Plantagen ungepflegt seien und sie selbst nur ein Haufen wandernder Jäger und Kannibalen! Dabei schaut euch doch einfach diese wunderbaren Pflanzungen an!« Ich schaute hin, änderte meine Meinung über die Fang aber nicht, denn ich erkenne den Anblick meines alten Freunds, den Egombie-Gombie…..

1 Anm. d. Übers.: Vermutlich Musanga cecropioides, Schirmbaum.

Kapitel VIII

Vom Nkonié-See nach Esoon

…….. Zwischen den Fang und mir entwickelte sich eine eigenartige Freundschaft. Beide Seiten erkannten, dass wir zu derselben Sorte Mensch gehören, mit der man besser einen trinken sollte, anstatt mit ihm zu kämpfen. Wir wussten beide voneinander, dass wir den jeweils anderen bei ausreichendem Anlass töten würden, und sahen uns daher ein wenig vor, es zu keinem solchen Anlass kommen zu lassen. Auch Grauhemd und den Heiden, ihre Freunde vom Handeln, behandelten die Fang mit einer eigenen Sorte Höflichkeit, aber für den Stillen, den Unterhemdträger, den Passagier und vor allem Ngouta interessierten sie sich nicht im Geringsten. Ohne die Rücksicht auf uns drei, da hege ich wenig Zweifel, hätten die Fang diese freundlichen Männer mit ebenso viel Gewissensbissen getötet und gegessen wie ein englischer Jäger die gleiche Menge Hasen. Unsere Freunde wiederum hassten die Fang und ließen keine Gelegenheit ungenutzt, mir zu sagen, »diese Fang sein schlechte Männer zu sehr«…..

….Für die moralischen Standards der Fang im Allgemeinen hoffe ich sehr, die drei größten Halsabschneider von M’fetta angeheuert zu haben und dass M’fetta das schlimmste Dorf im Land der Fang ist – so unangenehm dies für mich persönlich auch gewesen sein mag. Jedenfalls war ich mir sicher, dass meine Pappenheimer (1) für ihre Verbrechen bei jedem Stamm dieser Welt eine Menge Prügel einstecken müssten.

Ein weiteres Problem war der Wunsch der Ajumba nach Fleisch. Die Fang, so sagten sie, böten ihnen nur Menschenfleisch an. Ich sah in Egaja keinerlei Menschenfleisch, doch die Ajumba schienen zu glauben, die Fang äßen nicht anderes, doch das ist ein dummes Vorurteil: Natürlich essen die Fang auch anderes, und ich glaube, in diesem Fall dachten die Ajumba, ein Großteil des angebotenen Räucherfleischs stamme von Menschen. Es war in kleine Stücke geschnitten, möglicherweise war es also Menschenfleisch, vielleicht aber auch nicht. Die Ajumba haben jedoch einen Horror vor Kannibalismus und ich glaube wirklich, dass sie ihn nie praktizieren, selbst nicht aus religiösen Gründen. Das ist sehr ungewöhnlich für einen Stamm aus Westafrika, wo zeremonieller Kannibalismus und Kannibalismus als Teil des Götteropfers fast überall anzutreffen sind. Auf jeden Fall erklärten die Ajumba lauthals, die Fang wären »schlechte Menschen zu sehr«, was angesichts der gegebenen Umstände nicht sehr höflich war und obendrein unentschuldbar, da sich zu der Beleidigung keinesfalls ein entsprechender couragierter Widerstand gesellte. Nun ja, die Westafrikaner! »Er ist ein Teufel und ein Vogel Strauß und ein Waisenkind zugleich.« (2)

Dem Zickzackkurs nach zu urteilen, den unser Führer wählte, mussten die Verteidigungsanlagen für die Pflanzungen von Egaja auf dieser Seite recht aufwendig sein. Er erklärte, dies sei wegen des Charakters der Dörfer Richtung Rembwé nötig. Ginge es nach dem, was der junge Mann berichtete, müsste man erhebliche Zweifel bekommen, ob die biblischen Sündenstädte wirklich zerstört worden waren. Ich begann mich jedenfalls zu fragen, ob nicht eines Tages eine korrigierte Neuübersetzung vom Transport der Städte anstelle ihrer Zerstörung berichten würde. Der junge Mann traf mit seinen Beschreibungen der Dörfer auf dem Weg zum Rembwé den Charakter Sodoms und Gomorrhas jedenfalls ausgezeichnet, auch wenn die Namen dieser beiden Städte ihm unbekannt waren. Er versicherte mir, ich würde den Unterschied zwischen ihnen und Egaja, der Stadt der Guten, sofort erkennen. Ich dankte ihm und gab auch ihm zum Abschied ein Geschenk, sagte ihm aber unter Freunden, es seien noch einige Änderungen nötig. Es würde wohl noch einige Zeit vergehen, bevor sich regelmäßig Pilger auf den Weg nach Egaja der Guten machen würden, um hier die Tugenden zu verehren. Allerdings habe sein Dorf diesbezüglich zumindest genauso gute, wenn nicht bessere Chancen als die meisten Städte, die ich in Afrika gesehen hätte.

Wir tauchten abermals in die Dämmerung des Großen Waldes ein, jenes mir endlos erscheinenden Waldes. In einem faulen, trüben Winkel meines Geistes schien es mir, als würde ich für alle Zeit die Tage in diesem Wald herumwandern und die Nächte in lärmenden Dörfern unter Wilden verbringen.

Wir erstiegen einen Hügel, umgingen seine Kuppe, setzten uns auf die bewährte athletische Weise mit diversen Holzbrüchen auseinander und kletterten dann wie üblich in die Schlucht hinab. Am Grund dieser außerordentlich steilen Klamm floss ein kleiner Bach, diesmal aber gänzlich ohne Sumpf. Während ich in ihn durchwatete, fiel mir eine Besonderheit auf, die ihn von all den anderen Flüssen unterschied, durch die wir gekommen waren. Sofort und auf der Stelle setzte ich mich auf einen Felsen und zog meinen Kompass heraus. Ja, bei Allah! Er floss Richtung Nordwest und hatte wie wir den Rembwé zum Ziel. Ich verließ den Bach auf der gegenüberliegenden Seite mit leichterem Herzen, als ich ihn betreten hatte und rief meinen Jungs die Neuigkeit zu. Sie riefen zurück und zogen singend weiter.

1 Anm.d. Übers.: Pappenheimer wie im Original.
2 Anm. d. Übers.: ’E’s a devil an’ a ostrich an’ a orphan-child in one. Rudyard Kipling (1865–1936), Oonts.

Aus: Mary Henrietta Kingsley, Reisen in Westafrika. Durch Französisch-Kongo, Corisco und Kamerun 1895
Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Weitere Reiseberichte

Die Reise in die Rocky Mountains

Dritter Reisebericht

Reisen ans Ende der Welt

Zweiter Reisebericht

Reise nach Timbuktu

Erster Reisebericht

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 08.7.2014

Mary Henrietta Kingsley
Mary Henrietta Kingsley

Mary Henrietta Kingsley
Reisen in Westafrika. Durch Französisch-Kongo, Corisco und Kamerun 1895
Leinen mit Schutzumschlag, 480 Seiten
ISBN: 978-3-86539-861-1
Edition Erdmann, Wiesbaden 2014

Buch bestellen